Zuhause

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Zuhause ist doch eigentlich nur der Ort, vor dem man als erstes davonlaufen wollte.
Dann ist man endlich alt genug. Und flieht. Weit weg. Um endlich das Gefieder schütteln und die Flügel weit ausbreiten zu können.
Um endlich fliegen zu können.
Und wie man fliegt!
Ordentlich auf die Fresse.

Freiheit ist so schön.
Heimtückisch. Gefährlich. Anstrengend.
Und schön.

Die Sicht auf die Dinge ändert sich, von außen betrachtet.
Und dann kommt der Moment, in dem man wieder zurückkommt.
Nach Hause.
Das erste Zuhause.

Läuft an Blumentöpfen mit Paprikapflanzen vorbei, die doch schon immer dort gestanden hatten, aber selten interessant gewesen waren. Die Katze zuckt zur Begrüßung mit den Ohren, als wäre man nie fort gewesen. Der Kuchen wartet noch an derselben Stelle darauf, gegessen zu werden.

Noch immer sitzen die alten Vorwürfe, gemeinsam mit den verletzten Gefühlen, gemeinsam mit der Wut und der Enttäuschung, am Tisch.
Doch irgendwie werden sie kleiner.
Besetzen nicht mehr jeden verkratzten, wackelnden Stuhl, nur noch einen oder zwei, und sehen unbeteiligt aus dem Fenster.
Werden zum Schweigen gebracht von Höflichkeit und Schweigen und irgendeiner Verbundenheit, die wohl doch etwas mit Blut zu tun haben muss.

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17 Gedanken zu “Zuhause

  1. Hat dies auf Mein kunterbuntes Bloghaus rebloggt und kommentierte:
    Mein allererstes Zuhause gibt es nicht mehr. Gemeinsam mit Eltern und Geschwistern verließ ich das Elternhaus meiner Mutter mit sieben, um fortan am Rande der Großstadt zu leben. Dort gab es neue Häuser und Arbeitsplätze. Viele Sommer bin ich dorthin zurück gekehrt, um mich am Vertrauten zu erfreuen und letztendlich am alltäglichen Einerlei zu reiben. Mit siebzehn war auch das vorbei. Ich wollte nicht mehr und verbrachte die Sommer mit den Ferien fortan fern der Familie. Ab und zu besuchte ich mein Heimatdorf, aber immer seltener und wenn ich da war, gehörte ich nicht mehr dazu. Ich hatte mich entfremdet. Oder hatte man mich entfremdet? Ich wurde nicht mehr in die Pflicht genommen, die Fremdengäste zu bedienen oder den Abwasch von 50 Mittagessen zu beseitigen. Meine Tanten, die dort lebten und arbeiteten wurden alt. Ein Abgrund lag zwischen mir und ihnen, der nicht mehr mit Worten oder Gesten zu überbrücken war, aber wir taten so, als würden wir uns lieben. Eigentlich aber liebte ich das Haus mit seinem Garten, dem Kellergewölbe, dem Dachboden, den ich nicht betreten durfte. Vor allem aber liebte ich die Erinnerung an meine Kindheit an diesem Ort, die mir wie ein Märchen erschienen. Die Mitbewohner kamen darin nur am Rande vor. Es waren die kindlichen Träume, der Wechsel der Jahreszeiten mit seinen spezifischen Gerüchen, Ritualen, Tätigkeiten und Abläufen. Noch heute erinnere ich mich an den Geruch nach roten Bohnerwachs, mit dem die Holzdielen gepflegt wurden. Auch der Duft nach Heu auf dem Boden oder die tierischen Ausdünstungen aus den Ställen ist mir nicht verfallen. Bis heute frage ich mich, warum die Menschen in diesem Haus für mich Vorrübergehende waren, an die ich mich zwar erinnere, die ich aber nicht vermisse. Irgendwann starb auch die letzte Schwester. Zunächst wurde das Haus vermietet und vor zwei Jahren riss man es ab. Was mir geblieben ist, die Sehnsucht nach dem Ländlichen, das Leben mit den Jahreszeiten, die Verbundenheit mit der Natur und allem, was wachsen will und darf.

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      1. Im Grunde ist es ganau das, was ich am Bloggen liebe: dieses Inspirieren und Anregen – die Erweiterung des eigenen Horizontes und auch das Wiedererkennen, die Muster die nicht nur in mich sondern auch in andere hinein gewebt sind.

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  2. Das hast du sehr schön geschrieben. Vermutlich habe ich das auch noch vor mir. Erst ausziehen, mein eigenes Ding machen, und dann feststellen, dass ich doch zu Hause einen Platz habe, an den ich gerne zurückkomme. Aber da brauche ich erstmal ein wenig Abstand von.

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    1. Hm, die Aussage würde ich so nicht unterschreiben. Die Generation Y versucht (wie vermutlich jede andere Generation) sich von ihren Eltern zu unterscheiden, alles anders, alles ‚besser‘ zu machen. Jede Generation verwirft sich mal mit der vorangegangenen. Da machen wir als Generation Y keine Ausnahme. Natürlich wird heutzutage beispielsweise seltener so jung geheiratet – man hängt also emotional noch viel mehr an der ‚alten‘ Familie, da die neue noch nicht wirklich existiert. Doch es gab auch schon in all den Generationen vor uns Menschen, die das Elternhaus nicht verlassen wollten oder Menschen, die genau das taten, was Mutti und Vati sagten, auch mit 36 noch… Pauschal würde ich dir also nicht zustimmen. In einigen Fällen aber hast du sicherlich recht.

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      1. Ich staune einfach, wie viele junge Erwachsenen noch mit ihren Eltern in Urlaub fahren und wie viele Studierende heute jede freie Minute zu ihren Eltern und Freunden nach Hause fahren, selbst dann, wenn sie in der Uni-Stadt ein eigenes Zimmer haben.

        Doch die Interpretation kommt nicht von mir sondern von Eurem Sprachrohr par excellence:
        Philipp Riederle: Wer wir sind und was wir wollen
        Ein Digital Native erklärt seine Generation:
        „Wir sehnen uns nach Geborgenheit… Das Verlangen nach Ruhe, Geborgenheit und einem Zuhause ist unser eigentliches Bedürfnis, denn was fehlt uns mobilen Menschen in einer komplexen Welt? Wahrscheinlich etwas wie ein fester Halt, eine verlässliche Konstante. Eine Heimat… Wir suchen nach Sinn und Vertrauen, und wir wollen dazugehören. Wir wollen ein Zuhause.“ S. 198-199

        Und zur Ergänzung noch die Fachleute 😉
        Klaus Hurrelmann, Erik Albrecht: Die heimliche Revolution
        Wie die Generation Y unsere Welt verändert:
        „Die Beziehungen der 15-30-Jährigen zu ihren Eltern sind so harmonisch wie wohl noch nie.“ S. 209

        Vielleicht gehörst Du ja heute eher zu den Ausnahmen ;-), was ich als alter „Babyboomer“ ja durchaus als normales Verhalten betrachten würde.

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      2. Na, wenn die Fachwelt das sagt 😉 Nein aber im Ernst, du hast sicherlich recht. Und solche Dinge wie ständige Erreichbarkeit, Mobilität, etc. beeinflussen das Denken und Handeln einer Generation natürlich stark.
        Wobei ich nochmal betonen möchte, dass eine Pauschalisierung natürlich (trotz dieser signifikanten Einflüsse) schwer ist…

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