Jeder Tag zählt

Alpen von oben

Jeden Abend fragte sie nach meinem Tag.
Eine einfache aber zugleich so wichtige Frage für mich.
„Wie war dein Tag heute?“
Ich kam mir vor wie bei einer Prüfung. Allerdings wie bei einer, bei der man nicht durchfallen konnte.
Es war lediglich eine Erinnerung an mich selbst, dass jeder Tag zählte; dass jeder Tag etwas besonderes war.
Ich erzählte von Nichtigkeiten, die mich gestört hatten. Und von unscheinbaren  Momenten, die mich zum Lächeln gebracht hatten.
Und auch wenn es nur kleine Dinge waren, mit der Zeit schlossen sie sich zu einem großen Muster zusammen.

Dadurch bekamen meine Tage plötzlich mehr Bedeutung.
Ich fühlte mich besser, bedeutender, irgendwie wichtig.
Ich erkannte mit einem Mal Zusammenhänge. Und sah auch hinter den kleinen Dingen eine größere Bedeutung.
Sogar schon während ich sie erlebte.

Es war nicht nur ein kleiner, unscheinbarer Moment.
Es war ein Moment, von dem ich ihr heute Abend erzählen konnte. Ein Moment, an den ich mich in drei Wochen oder drei Monaten oder drei Jahren zurückerinnern konnte.
„Weißt du noch, als ich an eben dieser Stelle die erste Pusteblume für diesen Sommer gepflückt habe?“
„Weißt du noch, als ich letztes Jahr diesen Mann ansprach, weil mir sein Tattoo gefiel? Morgen werde ich mir genau so eines stechen lassen.“

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Okay

Herbst

Du sagtest, es wäre okay, sich auch mal schwach zu fühlen.
Du sagtest auch, es wäre okay, sein Leben nicht unter Kontrolle zu haben.

Doch was, wenn  mein ganzes Leben schwach ist?
Und ich die Kontrolle über meine Schwäche verliere?

Wer sagt mir, dass das okay ist?
Jetzt, da ich dich verloren habe.

Segel setzen

Segel

Es war Sommer und wir setzten unsere Segel.
Nicht nur im übertragenen Sinne. Tatsächlich auch im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Segelschiff ragte meterhoch vor uns auf, in prachtvollen weiß.
All die Masten und Taue und Seile verwirrten mich, als könnte man sich darin verlaufen. Gleichzeitig strahlten sie eine Ordnung und eine Vollständigkeit aus, dass es fast schon beruhigend war.
Das also würde unser Zuhause sein für die nächsten Tage und Wochen.

Ich sog den Geruch des Meeres ein. Es roch nach Salz, schwach nach Fisch und stark nach Freiheit. Eine Möwe zog über uns vorbei, beinahe lautlos, durchflog einen Himmel, der so blau war, dass es in den Augen wehtat.

Mein Koffer wartete geduldig zu meinen Füßen darauf, auf dieses Schiff getragen zu werden.
Ich warf einen fragenden Blick zur wichtigsten Person in meinem Leben, die direkt neben mir stand. Wir brauchten keine Worte, um zu wissen, was die andere dachte.
Stumm nickte sie mir zu und wir griffen fast gleichzeitig nach unseren Koffern.

Nebeneinander gingen wir auf das Schiff zu, bereit dafür, die Segel zu setzen.

Reden

Wortlos

Ich brauche diese eine Person. Mit der ich reden kann.
Ich werde ihr mein Herz ausschütten. Alles über mich erzählen.
Was ich denke, was ich fühle, was ich möchte und was ich nicht möchte.
Warum ich so bin wie ich bin oder wer ich eigentlich sein möchte.
Woran ich glaube.
Was ich mir wünsche, was ich suche, was ich vermisse, was ich liebe, wen ich liebe, wen ich brauche.
Was mir Angst macht und was mir Mut macht.

Bis mir die Worte ausgehen.