Hässlichkeit!?

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Wir müssen aufhören, uns hässlich zu fühlen.
Wir müssen aufhören, Menschen nach ihrem Aussehen zu definieren und zu beurteilen. Es ist egal, wie alt die Jacke ist, es ist egal wie lang die Haare sind. Die auf dem Kopf und die an den Beinen. Es ist egal, wie breit der Lidstrich ist. Es ist egal, wie breit der Hüftumfang ist.
Es ist egal.
Es ist einfach so! verdammt! egal!

Menschen können schön sein. Und Menschen können hässlich sein.
Innerlich.
Und das hat rein gar nichts mit dem Aussehen zu tun.
Sind wir nicht eigentlich immer schön? Wenn es uns gut geht. Wenn wir das tun, was wir gerne tun.

Was ist das für eine Gesellschaft, die uns vorschreibt, welche Figur wir haben müssen? Welche Kleidergröße, welche Haarfarbe. Welche Schuhe wir zu tragen haben, welche Röcke, welche Jeans. Schiefe Zähne werden verachtet, schiefe Beine, eine schiefe Frisur, ein schiefes Lächeln.
Sie hat dünnere Beine als ich.
Er hat breitere Schultern als ich.
Sie tragen teurere Uhren als wir.

Doch was sagt das über uns aus?
Über sie – die Anderen?
Sagt eine Schuhmarke, ob sie hinter dir stehen, wenn die Welt sich gegen dich richtet?
Sagt ein perfekter Lidstrich, ob sie dich zum Lachen bringen kann?
Sagt ein Sixpack, ob er dir aufhilft, wenn du hinfällst?

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On being 22

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The pride of growing the first own radishes ever and of drying your very own lemon balm.
Talking about one friend’s One-Night-Stand and another friend’s marriage.
The insides shattered like a box of matches. Because of all the questions you cannot answer, including the ones about your goals and your longings and the purpose of everything.
Worshipping the right people at last and still adoring the wrong ones.
Finding the true love and losing it and finding it again with a whole bunch of new insecurities which you thought you’d lost at the age of 19.
Missing your mother for her control of everything, missing her like your childrens-bed and still not liking her and not asking her, on principle.
Too short skirts, too long nights.
Missing school, hating and loving the new job.
Drugs & cigarettes and the guilt of irresponsibility.
Being sad and tired.
Writing books and dreaming of becoming successful.
The knowledge that friendships change.
The knowledge which friends can be trusted.
Political correctness as a joke and as an understatement.
Being tall and small and growing all the time.

Zuhause

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Zuhause ist doch eigentlich nur der Ort, vor dem man als erstes davonlaufen wollte.
Dann ist man endlich alt genug. Und flieht. Weit weg. Um endlich das Gefieder schütteln und die Flügel weit ausbreiten zu können.
Um endlich fliegen zu können.
Und wie man fliegt!
Ordentlich auf die Fresse.

Freiheit ist so schön.
Heimtückisch. Gefährlich. Anstrengend.
Und schön.

Die Sicht auf die Dinge ändert sich, von außen betrachtet.
Und dann kommt der Moment, in dem man wieder zurückkommt.
Nach Hause.
Das erste Zuhause.

Läuft an Blumentöpfen mit Paprikapflanzen vorbei, die doch schon immer dort gestanden hatten, aber selten interessant gewesen waren. Die Katze zuckt zur Begrüßung mit den Ohren, als wäre man nie fort gewesen. Der Kuchen wartet noch an derselben Stelle darauf, gegessen zu werden.

Noch immer sitzen die alten Vorwürfe, gemeinsam mit den verletzten Gefühlen, gemeinsam mit der Wut und der Enttäuschung, am Tisch.
Doch irgendwie werden sie kleiner.
Besetzen nicht mehr jeden verkratzten, wackelnden Stuhl, nur noch einen oder zwei, und sehen unbeteiligt aus dem Fenster.
Werden zum Schweigen gebracht von Höflichkeit und Schweigen und irgendeiner Verbundenheit, die wohl doch etwas mit Blut zu tun haben muss.

Wachsen und Lernen

Möwe im Sturm

Verschließe dich nicht.
Öffne deine Fenster und Türen und öffne deine Augen und dein Herz.
Wie willst du lernen, wenn du immer nur in dir selbst bleibst? Wie willst du lernen, wenn du nie deinen sicheren Hafen verlässt, wo du jeden Millimeter, jedes Tau, jede Möwe kennst?
Es ist leicht, einer Meinung zu sein, wenn man nur mit sich selbst diskutiert.
Es ist leicht, ein Urteil zu fällen, wenn man selbst nicht be- oder verurteilt werden kann.
Doch wie willst du  davon lernen, wie willst du dadurch wachsen?
Die Wurzeln von Bäumen werden stärker durch Stürme.
Wie willst du also stärker werden, wenn es keine Stürme gibt? Wenn du Stürme nur aus sicherer Entfernung siehst?

Lies so viel du kannst! Du wirst neue Welten kennenlernen, ganze Menschenleben. Doch vergiss nie, dass Autoren immer irgendwo lügen. Wenn auch vielleicht nicht wissentlich. Und wenn sie nicht lügen, dann erfinden sie zumindest. Künstlerische Freiheit nennt sich das.
Doch Lesen und Leben ist immer noch nicht dasselbe.
Also gehe hinaus, verlasse deinen Kopf, dein Zimmer, deinen sicheren Hafen. Und entdecke, wie wir alle auf derselben Erde und in doch völlig verschiedenen Welten leben können.
Entdecke, was andere Menschen getan haben und lerne aus ihren Fehlern, aus ihren Entscheidungen, aus ihren Erfahrungen. Und lebe selbst. Und wachse. Und lerne.
Du wirst feststellen, wie kompliziert das Leben plötzlich wird. Wenn man Fragen stellt und infrage stellt.
Und du wirst feststellen, dass du noch nie so viel gelernt hast wie dann.
Du wirst überrascht sein, wie viele Stürme es gibt.
Und du wirst überrascht sein, wie viele Stürme du selbst aushalten kannst.

Worauf wartest du noch?

Immer in Bewegung bleiben

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Während mein Wandergefährte das Zelt aufbaute, musste ich warten. Was in den Schottischen Highlands schnell dazu führen kann, von Mücken gefressen zu werden. Die einzige Lösung: Immer in Bewegung bleiben.
Und während ich also diesen Hügel hinauf und hinunter ging, durch das hohe, nasse Gras stiefelte, wurde mir bewusst, dass das eine Metapher für mein ganzes Leben war:
Immer in Bewegung bleiben.
Bloß nicht stehen bleiben.
Ich setze ‚kein Fortschritt‘ mit ‚Rückschritt‘ gleich.
Für mich gibt es keine Pause. Es gibt nur ein Gas: Vollgas.

Der Wind pfiff mir um die Ohren, vertrieb damit die Mücken, doch ich konnte nicht stehen bleiben. Auch wenn meine Muskeln vom langen Wandern erschöpft waren. Immer weiter. Nicht stehen bleiben. Stattdessen dachte ich an mein bisheriges Leben zurück.
Wie ich früher nicht darüber nachgedacht hatte, was ich tun möchte, was ich überhaupt tue. Das Leben floss einfach so vor sich hin. In der Kindheit ist man so sehr mit Wachsen beschäftigt, da kommt die Bewegung ganz von selbst.
Dann wurde ich älter und angeblich erwachsener und hatte immer noch keine Ahnung, was das Leben so tut. Was ich vom Leben so möchte. Was ich von mir selbst möchte. Ich hatte keine Ziele, außer das nächste Wochenende, den nächsten Urlaub, das nächste Treffen mit meiner besten Freundin.
Und so trat ich irgendwann einfach auf der Stelle. Ich blieb in Bewegung, schließlich musste mein ruheloser Kopf beschäftigt werden. Ich lernte Gedichte, brachte mir ein Musikinstrument bei, verbrachte ganze Abende im Internet um mich ‚inspirieren‘ zu lassen, begann zu schreiben.  Ziellos und planlos.
Das, was ich tat, war blinder Aktionismus. Pseudo-Aktivität. Schein-Fortschritt.
Wenn ich jetzt zurückblicke, werde ich wütend auf mich selbst. So viele Chancen ungenutzt. So viele Veränderungen nicht ausprobiert. Auf der Stelle geblieben, obwohl ich mich so zermürbt habe.

„Non, je ne regrette rien“ würde ich so gerne sagen. Früher hätte ich auch behauptet, dass ich tatsächlich nichts bereue. Ich war schließlich immer in Bewegung und Bewegung war gut. Doch jetzt erkenne ich die Sinnlosigkeit hinter dieser Bewegung, dieser Anstrengung ohne Fortschritt. Und ich bereue es.
Hätte ich damals etwas geändert. Hätte ich damals erkannt, dass es scheinheilige Selbsttäuschung war. Hätte ich mich damals nicht so aufgebraucht.
Dann wäre ich jetzt vielleicht in der Lage, tatsächlich voran zu kommen.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Wie mein Kollege jetzt sagen würde.

Und jetzt steh ich hier.
Nein, falsch. Natürlich stehe ich nicht.
Jetzt renne ich hier hysterisch herum. Vielleicht ist es nur ein Kreis, in dem ich renne. So groß, dass ich noch gar nicht erkennen kann, dass es eigentlich ein Kreis ist.
Denn natürlich bewege ich mich noch immer.
Nur nicht stehen bleiben! Immer in Bewegung bleiben!
Jetzt renne ich also hier. Und bin eigentlich kaputt. Sehe auf dieses wacklige Ding, das sich „Ich“ nennt. Sehe auf diesen Scherbenhaufen, der sich „Mein Leben“ nennt.
Obwohl ich weiß, dass all dieses Rennen, diese ständige Bewegung gerade einfach nur schädlich ist, mache ich dennoch weiter.
Warum?
Weil ich nicht stehen bleiben kann.

Ich möchte keinen Bären

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Wir sind die Generation, die niemals schläft. Nein, die niemals schlafen sollte.
Es gibt so viel zu sehen, so viel zu erleben.
You only live once.

Ich muss gefälligst mein Leben schätzen. Alles nutzen. Bis zum äußersten.
So viele andere Menschen haben nicht diese Möglichkeiten, wie ich sie habe. Es wäre undankbar, diese einmalige Chance nicht zu nutzen.

Ich fühle mich, als würde ich ständig unter Druck gesetzt werden.
Ich bin nicht gut genug, so wie ich bin.
Ich muss mehr Sprachen sprechen. Mehr Bücher lesen. Mehr Berge besteigen.  Mehr Freunde treffen. Mehr Torten backen. Mehr Sterne sehen. Mehr Fremde ansprechen. Mehr Kaffee trinken. Mehr Sport machen. Mehr Partys feiern. Mehr Länder bereisen.

Immer nur mehr.

Und ich selbst bin nicht gut genug.
Nicht, solange ich dieses „mehr“ nicht erreicht habe.

Hier ist meine Gegenstimme!

Bitte halte für einen Moment inne.
Das einzige, was du solltest, ist, dein Leben zu leben.
Wir sind die Generation, die niemals schläft. Und jeder klagt über Müdigkeit.
Es ist nicht möglich, den ganzen Tag atemberaubende Dinge zu erleben. Es ist weder psychisch noch physisch möglich.
Irgendwann braucht man Pause. Irgendwann braucht man Schlaf.
Langsame Tage, an denen man im Bett liegt und nichts tut. An denen man ein Buch zum hundertsten Mal liest – einfach weil man es mag und nicht, weil es ein „Mehr“ bringt.

Wir leben in einer Welt, in der alles möglich ist.
Wenn wir einen Bären wollen, dann können wir uns den verdammten Bären einfach kaufen.
Doch was, wenn ich gar keinen Bären möchte?