Teerherz

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Teerherz nannten sie mich.
Mein Herz war geteert,
geteert, aber auch gefedert,
seit wir uns
unter bunten Lampions
das erste Mal angeblickt hatten,
Apfelwein trinkend,
gläserklirrend,
ein Hurra auf den Sommer rufend.
„Lass uns gemeinsam zu viel Apfelwein trinken“,
hast du gesagt
und ich habe deinen glitzernden Blick
mit einem Nein beantwortet.
Mein Herz war federleicht
und giftig wie Teer.

Liebeserklärung an F. – Teil VII

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Es gibt nichts mehr zu erzählen, befürchtest du.
Nicht wie damals, als wir gar nicht mehr aufhören konnten zu reden, auch nicht nach einer stundenlangen Autofahrt, einem ganzen Abend vor dem Zelt, einer ganzen Nacht im Zelt und einer weiteren stundenlangen Autofahrt.
Mittlerweile kennen wir die Geschichten, von Kindheit & Erwachsenwerden, von Familie & Freunden, von Schule & Studium & Beruf.

Du brauchst mir nicht mehr die Namen deiner Schwestern sagen, ich habe sie bereits kennengelernt.
Ich brauche dir nicht mehr die Farbe des Pferdes erklären, du hast sein Fell bereits berührt.

Ich kenne deine Freunde, deine Narben, die Bedeutung deines Rings, dein Heimatdorf, alles.
Du kennst meine Familie, meine Kämpfe, die Bedeutung meiner Armbänder, mein Kinderzimmer, alles.
Wir können von der Vergangenheit nichts mehr erzählen, ohne uns zu wiederholen.

Na und?

Dann erzähle mir von deiner Gegenwart!
Von deinen Gedanken, von deinen Gefühlen,
von deinen Träumen, von deinen Zielen.
Oder sei einfach bei mir und schweige.
Deine Anwesenheit erzählt genug.

Teil I
Teil II
Teil III
Teil IV
Teil V
Teil VI

Hässlichkeit!?

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Wir müssen aufhören, uns hässlich zu fühlen.
Wir müssen aufhören, Menschen nach ihrem Aussehen zu definieren und zu beurteilen. Es ist egal, wie alt die Jacke ist, es ist egal wie lang die Haare sind. Die auf dem Kopf und die an den Beinen. Es ist egal, wie breit der Lidstrich ist. Es ist egal, wie breit der Hüftumfang ist.
Es ist egal.
Es ist einfach so! verdammt! egal!

Menschen können schön sein. Und Menschen können hässlich sein.
Innerlich.
Und das hat rein gar nichts mit dem Aussehen zu tun.
Sind wir nicht eigentlich immer schön? Wenn es uns gut geht. Wenn wir das tun, was wir gerne tun.

Was ist das für eine Gesellschaft, die uns vorschreibt, welche Figur wir haben müssen? Welche Kleidergröße, welche Haarfarbe. Welche Schuhe wir zu tragen haben, welche Röcke, welche Jeans. Schiefe Zähne werden verachtet, schiefe Beine, eine schiefe Frisur, ein schiefes Lächeln.
Sie hat dünnere Beine als ich.
Er hat breitere Schultern als ich.
Sie tragen teurere Uhren als wir.

Doch was sagt das über uns aus?
Über sie – die Anderen?
Sagt eine Schuhmarke, ob sie hinter dir stehen, wenn die Welt sich gegen dich richtet?
Sagt ein perfekter Lidstrich, ob sie dich zum Lachen bringen kann?
Sagt ein Sixpack, ob er dir aufhilft, wenn du hinfällst?

Der Morgen nach dem Tod

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Oh K., du bist so stark. So unglaublich stark.
Glaub mir, du wirst das überstehen, so, wie du schon alles zuvor überstanden hast.
Jetzt geht es ihr gut, glaub mir, es geht ihr gut. Sie wird dort oben sitzen und allen anderen dort oben von dir erzählen.
Wie du jeden Tag bei ihr im Krankenhaus gesessen warst. Jeden verdammten Tag.
Egal wie sehr sie litt, wenn sie schlief, wenn sie vom Tod sprach, wenn sie nicht mehr sprechen konnte vor Schmerz.
Immer warst du bei ihr. Und das wird sie dir nicht vergessen.

Du wirst auch die Beerdigung überstehen. Ich weiß, K., du fürchtest dich davor.
Aber du musst das nicht alleine durchstehen. Alle werden da sein und dich halten.
Und auch sie wird nicht alleine sein.
All die anderen, die dort oben schon auf sie gewartet hatten, sie alle werden bei ihr sein.
Und sie alle werden gemeinsam auf euch blicken, wie ihr dasteht und ihre kranke, kaputte Hülle der Erde übergebt.
Und sie alle werden stolz auf euch sein, auf euch und eure Tapferkeit.
Sie werden eure Tränen sehen und es wird ihnen leid tun und sie werden euch zurufen „Weint nicht! Uns geht es gut!“ und ihr werdet nichts hören außer den Wind und es für ein Flüstern halten, dabei sind es laute Rufe.
Aufmunternde Rufe.

Du wirst es überstehen. Du wirst es überstehen, so, wie du die letzten Wochen überstanden hast.
Und deine Wunden werden heilen und eines Tages wirst du merken, dass das Leben tatsächlich immer weitergeht, dass die Erde nicht stehengeblieben ist.

Du wirst das alles überstehen und dir wird es besser gehen.
Ich weiß es.

Gratwanderung

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Das ist ein schmaler Grat, auf dem wir balancieren.
Ein verdammt schmaler Grat.
Irgendwo zwischen Mut und Wahnsinn; zwischen Herausforderung und Leichtsinn.
Doch wir haben uns das so herausgesucht.
Wir wollen die Welt verändern und Geschichte schreiben.
Obwohl wir nur so wenige sind, wollen wir eine ganze Armee sein.
Eine Armee der Toleranz, der Freiheit und des Friedens.
Eine Armee für den Frieden.

Ist das nicht ein Widerspruch in sich?
Kann man in dieser gewalttätigen Welt ohne Gewalt bestehen?
Ohne Gewalt überhaupt etwas verändern?
Ja, sagt man und denkt an Mahatma Gandhi. Nein, sagt man und denkt an Pakistan.
Ja, sagt man und denkt an Martin Luther King. Nein, sagt man und denkt an Ferguson.
Ja, sagt man und denkt an Pazifismus. Nein, sagt man und denkt an Militarismus.

Wir müssen unerbittlich sein. Und stark.
Doch Stärke wird meist mit Härte gleichgesetzt.
Und Härte mit Gewalt.

Ist es richtig, für den Frieden zu kämpfen?
Wie weit darf man für den Frieden gehen?

Aufwachen in fremden Betten

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Vor Aufregung nicht schlafen wollen, aber vor Anstrengung einschlafen, sobald der Kopf das Kissen berührt.

Morgens aufwachen, in fremden Betten, ist ein schönes Gefühl.
Nicht erwarten können, was der Tag bringt.
Abenteuer, Geschichten, Begegnungen, Erlebnisse.
Alles ist fremd und spannend und wundervoll.
Sogar die Tauben sind schöner als sonst. Gepflegter. Und fröhlicher.
Und sterile weiße Bettwäsche erinnert nicht an Krankenhaus, aber an neue Abenteuer.

Ein riesiges Frühstück verschlingen, um vorbereitet zu sein für die Anstrengungen des Tages.
Der Kaffee, all das Koffeein, überflüssig, so hellwach ist man. Und dennoch austrinken, Tasse für Tasse, alles aufsaugen. Nur für alle Fälle. Um auf alles vorbereitet zu sein.
Weil man schließlich nie weiß, was in der Fremde passiert.