Sieben Freunde

Armbänder

„Verdammt!“, dachte sie sich, als sie ihn in der Menschenmenge sah. „Auf den hab ich jetzt gar keinen Bock.“
Aber mit dem hatte sie noch ein Hühnchen zu rupfen. Ein ziemliches großes sogar. Und sie war hier tausende Kilometer entfernt von ihrem Daheim, viel zu weit weg von ihrem alten Ich, um jetzt Angst vor so einem dummen Kerl zu haben. Sie war nicht mehr die schüchterne graue Maus, die sich hinter ihren Büchern versteckte und einfach alles schweigend hinnahm und so tat als wäre nie etwas gewesen.
Sie war jetzt eine Frau. (Okay, das Wort erschreckte sie noch immer. Auf jeden Fall aber war sie alt genug.) Trotzig schob sie also das Kinn vor, einmal Haare aus dem Gesicht streichen, tief durchatmen. Und ab durch die Menschenmenge, zielstrebig zu diesem Ungeziefer.
Ihre Freunde, mit denen sie heute Abend in dieses Pub gekommen war, standen alle beisammen. Nur Chris hatte bemerkt, dass sie aus dem Kreis getreten war und mit einem Stirnrunzeln erkannte er, wohin sie ging. Auch Anne hatte es gesehen und hielt Chris zurück. „Lass sie; den macht sie auch alleine fertig.“
Chris nickte, die Hände zu Fäusten geballt und ließ sie nicht aus den Augen.

Inzwischen war sie angekommen bei ihm. Er hatte sie noch nicht bemerkt, das kam ihr gerade recht, sie packte ihn – nicht unbedingt sanft – an der Schulter. Sofort drehte er sich um.
„Du…“, sagte er ein wenig überrascht, die Lippen zu einem spöttischen Grinsen gekräuselt.
„DU!“, rief sie. Beinahe hätte sie ihm den Finger in die Brust gebohrt. Doch sie wagte nicht ihn nochmal anzufassen. Aus Angst, er würde zurück fassen. Also hob sie den Zeigefinger und bohrte ihn in die Luft, wenige Zentimeter von seiner Brust entfernt.
„Du mieses Schwein! Lass mich bloß in Ruhe. Pack deine ganze Gang und hau ab! Du wusstest, dass ich Angst habe. Du wusstest es!“
Er beachtete sie mit mildem Interesse. Scheinbar mehr interessiert an der Musik im Hintergrund (The Editors, ‚Papillon‘) als an ihrer Schimpftirade.
„Meine Güte, das war ein Spaß.“, sagte er schließlich.
„Ein Spaß!? Geht’s noch!? Ich wäre beinahe ertrunken! So was soll witzig sein!?“ Das war die dümmste Lüge, die sie je gehört hatte und sie wurde so wütend, so unglaublich wütend, dass sie gar nicht mehr wusste, was sie sagen sollte. Für einen kurzen Augenblick überlegte sie, ihm eine zu scheuern. Sie entschloss sich dann aber doch dagegen. Stattdessen senkte sie ihre Stimme zu einem bedrohlichen Knurren: „Wenn du noch einmal versuchst mir etwas anzutun, wenn du noch einmal so in meine Nähe kommst und…“
„Was dann?“, unterbrach er sie. Seine Hand zuckte augenblicklich zu einem Schnitt über seiner Augenbraue. „Hetzt du dann wieder deinen Freund auf mich?“ Er spuckte das Wort verächtlich aus und unweigerlich suchte er den Raum nach Chris ab.
Sie kniff die Augen zusammen. „Er ist nicht mein Freund.“, fauchte sie. „Aber dort hinten warten sieben Freunde darauf, dir kräftig in den Hintern zu treten. Gib ihnen einen Grund. Nur einen! Und sie werden nicht zögern. Also halt deinen Mund und lass mich ein für alle Mal in Ruhe.“
Im Hintergrund standen die besagten sieben Freunde, alle beobachteten mittlerweile was dort vor sich ging, alle warfen gelegentlich besorgte Blicke zu Chris und ob er nicht wieder wütend werden würde und seine Faust nicht bei sich behalten könnte. Dieses Mal konnte er es. Seine Lippen waren gefährlich schmal, beinahe nicht mehr zu sehen, und wenn man ihn genau ansah, konnte man erkennen, dass seine Nasenflügel zitterten. Doch eine gewisse Genugtuung stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Bebend vor Wut (und vielleicht auch ein kleines bisschen vor Angst), aber zufrieden mit sich, drehte sie sich wieder um. Jetzt war der gefährlichste Moment. Jetzt drehte sie ihm den Rücken zu. Sie wartete beinahe darauf, dass etwas passierte. Doch… nichts. Die Musik spielte weiter, der Kerl hinter ihr war still. Und all ihre sieben Freunde grinsten ihr zu, während sie sich durch die Menschenmenge zu ihnen zurückschob.

Keiner verlor jemals wieder ein Wort darüber, doch sie alle wussten, dass diese sieben Freunde wirklich nur darauf warteten, jemandem kräftig in den Hintern treten zu dürfen. Für ihre neue Freundin.

Liebeserklärung an F. – Teil IX

Wolkentürme

Wir wissen beide was Sache ist, wenn der andere sagt: „Komm mit, ich muss dir was zeigen.“
Es ist entweder der Mond oder die Sonne oder die Wolken oder der Himmel ganz allgemein.
Und dann stehen wir da, starren nach oben, sprachlos und atemlos.
Und im nächsten Atemzug entschuldigen wir uns beim Tod.

Wenn so unser Alltag aussieht, kann ich gut damit leben.

 

Teil I, Teil II, Teil III
Teil IV, Teil V, Teil VI
Teil VII, Teil VIII

August

Lichtpunkte

August ist der Neuanfang,
den man seit Monaten versucht
und zu dem man nun
gezwungen wird.
Es wurde
höchste Zeit.
Ferienzeit & Sommerloch
und irgendwie muss man
doch endlich mal
zur Ruhe kommen.
Die Hitze ist um uns
& in uns
und wir wissen nicht
wohin wir fliehen können.
Mein Vorschlag:
in den eigenen Kopf.
Dort gibt es sowieso
noch viel zu sortieren.

You are not invincible

Machu Picchu

Höher. Schneller. Weiter.
Immer mehr. Immer mehr.
Bis dein Körper sagt, dass du bitte aufhören sollst.
Schwächling.
Immer weiter, come on!
Ich will doch noch einen Berg erklimmen. Ein Buch schreiben. Die 7 Weltwunder sehen. Freunde treffen. Fenster putzen. 27 Bücher lesen. Und alles andere.
Stillstand ist Rückschritt.
Es gibt Dinge, die was zu sagen haben in deinem Leben: Freunde. Ehrgeiz. Angst.
Aber nicht: Der Körper.

Und dann meldet sich dein Körper erneut zu Wort. Nicht mehr vorsichtig fragend. Sondern vehement fordernd. Und dann… geht nichts mehr.
Erkenntnis #1: Du kannst auch kotzen, obwohl du nur Tee im Magen hast.
Erkenntnis #2: Du kannst auch kotzen, obwohl du nichts im Magen hast.

Dein Körper zieht einen Schlussstrich, obwohl dein Geist doch gerade erst angefangen hat. Schade nur, dass du auf diesen Körper angewiesen bist. Er lacht dich aus: „Na dann sieh mal, wie weit du ohne mich kommst.“
Ich verrate dir ein Geheimnis: Keinen einzigen Schritt weit.
Dein Körper verordnet dir eine Zwangspause und dir geht es zu schlecht um dich noch darüber zu beschweren. Endlich hält auch mal dein Kopf die Klappe. Er ist mit kämpfen beschäftigt.

Und wenn du nach einer ganzen Wochen zum ersten Mal wieder Nahrung behältst, ist es dir egal, dass diese Salzstangen jetzt nicht verdammt healthy sind. Du hast seit 7 Tagen nicht mehr geduscht, deine Haare sind also nicht mehr gerade das, was man fancy nennt. Und die Waage zeigt ein Gewicht, das du zuletzt vor 10 Jahren hattest. Viel zu skinny.
Aber weißt du was: I fucking do not care!

Das hier ist dein Körper. Und der ist nicht unkaputtbar.
Das hier ist dein Leben. Und das ist ebenfalls nicht unkaputtbar.

Vielleicht solltest du es langsamer leben. In einem Tempo, mit dem auch dein Körper Schritt halten kann.
Und jetzt: calm down.

Nie verschickte Postkarte #2

Postkarte #2

Liebe D.,

ich konnte nicht vergessen wie traurig du aussahst, als du sagtest, dass du mit den Männern einfach kein Glück hast. Ich habe auch deinen Blick bemerkt, als ich von mir und F. erzählt habe. Und beinahe hätte ich mich für mein Glück entschuldigt.
Natürlich tut es mir Leid, dass du unglücklich bist. Dass du scheinbar immer nur die falschen Männer kennenlernst.
Aber D., vergiss nicht, dass du auch allein ein großartiger Mensch bist. Auch ohne Freund an deiner Seite kannst du Abenteuer erleben, kannst du Spaß haben, kannst du dich wertvoll fühlen!
Und ich möchte dir den Rat geben: Warte lieber ein paar Monate, Jahre, Jahrzehnte länger auf einen Mann, der es wert ist. Bevor du den Nächstbesten nimmst.
Denn eine unglückliche Beziehung ist auch nicht besser als Liebeskummer!

Deine Felicitas

How to make yourself invisible

Meerblau

  • Spill ink only into the ocean,
    the waves won’t hear you weep
  • Drive backwards in the alley
    that is never lightened at night
  • Cry out loud
    only in forests where no one can hear you
    except the birds and the leaves
    and the fox that hides even better than you do
  • Move your hands and your fingers
    in small circles and pretend
    to always hold a cup of tea
  • Scratch open all your scars and bruises
    only when you are drowning
    in a sea of crimson paintings
  • Find a pullover that is as good
    as an invisibility cloak
  • never look up, into other people’s eyes,
    if you can’t see them, they can’t see you
  • Realize that all existency is just made
    of light & reflexions
  • And finally stop taking everything
    and especially yourself
    so seriously
  • It is just part of another story

Planlos

Straßenkarte

Was, wenn ich keinen Plan vom Leben habe?

Du gehörst zu den Menschen, die das Gestern, Heute und Morgen dokumentiert vor sich haben; schön aufgelistet wie einen Stundenplan, aufgemalt wie eine Straßenkarte. Geordnet und sortiert.
Du weißt, was du willst. Hast deine Ziele. Und weißt genau, wie du sie erreichen möchtest. Falsch, wie du sie erreichen wirst. Denn du hast auch Plan B. Und Plan C. Nur für alle Fälle.

Was würdest du machen, wenn die aber alle nicht reichen? Wenn dir jemand die Welt auf den Kopf stellt; deine Pläne zunichte macht?
Würdest du diese Person hassen?
Vielleicht nur für den ersten Moment?
Und wärst du später dann dankbar dafür?

Darf ich diese Person sein?

Ich, die einfach immer so vor sich hinlebt. Die höchstens aus reinem Zwang Pläne macht. Nur um sie sowieso wieder über den Haufen zu werfen.

Darf ich deine perfekten Pläne zerstören?