Normalnull

Talblick

Er sagte: „Das ist kein Tal, auf das wir hinabsehen, das ist ein Graben. Das ist kein Berg, auf dem wir stehen, das ist Normalnull.“

Und wir sahen uns an. Zunächst irritiert.
Dann konnte ich sehen, wie sich deine Augen langsam weiteten.
Das Verständnis war dir ins Gesicht geschrieben.
„Wow.“, sagst du tonlos.

Ich verstand nicht.
Wir waren Meter um Meter nach oben geklettert.
Meine Knie und meine Arme zitterten von der Anstrengung.
Mein ganzer Körper erzählte mir, dass das gerade ein Berg war, den wir erklommen hatten.
Doch da stand dieser Mann vor uns und er sollte es wissen und er sagte, dass das hier kein Berg war.

Die Erkenntnis war ein Faustschlag mitten ins Herz und voll auf die Fresse.
Dass mein Leben bisher nicht auf Berggipfeln stattgefunden hatte, war mir klar gewesen.
Doch ich war von Normalnull ausgegangen. Ich hatte gedacht, wenigstens den Durchschnitt hätte ich erreicht. Und dann steht da dieser Mann und sagt mir, dass ich tief unter dem Meeresspiegel gelebt hatte.
Mein ganzer Körper zitterte, nur um einmal Normalnull erreicht zu haben.

Adam

Cerro Torre

Sein erster Satz an uns war „take care“. Und er sagte das so, dass wir uns danach fragten, ob das wohl eine Drohung gewesen war. Er hatte tatsächlich ein wenig bedrohlich gewirkt wie er da herumlungerte, lässig gegen die Wand gelehnt, völlig unbeteiligt, verwegener Bart, Harry Potter-Brille.
Sein nächster Satz, nur wenige Stunden später, war „Do you have a bottle opener?“
Und diese Frage öffnete nicht nur seine Bierflasche sondern auch das Gespräch und eine Freundschaft. Vielleicht.
Er war Pole, wir waren Deutsche.
Er erzählte uns von der Antarktis. Von Pinguinen. Von Wind.
Wir erzählten ihm vom Urlaub.
Er kannte einige deutsche Worte. Übersetzungsversuche.
Es war Smalltalk erstmal. Doch irgendwie war es auch schon mehr.

Am nächsten Abend gesellte er sich nicht zu uns. War das etwa schon Enttäuschung, was ich spürte?

Einen Tag später holte er uns ein. Auf dem Weg nach oben. Auf dem Weg zur genialen Aussicht. Auf einem qualvollen, anstrengenden Weg. Und er machte den Weg erträglicher. Er sagte uns seinen Namen. Dabei wussten wir den schon. Zumindest ahnten wir es. „Have you seen this polish guy named Adam?“, waren wir gefragt worden.
Wir sagten ihm unsere Namen. Er fragte nochmal nach. Es schien ihm wichtig zu sein. Er merkte sie sich. Etwas, worüber ich mich noch lange freuen sollte.
Er erzählte von seinem Leben. Von Zweifeln und Gefühlen und Erlebnissen.
Wir erzählten von unseren Leben. Von Zweifeln und Gefühlen und Erlebnissen.
„What does ‚Reisefieber‘ mean?“
Fotos machen. Irgendwann auch voneinander und dann sogar eines miteinander. Das ist mein schönstes Souvenir.

Den Rückweg mussten wir ohne ihn bewältigen. Enttäuschung und Erleichterung zugleich. Denn der Rückweg war eine Qual für meinen Körper und ich wollte nicht schwach aussehen und er war doch so beeindruckt gewesen, weil ich so tough war und ohne Schmerztabletten auf diesen Berg bin. „You should do climbing“, hatte er gesagt und ich war mir nicht sicher gewesen ob er sich über mich lustig machte, doch dann hatte er gesagt „I mean, that says a lot“. Danke Adam.
Irgendwann endlich den Rückweg überstanden. Mein ganzer Körper führte Krieg gegen mich.
Wir gingen dorthin, wo wir Adam vermuteten. Ich vermutete gar nichts mehr, jedoch war F. dabei um auf mich aufzupassen und er wusste, dass Adam auf mich aufpassen würde.
Was für ein Glück – Adam saß da, alleine, lesend.
F. setzte mich bei ihm ab. Adam sah mich an. „Girl, you need to eat!“ Es half.
Danke F. und Danke Adam.

Am nächsten Morgen gemeinsam gefrühstückt. Freude bei uns, weil Adam sich zu uns setzen wollte. Ich hatte schon befürchtet wir nerven ihn.
Wichtige Lektion gelernt: Rührei mit Käse.

Nächste Tour nur F. und ich. Bei der Rückkehr lange Gesichter: Adam war aufgebrochen. Schade, da ohne Abschied. Doch er hatte sicher seine Gründe und wir hatten seine Email Adresse und wir würden ihm bald mal schreiben.

Abends dann sah ich ihn vor dem Fenster und ich begann zu strahlen. Er war extra zurückgekommen, um sich zu verabschieden. Umarmung. Freude. Schickt mir die Bilder. Ja, machen wir bald. Danke. Besuch uns. Besucht mich. Das wäre cool. Ja, das wäre cool. Viel Spaß. Euch ebenfalls. Viel Glück. Danke. Tschüss. Auf Wiedersehen. Hau rein.

Zähle bis 6

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I.
In längst vergangenen Zeiten heulten wir mit den Wölfen,
Schwerter gezückt,
Sterne erblickt,
gewusst wofür wir sterben.

II.
Schreckensnachrichten machen bedeutungslos
was gestern uns aufzehrte,
ahnungslose Gesten,
wofür leben wir?

III.
Die letzten vierzehn Nächte vergingen schlaflos,
traumlose Nächte,
tatenlose Gefühle,
wer darf leben?

IV.
Füttert die Flammen mit Büchern und Worten,
ohne uns,
ohne Grund,
leben wir weiter.

V.
Experiment gescheitert.

VI.
Ich wollte bis sechs zählen.

Dorfszenen

Tauben auf dem Dach

Sie lebte erst seit wenigen Monaten hier, sie war seine Nachbarin, sie schien nicht viel auf Tratsch zu geben und außerdem war sie noch nicht in der Dorfgemeinschaft integriert.
All diese Gründe gingen ihm durch den Kopf, während er sich mit ihr unterhielt. Zum dritten Mal schon in dieser Woche.
Die Monate zuvor hatten sie sich nur selten gesehen, einmal auf dem Weg zum Bäcker, einmal als sie gleichzeitig die Post hereinholten, einmal als sie ihre Autoreifen wechselte und er gerade vom Büro nach Hause kam. Damals hatten sie sich immer nur kurz gegrüßt, maximal zwei oder drei höfliche Floskeln gewechselt.
Doch in dieser Woche hatte er es endlich gewagt, ein vernünftiges Gespräch mit ihr zu beginnen. Schließlich wohnte sie allein und er hatte sie noch nie mit Freunden oder Nachbarn sprechen gesehen. Vermutlich hatte sie hier in diesem kleinen Dorf noch keine Menschen richtig kennengelernt und irgendwie machte ihn das traurig und er hatte ein schlechtes Gewissen und verantwortlich fühlte er sich auch – warum auch immer.
Also hatte er sich ein wenig mit ihr unterhalten und sie war wahnsinnig nett und freundlich und ein wenig schüchtern und irgendwie niedlich, wie sie ständig rot wurde und in den Himmel sah, wenn sie nach den richtigen Worten suchte.
Sie war vertrauenserweckend und er musste jemandem davon erzählen. Er hatte es noch nie geschafft, seine Geheimnisse für sich zu behalten. Und heute war sie ganz allein auf dieses Thema gekommen, das war doch kein Zufall.
„Jetzt lebe ich schon seit vier Monaten hier und eigentlich war ich immer politisch interessiert, doch diese Bürgermeisterwahl überfordert mich.“, sagte sie und sah hilflos in den Himmel, über den einige Schäfchenwolken zogen. „Darf ich dich fragen“, setzte sie vorsichtig an „ob du schon weißt, wen du wählst?“
Er lächelte: „Ja. Nachdem ich im Gemeinderat bin und seit neunzehn Jahren Mitglied der SPD, weiß ich, welchen Kandidaten ich wählen werde.“
„Oh.“ Sie wurde rot. „Ich wusste nicht einmal, dass du im Gemeinderat bist. Tut mir leid.“ Sie war sichtlich verlegen.
Er winkte ab: „Ist doch egal. So wichtig ist der Gemeinderat in einem Dorf mit dreitausend Einwohnern auch wieder nicht. Außerdem…“ Er stockte. Jetzt oder nie. Er musste es loswerden. „Außerdem nervt mich die Politik immer mehr. Ich möchte aus der Partei austreten, ich möchte nicht mehr im Gemeinderat sein.“
Wie erleichternd es war, sein Geheimnis auszusprechen.
„Also… das weiß noch niemand. Solltest du also vielleicht für dich behalten.“
Jetzt war sie diejenige, die lächelte: „Wem sollte ich auch davon erzählen? Meine Familie, meine ganzen Freunde leben in Berlin. Die kümmern sich nicht um die Politiker in diesem hessischen Dorf. Ich werde dein Geheimnis also für mich behalten.“

Und nur zwei Tage später trafen sie sich zufällig wieder am Straßenrand. Sie hatten gerade erst ein paar Worte gewechselt, als der ältere Herr, der im Erdgeschoss wohnte, zum Briefkasten gewackelt kam. „Na Herr Schäfer!“, rief er dem Gemeinderat zu. „Ich hoffe, bei der diesjährigen Adventsfeier sind sie anwesend. Ich habe sie letztes Jahr vermisst.“
„Ach“, winkte der ab. „Diese Parteiveranstaltungen sind nicht so mein Ding.“
„Dennoch.“ Der alte Herr hob den Finger. „Die Partei braucht ihre Mitglieder. Dieses Jahr sollten sie kommen.“
„Das wäre dann aber das erste Mal.“, sagte er.
Sie warf ihm einen Blick zu und er warf ihr einen Blick zu und beide ergänzten sie im Stillen: und es wäre gleichzeitig das letzte Mal.
Wichtig nickend und scheinbar zufrieden mit diesen Worten drehte sich der alte Herr um und ging wieder zurück in seine Wohnung.
Sie zögerte eine Weile bis sie ihn doch wieder ansah. Er grinste und sie grinste.
Dieser Blick gerade eben. Dieses Wissen. Diese Vertrautheit. Dieses geteilte Geheimnis. Dieses wortlose Verstehen.
Vielleicht hatte sie gerade eben ihren ersten Freund in diesem hessischen Dorf gefunden.