Weil man nicht jeden Mist mitmachen kann

Blumen benennen

Du wolltest doch schon immer anders sein.

Du und deine Freundinnen, ihr seid gerne gemeinsam nach draußen gegangen, vor allem im Frühling, wenn die Sonne endlich schien und die Blumen endlich blühten. Und das war auch alles, was euch miteinander verband. Während all die Mädchen Blumen pflückten, versuchtest du sie zu bestimmten. Du blättertest in deinem Naturführer, während die anderen Mädchen beide Hände voller Blumensträuße hatten.
In der Schule saßen doch immer alle gelangweilt an ihren Plätzen und hielten heimlich ihre Handys in der Hand, um Snake zu spielen oder viel zu viele, viel zu teure SMS zu schreiben. Schließlich war es cool, das Handyverbot zu ignorieren. Und wer wollte schon beim langweiligen Unterricht zuhören. Auch dir war der Unterricht oft zu langweilig, doch das war dir schon wieder genug Mainstream, also nahmst du den Duden mit und lerntest ihn auswendig. Die anderen hielten ihre Handys unter den Tisch, du hieltst den Duden.
Auf dem Weg zur Party, im vollen Auto, wenn ihr gemeinsam schon bei D. zuhause eine Flasche Wein geleert hattet und dir das genug Zusammengehörigkeit war, dann pfiffst du die Titelmelodie von „Game of Thrones“, während alle anderen versuchten zu David Guetta mitzugröhlen. Ich frage mich heute noch, wie du das schaffst – eine Melodie zu behalten, wenn um dich herum andere Musik tönt, lauter als das Trommelfell es eigentlich auszuhalten vermochte.
Und auch jetzt noch, wenn alle ihre Häuser bauen, ihre Familien gründen, ihr Leben in den Griff kriegen, jetzt unterbrichst du die Unterhaltungen, die dir viel zu erwachsen werden, legst eine leere Flasche Wein auf den Tisch und willst wissen „Tat oder Wahrheit?“.

Und weißt du, was ich mehr liebe als all deine Einzigartigkeit?
Deine Antwort, wann immer dich jemand fragt, warum du so anders bist als alle anderen; warum du mit aller Gewalt, die in deinem kleinen Körper steckt, gegen die Normalität ankämpfst.

„Man kann doch nicht jeden Mist mitmachen!“

 

Frühling

Krokusblüte

Hyazinthen blühen an jeder Ecke.
Enten wühlen das von der Sonne beschienene Wasser auf und bringen es zum Glitzern. Das erste Summen der Hummeln ist zu hören.
Ganze Wiesen voller Krokus.
Das erste Mal wieder Sonnencreme auf der Nase.
Ein viel zu kalter Wind und trotzdem weigern wir uns, eine Jacke anzuziehen.

Von Namen und von &

 

Feeling Scotland

Wir wagen es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.

Du bist P. und ich bin M. Du bist Er und ich bin Sie. Du bist mein Fehler und ich bin deine Verdammnis. Du bist Vermissen und ich bin Sehnsucht. Du bist Enttäuschung und ich bin Enttäuschung.

Ich glaube, es noch zu wissen. Und du glaubst, es noch zu wissen.
Wie es damals war. Als wir M&P waren. Ohne Leerzeichen, weil nichts zwischen uns stehen durfte. Außer dieses &. Fein geschwungen. In Baumstämme so schwer zu ritzen.
Dabei war dieses & das einzige, was uns überhaupt zusammenhielt. Und zwischendurch unsere Finger. Sie verschränkten sich so schön ineinander. Das musste doch ein Zeichen sein. Dachten wir. Damals.

Heute wagen wir es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.

April

Aprilblüten

April war Nachhausekommen.
Obwohl man gar nie
wirklich fort sein kann,
wenn das Zuhause
einfach mitkommt.
Ein Haus besteht
aus vier Wänden,
ein Zuhause
aus einem Herzschlag.
Sonne täuscht Wärme vor
und wird enttäuscht von Wolken.
Wahre Wärme kommt von Innen.
Oder von Dir.
Was wahrscheinlich
dasselbe bedeutet.

An der Nordsee

Lachmöwe

Wir fuhren mit dem Schiff zu Freunden meiner Eltern. Das Meer, die raue Nordsee, gab sich heute zahm und die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche als hätte jemand das Wasser verglast. Möwen kreisten um uns und kreischten.
Gleichzeitig mit einer Lachmöwe erreichten wir das Haus, ein uriges Gebäude aus dem letzten Jahrhundert, von zahlreichen Blumen umgeben, und in diesem Moment kam ein junger Mann um die Ecke, raspelkurze Haare, unglaublich groß, schlank und linkisch, und umarmte mich noch bevor ich erkannt hatte, dass es Nils war, der mich nun fast nicht mehr loslassen wollte und spitzbübisch angrinste.
Nils, zu dem ich immer bewundernd aufgeblickt hatte. Als man mir erzählt hatte, dass er zu studieren begann, während ich noch mit dem Gymnasium kämpfte. Als er mir geschrieben hatte, dass er sein Studium schmiss, während ich mit mir haderte, was ich wohl nach dem Abitur anstellen sollte. Als meine Eltern erzählt hatten, er würde Kapitän werden und auf weite Reisen gehen, während ich mir meinen Wochenendausflug nach Prag durch Ferienjobs ersparte.
Immer hatte ich ihn bewundert und jetzt stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass auch er mich bewunderte. Vielleicht aber auf eine andere Art und Weise.
Und ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte.

Sturmgedanken

Sturmwolken

Es herrschte diese Art von Wetter, bei der man das Haus nicht verließ. Und wer das Haus doch verließ, hatte zwei Möglichkeiten das zu tun.
Erstens: Zusammengekauert, gebeugt, sich so klein wie möglich machend. So wenig Angriffsfläche wie möglich bietend.
Zweitens: Aufrecht, erhobenen Hauptes, angriffslustig, die Schultern gestrafft, der Außenwelt die Stirn bietend. Mit dem ganzen Körper rufend: Hier bin ich.

Heute entschied sie sich für die zweite Möglichkeit. Gestern schon hatte sie siebzehn Stunden auf dem Sofa verbracht, unter ihrer Decke (‚Gudrun‘ sagte das Etikett) versteckt. Die restlichen sieben Stunden war sie im Bett gelegen. Vergeblich auf den Schlaf wartend.
Das war genug. Nun war es Zeit zu kämpfen.
Wenn sie schon den Kampf gegen das Vermissen verlor, dann wenigstens nicht den Kampf gegen das Wetter.

Die Haustüre wurde ihr beinahe aus den Händen gerissen, so stark war der Wind. Er zerrte an ihrem Mantel, an ihren Haaren, selbst an ihren Fingern. Also ballte sie die Hände zu Fäusten. Kniff den Mund zusammen und die Augen. Und schritt los.

Als man sie beinahe zwei Tage später in einem Stück Wald fand, zusammengekauert unter einem Baum Schutz suchend, wurde sie gefragt, wohin sie denn eigentlich wollte.
Und die einzige ehrliche Antwort, die sie geben konnte war: „Weg.“