Dorfszenen

Tauben auf dem Dach

Sie lebte erst seit wenigen Monaten hier, sie war seine Nachbarin, sie schien nicht viel auf Tratsch zu geben und außerdem war sie noch nicht in der Dorfgemeinschaft integriert.
All diese Gründe gingen ihm durch den Kopf, während er sich mit ihr unterhielt. Zum dritten Mal schon in dieser Woche.
Die Monate zuvor hatten sie sich nur selten gesehen, einmal auf dem Weg zum Bäcker, einmal als sie gleichzeitig die Post hereinholten, einmal als sie ihre Autoreifen wechselte und er gerade vom Büro nach Hause kam. Damals hatten sie sich immer nur kurz gegrüßt, maximal zwei oder drei höfliche Floskeln gewechselt.
Doch in dieser Woche hatte er es endlich gewagt, ein vernünftiges Gespräch mit ihr zu beginnen. Schließlich wohnte sie allein und er hatte sie noch nie mit Freunden oder Nachbarn sprechen gesehen. Vermutlich hatte sie hier in diesem kleinen Dorf noch keine Menschen richtig kennengelernt und irgendwie machte ihn das traurig und er hatte ein schlechtes Gewissen und verantwortlich fühlte er sich auch – warum auch immer.
Also hatte er sich ein wenig mit ihr unterhalten und sie war wahnsinnig nett und freundlich und ein wenig schüchtern und irgendwie niedlich, wie sie ständig rot wurde und in den Himmel sah, wenn sie nach den richtigen Worten suchte.
Sie war vertrauenserweckend und er musste jemandem davon erzählen. Er hatte es noch nie geschafft, seine Geheimnisse für sich zu behalten. Und heute war sie ganz allein auf dieses Thema gekommen, das war doch kein Zufall.
„Jetzt lebe ich schon seit vier Monaten hier und eigentlich war ich immer politisch interessiert, doch diese Bürgermeisterwahl überfordert mich.“, sagte sie und sah hilflos in den Himmel, über den einige Schäfchenwolken zogen. „Darf ich dich fragen“, setzte sie vorsichtig an „ob du schon weißt, wen du wählst?“
Er lächelte: „Ja. Nachdem ich im Gemeinderat bin und seit neunzehn Jahren Mitglied der SPD, weiß ich, welchen Kandidaten ich wählen werde.“
„Oh.“ Sie wurde rot. „Ich wusste nicht einmal, dass du im Gemeinderat bist. Tut mir leid.“ Sie war sichtlich verlegen.
Er winkte ab: „Ist doch egal. So wichtig ist der Gemeinderat in einem Dorf mit dreitausend Einwohnern auch wieder nicht. Außerdem…“ Er stockte. Jetzt oder nie. Er musste es loswerden. „Außerdem nervt mich die Politik immer mehr. Ich möchte aus der Partei austreten, ich möchte nicht mehr im Gemeinderat sein.“
Wie erleichternd es war, sein Geheimnis auszusprechen.
„Also… das weiß noch niemand. Solltest du also vielleicht für dich behalten.“
Jetzt war sie diejenige, die lächelte: „Wem sollte ich auch davon erzählen? Meine Familie, meine ganzen Freunde leben in Berlin. Die kümmern sich nicht um die Politiker in diesem hessischen Dorf. Ich werde dein Geheimnis also für mich behalten.“

Und nur zwei Tage später trafen sie sich zufällig wieder am Straßenrand. Sie hatten gerade erst ein paar Worte gewechselt, als der ältere Herr, der im Erdgeschoss wohnte, zum Briefkasten gewackelt kam. „Na Herr Schäfer!“, rief er dem Gemeinderat zu. „Ich hoffe, bei der diesjährigen Adventsfeier sind sie anwesend. Ich habe sie letztes Jahr vermisst.“
„Ach“, winkte der ab. „Diese Parteiveranstaltungen sind nicht so mein Ding.“
„Dennoch.“ Der alte Herr hob den Finger. „Die Partei braucht ihre Mitglieder. Dieses Jahr sollten sie kommen.“
„Das wäre dann aber das erste Mal.“, sagte er.
Sie warf ihm einen Blick zu und er warf ihr einen Blick zu und beide ergänzten sie im Stillen: und es wäre gleichzeitig das letzte Mal.
Wichtig nickend und scheinbar zufrieden mit diesen Worten drehte sich der alte Herr um und ging wieder zurück in seine Wohnung.
Sie zögerte eine Weile bis sie ihn doch wieder ansah. Er grinste und sie grinste.
Dieser Blick gerade eben. Dieses Wissen. Diese Vertrautheit. Dieses geteilte Geheimnis. Dieses wortlose Verstehen.
Vielleicht hatte sie gerade eben ihren ersten Freund in diesem hessischen Dorf gefunden.

 

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