Hier glaube ich an Wölfe

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Die Sonne ist bereits mittags zu nah am Horizont. Aber gegen die Bäume hier hat sie sowieso keine Chance. Die perfekte Ort, um Pläne zu schmieden. Der perfekte Tag, um Chaos anzurichten.
Ein wenig vermisse ich dich gerade. Wie du es nicht Chaos nennst. Sondern Ein Versuch, die Ordnung zu ändern. Mir ist Chaos lieber. Ordnung gibt es viel zu viel. Selbst in den Wäldern. Wo die Bäume in Reih‘ und Glied aufgestellt sind. Wie Soldaten.
Nur hier im Wolfswald ist das anders. Ich glaube nicht, dass es hier Wölfe gibt. Aber allein die Gerüchte darum halten all diese feigen Menschen fern. Nur dich nicht.
Ich schiebe den Gedanken zur Seite und laufe weiter. Die Rauchbomben sind bereits platziert, das Warnfeuer vorbereitet. Jetzt muss ich nur noch zurück zu dir gehen. Durch den Wald bei Dämmerung. Ich fürchte mich nicht vor der Nacht. Ich fürchte mich nicht vor dem Wald. Aber vor der Dämmerung fürchte ich mich. Und vielleicht doch auch ein wenig davor, was hier sonst noch sein könnte. Auch wenn ich es dir nicht glauben wollte. Ich wollte unerschrocken sein. Niemals vor dir zugeben, dass ich mich einschüchtern lasse von irgendetwas.
Ein Knacken hinter mir. Und ich muss daran denken, wie ich dich ausgelacht habe. „Das sind nur Gerüchte“, habe ich gesagt.
Ein leises Knurren rechts von mir. Und ich muss daran denken, wie du dich besorgt im Wald umgesehen hast. „Hier glaube ich an Wölfe“, hast du gesagt.
Dann sehe ich sie überall und hoffe, dass du mir so wenig geglaubt hast wie ich dir.

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Ihr solltet sie fürchten und doch verliebt ihr euch in sie

Women are the strong ones

Über ein Mädchen wie sie schreibt man ganze Bücher.
Ihr Herz war aus Stein, ihre Augen aus Glas, ihre Haut flüssiges Gold.
Sie trug, selbst wenn sie nur in Rock und T-Shirt vor dir stand, eine ganze Rüstung. Aus Eisen und Stahl. Aus Gleichmut und Unerschrockenheit und Tapferkeit und Gerechtigkeit.
Mit jedem ihrer Schritte bebte die Erde, erzitterten wir alle. Ein Lächeln war wie Sonnenschein in einem Gewitter. So selten. Und so willkommen. Und so fehl am Platz.
Ihre Stimme konnte Riesen erschaffen, Burgen erwecken, Feuer einfrieren.
Mach sie wütend und sie tötet dich. Mach sie glücklich und sie verschont dich. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Sie war unberechenbar, eine Gleichung mit 5 Unbekannten.
1 – ihr Herz
2 – ihre Gefühle
3 – ihre Intelligenz
4 – ihre Schnelligkeit
5 -ihre Beweggründe
Sie war gefährlich. Gefährlicher als wir alle zusammen.
Doch anstatt sie zu fürchten, verliebt ihr euch in sie.

Pathetik, Protest und persönliche Probleme

Papiervögel, sterbend

Im Grunde genommen wollen wir doch alle eine Revolution vom Zaun brechen, jedoch ohne uns dabei die Hände schmutzig zu machen.

Wir verlassen unsere Komfort Zone um von Klippen zu springen oder unser Gehalt zu verhandeln, nicht aber um Konflikte zu suchen anstatt sie zu umgehen.

Die einzigen Konflikte, die wir wagen, sind die in unserer Beziehung und die in unserem Job. Doch zu mehr reicht es nicht mehr.

Wir sehen Bilder davon, wie Menschen auf die Straße gehen. Lesen Zeitungsartikel darüber. Und denken uns: „Das! Das ist es, was man tun sollte: Protestieren. Boykottieren. Revolutionieren.“

Doch was ist es, das wir stattdessen tun?

Wir schmieren uns das nächste Nutellabrot, tippen die nächste E-Mail, bestellen den nächsten Cappuccino, beginnen die nächste Diät.

Viel zu sehr sind wir mit unseren eigenen kleinen Problemchen beschäftigt, um uns mit den großen Themen der Menschen, der Politik, der ganzen Welt zu beschäftigen.

Das einzige, was wir alle schaffen, ist uns zu beschweren. Über die Flüchtlinge. Über die Umweltverschmutzung. Über zu viel Liberalismus. Über zu viel Engstirnigkeit. Über den Nachbarn, der anders denkt als wir. Über links, über rechts, über alles dazwischen.

Wir würden ja gerne auf die Straße, auf die Barrikaden gehen. Doch wofür denn eigentlich? Irgendwie ist das doch alles nicht unser persönliches Problem. Irgendwie möchten wir doch lieber dieses eine Buch noch fertig lesen. Diesen einen Urlaub noch erleben. Diesen viel zu hohen Kredit abbezahlen. Diesen viel zu tristen Job kündigen.

Wofür würdest du diese verdammte Lethargie hinter dir lassen?

Wofür würdest du kämpfen?

Wofür wärst du bereit zu sterben?

Oder ist das zu pathetisch gefragt?

An der Nordsee

Lachmöwe

Wir fuhren mit dem Schiff zu Freunden meiner Eltern. Das Meer, die raue Nordsee, gab sich heute zahm und die Sonne glitzerte auf der Wasseroberfläche als hätte jemand das Wasser verglast. Möwen kreisten um uns und kreischten.
Gleichzeitig mit einer Lachmöwe erreichten wir das Haus, ein uriges Gebäude aus dem letzten Jahrhundert, von zahlreichen Blumen umgeben, und in diesem Moment kam ein junger Mann um die Ecke, raspelkurze Haare, unglaublich groß, schlank und linkisch, und umarmte mich noch bevor ich erkannt hatte, dass es Nils war, der mich nun fast nicht mehr loslassen wollte und spitzbübisch angrinste.
Nils, zu dem ich immer bewundernd aufgeblickt hatte. Als man mir erzählt hatte, dass er zu studieren begann, während ich noch mit dem Gymnasium kämpfte. Als er mir geschrieben hatte, dass er sein Studium schmiss, während ich mit mir haderte, was ich wohl nach dem Abitur anstellen sollte. Als meine Eltern erzählt hatten, er würde Kapitän werden und auf weite Reisen gehen, während ich mir meinen Wochenendausflug nach Prag durch Ferienjobs ersparte.
Immer hatte ich ihn bewundert und jetzt stand ihm ins Gesicht geschrieben, dass auch er mich bewunderte. Vielleicht aber auf eine andere Art und Weise.
Und ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte.

Von einem Optimisten und der Realität

Eisberge

Er war der personifizierte Optimismus. In seinem Wörterbuch kam „ausweglos“ nicht vor. Es gibt Ausweg und danach, sagt sein Duden, kommt Ausweichbewegung. Das sind Worte, die er benutzen kann, die in Ordnung sind für ihn. Doch ausweglos und Ausweglosigkeit wurden ersatzlos gestrichen.

Dann kam der Moment, in dem die Realität ihn einholte.
Er rannte schnell, durch Wasser, über rote Ampeln, am Meer entlang, sprang über Mauern, offene Gräber. Er rannte schnell, doch die Realität rannte schneller. Holte ihn ein, packte ihn, drehte ihn zu sich herum, damit er ihr endlich ins Auge sehen musste.
Und die Realität war so hässlich. So hässlich, dass er erschrak.
Doch seine Augen waren es gewohnt nach der Schönheit und nach der Hoffnung zu suchen, also wanderten sie über die Realität, Zentimeter für Zentimeter, und suchten nach einem Ausweg. Es war schwierig. Manche Berge sind zu hoch, um sie im Alleingang erklimmen zu können. Manche Ozeane zu weit, um sie im Alleingang durchschwimmen zu können.
Sein Mund stand leicht offen, er war noch immer ein wenig außer Atem vom verlorenen Wettrennen, und dann wurde aus seinen schmalen Lippen ein Lächeln. Fast wie von allein. Sein Gesicht kannte nichts anderes.
Wenn er das Spiel zu verlieren drohte, änderte er die Regeln. Ganz allein und ganz im Stillen, nur für sich. Nicht alle Berge mussten erklommen, nicht alle Ozeane durchschwommen werden und nicht alles musste allein geschafft werden.
Und so lächelte er die Realität an, zwinkerte ihr zu, nahm sie an der Hand.
„Hallo, alte Bekannte.“

Herbst.

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Die Sommerbräune wirkt fehlt am Platz.
Gerötete Wangen.
Unkraut zwischen den Waschbetonplatten
und irgendwie erinnert das an die Kindheit bei Oma.
Wolkenwände über unseren Köpfen.
Sommersprossen im Zenit ihres Daseins und doch schon fast wieder verschwunden.
Wann gibt es wieder Birnenkuchen?