Gib ihr eine Kerze

Gib ihr eine Kerze und sie wird die Finger in die Flamme halten, als könnte sie den Schmerz nicht spüren. Bevor die Haut Blasen wirft, wird sie glatt. Sie verliert den Fingerabdruck. Sie verliert ihre Persönlichkeit. Zieht jeden Morgen eine andere an. Wie Kleidung. Fremde Kleidung.
Feuerstein, Streichholz, Feuerzeug. Sie wird es anzünden, sie wird es in Brand setzen, sie spielt mit Feuer und mit allem anderen auch.
Gib ihr eine Kerze und sie wird davonlaufen. Sie läuft immer davon. Doch gib ihr eine Kerze und sie wird zurückkehren. Vögel haben einen inneren Kompass. Sie hat eine innere Flamme.

Fluoxetin

Die Ärztin sagt, ich darf keinen Kaffee mehr trinken, ich weiß, dass sie Koffein meint, doch das sagt sie nicht, also trinke ich Schwarztee, weil ich sie gefragt habe »aber was ist mit Tee?«, und sie meinte »Kräutertee ist gut«, woher soll ich die exakte Definition von Kräutern kennen?
Meine Finger suchen immerzu nach Halt, ich versuche es mit Hosentaschen, doch am wirksamsten ist eine Kaffeetasse. Die Tasse weiß nicht, was in ihr ist, die Hände merken nur die Tasse, doch der Kopf kennt den Inhalt der Tasse und merkt es sofort. Die Müdigkeit will den ganzen Tag nicht gehen, die Ärztin sagt, das sei eine Nebenwirkung der Medikamente und hätte nichts mit dem fehlenden Kaffee zu tun. Insgeheim frage ich mich, ob sie von meinem Koffeeinkonsum weiß und das deswegen mit solcher Gewissheit sagen kann, oder ob das ihr Standardsatz ist.
Die Medikamente haben Nebenwirkungen wie die Krankheit, und ich frage mich, was stärker ist. (Müdigkeit. Schlaflosigkeit. Herzrasen.) Womöglich ist es der Verzicht auf Kaffee.
»Aus Teesatz lässt sich die Zukunft lesen«, sagt die Ärztin bei meiner nächsten Sitzung im Scherz. Ich sage, vielleicht im Scherz, vielleicht im Ernst, »ein Kreuz und eine Sonne. Du wirst leiden und dich darüber freuen.«

Vorstellungsrunde

Ich heiße glücklich, doch ob ich es bin, werde ich niemals verraten.
Ich lebe in dem Wort »Zweifel«, als wäre es eine Adresse.
Ich bin alt genug, um zu wissen, dass Wissen keine Frage des Alters ist.
Ich arbeite an meiner Stärke, der Inneren und der Äußeren.
Ich bin groß genug, um dich »Kleiner« nennen zu können.
Ich spreche Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch und in Rätseln.
Ich erklimme Berge, und eure Berge sind meine Maulwurfshügel.

unbenannt

Die Worte sind dieselben, nur der Name ist anders. Es sind immer die schlechten Dinge, die hängen bleiben. Die schlechten Worte. Die schlechten Namen. Unsere Mütter haben uns davor gewarnt. Es sind dieselben Menschen, die das Gegenteil behaupten. Doch die guten Dinge bleiben nicht hängen. Die guten Worte sinken nicht bis ganz hinunter. Die guten Namen werden zu schlechten Namen, wenn man sie oft genug ausspricht und wenn man sie oft genug hört. Erinnerungen sind doch auch nur eine Möglichkeit, sich langsam selbst zu zerstören. Wiederaufbereitung von sogenannten Freundschaften, von falsch und zu laut. Die schlechten Worte werden am lautesten gesagt. Vielleicht ist das mein Fehler. Ich bringe nur ein Flüstern zustande. Der Rest bleibt mir in der Kehle stecken. Manche Namen bleiben besser unausgesprochen. Manche Dinge bleiben lieber unbenannt.

Ich wollte das hier auf Englisch schreiben, damit du vielleicht nicht alles verstehst, doch ich kenne kein besseres Wort als »Sehnsucht«

Du kannst das Geisterhaus verlassen, aber für mich wirst du immer ein Geist bleiben. DER Geist. Vielleicht fürchte ich mich jetzt nicht mehr vor Geistern und auch nicht mehr vor Dunkelheit. Trotzdem weiß ich, dass man Geistern nicht vertrauen darf. Sie haben nichts mehr zu verlieren. [Nicht einmal mehr ihre Würde ihr Leben.]
Du kannst das Rauchen aufhören, doch der Geruch bleibt für immer und das Verlangen bleibt für immer [in deinem Kopf und in deinem Herz sowieso]. So oft wie du an eine Zigarette denkst, so oft denke ich an einen Geist. Sehnsucht ist auch eine Sucht.
Du kannst keine Stadt dort aufbauen, wo noch immer eine niederbrennt. Und in diesem Satz steckt mehr Hoffnung & mehr Furcht & vor allem mehr Sehnsucht, als ich jemals zugeben möchte.

maßlos überlegen

Ich weiß, Gewalt ist keine Lösung. Doch ich habe mir und allen anderen monatelang eingeredet, dass ich ihn verprügeln werde, bis sogar ich selbst daran glaubte. Das schulde ich meiner besten Freundin. Nach allem, was er ihr angetan hat … Und sie verlässt sich auf mich. Alle verlassen sich immer auf mich, wenn es darum geht, etwas Unangenehmes zu regeln. Das kommt von meiner großen Klappe.
Wir haben alles vorbereitet. Er hat ja keine Ahnung, was auf ihn warten würde. Doch jetzt, so kurz davor, kann ich meine Angst und meine Zweifel nicht länger für mich behalten.
»Ich kann das glaub nicht«, gestehe ich leise, während sich all meine Freundinnen noch aufgeregt unterhalten. Sie verstummen langsam.
»Klar kannst du das!«, sagen sie. »Wenn nicht du, wer dann?«
Ich seufze. »Er ist mir körperlich maßlos überlegen. Er lernt seit 8 Jahren Kampfsport. Und ich seit 8 Wochen. Mit Youtube-Videos.«
Sie wollen mir etwas erzählen von »Willen« und »Überraschungsmoment«. Nur du wirkst völlig entspannt.
Ich schaue dich unsicher an, und du lächelst. Als wäre das alles gar kein Problem.
»Dafür bist du ihm verbal maßlos überlegen. Worte sind deine Waffe. Er hat keine Chance.«

Rückgrat

Du hast zweieinhalb Jahrzehnte überlebt, mit nichts als deinem Rückgrat, das dich aufrecht hält. Du läufst weiter, während du stoppen möchtest. Du überwindest Mauern, die andere Menschen in Jahren, Monaten, Tagen, Sekunden errichtet haben. Du gehst über Brücken, die du selbst niederbrennen wolltest. Die jeder Mensch um dich herum niederbrennen wollte. Sie brennen nicht. Mehr. Du läufst auch über Asche. Nichts kann dich stoppen.
Manchmal braucht es nur eisernen Willen, um aufrecht zu stehen. Und jede Menge Rückgrat.
Die einzige Beleidigung, die du jemals ausgesprochen hast: »I’ve seen more spine in jellyfish.«

In 5 Jahren

Du sagtest Vielleicht sollten wir uns in 5 Jahren nochmal treffen. In diesem Moment klang es wie die klügste Idee, die ein Mensch jemals hatte. Ich wusste, dass ich einen langen Weg vor mir hatte. In 5 Jahren schafft man viel Weg. Ich wusste, dass ich einen harten Kampf vor mir hatte. In 5 Jahren kann man solch einen Kampf gewinnen.
Wenn das Hier & Jetzt nicht passt, aber alles Andere schon, dann sollte man vielleicht das Hier & Jetzt verschieben, hast du gesagt. Es ergab so herrlich viel Sinn. In diesem Moment.
Doch jetzt, 6 Monate später, kann ich den Vorschlag mit Abstand betrachten, und ich muss gestehen, dass ich noch nie in meinem Leben einen solch feigen Satz gehört habe.
Wenn du mich nicht erträgst im Hier & Jetzt, wenn du den Weg nicht mit mir gehen kannst, wenn du zu schwach bist für diesen Weg mit mir, zu schwach für 5 Jahre Kampf, dann hast du mich nicht verdient, wenn ich den Kampf gewonnen habe.

dramatische Tragödien

Sie wusste nicht, ob sie lachen sollte. Oder durfte. »Ist das dein Ernst? Du hast drei Semester Germanistik studiert und weißt immer noch nicht, was der Unterschied ist zwischen Drama und Epik?«
Er grinste sie an und sie bekam das dumme Gefühl, dass er ihr nur etwas vormachte. »Nun ja, ich bin gerade dabei, durchzufallen … Und du erklärst besser als diese dummen Bücher.« Er deutete auf das Buch, das vor ihnen lag. Immerhin hatte er die Stellen, in denen es um Lyrik, Epik und Dramatik ging, markiert. Falls das also nur ein dummer Vorwand war, um sie zu ärgern (oder was auch immer), hatte er sich wenigstens Mühe gegeben. Also gab auch sie sich Mühe und begann ihre Erklärung. Doch als sie zur Dramatik kam, unterbrach er sie: »Das ergibt doch keinen Sinn! Ich dachte, Dramatik hat etwas mit Herzschmerz und Trauer und jeder Menge Gefühlen zu tun?«
»Du verbringst zu viel Zeit vor dem Fernseher«, sagte sie entschieden. »Was du meinst, ist eine Tragödie. Das Gegenteil von einer Komödie.«
Er sah sie so überrascht an, dass sie ein bisschen Mitleid bekam mit ihm. Aber von Mitleid hielt sie nicht viel. Viel wichtiger war Ehrlichkeit. Also fragte sie, ganz ohne Ironie: »Und du hoffst ernsthaft noch, ich könnte dir dein Studium retten?«
»Ein wenig«, gab er zu. Er zögerte kurz und ergänzte schließlich mit einem seltsamen Unterton: »Ich hoffe viel ein wenig.«
Er lächelte sie so entwaffnend an, dass sie ein schlechtes Gewissen bekam. Trotzdem musste sie antworten. Und zwar ehrlich. Denn sie wusste genau, worauf er anspielte. Auf sie. Sie rückte ein Stück von ihm ab und sagte traurig: »Dann lass dir gesagt sein, dass das in einer dramatischen Tragödie enden wird.«