They say

They say it all fades away.
They say it’s going to be better.
They say it’s not that bad.
They say do not worry.
They say stop crying.

They have no idea.

Insomnia

Die Schlaflosigkeit hat sich schon wieder zu meinem besten Freund erklärt. Sie nimmt mich in den Arm, während ich im Bett liege. Sie behauptet, dass sie die Einsamkeit vertreibt, aber womöglich merke ich die Einsamkeit überhaupt erst durch sie.
Ich versuche es mit Schafe zählen, doch mein Kopf zählt immer nur Gründe, um wach zu bleiben. All die Dinge, die ich gesagt habe. Alle die Dinge, die ich nicht gesagt habe. Jeden Fehler, den ich gemacht habe, und auch jeden, den ich erst noch machen werde.
Heiße Milch mit Honig erinnert mich nur an meine Kindheit, als ich nie allein und auch nie einsam war. Lavendel beruhigt vielleicht meine Atmung, vielleicht sogar meine Nerven, aber niemals meinen Kopf, der weiter nach Fehlern sucht, und überall wo er keine findet, erfindet er sie. Spaziergänge führen mich zu all den Orten, die mich an all die Gründe erinnern, weshalb ich eigentlich nicht schlafen will.
Insgeheim bin ich froh um meine Schlaflosigkeit. So habe ich nachts wenigstens einen einzigen Freund. Gegen die Einsamkeit. Wegen der Einsamkeit.

Ein Thron aus Lügen

»Du kannst wirklich stolz auf dich sein!«
»So ein Erfolg! In deinem Alter!«
»Du hast dir das echt verdient!«

Ich kann diese Sätze nicht mehr hören. Ich dachte, sie würden mich freuen. Ich dachte, die Freude der Anderen würde mich anstecken. Doch das tat sie nicht. Im Gegenteil. Sie schreckte mich ab.
Ich fühlte mich mit jedem ihrer Sätze schlechter. Nichts von meinem Erfolg hatte ich wirklich verdient. Klar, ich hatte das System durchschaut. Das jedoch war nicht weiter schwer. Es bestand aus Manipulation und Lügen. Also hatte ich genau das gelernt: Manipulation und Lügen. Und ich hatte Erfolg damit.
Ich hatte gedacht, dass damit auch die Zufriedenheit kommen würde. Doch das Gegenteil war der Fall.
All das sagte ich ihm, dem einzigen Menschen, der mich noch anders kennt. Der das wahre Ich hinter der Fassade aus Manipulation und Lügen kennt. Der Einzige, der mich immer noch mag. Der immer noch an mich und das Gute in mir glaubt.
Auch er war gekommen, um mir zu gratulieren.
»Schenk es dir«, unterbrach ich ihn, mitten im Satz. »Wenigstens von dir möchte ich keine Glückwünsche. Wenigstens von dir möchte ich hören, wie erbärmlich ich bin.«
Verdutzt hob er die Augenbrauen. »Du bist nicht erbärmlich. Du bist beeindruckend.« Er warf einen Blick zur Tür und verzog die Lippen zu einem Grinsen. »Und dort draußen warten noch jede Menge Menschen, die dir dasselbe sagen möchten.«
Ich schnaubte verächtlich. »Sie alle knien vor meinem Thron, ohne zu wissen, dass er aus Lügen erschaffen wurde.«
»Jeder Mensch lügt den ganzen Tag«, sagt er, als wäre das nichts Schlimmes. Als wäre das ein weiterer Grund, mich zu bewundern.
Er bemerkt meinen angewiderten Blick und einzig sein nächster Satz hindert mich daran, ihn hinauszuwerfen.
»Aber du hast wenigstens ein schlechtes Gewissen.«

Ich fühle

Ich spüre Schmerz, der nicht meiner ist. Ich muss euch nur ins Gesicht sehen und ich fühle es. Ich fühle die Verzweiflung. Ich fühle die Trauer. Natürlich fühle ich auch die Freude. Wenn eure Augen glänzen, eure Herzen schneller schlagen, dann tut es auch das meine. Freude und Glück jedoch sind viel zu selten. Was ich in euch den ganzen Tag sehe ist Traurigkeit. Wut. Hass. Panik. Müdigkeit. Resignation. Ich fühle mit euch. Glaubt mir, ich fühle es mindestens so stark wie ihr. Doch ihr merkt es nicht. Ihr seht in mir immer nur den stummen Beobachter. Ich verblute innerlich, aber nach außen bin ich stark. Ich wünschte, mein Herz wäre so kalt, wie es den Anschein macht. Ich wünschte, ich wäre so gefühllos, wie ich zu sein behaupte. Dann würde ich all das vielleicht besser überstehen.

»Nein! Nein! Nein!«

Obwohl wir uns noch nicht lange kannten, habe ich ihm schon viel zu viele Geheimnisse erzählt, habe mich ihm viel zu oft verletzlich gezeigt. Vielleicht hatte er deswegen nicht mehr den angemessenen Respekt vor mir. Wenn er wüsste, zu was ich alles fähig war, selbst wenn ich verletzlich war.
Seit drei Wochen log er mir ins Gesicht, aber benahm sich, als ob nichts wäre.
Seit einer Woche wusste ich davon, aber benahm mich, als ob nichts wäre.
Und jetzt besaß er tatsächlich die Dreistigkeit, mich zu fragen, ob das nicht doch etwas Ernstes werden könnte mit uns. Eine Beziehung. Wir wären ein perfektes Paar.
Hah! Innerlich explodierte ich, wollte ihn fragen, ob er eigentlich bescheuert war. Ob er mich für so bescheuert hielt. Aber ich schaffte es, ganz ruhig und langsam und nachdenklich den Kopf zu schütteln.
Er sah für einen kurzen Moment überrascht aus. Er schaffte es sogar, beinahe traurig zu wirken. Vielleicht war er tatsächlich traurig. Dann jedoch verzog er seinen Mund zu einem verständnisvollen Lächeln. Das hatte er echt drauf, dieses verständnisvolle. Ich war drei Monate darauf hereingefallen. Jetzt wusste ich genug, um wütend zu werden.
Ganz verständnisvoll sagte er: »Lass mich raten: Du magst mich gern, aber eine leise Stimme in deinem Kopf sagt Nein
Da war es wieder, sein Talent, die Menschen um den Finger zu wickeln. Er hatte sich wörtlich meine Begründung gemerkt, die ich ihm gegeben hatte, warum aus all meinen Dates in den letzten Jahren keine Beziehung geworden war.
Ich versuchte mich in einem selbstzufriedenen Lächeln. »Das sagt nicht eine leise Stimme. Dieses Mal singt es ein ganzer Chor. Nein! Nein! Nein!«