Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

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In Momenten wie diesem verstand ich, warum es Menschen gab, die sie fürchteten.

„Ich kann sehr wohl allein nach Hause gehen“, fauchte sie. „Oder was spricht deiner Meinung nach dagegen?“
Ich sah sie an, klein wie sie war, in einem verdammt kurzen Kleid, das unverschämt viel von ihren Beinen zeigte, sah in ihre Rehaugen, die sie angriffslustig zusammengekniffen hatte.
„Ich habe nicht gesagt, ich begleite dich nach Haus, weil du ein Mädchen bist“, sagte ich schnell. Klar, sie sah aus wie ein hilfloses Mädchen. Aber wenn sie eines nicht war, dann hilflos.
„Ich komme schon mit den Männern klar.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme.
„Ich weiß. Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Ich zwinkerte ihr zu. Weil sie dadurch nur noch grimmiger dreinsah, ergänzte ich: „Mensch, du bist immer noch die kleine Schwester meines besten Freundes. Max bringt mich um, wenn ich dich nachts allein durch die Straßen laufen lasse.“
„Ich werde auf deine Beerdigung kommen“, entgegnete sie trocken. Dann ging sie an mir vorbei und trat aus der Bar, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.

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3 Gedanken zu “Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

  1. Meine Eltern haben mir auch immer eingetrichtert, dass ich spät abends bloß nicht allein unterwegs sein soll, sondern immer in Begleitung. Dass es nur Mädchen so geht, ist mir erst klar geworden, als mein Freund mir mal ganz nonchalant erzählte, er sei schon als Kind im Dunkeln allein zum Sport gefahren, zur Schule, zum Praktikum… Die Welt ist manchmal echt ungerecht. Deshalb kann ich den Trotz deiner Protagonistin gut nachvollziehen. Finde ihre Schlagfertigkeit am Ende übrigens klasse! 😀 Aber vielleicht sollte der Freund sie trotzdem begleiten, vorsichtshalber. Denn wie er schon sagt: „Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Denn es stimmt, nicht die Mädchen sind das Problem, sondern die Männer.

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    1. Ich denke, das ist die ganz normale Erziehung von Mädchen. Ich hatte das Glück, dass ich schon als Kind auch im dunkeln durch das Dorf (zur Bücherei 🙂 ) gehen durfte. Allerdings hat man auch mir gegenüber viel häufiger Warnungen ausgesprochen als meinem Bruder. Es ist natürlich auch eine Tatsache, dass sexuelle Übergriffe häufiger von Männern auf Frauen begangen werden, als anders herum. Dennoch (oder gerade deswegen) sollten wir Frauen uns aus der Opferrolle kämpfen. Auch wir können stark sein 💪 Sollen die Männer ruhig nicht mit uns klar kommen 😉

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      1. Mir kommt da so ein Gedanke… vielleicht werden Mädchen auch gerade deshalb so oft zu Opfern, weil man sie schon von vornherein in die Opferrolle steckt: geh nicht allein nach Hause, pass auf dich auf, usw. Es stimmt schon, dass es mehr sexuelle Übergriffe von Männern auf Frauen gibt, aber Männer können genauso angegriffen werden. Ich frage mich, ob es nicht besser wäre, wenn man Mädchen nicht von vornherein diese Angst ins Gehirn einpflanzen würde, dann wären sie vielleicht selbstbewusster – auch allein, auch im Dunkeln – und würden Täter von vornherein abschrecken.
        Ist immer schwierig, die Balance zu finden zwischen Übervorsichtigkeit/Ängstlichkeit und mutwilliger Gefahrenaussetzung :’D

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