wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

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Gut genug.

Ratschläge geben kann ich besser als meine Mutter und meine Großmutter zusammen. Das mit dem Einhalten funktioniert so gut wie bei allen Menschen. Gar nicht. In meinem Tagebuch, das fürchterlich altmodisch unter meinem Kopfkissen liegt, weil letzteres ohne ersterem zu niedrig wäre und ich nicht schlafen könnte, halte ich den Erfolg fest. Kamillentee getrunken. Nicht angerufen. Nicht geweint. Geschlafen. Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.
Und eigentlich bin ich immer nur damit beschäftigt, mich für den Platz zu entschuldigen, den ich einnehme. Weil ich nicht dieses kleine, zarte, leichtfüßige, ruhige Mädchen bin, das man immer in Filmen zu sehen bekommt. Zu mir sagt niemand, mein Lachen sei ansteckend. Doch ansteckendes Weinen ist auch nur in Filmen erwünscht.
Deswegen schalte ich den Fernseher nicht mehr an. Kinos mochte ich sowieso noch nie, weil ich als Kind von zu viel Popcorn gekotzt habe und jetzt allein der Geruch reicht, um mich zu verjagen. Und gut, eigentlich sind es die Menschen. Und die Filme. Und das Popcorn ist die Ausrede, weil Menschen die anderen Gründe nicht verstehen.
Statt in Filme flüchte ich mich also in Bücher. Genauer gesagt Hörbücher. Denn nur sie schaffen es, meine eigene innere Stimme zu übertönen. Allerdings nur Frauenstimmen. Denn jeder Mann, der vorliest, erinnert mich an meinen Vater, der mir viel zu früh nicht mehr vorlesen wollte und damit das erste aller Traumata entfachte. Vielleicht bin ich nur zu empfindlich. Aber das dürfte ich meinem Tagebuch nie erzählen.
Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.

Hoffnungsvolle Fälle

Es soll ja diese Idioten geben, die immer nur an das Gute glauben. Die in jedem Menschen etwas Positives sahen. So war ich nicht. Ich war schlimmer.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte ich mir schon im Kindergarten die Kinder als Freunde, die mich hinter dem Rücken der Eltern bissen. Die ihre Sachen kaputt machten und dann zu weinen begannen, damit jeder dachte, ich wäre der Böse.
Ich blieb bei diesen Freunden.
Später waren es diejenigen, die stahlen. Die prügelten. Noch ein wenig später waren es diejenigen, die Drogen nahmen.
Ich wollte sie retten. Ich blieb immer bei ihnen. Ich verließ nie jemanden. Immer war ich derjenige, der verlassen wurde. Immer nahmen sie ein Stück von mir mit.

Meine Familie sagte, es wäre ein Fehler. Es sei aussichtslos versuchen zu wollen, alle anderen zu retten. Sie sorgten sich um mich. Und ich sorgte mich weiterhin um alle anderen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebte. Und als es soweit war, verlor ich mein Herz – nicht aber die Hoffnung – innerhalb von wenigen Sekunden.
Denn sie hatte mich durchschaut, bevor ich selbst es tun konnte.
Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie.
Ihr Lächeln war ein Abgrund voller Entschuldigungen.
„Willkommen zu deinem nächsten Fehler.“