Nackt bedeutet nicht „ohne Kleidung“

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Du prahlst damit, wie viele Mädchen du bereits nackt gesehen hast. Und deine Freunde werden johlen und grölen deswegen, zumindest wenn sie genug getrunken haben. Wenn nicht, werden sie zumindest anerkennend nicken.
Du bist stolz auf diese Zahl, die zweistellig ist und unnatürlich hoch und einfach eine Lüge.
Mit gespielter Zurückhaltung erzählst du schließlich auch mir davon. Schließlich habe ich dir von meiner Krankheit erzählt und das bedeutet, dass auch du mir etwas Persönliches erzählen musst. So geht dieses Spiel, dieses Austauschen von Geheimnissen, dieses plötzliche und doch schleichende Inneres-nach-Außen-Kehren.

Und ich widerspreche dir.
Zuerst stutzt du. „Doch.“, beharrst du. „Es waren wirklich so viele.“
Wieder sage ich: „Nein, waren es nicht.“
Du zuckst mit den Schultern, als würdest du klein beigeben. Zumindest ein ganz klein wenig. „Vielleicht hast du recht, einige habe ich öfter nackt gesehen, vielleicht habe ich da mal falsch gezählt.“
Dreimal hole ich Luft, bevor ich die Worte & Silben in meinem Kopf richtig sortiert habe. Dann frage ich dich: „Wie viele Mädchen hast du weinen gesehen?“
Falten bilden sich auf deiner Stirn, du wirkst irritiert und ein wenig verstimmt und unangenehm berührt und dann sagst du: „Na ja, drei oder vier. Und meine Schwester und meine Nichte. Aber…“
Ich lasse dich nicht weiterreden, denn ich weiß, dass du das Thema wechseln möchtest.
„Wie viele Mädchen haben dir von ihren Albträumen erzählt?“, frage ich weiter.
Wieder dein Stirnrunzeln. Dann widerwillig: „Meine Ex-Freundin ist nachts öfter mal aufgewacht und ich…“ Du unterbrichst dich selbst und fragst, unsicher grinsend: „Aber was soll das? Wird das jetzt ein Witz?“ Weil wir sonst doch immer scherzen.
Unbeeindruckt frage ich weiter: „Wie viele Mädchen haben deine Hand gedrückt, einfach als Zeichen ihrer Gefühle? Wie viele Mädchen haben dir von ihren Träumen erzählt? Von ihren peinlichen Kindheitswünschen und von ihren Momenten der Panik? Wie viele Mädchen haben dir mit strahlenden Augen erzählt, wie wunderschön eine Erinnerung ist? Von wie vielen Mädchen hast du die Tränen gesehen? Von wie vielen Mädchen weißt du, warum sie ihr Studium abgebrochen haben oder warum sie sich von ihrem letzten Freund getrennt haben oder warum sie schon so lange nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen haben?“

Ich mache eine kurze Pause, lächle (es tut mir leid, das Lächeln sollte nicht abwertend sein doch ich glaube, es kam geringschätzig rüber) und frage: „Na, wie viele Mädchen waren das?“

Sprachlos starrst du mich an. Verärgerung und Hilflosigkeit sprechen aus deinen meerblauen Augen, die schon so viele Mädchen dazu überredet haben, zu dir nach Hause mitzukommen. Deine Lippen, die schon so viele Mädchen geküsst haben, zucken und doch sagst du kein Wort.

Ich wiederhole die Zahl, die du mir gerade genannt hast. „So viele Mädchen hast du vielleicht schon ohne Kleidung gesehen. Doch Nacktheit ist etwas anderes.“

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Beobachtungen in einer fremden Stadt

Cappuccinoschaum

Der Wind trieb eine Zeitung über das Kopfsteinpflaster.
Die Bäume schaukelten, verloren Blatt um Blatt, überall ein goldener und roter Regen.
Die Möwen am Himmel schienen den Wolken hinterherjagen zu wollen.
Menschen setzten sich auf Bänke, redeten, tranken Kaffee aus Pappbechern, stritten sich, standen wieder auf.
Menschen gingen vorbei, hasteten und eilten oder schlenderten. Mützen tief ins Gesicht gezogen.
Ein Hund vor der Tür der Bäckerei, durch deren Fenster ich nach draußen starrte. Meinen Cappuccino hatte ich noch immer nicht angerührt. Eigentlich mochte ich keinen Kaffee, doch ich mochte diese Blätter, die man mit Milchschaum in den Kaffee macht.
Der Schokoladenkuchen viel zu süß und dennoch nahm ich mir nochmal ein Stück.
Die Fassaden der anderen Häuser hell erleuchtet von Reklame in einer fremden Sprache.
Ich hatte Heimweh.

Weil streiten sinnlos ist & dadurch alles schlimmer wird

Säulen

Es war
eine Türschwelle,
die uns zum Stolpern brachte.
Winzig
& so leicht zu übersehen.

Es waren
zwei Säulen
auf die wir uns stützten.
Links du,
& rechts ich.
Doch wer hatte Recht?

Es war
der Winter,
der nach dem Herbst kommt,
wie das nunmal
immer so ist.

Es war
das Warten auf den Frühling,
der dieses Jahr nicht kam.
& enttäuschte Hoffnung
ist die schlimmste Form
der Überraschung.

Herbst.

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Die Sommerbräune wirkt fehlt am Platz.
Gerötete Wangen.
Unkraut zwischen den Waschbetonplatten
und irgendwie erinnert das an die Kindheit bei Oma.
Wolkenwände über unseren Köpfen.
Sommersprossen im Zenit ihres Daseins und doch schon fast wieder verschwunden.
Wann gibt es wieder Birnenkuchen?

Beinahe

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Meine ganze Jugend war ein Beinahe.

Beinahe wäre ich auf eine andere Schule gegangen.
Beinahe hätte ich gewonnen.
Beinahe hätte ich gewagt, zu widersprechen.
Beinahe wäre ich einen anderen Weg gegangen.
Beinahe hätte ich dann meinen Ruin nicht kennengelernt.
Beinahe hätte ich den perfekten Moment erlebt.
Beinahe hätte ich eine Chance ergriffen.
Beinahe wäre ich nicht so tief gefallen.
Beinahe wäre ich noch tiefer gefallen.

Irgendwann lernt man.
Man verlässt das Beinahe.
Und erreicht das Tatsächlich.
Tatsächlich habe ich aufgehört zu fallen.
Tatsächlich habe ich jemanden gefunden, der mich auffing.
Tatsächlich wachse ich.
Tatsächlich gehe ich meinen Weg.

Wir müssen Fehler machen, um zu lernen.
Meine Fehler waren Beinahe.
Mein Leben ist Tatsächlich.

 

Slightly overdressed

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Wir haben uns schick gemacht. Ich in meinem Abendkleid, ein wenig zu kurz, unglaublich dunkelblau. Du in deinem Anzug, blütenweißes Hemd, perfekter Windsor-Krawattenknoten.
„Wir sind völlig overdressed.“, stelle ich kichernd fest, während wir zum Eingang gehen. Hand in Hand. Das machen wir sonst eigentlich nicht. Ich fühle mich betrunken, obwohl ich den ganzen Tag über nur Wasser getrunken hatte. Der Wein würde erst noch folgen – das zumindest war der Plan.
„Vielleicht ein wenig.“, gibst du zu. Und lächelst mich an. Dein Lächeln. Dafür würde ich töten. Deine schiefen Zähne, deine ständig trockenen Lippen.
Ich taste nach meiner Frisur. Ungewöhnlich. Normalerweise hatte ich nur Haare. Heute Abend habe ich eine Frisur. Sie sitzt immer noch, glaube ich zumindest. Ein Spiegel wäre gut. Doch ein Spiegel ist etwas, das ich nie in meiner Handtasche habe. Notizzettel, Bleistiftstummel – mindestens vierzehn. Aber keinen Spiegel. Ich zucke mit den Schultern, du legst deinen Arm um mich.
Wir betreten das Restaurant, wir werden willkommen geheißen, als wären wir hoher Besuch. Vielleicht denken sie, dass wir reich sind; reich & berühmt, schießt es mir durch den Kopf und ich muss grinsen.
Unser Tisch steht in einem extra Raum. Ein riesiger Raum, ein halber Ballsaal. Und darin nur ein Tisch, fast ein wenig verloren, gedeckt für zwei Personen. Mit Herzen.
„Die glauben bestimmt, dass wir etwas zu feiern haben.“, flüstere ich dir ins Ohr. „Eine Verlobung oder so.“
Du siehst mich kurz an; und für einen winzigen Augenblick bekomme ich Panik. Was, wenn du mir hier – hier & jetzt! – einen Antrag machen möchtest? Doch dann fällt mir ein, dass das eindeutig nicht dein Art wäre. Nein, überhaupt nicht.
„Wir feiern einfach uns!“, sagst du und strahlst mich an.
Oh ja, das werden wird.
Nach zwei Gläsern Wein werde ich mich betrunken fühlen und herrlich leicht und ich werde das Essen genießen und wochenlang davon schwärmen und ich werde zwischendurch deine Hand berühren, einfach weil es schön ist, dass du da bist und weil wir feiern. Weil wir uns feiern. Einfach so. Weil es uns gibt.