Wir waren schlechte Touristen

London

8,5 Millionen Menschen in London
und für niemanden stank die Themse
so sehr wie für mich.
Nach faulen Eiern und
deinen faulen Ausreden.

3,5 Millionen Menschen in Berlin
und jeder spricht über die Mauer,
doch nur ich meine
die Mauer zwischen uns beiden.

3 Millionen Menschen in Madrid
und jeder genießt die Sonne,
während ich allein im Schatten stehe.
In deinem.

2,8 Millionen Menschen in Rom
und jeder bewundert die Gebäude,
doch ich sehe nur
wie sie einst brannten.
Für mich heißt du Nero.

2,1 Million Menschen in Paris
und jeder blickt zum Eiffelturm,
der für mich als einzige
das Gegenteil von Liebe bedeutet,
seit du darunter gestanden warst.

So viele Städte,
so viele Menschen.
Und das einzige,
woran ich mich zurückerinnern kann,
bist du und dein Blick der Einsamkeit,
weil du nie Zweisamkeit wolltest.

 

Klartext

Schreibmaschine

Es war ein Dienstag
und mein Leben fühlte sich an
wie ein Lückentext,
den ich nicht zu füllen vermochte,
weil ich ihn nicht verstand.
Zu viele Lücken,
zu wenig Text.
Es wird ganz allgemein
zu wenig Klartext geredet.
Insbesondere an diesem Dienstag,
an dem die Zeitungen
und die Gespräche in der Kantine
und die Radionachrichten
und die Unterhaltungen in der Bahn
gefüllt waren von Spekulationen.
Den Fernseher schaltete ich gar nicht erst an.
Dort wird allgemein zu viel inszeniert.

Von einem Optimisten und der Realität

Eisberge

Er war der personifizierte Optimismus. In seinem Wörterbuch kam „ausweglos“ nicht vor. Es gibt Ausweg und danach, sagt sein Duden, kommt Ausweichbewegung. Das sind Worte, die er benutzen kann, die in Ordnung sind für ihn. Doch ausweglos und Ausweglosigkeit wurden ersatzlos gestrichen.

Dann kam der Moment, in dem die Realität ihn einholte.
Er rannte schnell, durch Wasser, über rote Ampeln, am Meer entlang, sprang über Mauern, offene Gräber. Er rannte schnell, doch die Realität rannte schneller. Holte ihn ein, packte ihn, drehte ihn zu sich herum, damit er ihr endlich ins Auge sehen musste.
Und die Realität war so hässlich. So hässlich, dass er erschrak.
Doch seine Augen waren es gewohnt nach der Schönheit und nach der Hoffnung zu suchen, also wanderten sie über die Realität, Zentimeter für Zentimeter, und suchten nach einem Ausweg. Es war schwierig. Manche Berge sind zu hoch, um sie im Alleingang erklimmen zu können. Manche Ozeane zu weit, um sie im Alleingang durchschwimmen zu können.
Sein Mund stand leicht offen, er war noch immer ein wenig außer Atem vom verlorenen Wettrennen, und dann wurde aus seinen schmalen Lippen ein Lächeln. Fast wie von allein. Sein Gesicht kannte nichts anderes.
Wenn er das Spiel zu verlieren drohte, änderte er die Regeln. Ganz allein und ganz im Stillen, nur für sich. Nicht alle Berge mussten erklommen, nicht alle Ozeane durchschwommen werden und nicht alles musste allein geschafft werden.
Und so lächelte er die Realität an, zwinkerte ihr zu, nahm sie an der Hand.
„Hallo, alte Bekannte.“

Februar

Frost

Februar galt dem Überlebenskampf,
alles wurde vom Blau verschluckt
und du hülltest dich in Mäntel
und in Schweigen
und in bläulichen Zigarettenrauch.
Der Wind öffnete seinen Mund,
gemein und so vertraut.
Keine Wolldecke war warm genug,
lediglich kariert und geeignet zum Höhlen bauen.
Wir pflanzten Hyazinthen,
damit ein jeder sehen konnte,
wie dringend wir leben wollten
und die Hoffnung nicht aufgeben.

Firestorms in our ribcages

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It began where the sky is wide open,
in pink and vanishing light.
Ghosts sitting in my mouth,
singing a hooray to spring.
Today we speak the language of birds,
bathing in puddles,
blood-red
from heaven’s grief
for long gone times,
when there were battles to fight,
that could be won
with a sword.

Eat my heart entirely,
blood, the colour of a pomegrenade,
drips from your lips
in the lake  of fear.
Drip – drop.
Doveboy swings
on a graveyard,
the moment of flying destroyed,
spearheads in his back,
nailing his coffin.
Just learned the ABC.
A. Atomar
B. Biological
C. Chemical
26 letters for war.
Count backwards
but it does not end with Zero.

Backyard apocalypses,
courtyard apocalypses,
where stones fly
and words.
Lights between your lips
and in the centre
of this rackety figure
rain of sparks and fire
and flames and ashes,
falling loudly onto the streets,
underneath them: our dignity,
buried erect.
Sirens sing elegies
to never-happend secrets.
Look into the past,
see the future.

Your insides, they cry,
desperate for safety,
doubting, teethbaring
like this one wolf
full of fear and fascination
of fire.
Open your eyes
and your chest,
before your heart jumps out
and flutters and flutters,
like a bird
in a cage, not golden
but out of dread,
of tension and fear
of death.
Of other people’s
and your own.

Bombs shine brighter than suns,
firestorms in our ribcages,
closer to your heart
than your lover
who with his poetry killed you slowly.
Every battlecry carves you,
you and your spinal cord,
and all the space between your shoulderblades,
where a hand touched you
to bring you down.

Next stop: the bottom of cliffs
or the sea
whose foam
is far too hard to lie above waves.
Or a desert,
whose sand
resembles polished glass too much,
in whose reflection Death laughs
about the attempt
to hear time or to win the war.
Death is the only victor
that follows our battlecries,
knife whetting.
And weeping.

Eine Optische Täuschung der Zeit

Löwenzahn-Leichtigkeit

Manchmal frage ich mich, ob wir tatsächlich alle so schnell altern, wie es mir vorkommt. Vielleicht ist das auch nur eine optische Täuschung. Ein Bild, das sich ändert, wenn man es nur lange genug anstarrt. Oder wenn man nur oft genug hin- und wieder wegsieht.

Ich denke zurück an eine Zeit, die angeblich Jahre zurück liegen soll, sich aber wie gestern anfühlt.
Ich sehe Fotos, auf denen wir so aussehen, wie ich uns für immer im Gedächtnis behalte. Doch sobald ich sie mit der Realität vergleiche, sind da Unterschiede zu sehen, die mich erschrecken lassen.
Wir sind doch noch nicht alt und dennoch gibt es schon die ersten Lücken in unseren Reihen.
Verstritten. Weggezogen. Tot.

Wie kann es sein, dass 365 Tage so schnell vergehen können?
Wie kann es sein, dass Veränderung sich in unsere Leben schleicht. Wie eine Katze, die das Zimmer unbemerkt betritt, auf Samtpfoten, ohne einen einzigen Laut. Und plötzlich springt sie dir auf die Brust, während du nichts ahnend dalagst, in dein Buch vertieft. BAM! Ist da eine Veränderung die du irgendwie schon immer kanntest, aber noch nie wahrgenommen hast.
Und schon wieder sind drei Jahre vergangen, während du geistig das Alter von Menschen auf das Jahr 2011 hochrechnest.

Aber vielleicht täuscht das auch nur.