Auseinanderdriften – Teil 1

Wien Graffiti

Oh wie hatte ich sie vermisst! Vor fünf Monaten noch hatte ich mir nicht vorstellen können, wie sehr man seine beste Freundin vermissen konnte. Doch da war ich auch noch nicht sechshundertfünfzig Kilometer weit weggezogen gewesen. Doch jetzt, fünf Monate später; jetzt, viereinhalb Monate ohne beste Freundin; jetzt wusste ich es.
WhatsApp Nachrichten reichten nicht aus. Und Telefonate, gequetscht in schmale Zeitfenster zwischen ihrem Feierabend und meinen Gruppenarbeiten, zwischen meinen Vorlesungen und ihrem Tennistraining, reichten ebenfalls nicht aus.
Aber jetzt, als ich Katja am Bahnsteig stehen sah, war es wie immer. Vertraut.
„Hat alles geklappt, das Umsteigen und so?“, fragte ich sie, während wir durch das Bahnhofsgebäude gingen. Ich konnte es gar nicht erwarten, ihr meine Stadt zu zeigen.
Katja schob ihre Brille zurecht und seufzte: „Du weißt doch, auf die Unpünktlichkeit der Bahn ist Verlass.“ Automatisch umfasste sie ihre Tasche enger, als wir an der Gruppe Obdachloser vorbeigingen, die immer hier an der Ecke zwischen Bäckerei und Sushi-Imbiss auf dem Boden saßen. Ich hatte mich schon so sehr an sie gewöhnt, dass ich sie sogar grüßte.
Wir erreichten den Ausgang und traten hinaus auf die Straße. Die Luft war kalt, es roch nach Winter, doch zwischen den Häusern schien die Sonne so golden hindurch wie im Herbst. Gespannt schaute ich nach rechts zu Katja, was sie wohl zu ihrem ersten Blick auf Wien sagen würde. Doch sie sah mich nur abwartend, ja fast ein wenig hilflos an. Am liebsten hätte ich ihr von der Herrlichkeit dieser Stadt erzählt, geschwärmt von den Menschen, vom Kulturangebot, von den Möglichkeiten, von der Schönheit! Doch ich glaubte, meine Monologe hatten sie schon am Telefon irgendwann gelangweilt. Ich biss mir beschämt auf die Lippen und fragte stattdessen: „Willst du gleich etwas essen? Ist ja schon fast Mittag.“
Katja sah auf ihre Armbanduhr und meinte: „Ja, stimmt. Aber seit wann hältst du dich an gewöhnliche Essenszeiten?“ Sie grinste mich an. Und ich konnte nicht anders als zurückgrinsen. Es war schön, wenn der wichtigste Mensch zu Besuch kam.
Ich schlug ihr ein Café vor, das ihr bestimmt gefallen würde. „Wir können uns raus setzen, das ist so schön! Ist halt etwas teurer. Aber die haben wenigstens richtig leckere vegetarische Gerichte“, erklärte ich.
„Du bist jetzt Vegetarier?“ Ihr Ton sagte alles und mein Herz wankte. „Aber dein Körper braucht das Eiweiß, die ganzen Nährstoffe. Kein Wunder, dass du so blass geworden bist.“ Sie sah mich besorgt an und mein Herz drohte zu stürzen.
Bitte, dachte ich mir, fang nicht du auch noch an. Meine Eltern haben gereicht. Bitte, versteh wenigstens du.
Sie musste meinen Blick erkannt haben – natürlich hatte sie das! Niemand kannte mich so gut wie sie es tat! – und winkte schnell ab: „Aber ist ja deine Entscheidung. Solange du gesund bleibst. Sonst zieh ich nach Wien und versorg‘ dich persönlich mit dem kalorienhaltigsten Essen, das ich finden kann.“
Mein Herz gewann sein Gleichgewicht zurück und ich musste lachen: „Klar, du Hungerhaken siehst ja auch so aus, als wüsstest du, was das Wort kalorienhaltig überhaupt bedeutet.“
Wir gingen durch den Schweizergarten, eine der vielen grünen Oasen in dieser Stadt, doch Katja schien das nicht so sehr zu genießen, wie ich es tat. „Die vielen Leute“, sagte sie schließlich „überall sind Menschen! Stört dich das nicht?“

Weiter geht’s mit Teil 2…

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