Dabei hasse ich Märchen

Turmzimmer

Wir zogen tatsächlich in ein Schloss!
Was als Hirngespinst begann, wurde märchenhafte Realität.

„Wenn wir da einziehen, dann bist du der King!“
Sagte ich noch, als ich die Anzeige sah und dir zeigte, mit einem riesigen Grinsen im Gesicht und funkelnden Augen.
Dieses Funkeln in meinen Augen hat dich wohl überzeugt.
Denn jetzt bist du der King. Und ich bin die Queen.

Das klingt wie ein Märchen! Wie ein verdammt kitschiges, verdammt abgedroschenes, verdammt kindisches Märchen. Dabei hasse ich Märchen.

Natürlich war es nur ein kleines Schloss. Und wir wohnten nur in einem kleinen Teil davon.
Dennoch hatten wir zwei Turmzimmer. Wie das klingt!
Und dicke Steinmauern um uns herum und hohe Fenster, durch die wir weit in die Landschaft hinausblicken konnten, denn schließlich stand das Schloss (wie es Schlösser nunmal so tun) auf einer kleinen Anhöhe.

Im Sommer kamen Besucher. Nicht viele, schließlich war es kein großes und bekanntes Schloss. Dennoch erfüllte es uns mit Stolz.
Man könnte meinen, es würde nerven, ständig fremde Menschen vor der Haustür, im eigenen Garten, im eigenen Hof zu haben. Ständig neugierige Fragen und noch viel neugierigere Blicke.
Seltsamerweise störte mich das gar nicht. Obwohl ich sonst so schüchtern und scheu war und am liebsten so wenig Menschen wie nur irgendwie möglich um mich herum hatte. Doch diese Menschen waren Freunde, weil Besucher, weil Bewunderer.

Mein Märchen war das erste Märchen, das mir gefiel.

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Vermutlich war das Meer nur für mich so blau

Meerblau

Ich war an einem Ort, an dem das Meer die Farbe deiner Augen hatte.
Sofort wusste ich, dass ich hätte gehen sollen.
Hätte.
Stattdessen verbrachte ich den ganzen Tag dort, am Meer. Starrte in die Wellen, beobachtete die weißen Schaumkronen, die hier an diesem Ort nicht schmutzig wirkten sondern erfrischend. Beobachtete, wie eine Welle nach der anderen hereinbrach. Manche groß, manche klein, manche wütend, manche zaghaft. Und alle blau. Aber nicht irgendein blau. Sondern dein blau.
Der Wind schlug mich, zerrte an meinen Haaren, an meiner Jacke, an meinen Fingern. Meine Augen tränten. Vom Wind oder vom Salzwasser oder von der Kälte oder von der Erinnerung. Ich vermochte es nicht zu sagen.
Doch eines spürte ich: mich umdrehen war unmöglich.
Erst als sie mich an der Hand nahm, merkte ich, dass es höchste Zeit wurde zu gehen.
Die Wellen (das Meer, deine Augen) verfolgten mich.

Was wäre wenn?

Vollmond

Was, wenn ich ihn angerufen hätte?
Wie er mir angeboten hatte.
War dieses Angebot ernst gemeint? Oder was für eine Art von Angebot war das überhaupt gewesen?
Und was, wenn er tatsächlich gekommen wäre?
Hätte er verstanden, warum ich es getan hätte?
Oder wäre es ein riesiges Missverständnis gewesen und diese Nacht hätte alles zerstört: Freundschaft, Liebe, Vertrauen.
Uns.

Am Abgrund der Panik

Kurz vor dem Abgrund

Sie hatte mir erst als wir vom Freibad zurückgekommen waren und sich ihre Haut schon überall schälte, von ihrer Chlor-Allergie erzählt.
Wir waren wandern gegangen, trotz ihrer Knieverletzung, von der ich nichts gewusst hatte.
Sie hatte mir eine Nusstorte gebacken, obwohl ihr von Nüssen schlecht wurde.

Sie hatte mir erst von ihrer Höhenangst erzählt, als wir im Riesenrad saßen und am höchsten Punkt anhielten.
Sie war mit mir auf Bäume geklettert, vom 10 Meter Brett gesprungen, über Hängebrücken gegangen.

Sie war die ganze Zeit am Abgrund der Panik entlangbalanciert, lebensmüde, ohne dass ich je davon erfahren hatte.
Sie hatte alles für mich geopfert, sie hätte alles für mich getan.
Und ich bin trotzdem gegangen.
Ich Arschloch.