Wüten(d)

Du bist gebleckte Zähne
bereits bevor du das Bett verlässt,
du singst Lieder über Dunkelheit,
du kleidest dich in Zorn
und ausnahmslos in Schwarz.
Du bist Weisheit und Wut
und alles, was dazwischen liegt.
Du stehst aufrecht
und gehst zielstrebig.
Es sagt niemand zu dir,
doch hinter deinem Rücken
wird gesprochen.
Geflüstert.
»Möchte ich nicht zur Feindin haben.«
Du fürchtest keinen Feind,
der einzige Feind
wartet hinter Spiegeln,
die schwarz schimmern,
du fürchtest nichts,
was auf zwei Beinen steht.
Du hinterlässt ein Schlachtfeld
wie andere ein Abendessen hinterlassen,
unaufgeräumt und zufrieden,
denn mit Schlachtfeldern
kennst du dich aus,
dein größtes ist in dir.

Horoskop

Wassermann: Gefühle sind zum Fühlen da, du kannst den Schmerz und die Liebe nicht ewig vermeiden.
Fische: Vielleicht findest du dein Glück in der Familie. Vielleicht solltest du auch außerhalb mal nachsehen.
Widder: Höre auf mit dem Warten, es wird Zeit, dass du die Dinge selbst in die Hand nimmst.
Stier: Mit Sturheit kommt man selten ans Ziel. Nenne es Hartnäckigkeit und wisse, wann sie enden muss.
Zwillinge: Lerne die Zweisamkeit zu schätzen, wenn du mit der Einsamkeit klarkommst. Oder schon davor.
Krebs: Mit dem Kopf durch die Wand findet man selten Harmonie. Versuche es mit einem Kompromiss.
Löwe: Hör auf dein Herz. Aber denke gelegentlich auch an deinen Verstand.
Jungfrau: Das weiß doch keiner so genau. Versuche daraus zu lernen.
Waage: Lerne die Einsamkeit zu schätzen. Du bist nicht du selbst, wenn du immer zu zweit bist.
Skorpion: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Verdrängung ist keine Entscheidung, doch manchmal die einzig mögliche.
Schütze: Gehe los. Bitte. Du könntest das Hier zu einem besseren Ort machen.
Steinbock: Warte nicht auf die Selbstsicherheit. Zweifel sind dazu da, überwunden zu werden.

Recyclinggefühle

Ich recycle alte Texte, ich recycle die Gefühle von damals, denn nichts und niemand hat mich je so fühlen lassen, wie du. Doch die Gefühle sind vorbei, ich habe sie hinter mir gelassen. Schon lange. Länger, als mir bewusst war. Was ich nicht wusste: Ich habe auch die besten Texte hinter mir gelassen. Texte sind Gefühle. Und wenn die größten Gefühle vorbei sind, sind auch die größten Texte vorbei.
Also suche ich die alten Texte zusammen, alte Sätze, alte Fragmente, alte Worte, alte Gefühle, und setze sie zusammen, schaffe etwas ganz Neues aus ihnen, etwas Besseres womöglich, denn ich habe dazugelernt. Beim Schreiben und beim Fühlen.

Frühlingsträgheit

Ich schließe die Augen. Der Wind ist noch zu kalt, und die Wiese unter meiner Haut ebenfalls, doch die Sonne hat genug Kraft, um zu spüren, dass das Sonnenbrand gibt auf der Nase und Sommersprossen auf den Schultern. Überall zwitschern die Spatzen und die Stare und die Amseln, und manchmal brummt eine Biene in der Nähe, und das leise Rauschen der Blätter ist allgegenwärtig, und irgendwo im Hintergrund hört man Kuhglocken.
Wäre Trägheit etwas, das man hören kann, es wäre diese Ansammlung an Geräuschen bei geschlossenen Augen.

Züge, die niemals kommen

Da ist der Bahnhof, und da sitzt sie.
Da hasten Menschen, und da sitzt sie.
Da rollen Züge, und da sitzt sie.
»Vorsicht bei der Einfahrt«
»Der ICE von Mannheim«
»Zehn Minuten Verspätung«
»Auf Gleis 3«
Der Kioskverkäufer kennt sie inzwischen, obwohl sie nie etwas bei ihm kauft. Weil sie nie etwas bei ihm kauft. Obwohl sie immer eine Ewigkeit dasitzt. Und wartet.
Sie verschwindet meistens (immer), wenn er gerade nicht hinsieht, und er weiß nicht, ob sie in Züge steigt, ob sie jemanden abholt, was sie überhaupt hier macht, ohne Gepäck, ohne Gesellschaft, ohne Beschäftigung.
Irgendwann siegt die Neugierde, wie sie es doch immer tut. Er hat Feierabend und sie sitzt da, wie sie es immer tut, und er ruft seiner Kollegin »lass dich nicht ärgern« zu, wie er es immer tut. Menschen tun etwas so lange immer, bis sie es eben nicht mehr tun. Heute geht er nicht zur Treppe, heute geht er zu ihr.
»Hey.«
Sie schaut nur kurz auf. »Hey.«
Es klingt so, als würden sie sich kennen. Was sie vielleicht auch tun.
Er braucht einen Moment, um dieses seltsame Gefühl zwischen Angst davor, sich zum Idioten zu machen, und Neugierde zu ignorieren. »Was genau machst du eigentlich immer hier?«
»Ich warte.« Die knappe Antwort passt nicht zu ihrer freundlichen Stimme und ihrem fast schon amüsierten Lächeln.
»Worauf?«
»Auf Züge.«
Er nickt, als würde er das verstehen, auch wenn er das nicht versteht. Nach einigen Sekunden des Schweigens deutet er um sich. »Hier gibt’s ein paar zur Auswahl. Auf welche genau?«
»Ich warte auf die Züge, die niemals kommen.«

Hunger

[Triggerwarnung: Essstörung]

Mit 6 beobachtest du deine Mutter zum ersten Mal dabei, wie sie sich selbst in den Bauch zwickt und sagt »Speckgürtel«.
Mit 8 macht sie es zum ersten Mal an deinem Bauch.
Mit 9 wirst du im Sport »dicke Hummel« genannt, und obwohl du Hummeln lustig findest, weißt du sofort, dass es eine Beleidigung ist.
Mit 9,5 sagt deine ganze Familie »Hummel« zu dir. Es reicht nicht, dass du weißt, dass sie dich eigentlich lieben.
Mit 10 sagst du zum ersten Mal nein zu einer Süßigkeit, die du eigentlich essen wolltest. Deine Mutter nickt anerkennend.
Mit 11 beginnst du deine erste Diät.
Mit 13 erzählt dir eine Klassenkameradin, dass sie sich ritzt und über Bulimie nachdenkt. Du denkst nicht nur darüber nach, du fängst es an.
Mit 13,5 siegt der Hunger. Du beginnst mit joggen. Zuerst die kurzen Strecken, dein Körper hat keine Kraft. Irgendwann exzessiv. Das Würgen kennst du schon.
Mit 14 isst du nicht mehr mit deinen Eltern am Tisch. Du ernährst dich von Gurken und Karotten.
Mit 15 heißt du plötzlich »Hungerhaken«.
Mit 15,5 macht dein erster Freund mit dir Schluss, weil er deine Rippen eklig findet. Du zählst sie jeden Tag.
Mit 16 ritzt sich deine Klassenkameradin nicht mehr. Du bist neidisch, weil sie über diese pubertäre Phase hinweg ist. Du schämst dich, dass deine pubertäre Phase nicht endet. Was du nicht weißt: Sie ist in Therapie.
Mit 17 stopfst du dir Socken in den BH. Und zählst noch immer täglich deine Rippen.
Mit 19 fragt dich zum ersten Mal jemand »Geht es dir gut?« anstatt »Hast du abgenommen?«
Mit 20 begibst du dich in Therapie.
Mit 20,5 erkennst du, du hungerst nicht nur nach all dem Essen, das du dir verbietest, du hungerst nach allem anderen auch. Nach Leben. Nach Lieben. Nach Akzeptanz.
Mit 21 kannst du das Ziehen in deinem Bauch zum ersten Mal wieder als normalen Hunger deuten.
Mit 22 zählst du zum ersten Mal nicht mehr die Kalorien im Kopf.
Mit 25 sagt dir zum ersten Mal jemand »Ich liebe dich«, und du fragst dich nicht, ob du gerade gut aussiehst.
Mit 26 hast du 20 Jahre lang gegen deinen Körper gekämpft. Mit 26 kannst du dich noch immer nicht ständig lieben. Aber du kannst dich akzeptieren.

Abrechnung mit einer griechischen Göttin

Ich bin das Orakel, das vor deine Haustür spuckt. Webe Worte zu Flüchen und trenne Fäden kurz nach deinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Du warst schon immer größer als ich. Wenn das Leben nur aus Wettbewerben bestände, du würdest sie alle gewinnen. Bist schneller als der Sieg, stärker als Atlas, der doch die ganze Welt trägt, mutiger als ich, selbst wenn ich die Schwester von Apollo wäre. Du wüsstest nicht einmal, wie man Furcht buchstabiert, wärest du nicht klüger als die Sonne hell. Dein Körper wie eine Statue, die Proportionen perfekter als Michelangelo sie jemals erschaffen könnte. Beherrscht alle Künste, beginnend bei der Musik, nicht endend mit der Liebe. Deine Haare wie Wellen, meine sind Schlangen. Doch ich versteinere nicht dich. Alles, worauf ich warte, ist der Grund für all das. Die einzige Person, die ich zu Stein verwandeln möchte. Und das bist nicht du. Werfe Würfel und sehe, dass Gefühle keinem Wettbewerb standhalten, auch keinem göttlichen. Verliere im Neid. Unentschieden in der Gunst. Denn Göttinnen müssen tun, was Göttinnen nunmal tun. Stark sein. Die Götter stürzen. Gemeinsam.

Augenmaß

Du sagst, meine Bilderrahmen hängen schief und der Kalender auch. Das stört dich so sehr, dass du nicht einmal merkst, dass er den falschen Monat zeigt. Im falschen Jahr. Du fragst, ob ich nicht vernünftig messe. Ich antworte, dass ich nie etwas abmesse. Ich behaupte, dass ich nicht einmal einen Meterstab besitze. Beides ist gelogen. Ich messe den ganzen Tag. Den Abstand zwischen dir und mir. Ich messe die Sekunden mit dir. Und jedem Satz von dir Bedeutung bei. Ich weiß, dass dein Augenmaß genauer ist als meines je sein könnte. Du sprichst so oft von deinem Inneren Monk, dass ich ihn manchmal direkt anspreche. Versehentlich. Mit voller Absicht. Wenn ich meine Bilderrahmen schief hängen lasse, damit du mich das nächste Mal wieder darauf hinweisen kannst. Es ist wie ein Spiel. Von dessen Existenz nur eine Person weiß. Somit kann nur eine Person gewinnen. Oder nur eine Person verlieren. Ich erkenne selbst mit schlechtem Augenmaß, dass das nur schiefgehen kann. Aber ich mag es schief.

Bewaffnete Töchter

Fragt uns Mädchen nicht
nach unseren langen Beinen
in kurzen Röcken
in hohen Schuhen,
wir rennen schneller
als ihr
wir rennen
hinter euch her,
aber nicht so
wie ihr hofft,
sondern so
wie unsere Mütter
es uns beibrachten.
Wir überrennen euch
und überholen euch
und halten nur an,
um uns das Blut abzuwischen
von Schuhen oder
von nackten Beinen.
Wir haben keine Angst vor euch,
wir haben keine Angst vor Blut,
wir bluten mehr als ihr,
wir rennen mehr als ihr,
wir sind mehr als ihr.

Die Einsamkeit trägt deinen Namen

Ich lasse jedes Licht in jedem Raum brennen, als könnte ich mich selbst austricksen, damit ich glaube, du wärst noch immer da. Ich lasse den Fernseher laufen, lauter als ich sollte, damit ich immer jemanden sprechen höre, und wenn es nur Werbung ist für ein Auto, das ich nicht brauche. An manchen Tagen schaffe ich es, die Fenster zu öffnen, die Luft ist noch zu kalt, ernüchternd, schockierend, ein kleines Lebenszeichen womöglich. Die Nudeln reichen noch immer für zwei. Tage. Nicht Menschen. Die Spülmaschine wird nicht mehr voll, Geschirr von mir allein, von einer Person, die es nicht schafft, regelmäßig zu essen, regelmäßig Beruhigungstee zu trinken, regelmäßig benutztes Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, anstatt es überall einfach stehen zu lassen. Ich wundere mich, dass noch kein Teller, kein Glas, noch gar nichts zerbrochen ist, obwohl ich meist blind bin vor Tränen. Scherben bringen Glück, vielleicht ist mir selbst dieses Glück verwehrt. Manchmal gehe ich einkaufen, doch die Auswahl lähmt mich und meistens sind es nur Weintrauben (die hast du mir an meinen schlimmsten Tagen mitgebracht. Weil sie keine Zubereitung brauchen. Weil sie süß sind, aber gesünder als Schokolade). Und Schokolade. Und Nudeln. Und mindestens zwei dieser Gläser mit Gemüsebrühenpulver, weil Suppe doch helfen soll beim Heilen. Ich versuche es mit diesem Heilen, vielleicht klappt es irgendwann, doch im Moment bin ich nur Leid und Einsamkeit.