Die Welt aus den Angeln heben

Columbus Man merkt erst, wie interessant das eigene Leben eigentlich ist, wenn man Gespräche führt, die man am liebsten in Büchern verwenden möchte (mit dem einzigen Unterschied, dass die Unterhaltung im wahren Leben schriftlich stattgefunden hatte):

Er hatte diesen wahnsinnig durchdringenden Blick als er fragte: „Was geht in deinem Kopf vor? Was willst du vom Leben?“
Die Frage überraschte mich. Und ich wusste, dass ich nicht antworten wollte. Also sagte ich: „Das willst du nicht wirklich wissen.“
„Natürlich will ich das wissen.“ Noch immer dieser Blick.
„Das ist so viel. Damit könnte man ganze Bücher füllen.“
Dann fügte ich ironisch, aber auch ein wenig stolz hinzu: „Ach ja, das tu ich ja auch.“
„Und das, obwohl du noch so jung bist? Siehst du, ich kann dich einfach nicht einschätzen.“
„Das ist eine Lüge! Ich bin ein offenes Buch. Und mein Herz trage ich sowieso auf der Zunge mit mir herum.“, protestierte ich.
Er schwieg. Und sah mich nur an.
Schließlich seufzte ich. Natürlich nur im Stillen. Er schaffte es immer wieder, mich zum Reden zu bringen, aber wie sehr ich mich deswegen über mich selbst ärgerte, brauchte er nicht erfahren.
Also sagte ich: „Ich möchte die Welt aus den Angeln heben und den Menschen den Boden unter den Füßen wegziehen.“
Er grinste sein typisches Grinsen, das mich immer so dumm wirken ließ.
„Die Welt aus den Angeln zu heben wird schwierig, wenn es auf der Welt nichts gibt, das in Angeln hängt.“
In diesem Moment war ich mir nicht sicher, ob ich ihn dafür hassen sollte. Aber vielleicht wollte er mich auch einfach nur ärgern. Oder herausfordern.
Also setze ich ein Grinsen auf, von dem ich hoffte, dass es spöttisch oder vielleicht sogar überlegen war: „Da, ich glaube, das ist das Problem: Ich habe nicht so viel im Kopf, obwohl  ich so jung bin, sondern gerade deswegen. Noch bin ich jung (und naiv?) genug, um mich von einem Mangel an Angeln nicht aufhalten zu lassen.“

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Ein Gedanke zu “Die Welt aus den Angeln heben

  1. Kennst du das Gefühl, das man in diesen Momenten bekommt, die so wunderbar aber auch so kitschig sind, dass man Angst bekommt, ungewollt und ungefragt in einem Til-Schweiger-Film mitzuspielen? Die Sonne vergoldet diesen Abend, unsere Fahrräder holpern hintereinander durch die Felder. Fast kannst du den eingeblendeten Soundtrack hören, er wird immer lauter. Und dann spürst du, wie du vor Glück gleich überquillst, und dann bricht dieses Lachen aus dir heraus. Das Lachen, das Berge versetzt und die Welt aus den Angeln hebt. Das Lachen, das so ehrlich und wahr ist, dass es alles verändert.

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