Auseinanderdriften – Teil 2

Wien Graffiti

Hier geht’s zu Teil 1

Wir gingen durch den Schweizergarten, eine der vielen grünen Oasen in dieser Stadt, doch Katja schien das nicht so sehr zu genießen, wie ich es tat. „Die vielen Leute“, sagte sie schließlich „überall sind Menschen! Stört dich das nicht?“
Beinahe entschuldigend zuckte ich mit den Schultern: „Man gewöhnt sich daran.“
Der Rest des Weges war ein Spießrutenlauf für mich. Jeder Mensch, der uns entgegenkam, jede Person, die irgendwo neben uns lief, war ein Störenfried. Doch Katja verlor kein Wort mehr darüber sondern erzählte mit ernster Miene von ihrer Mutter, die einfach keine Arbeit fand.
Es war verrückt: wenn man hier in Wien war, konnte man sich das Leben auf dem Land, in einer kleinen, armen Gemeinde gar nicht mehr vorstellen. So gern ich Katja zuhörte, ich konnte ihr nicht folgen. Es war, als wäre sie ein Eisberg, der langsam vom Festland abdriftete. Oder war ich diejenige, die abdriftete?
Schließlich erreichten wir das Café und wie erwartet machte Katja große Augen. „Die haben ja…“
„… Bücher an den Wänden.“, vervollständigte ich ihren Satz grinsend. „Und geiles Geschirr mit Blumen und so. Und das Essen ist lecker. Und wir werden uns in den Innenhof setzen.“
Und in diesem Moment war alles wieder wie früher. Wir waren begeistert, grinsten wie kleine Mädchen, hüpften beinahe durch das Café und schon fast fühlte ich mich barfuß, wie damals. Wir redeten wie früher, lachten über ihre nervige Kollegin, schimpften über meinen schlimmsten Professor. Diese Vertrautheit, wie ich sie vermisst hatte.
Und doch, irgendwann waren die unverfänglichen Themen ausgeschöpft, irgendwann ging es tiefer. Ganz unbemerkt schlich sich unser Gespräch von Vertrautheit zu Irritation.
Ich merkte es zuerst an ihrem Blick als ich von unserer Kellerparty erzählte. Weil die jeden Mittwoch war. Und wir am Donnerstag verkatert in die Uni gingen. „Bei mir würde das nicht gehen!“, stellte Katja entrüstet fest. „Ich muss mich konzentrieren beim Arbeiten, die Kunden würden sofort merken, dass ich nicht fit bin. Und mein Chef erst!“
Ihre Brille, ihr missbilligender Blick. Das ganze Mädchen schrie nach Tugendwächterin. Wann war das passiert? Wann war sie spießig geworden? Oder waren wir das schon immer gewesen und nur ich hatte mich geändert? Und die Großstadt hatte mich verändert? Wer entfernte sich von wem? Wer driftete ab?

Weiter geht’s in wenigen Tagen mit Teil 3…

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4 Gedanken zu “Auseinanderdriften – Teil 2

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