Leseprobe V

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Hier geht’s zur ersten Leseprobe, hier zur zweiten, hier zur dritten und hier zur vorangegangenen.

(Bei diesen ganzen Online-Buchhändlern kann man die ersten Kapitel probelesen. Aber das kann ja wohl jeder. Für euch treue Blogleser habe ich eine Stelle mitten aus dem Buch. Zur Erklärung: Evanna, ein typisches Strebermädchen, dessen Vater spurlos verschwand, geht mittlerweile in Angleridge, einem britischen Internat, zur Schule. Dort stellt sie aber schon bald fest, dass der Unterricht ganz anders ist, als in Deutschland. Als sie dann eine absolut unlogische Stelle in einem Buch findet, beschließt sie, den Rektor darauf anzusprechen…)

Am nächsten Mittwoch ging sie gleich zu Beginn der Geschichtsstunde zum Lehrerpult. Obwohl sie schon in Deutschland oft genug mit Lehrern diskutiert hatte, schlug ihr das Herz doch bis zum Hals. Immerhin wollte sie hier nicht so sein, wie sie es in Deutschland gewesen war.
Ein Teil in ihr aber wollte die seltsamen Behauptungen in diesem Geschichtsbuch nicht hinnehmen. Etwas so Unlogisches konnte sie einfach nicht ignorieren.
Sie nahm also ihren ganzen Mut zusammen und zeigte dem irritiert wirkenden Mr Severin den Text.
Einige Schüler aus den ersten Reihen hörten neugierig zu, doch da sie das Buch nicht sahen, verstanden sie zunächst nicht, worüber Evanna mit dem Lehrer redete.
Mr Severin überflog die Stellen, die Evanna sich markiert hatte. Danach sah er sie geduldig mit seinen kleinen, wässrigen Augen an und fragte: »Und wo ist ihr Problem, Miss Athos?«
Sofort fühlte sie sich entmutigt. Eigentlich hatte Evanna gehofft, er würde augenblicklich bemerken, dass da etwas nicht stimmen konnte. Zögernd begann sie zu erklären: »Na ja, wir haben in Deutschland immer gelernt, dass Mahatma Gandhi friedlich gekämpft hatte. Niemals hätte er seine Anhänger zu Gewalt aufgerufen. Und auch diese Behauptung des wirtschaftlichen Zusammenbruchs… So schlecht geht es dem Land doch gar nicht. Im Gegenteil: Indien wird langsam aber sicher zu einer Industrienation.«
»Nein, Miss Athos«, widersprach Severin, »sie können hier doch selbst lesen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht. Jegliches wirtschaftliches Wachstum, das Indien heute noch erlebt, ist allein auf seine Zeit als britische Kolonie zurückzuführen. Dass Ihre Ausbildung in Deutschland wohl nicht die Beste war, haben Sie, Miss Athos, doch sicher selbst schon festgestellt.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Und zuletzt muss ich an Ihre Logik appellieren. Es kann keinen friedlichen Kampf geben. Entweder man kämpft oder man ist friedlich.« Zufrieden mit seiner Erklärung lehnte sich der Rektor in seinem Stuhl zurück.
Evanna aber wollte nicht so schnell aufgeben – sie fühlte sich missverstanden: »Aber jeder weiß, dass Mahatma Gandhi ohne Gewalt gekämpft hat. Er trat in Hungerstreiks und organisierte Protestmärsche. Und hat so die Bevölkerung begeistert. Aber immer ohne Waffen. Dabei können unmöglich so viele Leute gestorben sein.«
Mittlerweile herrschte im Zimmer Totenstille. Die ganze Klasse hörte gespannt zu. Sie hatte es noch nie erlebt, dass jemand mit Mr Severin über ein Schulthema, das noch dazu klar und deutlich in einem Buch stand, diskutieren wollte.
Diese gespannte Aufmerksamkeit war auch Severin nicht entgangen. Bedrohlich langsam lehnte er sich wieder zu Evanna. »Bitte widersprechen Sie mir nicht, Miss Athos.« Seine Stimme war noch immer freundlich, doch seine Augen waren gefährlich klein geworden.
Davon ließ sich Evanna nicht unterkriegen. Sie hatte schon oft genug mit Lehrern diskutiert. »Ich habe dutzende Bücher gelesen, die alle das Gegenteil dieses Textes sagen. Gandhi war gegen Gewalt. Und Gandhi war und ist bis heute ein indischer Held!«, beharrte sie.
Der Rektor erwiderte kalt: »Nur weil Gandhi behauptete, dass er gegen Gewalt sei, heißt das noch lange nicht, dass er seinen Anhängern davon abgeraten hat. Miss Athos, es gibt einen großen Unterschied zwischen Worten und Taten. Und er hat dem indischen Volk mit seinem Kampf nichts Gutes getan. Sehen Sie diese Grafik?«
Er tippte auf ein Diagramm in dem Buch, auf dem die Anzahl der in Armut lebender Menschen in Indien dargestellt wurde. Seit 1948 wurden die Balken schlagartig immer höher.
Mr Severin fuhr fort: »Es gibt immer mehr in Armut lebende Menschen, was an dem völlig sinnfreien Kastensystem der Inder liegt. Als Indien noch zu Großbritannien gehörte, wurde ständig dagegen vorgegangen, aber…«
Evanna wollte ihn unterbrechen, doch er schnitt ihr sofort das Wort ab. »Bitte lassen Sie mich ausreden, Miss Athos.«
Ungeduldig hörte Evanna ihm zu, während er noch weiter darüber redete, wie gut es Indien während der britischen Herrschaft ergangen war, was Großbritannien alles für seine Kolonien getan hatte und wie schlecht es dem Land nun geht.
»Und das ist Gandhis Schuld«, schloss er endlich. Dieser Satz war keine einfache Belehrung mehr. Es war eine Tatsache, die Severin gerade mit jeder Silbe in Stein gemeißelt hatte.
Evanna wollte nicht glauben, was sie da hörte. Es konnte doch nicht sein, dass Mr Severin ernsthaft dem Buch recht gab. Sie begann erneut: »Aber es weiß doch jeder, dass…«
Der Rektor fuhr ihr unwirsch dazwischen: »Es weiß jeder, dass Gandhi nicht so unschuldig war, wie er immer tat. Und jetzt setzen Sie sich, Miss Athos.«
Ungläubig starrte Evanna ihn an. »Das ist doch…«
»Sofort!«
Evanna zuckte zusammen. Diese Diskussion war eindeutig beendet.
Sie ging geduckt wie ein geprügelter Hund zu ihrem Platz neben Mila. Alle Blicke folgten ihr.
Na super!, dachte sie frustriert. So viel zum Thema: Nicht auffallen.
Kaum war sie an ihrem Platz angekommen, zischte Mila: »Was sollte denn das werden?« In ihrer Aufregung war sie in einen starken russischen Akzent gefallen. Sie wirkte fast schon entsetzt.
Noch ehe Evanna antworten konnte, hörte sie Mr Severins Stimme: »Ihr Buch, Miss Athos.« Er hielt das Buch aus der Bibliothek in der Hand und wartete, dass sie umdrehte, um es sich zu holen. Doch ohne nachzudenken antwortete sie, mit einem leichten Beben in der Stimme: »Danke, aber das werde ich nicht mehr brauchen. Darin gibt es wohl einige Texte, die nicht stimmen.«
Die ganze Klasse hielt die Luft an. Alle Augen waren auf Evanna gerichtet. Man hätte hören können, wie Severins Schuppen auf seinen Pullover fallen.
Noch nie hatte es jemand gewagt, so unverschämt mit dem Rektor zu sprechen.
»Kommen Sie doch heute Abend in mein Büro, Miss Athos«, sagte der Lehrer endlich, mit einer so schmierig-freundlichen Stimme, dass Evanna Gänsehaut bekam.

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5 Minuten berühmt

Evanna Athos Band 1

Erkenntnisse des Tages: Die eigene Stimme hören ist immer schrecklich. Und niemand rollt das R so schön wie ich 😂

Durch eine nette alte Schulkameradin und einer kleinen Portion Mut kam es, dass unser lokaler Fernsehsender einen kleinen Bericht über mich erstellt hat. (Oder wie sagt man da im Fernsehen?)

Wer also meinen wundertollen allgäuer Dialekt hören will und schon immer wissen wollte, wie ich in eine Kamera stottern kann, einfach bei AllgäuTV die Nachrichten von heute, 03.07.2018, anschauen und bis Minute 24 vorspulen.
Autogramme gibt es dann später 😂

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Leseprobe IV

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
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Jetzt lernt ihr endlich meine Lieblingsperson kennen! Nachdem Evanna’s Vater spurlos verschwand und ihr so seltsame Dinge passierten, dass sie allmählich an ihrem Verstand zweifelte, bekam sie plötzlich eine Einladung von Mr Severin. Sie darf nach Angleridge, einem britischen Internat für besonders begabte Schüler. Doch in Angleridge angekommen stellt Evanna schnell fest, dass sie auch hier irgendwie besonders zu sein scheint. Weil sie viel älter ist als alle anderen Neuankömmlinge…
Um sich in der Schule schnell zurechtfinden zu können, bekommt sie eine Führung durch das Gebäude. Vom Schülersprecher Austin. Dem besten Charakter, den ich je erschaffen habe. Er ist alle Menschen, die mich verunsichern. Alle Menschen, die mich beeindrucken. Alle Menschen, die mir ordentlich auf die Nerven gehen. Und er wird im Laufe des Buches immer nerviger besser!

Also nahm Evanna ihren Mut zusammen und begann, als er gerade nichts erklärte, zögernd, aber mit herausforderndem Unterton: »Kannst du mir vielleicht eine Frage beantworten?«
Austin drehte sich überrascht zu ihr um. »Kommt ganz darauf an, was du wissen willst.«
»Was für Gerüchte gibt es eigentlich über mich? Irgendwie scheint mich jeder zu kennen und mich für etwas Besonderes zu halten. Weil ich fünf Jahre später kommen durfte, als alle Anderen…« Sie stockte. »Und du scheinst das Ganze eher lustig zu finden.«
Er sah sie komisch an, aber nur für einen kurzen Moment, dann richtete er seinen Blick auf den Gang vor ihnen. »Mach dir darüber mal keine Gedanken. Wenn sich Menschen etwas nicht erklären können, dann erfinden sie eine eigene Wahrheit. So sind schon früher die Märchen entstanden. Als die Schüler mitbekamen, dass da ein sechzehnjähriges Mädchen kommt, dachte jeder, dass du irgendeine Fähigkeit haben oder sonst in irgendeiner Weise etwas Außergewöhnliches sein musst.« Er unterbrach seine Erklärung kurz, um auf die Zimmer der rechten Seite zu deuten: »Darin finden die Literaturkurse statt.«
»Ich weiß«, antwortete Evanna unwirsch. Sie wollte, dass er ihr mehr von den Gerüchten erzählte. Immerhin klang seine Erklärung wenigstens vernünftig (wenn auch nicht so lustig wie Ida’s Verschwörungstheorien). Er fuhr also fort: »Viele hatten vermutet, dass du berühmt bist oder zumindest sehr berühmte und einflussreiche Eltern haben musst. Sie hätten kurz gesagt mit einer reichen, verzogenen Tussi gerechnet, für die man eben eine Ausnahme macht. Aber dann bist du aufgetaucht und sie waren enttäuscht. Sie können an dir nichts Außergewöhnliches finden. Du bist weder berühmt, noch hast du berühmte Eltern. Und im Bus bist du lieber bei einem kleinen, schweigsamen Jungen gesessen, anstatt dir gleich richtige Freunde zu suchen, wie sie es nennen. Du hast dich einfach nicht wie jemand benommen, der wichtig wäre.«
Angriffslustig schob Evanna das Kinn vor. »Aber was glauben die denn? Natürlich bin ich nichts Besonderes! Dass ich so spät noch kommen durfte, lag sicher nur daran, dass ich erst im letzten Schuljahr nur noch Bestnoten hatte. Davor war ich scheinbar nicht gut genug. Man kann es von mir aus Zufall nennen, dass man mir so spät noch die Chance gegeben hat. Oder meinetwegen Glück.«
»Bist du dir da sicher?«, fragte Austin in einem Tonfall, den Evanna nicht deuten konnte.
»Natürlich!«
»Aber warum sollte man dann für dich eine Ausnahme machen? Warum hat man dich nicht einfach schon vor Jahren eingeladen. Oder es nicht ganz gelassen?« Austin sah sie prüfend an.
Genau das waren die Fragen, die auch Evanna sich gestellt hatte. »Das müsstest du mal Mr Severin fragen. Der wollte ja so dringend, dass ich komme«, sagte sie schließlich trotzig.
»Mr Severin teilt nicht all seine Gedanken und Beweggründe mit seinen Schülern.« Irgendetwas an dem, wie Austin das sagte, gab Evanna das Gefühl, dass er etwas verschwieg.
»Du kennst den Grund aber trotzdem, stimmt’s?«
Austin schwieg. Er hätte sein Ja nicht lauter herausschreien können. Doch er machte keinerlei Anstalten, etwas von seinem Wissen preiszugeben.
Stattdessen kam er wieder auf die Gerüchte zu sprechen: »An deiner Stelle würde ich mir keine Gedanken über dieses Gerede machen. Sie kennen dich nicht«, sagte er schlicht. »Sie hatten noch keine Möglichkeit, dich kennen zu lernen und trotzdem versuchen sie schon, dich zu beurteilen. Sie wollen dich in eine Schublade stecken. Das kann nur schief gehen. Warte noch ein paar Tage oder Wochen, dann werden sie merken, dass sie an dir nichts Außergewöhnliches feststellen können.« Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Zumindest nicht so etwas, was sie erwartet hätten.«
Den letzten Satz verstand Evanna nicht. Wollte Austin damit einfach sagen, dass jeder auf seine Art außergewöhnlich ist? Doch Austin wirkte nicht wie ein Mensch, der Jeder ist besonders, liebe dich selbst predigte.
Er spielte ganz sicher auf den Grund an, weshalb Mr Severin sie so spät noch nach Angleridge geholt hatte. Doch was konnte das sein?

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Leseprobe III

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Hier geht’s zur ersten Leseprobe und hier zur zweiten. Evannas Vater verschwindet spurlos. Eigentlich ist das Grund genug, um sich völlig aus der Bahn geworfen zu fühlen. Doch dann passiert das nächste Ereignis, dass sich Evanna nicht erklären kann…

Evanna hing ihren Gedanken nach. Früher war sie immer mit ihrem Papa hier im Garten gestanden, um Vogelfutter hinauszubringen. Trotz der Kälte hatten sie die Vögel ewig beobachtet. In dieser Zeit hatte sie am meisten mit ihm geredet. Er hatte ihr beigebracht, die Vogelarten zu unterscheiden. Und sie hatte ihm von der Schule oder von Büchern erzählt. Den einzigen beiden Themen, bei denen sie mehr vorzuweisen hatte als ihre kleine Schwester Aurora.
Ein Seufzer entfuhr ihr und bildete Wolken vor ihrem Mund. Wie sehr sie es vermisste, jemanden zum Reden zu haben.
Ihr Blick fiel auf den kleinen, halb eingeschneiten Zwerg. Er war zwar keine gute Unterhaltung, aber immerhin ein bisschen Gesellschaft. Vorsichtig wischte sie ihm die Schneehaube vom Kopf. »Damit dir dein Kopf nicht einfriert«, sagte sie mit einem wehmütigen Lächeln. So sehr ihr Vater die Figuren auch gehasst hatte, er hatte es trotzdem nicht übers Herz gebracht, sie einfach wegzuwerfen.
Plötzliche durchlief sie ein warmer Schauer. Ihre Hand, die sie auf den Gartenzwerg gelegt hatte, fühlte sich trotz des kalten Schnees auf einmal ganz heiß an. Sie spürte ein leichtes Kribbeln in den Fingern.
Erst noch dachte sie, dass sie sich getäuscht hatte, weil der Schnee einfach so kalt war.
Doch ihre Hand schien zu glühen.
»Wie ich es schon einmal bei Nathanael gesehen habe«, schoss es ihr sofort durch den Kopf.
Außerdem ging ein glitzernder Schein von ihrer Haut aus. Erschrocken zog sie ihre Finger von dem Gartenzwerg weg und schüttelte sie. Es fühlte sich an, als hätte sie ihre Hand ins Feuer gelegt. Nur hatte es nicht wehgetan. Im Gegenteil, das Kribbeln war sogar fast angenehm gewesen. Doch so schnell wie es gekommen war, verschwand das Gefühl auch wieder.
Evanna sah ihre Hand genauer an. Sie wirkte wieder ganz normal. Nichts tat weh, nichts glühte mehr. Sie war nur ungewöhnlich warm. Es war ein wenig so, wie wenn ihre Hände oder Zehen im Winter fürchterlich kalt waren und dann auf einen Schlag wieder richtig warm wurden. Doch dabei hatte ihre Haut noch nie so seltsam geschimmert.
Sie drehte ihre Hand noch einmal um, konnte aber einfach nichts Außergewöhnliches erkennen.
Da bemerkte sie eine Bewegung neben sich auf der Bank. Sie wandte den Blick von ihrer Hand ab und sah nach rechts: Der Zwerg hatte seinen Kopf gehoben und schaute sie an!
Schnell schloss sie die Augen. Halluzinierte sie etwa? Langsam zählte sie bis drei. Dann öffnete sie ihre Augen wieder.
Aber sie hatte sich nicht getäuscht. Der Zwerg sah sie tatsächlich mit seinen kleinen, schwarzen Augen an. Und da! Jetzt schüttelte er sich den restlichen Schnee von seiner grünen Hose und dem roten Oberteil.
»Puh ist das kalt!«, schimpfte er mit tiefer, näselnder Stimme. »Seit Wochen liegt schon dieser eiskalte Schnee auf mir herum! Fürchterlich!«
Er wandte seinen Kopf zu Evanna, die ihn noch immer ungläubig anstarrte. Sein Blick wurde ein wenig freundlicher: »Jetzt schau doch nicht so! Das sollte kein Vorwurf sein! Mir gefällt die Aussicht hier doch echt gut. Aber dieser Schnee… Dafür hab ich auch einfach nicht die passenden Klamotten an.« Er deutete auf die verblassten Flecken seiner Hose. »Ich geh jetzt besser irgendwo hin, wo nicht ganz so viel von diesem kalten Zeug liegt.« Prüfend sah er sich in dem verschneiten Garten um. »Vielleicht unter die Hecke dort…« Er zeigt auf das blattlose Gestrüpp, das im Sommer eine herrliche grüne Hecke war. »Du hast doch nichts dagegen, oder?«
Evanna starrte den Zwerg mit offenem Mund an.
»Das seh‘ ich jetzt einfach mal als ja…«, meinte der frech und hüpfte von der Bank. Das erschreckte die beiden Spatzen, die in der Zwischenzeit wieder zum Vogelhäuschen gekommen waren, so sehr, dass sie aufgeregt davonflogen.
Dann stapfte der Zwerg durch den Schnee in Richtung besagter Hecke. Oder eigentlich wühlte er mehr, als dass er ging, denn er war so klein, dass er bis zum Hals im kalten Weiß verschwand. Man konnte nur seine Mütze sehen, wie sie langsam zur anderen Seite des Gartens wackelte. Schließlich tauchte auch der Rest des Zwerges wieder auf, als er die Zweige der Hecke erreicht hatte, wo nur noch wenig Schnee lag.
»Oh – und Danke fürs Aufwecken!«, rief er ihr noch über die Schulter hinweg zu, bevor er im Gestrüpp verschwand.

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Leseprobe II

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Hier geht’s zur ersten Leseprobe. Nun geht es weiter mit Evanna und der eigentlichen Geschichte…

Es gibt Worte, welche die Welt verändern können.
Im Fall von Evanna Athos begann die Veränderung mit einem Satz ihrer Mutter: »Dein Vater ist noch nicht daheim.«
Es war der 8. Oktober, knapp einen Monat vor ihrem sechzehnten Geburtstag, als Evanna diese verhängnisvollen Worte hörte.
Wie sehr dieser Satz ihre Zukunft beeinflussen sollte, konnte sie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal ansatzweise ahnen.
An jenem Oktobertag wurde Evanna zu einem Mädchen ohne Vater.

Als Evanna morgens verschlafen die Treppe hinunterging, hörte sie schon die gedämpfte Stimme ihrer Mutter, Alice Athos. Zuerst dachte sie, ihre Eltern würden sich miteinander unterhalten. Doch in der Küche angekommen sah sie, dass Alice allein war und telefonierte. »… Ich kann es mir nicht erklären. Er ist immer zuverlässig…«
Während Evanna eine Schüssel und Müsli aus den Küchenschränken holte, hörte sie neugierig zu. Der Tonfall ihrer Mutter machte sie nervös. Beim nächsten Satz hielt sie mitten in der Bewegung inne.
»Meinst du, wir sollten zur Polizei?«
Augenblicklich sah Evanna zu ihrer Mutter, die sich gerade nervös die blonden Haare hinter die Ohren schob, obwohl ihr keine einzige Strähne ins Gesicht fiel.
Sofort überlegte Evanna, was das wohl zu bedeuten hatte. Sie starrte ihre Mutter an, bis diese mit einem »Bis gleich!« aufgelegt hatte.
Alice blickte beinahe fragend zu ihrer Tochter während sie die Worte sagte, die Evannas Leben so aus den Angeln heben sollten: »Dein Vater ist noch nicht daheim.«
Wie es meist mit solchen weltbewegenden Sätzen ist, wurde auch diesem zunächst nicht genügend Bedeutung beigemessen.
Im ersten Moment fand Evanna die Besorgnis ihrer Mutter übertrieben. Wegen so etwas gleich zur Polizei gehen…
Aber bevor das Mädchen seine Gedanken aussprechen konnte, erzählte die Mutter besorgt weiter: »Er hat – wie so oft – sein Handy nicht dabei. Und die anderen Männer sind auch noch nicht zu Hause. Ich habe gerade mit Katharina telefoniert.«
Auch das brachte Evanna noch nicht aus der Ruhe. Wie immer versuchte sie logisch zu denken. Leander Athos war ein zuverlässiger und vernünftiger Mann. Er blieb nicht einfach über Nacht weg.
Sie hatte schon genug Krimis gelesen, um zu wissen, dass man zunächst die Tatsachen sortieren sollte.
Am Vorabend war ihr Vater – wie schon hunderte Male zuvor – zum Kartenspielen gegangen. Zusammen mit ein paar anderen Männern aus der Nachbarschaft fuhr er regelmäßig in den nächsten größeren Ort, wo es ein Wirtshaus gab. Erlenberg, das 300-Seelen-Dorf in dem die Familie Athos lebte, konnte nämlich kein solches vorweisen.
Im Nachbarort Tolingen saß Leander Athos dann mit seinen Freunden zusammen, spielte mit ihnen Karten, trank das ein oder andere Bier, und fachsimpelte mit ihnen über scheinbar wichtige Themen wie Politik und Wirtschaft. Seiner Frau und seinen beiden Töchtern versuchte er dann am nächsten Tag stets sein neu erworbenes Wissen weiterzugeben. Das tat er mit einem Ernst, dass es einem schon fast Angst werden konnte.
Vermutlich hatten die Männer gestern alle zu viel getrunken, überlegte Evanna. Deswegen hatten sie die Nacht im Wirtshaus verbracht, das praktischerweise auch ein paar Zimmer vermiete. Da brauchte man doch nicht gleich zur Polizei gehen.
Als hätte ihre Mutter Evannas Gedanken erraten, sagte sie: »Im Goldenen Adler habe ich bereits angerufen. Der Wirt hat mir versichert, Leander und die Anderen hätten sich gegen Mitternacht verabschiedet. Und er war der festen Überzeugung, sie würden nach Hause fahren.«
Obwohl Evanna noch immer nicht glaubte, dass etwas Schlimmeres passiert war, bekam auch sie ein mulmiges Gefühl im Magen. Sie wollte nicht in das Gesicht ihrer Mutter sehen und drehte sich schnell weg, um Cornflakes in ihre Schüssel zu schütten. Ihr Gehirn suchte fieberhaft nach möglichen Erklärungen.
Wohin konnten die Männer nachts gefahren sein? Ihr Vater war zu vernünftig, um mitten in der Nacht noch irgendwelche verrückten Dinge anzustellen. Er war auch zu vernünftig, um zu viel zu trinken.
Ein penetranter Gedanke nistete sich in Evannas Kopf ein. Es gab eine relativ einfache, aber hässliche Erklärung…
Was, wenn ihr Vater einen Unfall gehabt hatte?
Während Evanna noch versuchte, diesen Gedanken beiseite zu schieben, wählte ihre Mutter schon die Nummer der Polizei. Dann verschwand sie hinter der Wohnzimmertür, damit sie ungestört telefonieren konnte. Ihre Stimme drang gedämpft durch die Tür (sie klang fest, als hätte sie die Situation unter Kontrolle), Evanna verstand aber nicht, was sie sagte. Ungeduldig stocherte sie in ihren Cornflakes herum.
Schließlich kam Alice zurück in die Küche.
Sie hatte inzwischen aufgelegt und erklärte ihrer älteren Tochter langsam: »Die Polizei meint, wir sollten uns keine Sorgen machen. Erst nach 24 Stunden könnten sie handeln. In der Zwischenzeit tauchen die meisten Vermissten sowieso wieder auf.« Ihre Stimme klang hoffnungsvoll, doch ein Wort in diesem Satz klang falsch: Vermissten. Als wäre etwas Schreckliches passiert. Dabei war sich Evanna sicher, dass sich das alles sehr schnell aufklären würde.
Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die einzige logische Erklärung, doch ihre Hoffnung wollte nichts davon hören.
Alice schien diese Befürchtung zu teilen. Sie ergänzte: »Einen Unfall hat es heute Nacht nicht gegeben. Die Polizei schickt aber einen Streifenwagen los, gezielt zur Strecke zwischen Tolingen und Erlenberg.« Sie versuchte beruhigt zu wirken, als sie sich schon wieder eine blonde Strähne hinter das Ohr schob.
Evanna wusste nicht, ob sie diese Nachricht wirklich erleichtern sollte. Denn was könnte sonst mit ihrem Vater passiert sein?

Die Männer schienen sich einfach in Luft aufgelöst zu haben.
Auch Nachbarn und Bekannte wurden befragt, doch niemandem war etwas Ungewöhnliches aufgefallen.
Die Kreditkarten und Bankkonten wurden geprüft.
»Das ist eine ganz normale Vorgehensweise, um einen Raubüberfall auszuschließen«, erklärte ein älterer Polizist, der sich als Oberkommissar vorgestellt hatte, der Familie Athos. Er strahlte eine angenehme Ruhe aus und wirkte, als könnte ihn nichts erschüttern. Insbesondere nicht das Verschwinden von fünf Männern. Er fügte, fast ein wenig entschuldigend, zu Alice gewandt hinzu: »Und immer wieder passiert es, dass Menschen einfach abhauen.«
Doch weder ihre Kredit- noch die anderen Bankkarten waren benutzt worden. Und es gab keinerlei Hinweise, dass die Männer sonst auf irgendeine Weise gereist waren.
Da blieb selbst dem optimistischen Oberkommissar schließlich nur noch der Verdacht auf Entführung.
Nicht nur Evanna, auch die Polizei schaffte es nicht, eine logische Erklärung dafür zu finden.
Wer entführt einfach so fünf ausgewachsene, kräftige Männer? Ohne auch nur eine einzige Spur zu hinterlassen?
Und vor allem: warum?

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Leseprobe

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Evanna Athos und die Zeiten der Macht ist nun seit ziemlich genau einem halben Jahr auf dem Markt. Erschreckend, wie die Zeit vergeht!
Für alle, die das Buch noch immer nicht gelesen haben (jetzt ist der Zeitpunkt, an dem das schlechte Gewissen an euch nagen sollte), möchte ich in den nächsten Wochen die ein oder andere Leseprobe veröffentlichen, um euch ordentlich neugierig zu machen.
Beginnen wir ganz vorn, mit dem Prolog. Hier lernt ihr eine Person kennen, die später im Buch noch eine wichtige Rolle spielen wird…

Prolog
Oscar Severin

Mr Severin sah auf die Uhr. Der Journalist war unpünktlich. Und Severin hasste Unpünktlichkeit.
Ungeduldig ließ er seinen Blick von der Uhr zum Fenster wandern. Draußen fiel der erste Schnee. Vermutlich würde der Journalist das Wetter für sein Zuspätkommen verantwortlich machen. Als könnte man im Januar nicht mit diesem überflüssigen weißen Zeug rechnen.
Oscar Severin wusste genau, warum der Journalist unpünktlich war. Er wollte ihn ungeduldig machen. Tja, das hatte er geschafft. Er erhoffte sich dadurch sicherlich unüberlegte Antworten. Das würde er aber gewiss nicht schaffen.
Noch immer konnte sich Severin nicht erklären, wie dieser neugierige Mann auf die Sache mit Charlie Barrow gestoßen war. Was er noch mehr hasste als Unpünktlichkeit, waren neugierige Schnüffler, die nicht wussten wann sie ihre Nase aus Angelegenheiten heraushalten sollten.
Endlich klingelte sein Telefon. Mit einem knappen »Ja?«, hob er ab. Seine Sekretärin, die übereifrige Annie Avery, kiekste in den Hörer: »Mr Severin, Ihr Besuch ist da. Mr Hunter von der Welsh Post.«
»Bring ihn herein«, murrte Severin und legte auf.
Wenige Sekunden später wurde seine Bürotür geöffnet und ein kleiner, stämmiger Mann trat an Annie vorbei in das Zimmer.
Severin blieb noch kurz sitzen und musterte seinen Besucher von oben bis unten. Vor ihm stand ein Reporter wie aus dem Bilderbuch: er trug einen alten Wachsmantel über einem blass-karierten Hemd, das vielleicht vor zwanzig Jahren modern gewesen war und sich über dem fülligen Bauch spannte; verwaschene Jeans; eine lächerliche Mütze und einen mindestens ebenso lächerlichen Schnurrbart. Was natürlich nicht fehlen durfte, war die obligatorische Tasche. Darin hielt der Mann nicht nur Blöcke und Stifte bereit, sondern sicherlich auch ein Diktiergerät.
Endlich erhob sich Oscar Severin und begrüßte seinen unliebsamen Besucher mit einem kalten Händedruck.
Mr Hunter setzte ein Lächeln auf, das wohl freundlich sein sollte, für Severin aber verlogen wirkte. Unaufgefordert setzte er sich. Also ließ auch Severin sich wieder in seinen großen Sessel sinken.
»Bitte entschuldigen Sie meine Verspätung, das Wetter…«, begann der Journalist. Severins wässrige Augen verengten sich.
Hunter kramte einen Notizblock und einen einfachen Kugelschreiber, der nach einem Werbegeschenk einer Versicherung aussah, aus seiner Tasche. Dann blickte er aufmerksam zu Severin. Dem war wohl anzusehen, dass er keine Lust auf Smalltalk hatte, denn Mr Hunter kam gleich zur Sache: »Sie wissen, weswegen ich hier bin. Der Fall Charlie Barrow… Der Fall des Schülers, der auf ungeklärte Weise spurlos aus ihrer Schule verschwand und…«
Er wurde unwirsch von Severin unterbrochen: »Charlie Barrow kam bei einem tragischen Unfall ums Leben.«
Mr Hunter lächelte milde. »Bitte verzeihen Sie mir meine Frage, wie es zu diesem Unfall überhaupt kommen konnte?«
Noch immer wusste Severin nicht, wie dieser Hunter erfahren hatte, dass Charlie aus seiner Schule verschwunden war.
Mr Hunter sah ihm direkt in die Augen. »Wie kann es passieren, dass eine Steinstatue einen Schüler unter sich begräbt?«
Langsam strich sich Oscar Severin über seine weißen Bartstoppeln. Alle Schüler von Angleridge hatten die Geschichte mit der umgestürzten Statue geglaubt. Schließlich hatte er dafür gesorgt, dass es wirklich so ausgesehen hatte, als wäre die große Statue einfach auf den Schüler gekippt.
Dass keiner der Schüler eine Leiche gesehen hatte, kümmerte niemanden. Immerhin hatte Severins treuster Lehrer, John Reed, versichert, den toten Jungen gefunden zu haben. Tatsächlich gab es gar keine Leiche, die jemand hätte finden können. Doch das war ein Detail, das nur Oscar Severin und etwa ein Dutzend seiner Schul- und Parteikollegen kannten.
Woher wusste der Reporter also davon?
Langsam antwortete Severin: »Das Gebäude, in dem meine Schule untergebracht ist, ist alt. Ebenso die meisten Gegenstände, die sich darin befinden. Es ist ein tragischer Zufall, dass diese alte Statue ausgerechnet dann ihrem Alter nachgeben musste, als der kleine Charlie darunter stand.«
Der Reporter zog eine Augenbraue nach oben, wobei sein Schnurrbart wackelte. »Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass es ausgerechnet den Jungen trifft, der erst wenige Wochen zuvor im Unterricht auffällig wurde? Den Jungen, der wenige Wochen zuvor im Unterricht lautstark verkündet hatte…«, Mr Hunter sah auf seinen Notizblock und las dann vor, »…dass Sie, Mr Severin, ein Lügner seien; ein verblendeter Patriot, der als Lehrer den Schülern die gleichen Lügen auftische wie Ihre Partei der Bevölkerung.« Mit einem zufriedenen Grinsen sah Mr Hunter von seinen Aufzeichnungen hoch in Severins kleine Augen.
Für einen kurzen Augenblick war Severin entsetzt. Wie konnte dieser Schnüffler davon wissen? Die wenigen Schüler, die Charlies Ausbruch während des Unterrichts mitbekommen hatten, waren schon genug von Severins angepassten Wahrheiten überzeugt gewesen. Sie sahen Charlie als Spinner, der mit dem Prüfungsstress und Leistungsdruck kurz vor Schuljahresende nicht zurechtkam.
Vermutlich gab es auf Angleridge keinen einzigen Schüler, der Charlies Unfall mit seinem Ausbruch fünf Wochen zuvor in Verbindung brachte. Außer vielleicht einen… Doch diesen Schüler hatte Severin stets im Blick…
»Alles Zufall?« Wieder wackelte der Schnurrbart.
Oscar Severin seufzte: »Ja, genau das ist es: ein seltsamer Zufall. Glauben Sie, ich würde einen Schüler umbringen, nur weil er mir widerspricht?« Er wartete nicht auf eine Antwort: »Dann würden jetzt vielleicht noch fünfzig Jugendliche in Angleridge leben.«
»Ich behaupte nicht, dass der arme Charlie Barrow umgebracht wurde«, antwortete Mr Hunter ruhig. »Immerhin gab es keine Leiche, die untersucht wurde.«
Der nächste Schlag direkt in Severins Gesicht. Auch davon durfte eigentlich niemand etwas wissen. Langsam wurde die Sache ernst.
Severin beschloss, dass es höchste Zeit wurde, seine gewisse Kraft zu gebrauchen. Der Journalist musste eindeutig von einer angepassten Wahrheit überzeugt werden. So zumindest nannte Severin seine Geschichten gerne.
Er beugte sich nach vorn und sah dem Anderen direkt in die Augen: »Mr Hunter, hören Sie mir gut zu.«
Der Mann zückte begeistert seinen Stift, in Erwartung auf die Story seiner Karriere.
»Mr Hunter, ich kann Ihnen versichern, dass Charlie Barrow bei einem tragischen Unfall in Angleridge ums Leben kam. Niemand bedauert dies mehr als ich, der ich als langjähriger Rektor dieser bedeutenden Schule verantwortlich bin für die Sicherheit meiner Schützlinge.«
Unverwandt hielt Severin den Blickkontakt. »Charlie Barrow ist tot. Sein Tod war ein tragischer Unfall, der nichts – und ich wiederhole: überhaupt nichts – damit zu tun hat, dass er mir Monate zuvor während des Unterrichts widersprochen hatte. Sie müssen doch selbst zugeben, dass das absurd wäre. Ihr Zitat entspricht übrigens auch nicht der Wahrheit. Das war wohl die journalistische Kreativität, die sie zu solchen Ideen hinreißen ließ.«
Mr Hunter war wie ausgewechselt. Seine Augen waren nicht mehr zu kritischen Schlitzen verengt. Stattdessen nickte er eifrig: »Ja, ich verstehe.« Er lächelte zufrieden und legte den Stift beiseite. »Vielen Dank für Ihre Offenheit. Bitte entschuldigen Sie meine Unterstellung. Der Mensch sucht stets nach Erklärungen für das Unerklärliche; und leider ist der Tod etwas, das niemand erklären kann…«
»Verständlich«, sagte Severin betont nachsichtig.
Er erhob sich und wartete ungeduldig bis der Journalist sein Schreibzeug eingepackt hatte. Er begleitete ihn zur Tür und vergewisserte sich noch einmal kurz, obwohl er kaum Zweifel daran hatte: »Sie werden den Vorfall also ruhen lassen?«
»Selbstverständlich«, beteuerte Mr Hunter. Dann verabschiedete er sich überschwänglich und ließ Oscar Severin allein in seinem Büro.
Der Mann lächelte. Zufrieden sah er auf das alte Foto seines Vaters, das an der Wand direkt neben dem Foto der Queen hing.
John Severin war für sein Vaterland gestorben. Damals war Oscar Severin gerade erst zwölf gewesen. Doch seit diesem verhängnisvollen Tag war ihm klar, dass er die Arbeit seines Vaters nicht nur fortführen, sondern noch viele, viele Schritte weiterentwickeln musste.
Es war an der Zeit, die Menschheit von der Genialität des Vereinigten Königreichs zu überzeugen. Das tat Severin nicht nur mit seiner Partei, British Earth, sondern auch mit seiner Schule.
Und wieder einmal hatte er es zu verhindern gewusst, dass jemand seine Pläne durchkreuzte.

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