von oben

über Wolken

Ich heb‘ ab, als hätte man mir zu viele Luftballons in die Hand gedrückt und plötzlich sehe ich alles von oben und mit Abstand.
Wolken sind watte und nebel und nass und irgendwie rosarot und regenbogen. Und das alles gleichzeitig.
Wer stört meine Flugbahn außer Flugzeuge (auf dem Weg zu unbekannten Zielen), denen ich mich nicht anschließen möchten, weil doch mein ganzes Leben eine einzige Unbekannte ist. Wie eine Gleichung, die nur aus x besteht.
Tief unter mir tanzen Autos ihr schwerfälliges Straßenballett, folgen grauen Schnüren, die sich Straßen nennen und hören auf tonlose Lichter in gelb und grün und rot.
Von hier oben ist alles friedlich, ergibt ein Muster und ergibt doch keinen Sinn. Von hier oben muss es auch endlich keinen Sinn mehr ergeben, ist doch das ganze Leben und Schweben und Fliegen und Fliehen sowieso alles sinnlos.

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Nie verschickte Postkarte #3

Postkarte #3

Lieber P.,

man hat mir erzählt, dass du neidisch wurdest als du hörtest, dass ich schon wieder in den Urlaub fliege. Du? Neidisch? Auf mich!? Immerhin bekamst du noch immer all die Unterstützung, von der ich nur träumen konnte. Und du gehst jetzt studieren.
P., du hast dir das selbst ausgesucht.
Ich habe lange gebraucht um zu akzeptieren, dass auch ich mir mein Leben irgendwie selbst ausgesucht habe. Und dass ich aufhören sollte, auf alles und jeden neidisch zu sein.
Du brauchst nicht neidisch auf mich sein, weil ich in den Urlaub fliege. Du könntest das auch tun. Es wäre für dich vielleicht schwieriger als für mich. Aber du könntest es tun.
Und ich brauche nicht neidisch auf dich sein, weil du studierst. Ich könnte das auch tun. Es wäre für mich vielleicht schwieriger (und sinnloser) als für dich. Aber ich könnte es tun.
Also lass uns doch bitte den Neid vergessen und einfach Geschwister sein.

Felicitas

Sieben Freunde

Armbänder

„Verdammt!“, dachte sie sich, als sie ihn in der Menschenmenge sah. „Auf den hab ich jetzt gar keinen Bock.“
Aber mit dem hatte sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Ein ziemliches großes sogar. Und sie war hier tausende Kilometer entfernt von ihrem Daheim, viel zu weit weg von ihrem alten Ich, um jetzt Angst vor so einem dummen Kerl zu haben. Sie war nicht mehr die schüchterne graue Maus, die sich hinter ihren Büchern versteckte und einfach alles schweigend hinnahm und so tat als wäre nie etwas gewesen.
Sie war jetzt eine Frau. (Okay, das Wort erschreckte sie noch immer. Auf jeden Fall aber war sie alt genug.) Trotzig schob sie also das Kinn vor, einmal Haare aus dem Gesicht streichen, tief durchatmen. Und ab durch die Menschenmenge, zielstrebig zu diesem Ungeziefer.
Ihre Freunde, mit denen sie heute Abend in dieses Pub gekommen war, standen alle beisammen. Nur Chris hatte bemerkt, dass sie aus dem Kreis getreten war und mit einem Stirnrunzeln erkannte er, wohin sie ging. Auch Anne hatte es gesehen und hielt Chris zurück. „Lass sie; den macht sie auch alleine fertig.“
Chris nickte, die Hände zu Fäusten geballt und ließ sie nicht aus den Augen.

Inzwischen war sie angekommen bei ihm. Er hatte sie noch nicht bemerkt, das kam ihr gerade recht, sie packte ihn – nicht unbedingt sanft – an der Schulter. Sofort drehte er sich um.
„Du…“, sagte er ein wenig überrascht, die Lippen zu einem spöttischen Grinsen gekräuselt.
„DU!“, rief sie. Beinahe hätte sie ihm den Finger in die Brust gebohrt. Doch sie wagte nicht ihn nochmal anzufassen. Aus Angst, er würde zurück fassen. Also hob sie den Zeigefinger und bohrte ihn in die Luft, wenige Zentimeter von seiner Brust entfernt.
„Du mieses Schwein! Lass mich bloß in Ruhe. Pack deine ganze Gang und hau ab! Du wusstest, dass ich Angst habe. Du wusstest es!“
Er beachtete sie mit mildem Interesse. Scheinbar mehr interessiert an der Musik im Hintergrund (The Editors, ‚Papillon‘) als an ihrer Schimpftirade.
„Meine Güte, das war ein Spaß.“, sagte er schließlich.
„Ein Spaß!? Geht’s noch!? Ich wäre beinahe ertrunken! So was soll witzig sein!?“ Das war die dümmste Lüge, die sie je gehört hatte und sie wurde so wütend, so unglaublich wütend, dass sie gar nicht mehr wusste, was sie sagen sollte. Für einen kurzen Augenblick überlegte sie, ihm eine zu scheuern. Sie entschloss sich dann aber doch dagegen. Stattdessen senkte sie ihre Stimme zu einem bedrohlichen Knurren: „Wenn du noch einmal versuchst mir etwas anzutun, wenn du noch einmal so in meine Nähe kommst und…“
„Was dann?“, unterbrach er sie. Seine Hand zuckte augenblicklich zu einem Schnitt über seiner Augenbraue. „Hetzt du dann wieder deinen Freund auf mich?“ Er spuckte das Wort verächtlich aus und unweigerlich suchte er den Raum nach Chris ab.
Sie kniff die Augen zusammen. „Er ist nicht mein Freund.“, fauchte sie. „Aber dort hinten warten sieben Freunde darauf, dir kräftig in den Hintern zu treten. Gib ihnen einen Grund. Nur einen! Und sie werden nicht zögern. Also halt deinen Mund und lass mich ein für alle Mal in Ruhe.“
Im Hintergrund standen die besagten sieben Freunde, alle beobachteten mittlerweile was dort vor sich ging, alle warfen gelegentlich besorgte Blicke zu Chris und ob er nicht wieder wütend werden würde und seine Faust nicht bei sich behalten könnte. Dieses Mal konnte er es. Seine Lippen waren gefährlich schmal, beinahe nicht mehr zu sehen, und wenn man ihn genau ansah, konnte man erkennen, dass seine Nasenflügel zitterten. Doch eine gewisse Genugtuung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Bebend vor Wut (und vielleicht auch ein kleines bisschen vor Angst), aber zufrieden mit sich, drehte sie sich wieder um. Jetzt war der gefährlichste Moment. Jetzt drehte sie ihm den Rücken zu. Sie wartete beinahe darauf, dass etwas passierte. Doch… nichts. Die Musik spielte weiter, der Kerl hinter ihr war still. Und all ihre sieben Freunde grinsten ihr zu, während sie sich durch die Menschenmenge zu ihnen zurückschob.

Keiner verlor jemals wieder ein Wort darüber, doch sie alle wussten, dass diese sieben Freunde wirklich nur darauf warteten, jemandem kräftig in den Hintern treten zu dürfen. Für ihre neue Freundin.

Liebeserklärung an F. – Teil IX

Wolkentürme

Wir wissen beide was Sache ist, wenn der andere sagt: „Komm mit, ich muss dir was zeigen.“
Es ist entweder der Mond oder die Sonne oder die Wolken oder der Himmel ganz allgemein.
Und dann stehen wir da, starren nach oben, sprachlos und atemlos.
Und im nächsten Atemzug entschuldigen wir uns beim Tod.

Wenn so unser Alltag aussieht, kann ich gut damit leben.

 

Teil I, Teil II, Teil III
Teil IV, Teil V, Teil VI
Teil VII, Teil VIII

August

Lichtpunkte

August ist der Neuanfang,
den man seit Monaten versucht
und zu dem man nun
gezwungen wird.
Es wurde
höchste Zeit.
Ferienzeit & Sommerloch
und irgendwie muss man
doch endlich mal
zur Ruhe kommen.
Die Hitze ist um uns
& in uns
und wir wissen nicht
wohin wir fliehen können.
Mein Vorschlag:
in den eigenen Kopf.
Dort gibt es sowieso
noch viel zu sortieren.

You are not invincible

Machu Picchu

Höher. Schneller. Weiter.
Immer mehr. Immer mehr.
Bis dein Körper sagt, dass du bitte aufhören sollst.
Schwächling.
Immer weiter, come on!
Ich will doch noch einen Berg erklimmen. Ein Buch schreiben. Die 7 Weltwunder sehen. Freunde treffen. Fenster putzen. 27 Bücher lesen. Und alles andere.
Stillstand ist Rückschritt.
Es gibt Dinge, die was zu sagen haben in deinem Leben: Freunde. Ehrgeiz. Angst.
Aber nicht: Der Körper.

Und dann meldet sich dein Körper erneut zu Wort. Nicht mehr vorsichtig fragend. Sondern vehement fordernd. Und dann… geht nichts mehr.
Erkenntnis #1: Du kannst auch kotzen, obwohl du nur Tee im Magen hast.
Erkenntnis #2: Du kannst auch kotzen, obwohl du nichts im Magen hast.

Dein Körper zieht einen Schlussstrich, obwohl dein Geist doch gerade erst angefangen hat. Schade nur, dass du auf diesen Körper angewiesen bist. Er lacht dich aus: „Na dann sieh mal, wie weit du ohne mich kommst.“
Ich verrate dir ein Geheimnis: Keinen einzigen Schritt weit.
Dein Körper verordnet dir eine Zwangspause und dir geht es zu schlecht um dich noch darüber zu beschweren. Endlich hält auch mal dein Kopf die Klappe. Er ist mit kämpfen beschäftigt.

Und wenn du nach einer ganzen Wochen zum ersten Mal wieder Nahrung behältst, ist es dir egal, dass diese Salzstangen jetzt nicht verdammt healthy sind. Du hast seit 7 Tagen nicht mehr geduscht, deine Haare sind also nicht mehr gerade das, was man fancy nennt. Und die Waage zeigt ein Gewicht, das du zuletzt vor 10 Jahren hattest. Viel zu skinny.
Aber weißt du was: I fucking do not care!

Das hier ist dein Körper. Und der ist nicht unkaputtbar.
Das hier ist dein Leben. Und das ist ebenfalls nicht unkaputtbar.

Vielleicht solltest du es langsamer leben. In einem Tempo, mit dem auch dein Körper Schritt halten kann.
Und jetzt: calm down.