Leseprobe

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Beginnen wir ganz vorn, mit dem Prolog. Hier lernt ihr eine Person kennen, die später im Buch noch eine wichtige Rolle spielen wird…

Prolog
Oscar Severin

Mr Severin sah auf die Uhr. Der Journalist war unpünktlich. Und Severin hasste Unpünktlichkeit.
Ungeduldig ließ er seinen Blick von der Uhr zum Fenster wandern. Draußen fiel der erste Schnee. Vermutlich würde der Journalist das Wetter für sein Zuspätkommen verantwortlich machen. Als könnte man im Januar nicht mit diesem überflüssigen weißen Zeug rechnen.
Oscar Severin wusste genau, warum der Journalist unpünktlich war. Er wollte ihn ungeduldig machen. Tja, das hatte er geschafft. Er erhoffte sich dadurch sicherlich unüberlegte Antworten. Das würde er aber gewiss nicht schaffen.
Noch immer konnte sich Severin nicht erklären, wie dieser neugierige Mann auf die Sache mit Charlie Barrow gestoßen war. Was er noch mehr hasste als Unpünktlichkeit, waren neugierige Schnüffler, die nicht wussten wann sie ihre Nase aus Angelegenheiten heraushalten sollten.
Endlich klingelte sein Telefon. Mit einem knappen »Ja?«, hob er ab. Seine Sekretärin, die übereifrige Annie Avery, kiekste in den Hörer: »Mr Severin, Ihr Besuch ist da. Mr Hunter von der Welsh Post.«
»Bring ihn herein«, murrte Severin und legte auf.
Wenige Sekunden später wurde seine Bürotür geöffnet und ein kleiner, stämmiger Mann trat an Annie vorbei in das Zimmer.
Severin blieb noch kurz sitzen und musterte seinen Besucher von oben bis unten. Vor ihm stand ein Reporter wie aus dem Bilderbuch: er trug einen alten Wachsmantel über einem blass-karierten Hemd, das vielleicht vor zwanzig Jahren modern gewesen war und sich über dem fülligen Bauch spannte; verwaschene Jeans; eine lächerliche Mütze und einen mindestens ebenso lächerlichen Schnurrbart. Was natürlich nicht fehlen durfte, war die obligatorische Tasche. Darin hielt der Mann nicht nur Blöcke und Stifte bereit, sondern sicherlich auch ein Diktiergerät.
Endlich erhob sich Oscar Severin und begrüßte seinen unliebsamen Besucher mit einem kalten Händedruck.
Mr Hunter setzte ein Lächeln auf, das wohl freundlich sein sollte, für Severin aber verlogen wirkte. Unaufgefordert setzte er sich. Also ließ auch Severin sich wieder in seinen großen Sessel sinken.
»Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung, das Wetter…«, begann der Journalist. Severins wässrige Augen verengten sich.
Hunter kramte einen Notizblock und einen einfachen Kugelschreiber, der nach einem Werbegeschenk einer Versicherung aussah, aus seiner Tasche. Dann blickte er aufmerksam zu Severin. Dem war wohl anzusehen, dass er keine Lust auf Smalltalk hatte, denn Mr Hunter kam gleich zur Sache: »Sie wissen, weswegen ich hier bin. Der Fall Charlie Barrow… Der Fall des Schülers, der auf ungeklärte Weise spurlos aus ihrer Schule verschwand und…«
Er wurde unwirsch von Severin unterbrochen: »Charlie Barrow kam bei einem tragischen Unfall ums Leben.«
Mr Hunter lächelte milde. »Bitte verzeihen Sie mir meine Frage, wie es zu diesem Unfall überhaupt kommen konnte?«
Noch immer wusste Severin nicht, wie dieser Hunter erfahren hatte, dass Charlie aus seiner Schule verschwunden war.
Mr Hunter sah ihm direkt in die Augen. »Wie kann es passieren, dass eine Steinstatue einen Schüler unter sich begräbt?«
Langsam strich sich Oscar Severin über seine weißen Bartstoppeln. Alle Schüler von Angleridge hatten die Geschichte mit der umgestürzten Statue geglaubt. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass es wirklich so ausgesehen hatte, als wäre die große Statue einfach auf den Schüler gekippt.
Dass keiner der Schüler eine Leiche gesehen hatte, kümmerte niemanden. Immerhin hatte Severins treuster Lehrer, John Reed, versichert, den toten Jungen gefunden zu haben. Tatsächlich gab es gar keine Leiche, die jemand hätte finden können. Doch das war ein Detail, das nur Oscar Severin und etwa ein Dutzend seiner Schul- und Parteikollegen kannten.
Woher wusste der Reporter also davon?
Langsam antwortete Severin: »Das Gebäude, in dem meine Schule untergebracht ist, ist alt. Ebenso die meisten Gegenstände, die sich darin befinden. Es ist ein tragischer Zufall, dass diese alte Statue ausgerechnet dann ihrem Alter nachgeben musste, als der kleine Charlie darunter stand.«
Der Reporter zog eine Augenbraue nach oben, wobei sein Schnurrbart wackelte. »Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass es ausgerechnet den Jungen trifft, der erst wenige Wochen zuvor im Unterricht auffällig wurde? Den Jungen, der wenige Wochen zuvor im Unterricht lautstark verkündet hatte…«, Mr Hunter sah auf seinen Notizblock und las dann vor, »…dass Sie, Mr Severin, ein Lügner seien; ein verblendeter Patriot, der als Lehrer den Schülern die gleichen Lügen auftische wie Ihre Partei der Bevölkerung.« Mit einem zufriedenen Grinsen sah Mr Hunter von seinen Aufzeichnungen hoch in Severins kleine Augen.
Für einen kurzen Augenblick war Severin entsetzt. Wie konnte dieser Schnüffler davon wissen? Die wenigen Schüler, die Charlies Ausbruch während des Unterrichts mitbekommen hatten, waren schon genug von Severins angepassten Wahrheiten überzeugt gewesen. Sie sahen Charlie als Spinner, der mit dem Prüfungsstress und Leistungsdruck kurz vor Schuljahresende nicht zurechtkam.
Vermutlich gab es auf Angleridge keinen einzigen Schüler, der Charlies Unfall mit seinem Ausbruch fünf Wochen zuvor in Verbindung brachte. Außer vielleicht einen… Doch diesen Schüler hatte Severin stets im Blick…
»Alles Zufall?« Wieder wackelte der Schnurrbart.
Oscar Severin seufzte: »Ja, genau das ist es: ein seltsamer Zufall. Glauben Sie, ich würde einen Schüler umbringen, nur weil er mir widerspricht?« Er wartete nicht auf eine Antwort: »Dann würden jetzt vielleicht noch fünfzig Jugendliche in Angleridge leben.«
»Ich behaupte nicht, dass der arme Charlie Barrow umgebracht wurde«, antwortete Mr Hunter ruhig. »Immerhin gab es keine Leiche, die untersucht wurde.«
Der nächste Schlag direkt in Severins Gesicht. Auch davon durfte eigentlich niemand etwas wissen. Langsam wurde die Sache ernst.
Severin beschloss, dass es höchste Zeit wurde, seine gewisse Kraft zu gebrauchen. Der Journalist musste eindeutig von einer angepassten Wahrheit überzeugt werden. So zumindest nannte Severin seine Geschichten gerne.
Er beugte sich nach vorn und sah dem Anderen direkt in die Augen: »Mr Hunter, hören Sie mir gut zu.«
Der Mann zückte begeistert seinen Stift, in Erwartung auf die Story seiner Karriere.
»Mr Hunter, ich kann Ihnen versichern, dass Charlie Barrow bei einem tragischen Unfall in Angleridge ums Leben kam. Niemand bedauert dies mehr als ich, der ich als langjähriger Rektor dieser bedeutenden Schule verantwortlich bin für die Sicherheit meiner Schützlinge.«
Unverwandt hielt Severin den Blickkontakt. »Charlie Barrow ist tot. Sein Tod war ein tragischer Unfall, der nichts – und ich wiederhole: überhaupt nichts – damit zu tun hat, dass er mir Monate zuvor während des Unterrichts widersprochen hatte. Sie müssen doch selbst zugeben, dass das absurd wäre. Ihr Zitat entspricht übrigens auch nicht der Wahrheit. Das war wohl die journalistische Kreativität, die sie zu solchen Ideen hinreißen ließ.«
Mr Hunter war wie ausgewechselt. Seine Augen waren nicht mehr zu kritischen Schlitzen verengt. Stattdessen nickte er eifrig: »Ja, ich verstehe.« Er lächelte zufrieden und legte den Stift beiseite. »Vielen Dank für Ihre Offenheit. Bitte entschuldigen Sie meine Unterstellung. Der Mensch sucht stets nach Erklärungen für das Unerklärliche; und leider ist der Tod etwas, das niemand erklären kann…«
»Verständlich«, sagte Severin betont nachsichtig.
Er erhob sich und wartete ungeduldig bis der Journalist sein Schreibzeug eingepackt hatte. Er begleitete ihn zur Tür und vergewisserte sich noch einmal kurz, obwohl er kaum Zweifel daran hatte: »Sie werden den Vorfall also ruhen lassen?«
»Selbstverständlich«, beteuerte Mr Hunter. Dann verabschiedete er sich überschwänglich und ließ Oscar Severin allein in seinem Büro.
Der Mann lächelte. Zufrieden sah er auf das alte Foto seines Vaters, das an der Wand direkt neben dem Foto der Queen hing.
John Severin war für sein Vaterland gestorben. Damals war Oscar Severin gerade erst zwölf gewesen. Doch seit diesem verhängnisvollen Tag war ihm klar, dass er die Arbeit seines Vaters nicht nur fortführen, sondern noch viele, viele Schritte weiterentwickeln musste.
Es war an der Zeit, die Menschheit von der Genialität des Vereinigten Königreichs zu überzeugen. Das tat Severin nicht nur mit seiner Partei, British Earth, sondern auch mit seiner Schule.
Und wieder einmal hatte er es zu verhindern gewusst, dass jemand seine Pläne durchkreuzte.

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Hochzeitsprophezeiungen

Rosen

Schon seit 20 Jahren sage ich, dass du ihn heiraten wirst. Und bis gestern hast du das geleugnet. Mich ausgelacht.
Was nicht alles dazwischengekommen war. Zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Dabei war das schon im Kindergarten ganz deutlich gewesen, Dort hatte ich zum ersten Mal meine Prophezeiung über eure gemeinsame Zukunft ausgesprochen. Schließlich wart ihr unzertrennlich. Als das Leben nur aus Spielen bestand.
In der Grundschule wart ihr noch befreundet, aber irgendwie nur noch so ein bisschen. Denn ein bisschen peinlich war es euch auch schon. Welches Mädchen spielt denn schon mit Jungs? Ich will gar nicht wissen, was er sich alles von seinen älteren Brüdern hatte anhören müssen. Welcher Junge spielt denn schon mit einem Mädchen?
Wenig später fandest du alle Jungs doof. Wir wechselten auf das Gymnasium, alle zusammen in einer Klasse. Es war nicht zu übersehen, dass euch irgendetwas verband. Und doch fandest du ihn doof. Und er dich auch. Ich stand irgendwo dazwischen. Beschäftigt mit mir selbst und meinen kleinen Problemen. Und mit dem Erwachsenwerden.
Wir waren vielleicht 14 oder 15, als du Jungs plötzlich wieder interessant fandest. Du hattest deinen ersten Freund. Er seine erste Freundin. Ich wusste, dass es nicht halten würde. Weder bei dir, noch bei ihm. Nur du passt zu ihm und nur er passt zu dir. Auch wenn ihr das noch immer nicht hören wolltet.
Für das Abi lernten wir zu dritt. Ich hatte die Hoffnung, euch nun zusammenbringen zu können. Doch es war nur unser running gag: eure Hochzeit.
Denn schließlich gingst du als Aupair nach Rom. Und er studierte in Hamburg. Du zogst nach Köln zum Studieren. Er zog nach Lübeck – der Liebe wegen.
Und dann, 6 Jahre später, war alles aus. Dein Studium. Und du kamst zurück in die Heimat. Seine Liebe. Und er kam zurück in die Heimat. Während ich hier noch immer den DHL-Boten und den Bäcker und jede Straßenkatze beim Namen kannte. Ihr kamt zurück und wir waren wieder zu dritt. Für mich war es noch immer überdeutlich zu sehen, wie sehr ihr zusammengehört. Inzwischen war ich aber alt genug, um zu wissen, dass es nichts half, wenn ich das aussprach. Das musstet ihr selbst tun.
Das tatet ihr auch. Endlich.
Und gestern, da habt ihr euch entschieden, zu heiraten. Ganz aufgeregt hast du mich angerufen, mich gefragt, ob ich Trauzeugin sein wollte. So, wie wir uns das damals, als wir – kurz vor dem Abi – unsere Witze darüber gemacht hatten, ausgemalt hatten. Also fast genau so.
Und ich lächelte nur. Ich hatte es prophezeit.

Erkennungszeichen

Pik

Ich war spät dran, wie immer. Sicher hatten mir die Anderen einen Platz in ihrer Mitte freigehalten und bereits ein Wasser für mich mitbestellt. Wenn sie nett waren. Wenn nicht, hatten sie ein ganzes Glas Wodka für mich bestellt, damit ich doch auch endlich mal Alkohol mit ihnen trinken würde.
Sie verstanden es einfach nicht. Ich musste einen klaren Kopf behalten, ich musste immer bereit sein.
Das hatte man mir vor genau 13 Monaten gesagt. „Halte dich bereit. Wenn wir dich brauchen, werden wir es dich wissen lassen. Du erkennst uns an unserem Handgelenk. Und wir erkennen dich an deinem Handgelenk. Das Codewort kennst du.“ Ich hatte genickt. Es war genau hier gewesen. Ich war mit all meinen Freunden aus dieser Bar gestolpert und ich war abgefangen worden. Das Herz hatte mir bis zum Hals geschlagen, meine Freunde hatten nicht bemerkt, dass ich nicht mehr zwischen ihnen war, sie waren alle zu betrunken. Ich auch. Doch die Frau, die mich abgefangen hatte, hatte mir nicht wehtun wollen. Nur vorwarnen.
Und seitdem wartete ich auf das Codewort.
C. winkte mir zu, als sie mich endlich durch die Tür kommen sah. Sie hatte mir einen Platz neben sich freigehalten und dort stand ein Glas mit einer farblosen Flüssigkeit. Ich vermutete, es war Wodka, so sehr wie sich alle freuten, mich zu sehen. Ich ging auf sie zu und das war der Moment, in dem ich es hörte.
„Da waren überall schwarze Bäume. Ich schwör’s, die Bäume waren schwarz.“
Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Am Tisch, an dem ich gerade vorbeigegangen war, saßen ein paar junge Leute und ein Mann mit raspelkurzen Haaren und einschüchternden Schultern hatte den Satz gesagt. Die Bäume waren schwarz. Und nun warf er mir einen Blick zu, nur für einen Wimpernschlag, und ich wusste, dass es das war – das Codewort.
Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, ob ich es ignorieren konnte. Vielleicht war es nur ein Zufall. Doch ich wusste, dass es das nicht war. Trotzdem ging ich noch schnell zu C. und umarmte sie kurz. Ich spürte den Blick des jungen Mannes in meinem Rücken und sagte mit trockenem Mund: „Ich muss noch wo hin… Bin gleich wieder da.“
Und dann eilte ich wieder zur Tür hinaus, wo dieser junge Mann gerade um die nächste Ecke verschwand.
Ich folgte ihm, nervös. Kaum war auch ich um die Ecke gebogen, drehte er sich um und sah mich abwartend an. Sollte ich nun etwas sagen? Unschlüssig starrte ich zurück. Langsam hob er seinen Arm und zog den Ärmel seines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo: Pik.
Langsam hob ich meinen Arm und zog den Ärmel meines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo. Dasselbe.
Mein normales Leben war nun endgültig vorbei.

Erdball

Tunnel

Ich konnte nicht sprechen, in meinem Hals steckte ein ganzer Erdball.
Wir gruben Löcher & Tunnel, von meinem Mund bis zu meinem Magen, wo Schmetterlinge zu Raupen zu Schmetterlingen wurden und davon flogen auf meine Zunge und es dann nicht wagten, meinen Mund zu verlassen.
Ich schweige dir das schönste Gold, du gräbst weiter. Stocherst im Dunkeln, fischst im Trüben, nicht auf der Suche nach Gold, sondern nach Silber, nach Reden.
Was sollte ich dir sagen? Wie sollte ich es dir sagen?
Wo doch in meinem Hals ein ganzer Erdball steckt.

Hübsch?

Life for a cause

Du bist nicht hier, um hübsch zu sein.
Du bist hier, um die Welt aus den Angeln zu heben. Um Augen zu öffnen. Um Gedichte zu schreiben. Um die Wahrheit zu sagen. Um Streit zu beginnen und um Frieden zu schließen. Um den Himmel zu bemalen.

Lass dich niemals von jemandem auf „hübsch“ reduzieren.
Oder schlimmer noch: darauf reduzieren, hübsch sein zu wollen.