Auseinanderdriften – Teil 3

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Wer entfernte sich von wem? Wer driftete ab?
Dann stand plötzlich Micha vor mir. Er war mein liebster Mitbewohner. Er hatte mich davon überzeugt Vegetarier zu werden und er hatte mir in den letzten Wochen und Monaten geholfen, als Landei die Großstadt zu überleben. Er war der netteste und verrückteste und lustigste Mensch in München. Und Katja musterte ihn beinahe angewidert. Weil er Rastas hatte, viel zu weite Hosen trug und ziemlich nach Zigaretten roch. Weil er sich eine Zigarette hinter sein Ohr geklemmt hatte. Kurz: Weil er anders aussah als der Durchschnittsbürger im Spießerdorf.
Micha versuchte mit Katja zu reden, doch es war nicht zu übersehen, dass sie das nicht wollte. Wie sie kaum merklich die Nase rümpfte. Wie ihre Stimme herablassend wurde. Als wäre sie ihm um Welten überlegen.
Dabei war doch er derjenige, der überlegen war.
Im nächsten Moment schämte ich mich für den Gedanken, doch irgendwie war das doch auch die Wahrheit.
Ich schämte mich abwechselnd für sein ungepflegtes Aussehen (auch wenn er jedes Recht dazu hatte, so auszusehen wie er wollte) und für Katjas Verhalten (auch wenn sie doch nichts dafür konnte, dass sie so engstirnig aufgewachsen war.) Micha kapierte bald, dass er unerwünscht war. Er ließ mir noch ein Buch da, das er für mich aus der Bibliothek geholt hatte, und verschwand dann wieder.
Katja sah ihm nach und warf mir dann einen fragenden, irgendwie erschrockenen Blick zu.
Ignorier‘ das, sagte ich mir. Ignorier‘ das einfach.
„Aber erzähl mal, was stellst du jetzt immer so an?“, fragte ich, in der Hoffnung wieder auf sicheren Untergrund zu kommen.
Sie seufzte. „Weißt du, es ist nicht mehr so wie früher.“ Und ich musste ihr zustimmen. Bedingungslos. Es war nicht mehr so wie früher, nichts war mehr so wie früher.
Ich lebte in der Stadt, sie lebte auf dem Land.
Wir beide hatten uns verändert. In verschiedene Richtungen.
Sie erzählte von der Arbeitslosigkeit, von zu niedrigen Löhnen, von ihren Träumen, die sie sich nicht erfüllte, weil sie sich selbst im Weg stand. Früher war mir nicht aufgefallen, dass sie sich selbst aufhielt. Doch jetzt war es überdeutlich, wie sehr sie sich festband an ihren Job, an ihren Freund, an ihre Familie, an unseren perspektivenlosen Heimatort. Als wären das feste Ankerpunkte, von denen sie sich nicht lösen durfte. Als wäre es ein Verbrechen, sich davon loszusagen. Als wäre ich ein Verbrecher, weil ich hunderte Kilometer fortgezogen war. Sie sprach es nicht aus, doch sie sagte es klar und deutlich. „Weißt du, es ist nicht mehr so wie früher.“
Nein, das war es wirklich nicht mehr.
Früher waren wir gleich gewesen.
Jetzt waren wir auseinandergedriftet.

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4 Gedanken zu “Auseinanderdriften – Teil 3

  1. Das kommt vor, dass Freunde “auseinanderdriften“. Was mich etwas traurig stimmt beim Lesen Deines Textes, ist der Umstand, dass Ihr Euch beide vor allem über das definiert, was ihr nicht sein wollt (Du nicht so wie sie, und sie nicht so wie Du), und Euch nicht an dem freuen könnt, was Ihr bei allen Unterscheiden je für Euch alleine seid. Man bekommt etwas den Eindruck, dass Ihr beide zwar sicher nicht sein wollt, wie die andere ist, aber auch nicht wirklich glücklich damit seid, wie Ihr gerade seid.
    Wie auch immer, viel Glück beim Du sein! 🙂

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    1. Hallo Beat, vielen Dank für deinen Kommentar. Erstmal vielleicht noch kurz: Es geht in dem Text nicht tatsächlich um mich. Sondern mehr darum, was hätte sein können… Vielleicht… Mit anderen Personen….
      Du hast das Problem irgendwie auf den Punkt gebracht. Das war mir so noch gar nicht klar. Mir ging es um die Unsicherheiten des Erwachsenwerdens. Dieses sich ständig nicht sicher sein, ob man so jetzt sein darf oder sein möchte. Deine Worte haben das viel treffender gesagt, als es mir bisher klar war. Deswegen vielen Dank für diese Erkenntnis!

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