Sorgen ertränken

Whisky

Ich, die ich nie Alkohol trank, da ich nie die Kontrolle verlieren wollte, ich versuchte meine Sorgen in Whisky zu ertränken.
Das erste Glas leerte ich noch langsam. Als versuchte ich, zumindest einen letzten Rest Würde zu behalten.
Dann trank ich das zweite und dritte.
Scheiß auf die Würde!
Dann begann ich zu zittern. Vielleicht weil keine Tränen mehr übrig waren.
Die hatte ich schon den ganzen Tag über verschwendet.
Beim vierten Glas merkte ich, wie ich mich veränderte.
Ich redete langsamer, dachte langsamer.
Und ich begann doch wieder, hemmungslos zu weinen.
Nicht weil ich betrunken war.
Sondern weil ich verzweifelt genug war, um mich zu betrinken.
Doch manche Sorgen halten mehr Alkohol aus, als ich es tue.

Zu müde um zu schlafen

Tulpen

Eingesperrt in meinem eigenen Kopf.
Als würde mit meinem Kopf auch die Welt um mich herum enden.
Als würde ich mit jedem Traum in jeder Nacht über den Rand der Welt springen.

Doch wo landete ich dann?
Und wo würde ich landen, wenn ich es wagen würde, einmal am hellichten Tage zu träumen?

Zu müde um zu schlafen.
Zu wach um zu weinen.
Zu traurig um zu träumen.

Als wäre sie der ganzen Welt erhaben

Das Mädchen im Kornfeld

Sie war ein sonderbares Mädchen. Mit ihren Schuhen, die zuvor ihrem Bruder gehört hatten. Ihren Haaren, die jeden Tag irgendwie anders aussahen als all die anderen Tage zuvor. Allein schon, wie sie lief. Als wäre sie der ganzen Welt erhaben. Ohne sich dessen bewusst zu sein.

Es war wirklich faszinierend, wie sie an manchen Tagen einfach nur schwieg. Egal was man sagte. Und an anderen Tagen sprach sie nur in Zitaten. Ich werde nie das Gesicht unseres Mathelehrers vergessen, als sie an der Tafel stand und seine Frage zur Differentialgleichung mit „Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen“ beantwortete. Es ist erstaunlich, wie viele Zitate sie kennt und für jede Situation ein passendes findet.

Manchmal erzählt sie seltsame Geschichten, bei denen man nicht weiß, ob sie wirklich so ein seltsames Leben führt oder ob die Geschichten doch nur erfunden sind. Vom Zirkus und von wilden Tieren, von Museen, von einsamen Kirchen auf einsamen Bergen.
Jemand hat mal erzählt, sie hätte hunderte von Schallplatten zu Hause. Sie trinkt immer selbstgemachte Limonade.
Auf ihrem Unterarm hat sie ein Tattoo. Ein irgendwie magisch wirkendes Zeichen. Natürlich erzählt sie niemandem, was es bedeutet. „The less you reveal the more People can wonder“  war ihr Zitat dazu.

Sie hatte immer ihre Tasche bei sich, die nach Abenteuer aussah. Was genau darin war? Keine Ahnung. Nur verschiedene Landkarten habe ich schon gesehen. Und Bücher. Aber mehr nicht.

Irgendwie war sie sonderbar. Doch das war ihr egal. Denn sie hatte eine richtig, richtig gute Freundin. Und das war ihr genug.
Irgendwie war sie so viel cooler als all die Anderen, denen ich den ganzen Tag begegnete.

Kein Wort Englisch

Telephone Box

Er redete kein Englisch. Nicht ein Wort.
Nicht, dass er es nicht konnte. Er wollte nicht.
„Ich boykottiere diesen ganzen Hype um Amerika!“

Tja, und dann kam ich.
Ich lese mehr englische Bücher als deutsche.
Ständig entfallen mir die deutschen Worte.
Und dann verwende ich die englischen.
Wenn jemand englisch mit mir spricht, fange ich zu grinsen an.
Und meinen Urlaub verbringe ich in den schottischen Highlands.
Der Landschaft wegen. Und der Sprache wegen.

Und dann erklärte ich ihm, dass die Briten das schönere Englisch haben.
Erst noch hielt er mich für Verrückt.
„Wo ist da der Unterschied?“
Aber er kam nicht umhin, mir zuzuhören.
Wenn man von einem Menschen fasziniert ist, muss man zuhören.
Es war mein Glück, dass er von mir fasziniert war.

We watched Harry Potter.
Entschuldigung!
Wir sahen uns Harry Potter an.
Wo das schönste British gesprochen wird, das ich kenne.

Und dann plötzlich kamen Anrufe von ihm.
„Was heißt V-A-N-I-S-H?“, buchstabierte er.
„Und M-E-R-R-I-L-Y ? Und O-D-D?“
Es brauchte nicht lange, bis ich wusste, was er tat.
Er las Harry Potter.
Auf Englisch.
Aber nur, weil es britisch war.

Noch immer weigert er sich, John Green zu lesen.
Der ist schließlich Amerikaner.
Aber er ist noch immer fasziniert von mir…

Seht ihr mein verschwörerisches Grinsen?

Die Welt aus den Angeln heben

Columbus Man merkt erst, wie interessant das eigene Leben eigentlich ist, wenn man Gespräche führt, die man am liebsten in Büchern verwenden möchte (mit dem einzigen Unterschied, dass die Unterhaltung im wahren Leben schriftlich stattgefunden hatte):

Er hatte diesen wahnsinnig durchdringenden Blick als er fragte: „Was geht in deinem Kopf vor? Was willst du vom Leben?“
Die Frage überraschte mich. Und ich wusste, dass ich nicht antworten wollte. Also sagte ich: „Das willst du nicht wirklich wissen.“
„Natürlich will ich das wissen.“ Noch immer dieser Blick.
„Das ist so viel. Damit könnte man ganze Bücher füllen.“
Dann fügte ich ironisch, aber auch ein wenig stolz hinzu: „Ach ja, das tu ich ja auch.“
„Und das, obwohl du noch so jung bist? Siehst du, ich kann dich einfach nicht einschätzen.“
„Das ist eine Lüge! Ich bin ein offenes Buch. Und mein Herz trage ich sowieso auf der Zunge mit mir herum.“, protestierte ich.
Er schwieg. Und sah mich nur an.
Schließlich seufzte ich. Natürlich nur im Stillen. Er schaffte es immer wieder, mich zum Reden zu bringen, aber wie sehr ich mich deswegen über mich selbst ärgerte, brauchte er nicht erfahren.
Also sagte ich: „Ich möchte die Welt aus den Angeln heben und den Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen.“
Er grinste sein typisches Grinsen, das mich immer so dumm wirken ließ.
„Die Welt aus den Angeln zu heben wird schwierig, wenn es auf der Welt nichts gibt, das in Angeln hängt.“
In diesem Moment war ich mir nicht sicher, ob ich ihn dafür hassen sollte. Aber vielleicht wollte er mich auch einfach nur ärgern. Oder herausfordern.
Also setze ich ein Grinsen auf, von dem ich hoffte, dass es spöttisch oder vielleicht sogar überlegen war: „Da, ich glaube, das ist das Problem: Ich habe nicht so viel im Kopf, obwohl  ich so jung bin, sondern gerade deswegen. Noch bin ich jung (und naiv?) genug, um mich von einem Mangel an Angeln nicht aufhalten zu lassen.“

Und mittendrin der Mond

Nachthimmel

Nachts lag ich noch lange wach, die Augen fest zusammengekniffen, in der Hoffnung so meine Gedanken nicht sehen zu müssen, und lauschte den vorbeirauschenden Autos.
Ich zog die Decke weiter hoch. Wenn ich damit meinen Pessimismus und meine Angst ersticken könnte, ich hätte es sofort getan.
Schließlich öffnete ich die Augen wieder. Wenn ich  nichts sah, hörte ich meine Gedanken nur noch lauter.
Also stand ich irgendwann auf – schlafen würde ich sowieso noch lange nicht können – und starrte aus dem Fenster. Der Himmel sah aus, als hätte jemand nachlässig abertausende Lichter umher geworfen, die nun beruhigend leuchteten. Fast als wären sie Straßenlaternen am Wegesrand zu anderen Planeten.
Und mittendrin der Mond, der alles andere überstrahlte.
Wo war der Mond in meinem Leben?

To jump or not to jump

Bealach Na Ba

„You make me feel like standing on the edge of a cliff, looking down onto the earth, so far down, and thinking about to jump or not to jump.“

„So? Do you want to jump?“

„I don’t dare to. I am a coward.
But I have no choice anyway. For it seems like I’ve already made the step and now I’m falling.
Not towards the bottom of the cliffs. But right into Losing my heart to you.“

He smiled.
„Take my hand“, he said.
„Falling is easier with somebody by your side.“