Willkommen zurück

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht vermisst habe, stehst du ganz oben.
Ich steige aus dem Auto, und die erste Person, die ich sehe, bist du. Es hilft nicht, dass du ganz hinten stehst. Dass fünf oder sechs oder acht oder zehn andere Menschen auch dastehen. Meine beste Freundin. Meine Mutter. Mein Blick fällt sofort auf dich. Was mein Herz da veranstaltet, kann ich nicht in Worte fassen. Stolpern? Hüpfen? Aussetzen? Was mein Magen veranstaltet, kann ich jedoch gleich beschreiben: er rebelliert. Mir wird kotzübel, und ich bereue es, dass ich während der vierstündigen Fahrt so viel gegessen habe. Die Schokolinsen wollen sich eine Weg an die Luft bahnen, aber ich schlucke und schlucke und knalle die Autotür zu und schaue dir in die Augen und gehe auf dich zu. Gut, dass noch andere Menschen da sind, sieben andere Menschen, die zwischen dir und mir stehen, die mich in den Arm nehmen, Fragen stellen, aufgeregt sind. Ich freue mich mit, umarme zurück, sage »nee, hab nur einmal kurz im Stau gestanden« und »schön, wieder hier zu sein« und »klar hab ich euch das sonnige Wetter mitgebracht«. Sieben Menschen sind nicht viel, wenn nicht einmal dreihundersechsundachtzig Kilometer gereicht haben, um genug Distanz zwischen uns zu bringen. Ich blicke auf den noch immer kaputten Gartenzaun der Nachbarn, ich blicke zu den Tauben, die auf dem Scheunendach sitzen, ich blicke auf meine Schuhspitzen, ich blicke überallhin, nur nicht zu dir, doch das lässt dich nicht verschwinden.
Du stehst vor mir, ich will es beiläufig wirken lassen, wie ich dich kurz umarme, während alle um mich herum nichts zu bemerken scheinen. Dass ich mich neben dir immer so klein gefühlt habe, liegt nicht nur daran, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um dein Gesicht sehen zu können. Ich lege den Kopf nicht in den Nacken, aber ich schließe die Augen und ich atme tief ein und ich antworte auf keine Frage mehr, denn ich höre nur »willkommen zurück«, als wäre es eine Liebeserklärung.
Auf der Liste der Dinge, die ich vermisst habe, stehst du ganz oben.

6 Gedanken zu “Willkommen zurück

  1. Du hast eine schöne, persönliche Art dich auszudrücken … mit den Gefühlen und den Widersprüchen, die du dabei empfunden hast. Dadurch kann ich mich sehr gut in diese Situation hineinversetzen. Die doch ein Mancher von uns in ähnlicher Form erlebt hat … herzlicher Gruß, Elli

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      1. Etwas liken ist ja schön und gut. Eine kleine Anerkennung. Mir selbst geht es aber so, daß ich persönliche Worte dazu hören möchte, was es mit dem anderem macht und was er beim Lesen fühlt !

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      2. Da hast du recht, ein Kommentar gibt viel mehr Aufschluss darüber, was meine Texte beim Lesen mit den Leser*innen machen! Trotzdem freue ich mich natürlich auch über jedes Sternchen ☺️

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