Nichts Festes

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Und sie schreit dich an. Jetzt endlich steht sie vor deiner Tür und kann ihre ganze Wut, ihre ganze Enttäuschung herauslassen.
Dir steht der Mund offen, der Mund, den sie schon viel zu oft geküsst hatte.
Gestern noch hattest du es noch „richtig“ erklären wollen. Nicht per WhatsApp, wo sie alles sowieso nur falsch verstand, und eigentlich auch nicht am Telefon, doch sie hob sowieso nicht ab. Gestern noch hattest du es ihr ins Gesicht sagen wollen.
Dass da nichts war.
Dass du sogenannte Kumpel-Freundinnen hattest.
Und dass deine Besucherin gestern eine solche war.
Du hattest ihr all das ins Gesicht sagen wollen.
Doch heute möchtest du das nicht mehr.
Du verstehst doch eigentlich gar nicht, was sie überhaupt möchte, wo denn eigentlich ihr Problem liegt.
Ihr stehen die Tränen in den Augen, bald werden sie ihre hübsche Wange herunterlaufen. Oft schon hast du diese Wange berührt, immer liebevoll. Jetzt würdest du sie am liebsten schlagen.
Weil du keine Ahnung hast von diesem Gefühl, das sich Liebe nennt. Und was dieses Gefühl noch alles mit sich bringt.
Hilflosigkeit. Und Angst. Und Eifersucht. Und Verunsicherung.
„Hey, jetzt reg dich ab!“, sagst du taktlos, wie du nunmal bist.
„Ich bin ein freier Mann.“
Als wäre Ron Weasley eine gute Quelle zum zitieren, wenn es um Mädchenangelegenheiten geht. Oder um Taktgefühl.
„Jetzt komm doch erstmal rein.“
Wenigstens das war ein guter Satz. Ihre Lippen zittern, vor Wut oder vor Hilflosigkeit oder vor allen Gefühlen auf einmal, und sie kommt mit in deine Wohnung. Letztes mal hattet ihr euch geküsst, bevor sie ganz eingetreten war. Heute weint sie, bevor sie ganz eingetreten war. Du wirkst verärgert und in deinen Augen hinter deinen mädchenhaft geschwungenen Wimpern kann man einen Hauch von Überforderung erkennen. Du wolltest doch kein Mädchen zum Weinen bringen. Du wolltest doch nur deine Freiheit genießen.
Manche Mädchen verstehen dieses Prinzip von Freiheit nicht. Vom Küssen und vom Sex ohne ein Hintertürchen zur Liebe.
Und sie gehört zu diesen Mädchen.
Ja, du hast recht. Du hast es ihr schon so oft gesagt. Immer, wenn du sie geküsst hast, immer wenn sie neben dir lag, immer, immer, immer, hast du es ihr gesagt. „Ich möchte noch nichts Festes.“
Sie hat es gehört. Sie hat es verstanden. Falsch verstanden. Sie hat doch immer nur das „NOCH nicht“ gehört und sich heimlich gefragt, wie lange dieses NOCH Beständigkeit hat.
Ich weiß, du bist ihr keine Rechenschaft schuldig. Du bist ihr keine Treue schuldig. Du warst ja sogar treu!
Und doch verstehe ich, warum sie so aufgebracht ist und warum sie weint und warum sie dich anschreit. Weil sie dich liebt.

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6 Gedanken zu “Nichts Festes

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