Wachsen und Lernen

Möwe im Sturm

Verschließe dich nicht.
Öffne deine Fenster und Türen und öffne deine Augen und dein Herz.
Wie willst du lernen, wenn du immer nur in dir selbst bleibst? Wie willst du lernen, wenn du nie deinen sicheren Hafen verlässt, wo du jeden Millimeter, jedes Tau, jede Möwe kennst?
Es ist leicht, einer Meinung zu sein, wenn man nur mit sich selbst diskutiert.
Es ist leicht, ein Urteil zu fällen, wenn man selbst nicht be- oder verurteilt werden kann.
Doch wie willst du  davon lernen, wie willst du dadurch wachsen?
Die Wurzeln von Bäumen werden stärker durch Stürme.
Wie willst du also stärker werden, wenn es keine Stürme gibt? Wenn du Stürme nur aus sicherer Entfernung siehst?

Lies so viel du kannst! Du wirst neue Welten kennenlernen, ganze Menschenleben. Doch vergiss nie, dass Autoren immer irgendwo lügen. Wenn auch vielleicht nicht wissentlich. Und wenn sie nicht lügen, dann erfinden sie zumindest. Künstlerische Freiheit nennt sich das.
Doch Lesen und Leben ist immer noch nicht dasselbe.
Also gehe hinaus, verlasse deinen Kopf, dein Zimmer, deinen sicheren Hafen. Und entdecke, wie wir alle auf derselben Erde und in doch völlig verschiedenen Welten leben können.
Entdecke, was andere Menschen getan haben und lerne aus ihren Fehlern, aus ihren Entscheidungen, aus ihren Erfahrungen. Und lebe selbst. Und wachse. Und lerne.
Du wirst feststellen, wie kompliziert das Leben plötzlich wird. Wenn man Fragen stellt und infrage stellt.
Und du wirst feststellen, dass du noch nie so viel gelernt hast wie dann.
Du wirst überrascht sein, wie viele Stürme es gibt.
Und du wirst überrascht sein, wie viele Stürme du selbst aushalten kannst.

Worauf wartest du noch?

Auf dem Weg zu ihrem neuen Leben

Flugzeug

Dort oben, zwischen all den watteähnlichen, federleichten Wolken, zog ein Flugzeug vorbei. Und ich wusste, dass sie darin saß. Auf dem Weg zu ihrem neuen Leben.
Schon immer wollte sie hier heraus. Etwas tun, etwas erleben, etwas bewegen. Natürlich wollte sie das. Jeder will das irgendwann. Die einen seit sie sechzehn sind, die anderen seit sie einundzwanzig sind. Die anderen erst seit sie dreißig sind. Sie wollte es schon mit siebzehn. Und schaffte es mit neunzehn.
Niemals hätte ich erwartet, dass sie das durchzieht. Jeder will das. Keiner tut das.
Blöderweise fand sie jemanden, der das tat und macht es ihm nun nach.
Eigentlich wurde sie gefunden.
Ich frage mich oft, ob sie überhaupt eine Wahl hat. Ob ihr überhaupt bewusst ist, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.
Ich glaube nicht.
Sie wünschte sich so sehr eine Veränderung. Sie wünschte sich so sehr, dieser Tristesse, die sich ‚ihr Leben‘ nennt, zu entkommen. Und dann kam mit einem großen Knall, mit Pauken und Trompeten dieser Kerl. Und erzählte ihr etwas von Welt verändern. Von Abenteuern und anderen großen Dingen.
Mehr Öl und mehr Sprengpulver hätte er gar nicht ins Feuer schleudern können.

Here’s to Knowledge

Pinakothek

Das hier geht an alle, die immer ein Buch dabei haben. Zum Lesen und zum Notieren.
Das hier geht an alle, die Sachbücher lesen.
Das hier geht an alle, die Zeitung lesen.
Das hier geht an alle, die inzwischen Verständnis haben für die Lehrer mit ihrem nervtötenden Drang, Kindern Wissen anzueignen.
Das hier geht an alle, die während Filmen ständig auf Pause drücken, um die Szene für immer abzuspeichern.
Das hier geht an alle, welche die Hauptstadt von Myanmar wissen.
Das hier geht an alle, die noch einen Duden zuhause haben. Und ihn auch benutzen.
Das hier geht an alle, die als wandelndes Lexikon beschimpft werden.
Das hier geht an alle, die abends im Bett noch viel zu lange lesen.
Das hier geht an alle, die Dokus schauen.
Das hier geht an alle, die alles wissen wollen. Die sechzehn Achttausender, den Namen des Präsidenten von Laos, die sieben Weltwunder, den Baustil der Basilika im Nachbarort, die Namen der Blumen am Wegrand und die der Vögel in den Bäumen vor der Haustür.
Das hier geht an alle, die lieber fragen, als mit den Schultern zucken.
Das hier geht an alle wissbegierigen Menschen.
Denn nichts ist gefährlicher als Wissen!

Pause.

Tee-Pause

Das war einer dieser Tage, an denen die Welt sich langsamer zu drehen schien. Nicht einmal die Wolken wollten sich über den Himmel jagen lassen, sondern hingen einfach nur ruhig da, Vorhänge aus allen Schattierungen von Grau.
Die ganze Welt war heute grau. Nicht düster, sondern unaufgeregt.
Im Radio werden nur diese alten Lieder gespielt, melancholisch, mit viel Klaviermusik und so unglaublich ruhig.
Die Zeit verschwimmt. Irgendwo zwischen den Sesselpolstern, den gelesenen Seiten und dem alten Pullover vergehen die Minuten mal gar nicht, mal sprunghaft. Eine Stunde gelesen. Und irgendwann die nächste. Eine Tasse Tee getrunken. Und irgendwann die nächste.
Einfach nur den Himmel betrachten, der beruhigend unverändert bleibt. Selbst der Schwarm Vögel, der vorbeizieht, wirkt tröstend. Geordnet.

Meer der ungenutzten Chancen

DSC02207

Zwischen uns türmte sich ein ganzes Meer an ungenutzten Chancen auf.
Meine Chancen.
Deine Schuld.

Ich hasse Wasser.
Warum also sollte ich versuchen, dieses Meer zu durchqueren?
Nur um wieder auf der anderen Seite zu stehen. Bei dir.
Wo du doch kontinuierlich Wasser hineinschüttest, sintflutartig. Und das Meer wächst und wächst. Wird ein ganzer Ozean.
Warum sollte ich versuchen, dieses Meer zu durchqueren.
Du würdest mir ja nicht einmal dabei helfen. Mir keine Hand reichen, geschweige denn ein Rettungsboot anbieten.
Du siehst dieses Meer ja nicht einmal. Vielleicht möchtest du es auch nicht sehen.

Doch ich sehe es. Lange war ich so blind wie du. Lies mir einreden, dass es nur eine Pfütze sei. Weil es doch schließlich immer mal regnete.
Doch irgendwann wurde aus der Pfütze ein Teich, aus dem Teich ein See und aus dem See schließlich ein Meer.
Immer mehr Chancen, dank dir ungenutzt. Immer mehr Wasser. Tropfen für Tropfen.

Ich hasse Wasser.
Also werde ich nicht zulassen, dass dieses Meer noch weiter anschwillt.
Ich werde dich darin versenken, ich hoffe, das Wasser wird dir bis zum Hals reichen.
Und ich werde nicht mehr darin untergehen.
Ich werde heraussteigen, wie ein Phönix aus der Asche. Und ich werde stärker sein als du jemals warst.
Denn ich habe das Meer erkannt und ich habe das Meer bezwungen.

Feuerstürme in unseren Rippen

DSC01607

Es begann dort, wo der Himmel weit offen steht,
in pink und sich auflösenden Lichtstreifen.
Geister sitzen in meinem Mund
und singen ein Hurra auf den Frühling.
Heute sprechen wir
die Sprache der Vögel,
wenn sie in Pfützen baden,
blutrot
von der Trauer des Himmels
über längst vergangene Zeiten,
als es noch Schlachten zu schlagen galt,
die man mit einem Schwert gewinnen konnte.

Iss mein Herz als Ganzes,
Blut, granatapfelrot
tropft von deinen Lippen
in den See der Angst.
Plitsch-Platsch.
Taubenjunge schaukelt
auf einem Friedhof,
der Moment des Fliegens zerstört,
Speerspitzen in seinem Rücken,
die seinen Sarg vernageln.
Das ABC gerade erst gelernt.
A. Atomar.
B. Biologisch.
C. Chemisch
26 Buchstaben für Krieg.
Zähle rückwärts
Doch es endet nicht bei Null.

Hinterhof Apokalypsen.
Schulhof Apokalypsen.
Wo Steine fliegen und
Worte fallen.
Lichter zwischen den Lippen
und in der Mitte
dieser viel zu instabilen Gestalt
Regen aus Funken und Feuer
und Flammen und Asche,
der laut auf Straßen fällt,
unter denen unsere Würde liegt,
aufrecht begraben.
Sirenen singen Elegien
auf ungeschehene Geheimnisse,
ein Blick in die Vergangenheit ist
ein Blick in die Zukunft.

Dein Innerstes
schreit verzweifelt nach Sicherheit,
zweifelt, jedoch zähnebleckend,
wie der Wolf
voller Angst und Faszination
vor Feuer.
Reiße die Augen auf
und die Brust,
ehe dein Herz herausspringt,
flattert und flattert,
wie ein Vogel,
im Käfig nicht aus Gold,
aber aus Furcht,
aus Anspannung, aus Angst
vor dem Tod.
Dem eigenen und dem,
der Anderen.

Bomben leuchten heller als Sonnen,
Feuerstürme in unseren Rippen,
näher am Herzen als der Liebhaber,
der mit seiner Poesie dich langsam tötete.
Jeder Kampflärm höhlt dich aus,
dich und dein Rückenmark
und den Raum zwischen deinen Schulterblättern,
wo eine Hand dich berührte,
um dich in den Abgrund zu stürzen.

Nächster Halt: Das Ende der Klippen
oder ein Meer,
dessen Schaumkronen
zu hart über Wellen liegen.
Oder eine Wüste,
deren Sand
geschliffenem Glas gleicht,
in dessen Spiegelung der Tod lacht
über den Versuch
die Zeit zu hören und den Krieg zu gewinnen.
Der Tod ist der einzige Sieger,
der aus unseren Schlachtrufen hervorgeht,
messerwetzend und weinend.

Das Ende der Welt

DSC01290

Wir fuhren ans Ende der Welt. Und dort stiegen wir in ein Boot und fuhren noch weiter, über das Ende der Welt hinaus.

Wirklich, als ich mich im Voraus über unsere möglichen Routen quer durch Schottland informiert hatte, wurde dieser Ort, der eigentlich nur aus drei oder vier kleinen, windschiefen Häusern besteht, als Ende der Welt betitelt.
Da musste ich hin, das stand fest.

Dass die Straße dorthin einspurig ist, war klar. Das war in dieser gottverlassenen Gegend auch ganz normal. Ich hatte mich in den letzten Tagen schon an diese Single-Tracks gewöhnt. Doch wenn es irgendwann nicht einmal mehr Hütten am Straßenrand oder Kreuzungen mit anderen Straßen, äh Schotterpisten, gibt, dann weiß man, dass man sich dem Ende der Welt tatsächlich nähert.

Die Fahrt zog sich in die Länge. Natürlich gab es immer etwas zu sehen. Später sollte ich das Ganze in meinem ‚Dictionary of felicitas-invented words‘ als „Schottland-Effekt“ betiteln. Du fährst um eine Kurve, über eine Kuppe, nichtsahnend, nur auf diese schmale Straße konzentriert, und plötzlich liegt vor dir die atemberaubendste Aussicht, die du dir vorstellen kannst. Unendliche Weiten. Oder spektakuläre Berge. Wolkenverhangen. Oder Nebelverhangen. Schneebedeckt. Eine Schafherde. Oder Highlandcattle mitten auf der Fahrbahn. Das war Schottland.
Trotzdem erwartete ich ungeduldig das Ende der Welt. Schon vor einer Ewigkeit waren wir auf diese Nebenstraße abgebogen. Ein Schild wies uns darauf hin, dass das eine Sackgasse war. Wussten wir, führte ja schließlich zum Ende der Welt. Doch diese Straße war keine Sackgasse, wie man sie in Deutschland findet, wo der Weg einfach nach 100 Metern endet. Ewig fuhren wir durch die einsame Gegend. Dann, irgendwann, nach der mindestens dreihundertsten Kurve, nachdem uns genau ein einziges Auto entgegengekommen war, erreichten wir das Ziel. Dieses Ende der Welt mit dem Namen ‚Tarbet‘.

Das Paradoxe war, dass die Welt hier gar nicht endete. Die Straße vielleicht. Und das Land. Doch vor uns lag nur ein wenig Wasser. Also ein wenig Meer. Und dahinter kam eine Insel, die ein Vogelparadies sein soll. Das war unser eigentliches Ziel. Ich meine, das Ende der Welt… Das kann ja jeder! Wir fuhren darüber hinaus.

In der vermutlich kleinsten und windschiefsten Hütte von allen wurden Tickets verkauft. Ganz altmodische kleine Papierfetzen, wie man sie früher als Kind noch im Kino bekam. Und mit diesem kleinen Stück Papier, das der Wind einem jeden von uns aus der Hand reißen wollte, als würde er uns diese Reise nicht gönnen, durften wir ein kleines, wackeliges Boot betreten. Die Farbe blätterte zwar noch nicht ganz romantisch ab, doch dass es alt war, war nicht zu übersehen. Die Schwimmwesten, die wir anziehen mussten, waren vielleicht modern, als meine Eltern Kinder waren. Aber macht nix, solange sie mich vor dem Ertrinken bewahren. Und stabil sahen sie ja schon aus. Trotzdem hoffte ich, diese Stabilität nicht testen zu müssen. Wieder riss der Wind an uns, als wolle er uns ins Meer werfen. Vergeblich.

Bald legte das Boot ab. Es gab nicht viele Menschen hier und noch weniger Besucher, es gab also niemanden auf den man hätte warten müssen. Und so brachte uns dieses wackelige Teil fort vom Ende der Welt, nur ein paar Meilen weiter auf eine Insel.