Meine Würde

Kaffee

Nachdem er seinen Kaffee bei ihr bestellt hatte, ließ sie irgendetwas an seinem Blick abwarten. Als wollte er noch mehr bestellen. Er grinste breit. Und viel zu selbstbewusst. „Möchtest du mit mir aufs Sommerfest gehen?“
Im ersten Moment war sie überrascht. Im zweiten genervt. Im dritten fiel ihr etwas ein: „Tut mir leid, aber da muss ich zu einer Beerdigung.“
„Oh, das tut mir leid.“ Er wusste sowas von offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Weil er doch immer nur alles lustig fand. Aber was sollte man wohl zu einer Beerdigung sagen?
Sein Blick schweifte durch das Café, als wäre er auf der Suche nach einer Souffleuse, die ihm zuflüsterte, was man da jetzt sagen sollte. „Jemand aus der Familie?“, fragte er schließlich in einem – wie er hoffte – mitfühlenden Tonfall. Immerhin kannte er ihre Familie nicht. Sie war schließlich die Zugereiste.
Sie schüttelte ernst den Kopf. Ihre Mundwinkel zuckten. „Meine Würde. Damit ich vielleicht nächstes Jahr mit dir aufs Sommerfest gehen kann.“

Im Hintergrund musste jemand sein Lachen verschlucken.

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4 vs. 1

Immer in Bewegung bleiben

Sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, empört, sprachlos. Schließlich platzte ein ganzer Schwall Worte aus ihr heraus: „Dann standen sie da, zu viert, und ich allein, und zählten ihre Anschuldigungen auf, ihre Vorwürfe gegen mich und alle Partner, mit denen ich doch eigentlich nichts zu tun habe und die auch gar nicht anwesend waren. Sie waren zu viert und ich war ganz allein. Und ich fühlte mich hilflos und mit jedem Satz kleiner werden.“

Wie immer konnte er nur unbeeindruckt mit den Schultern zucken. „Gut, dass du so groß bist.“

Dächer

Dächer

Das war nichts, was man jeden Tag machte. Und doch hatte sie nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihr davon erzählte. Sie wusste, worum es ging. Ich musste nicht beginnen aufzuzählen, was alles auf dem Spiel stand. Ich musste keine Reden halten über die Zukunft. Ich musste sie nicht überreden. Sie war kein Mensch der Worte. Sie war ein Mensch der Taten. Der großen.
Wir quetschten uns durch ein winziges Fenster und balancierten über die heißen Dachziegel bis hin zum nächsten Schornstein. In dessen Schatten versteckten wir uns vor der Sonne und vor unerwünschten Blicken. Unter uns lag die Stadt, die trotz der Hitze vor Menschen wimmelte. Es stank nach dem Fluss, der zu wenig Wasser führte und zu viel Dreck. Vor uns breitete sich ein Labyrinth aus Dächern aus, verschachtelt, ineinander gesteckt, übereinander gebaut, verwinkelt, verworren. Steil.
Zwei Tauben flogen über uns. Die Luft flirrte.
Ihr Blick über die Dächer sah beiläufig aus, doch ich wusste, dass sie gerade einen Weg fand, zwischen Schornsteinen und Dachfenstern hindurch, über Giebel und Firste und Regenrinnen.
„Bei Nacht wird es schwieriger zu erkennen, wo Ziegel fehlen, wo ein Vorsprung endet, wo der Abgrund wartet.“ Ich versuchte sachlich zu klingen. Ich wollte sie nicht ohne Warnung in die Gefahr schicken.
„Bei Nacht wird es schwieriger, mich zu erkennen“, antwortete sie ruhig.

Die Neue im Dorf

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Tante Helena hatte recht: Es gab keine bessere Gelegenheit, die anderen „jungen Leute“ (wie sie es nannte) im Dorf kennenzulernen, als beim Sommerfest.
Es genügten zwei Stunden, um all die Gleichaltrigen und Fast-Gleichaltrigen kennenzulernen. Sie waren betrunken und rauchten zu viel.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und bereits jetzt schon die ersten Leute ihren Alkohol wieder an die Abendluft beförderten, beschloss ich, dass es mir reichte, und machte mich auf den Weg nach Hause zu Tante Helena. Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen, sie kannte mich schließlich kaum. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem.
Plötzlich hörte ich, irgendwo ganz, ganz in der Nähe, jemanden die Titelmelodie zu Game of Thrones pfeifen. Ich blieb stehen und drehte mich um, konnte aber niemanden sehen.
Das Pfeifen hörte auf.
„Hier oben!“, hörte ich eine Mädchenstimme rufen.
Tatsächlich sah ich nun, als ich weiter nach oben blickte, eine Gestalt auf dem Dach eines kleinen Hauses sitzen.
Wenn ich mich nicht täuschte, war das Paula. Mit ihr hatte ich mich ungefähr zehn Sekunden lang über Bücher unterhalten, ehe sie von ihrem Bruder mit zur Bar gezerrt worden war.
„Keine Sorge, die sind nicht immer so“, sagte sie beinahe entschuldigend und ich vermutete, dass sie von ihrem Bruder und den anderen „jungen Leuten“ aus dem Dorf sprach. „Eigentlich nur am Sommerfest.“
Sie schwieg und ich überlegte ob ich etwas antworten sollte oder ob ich weitergehen konnte, ohne unhöflich zu sein. Da fragte sie: „Willst du auch Butterbier?“

Klassenclown & Klassenpoet

Juni-Gewitter

Das Gewitter rollte herein, sage ich und du sagst, auf Rollschuhen. Du warst schon immer der Klassenclown gewesen und ich war der Klassenpoet. Vielleicht sitzt es auch in einem Rollstuhl, sage ich und versuche auch einmal lustig zu sein. Nein, ein Rollstuhl ist zu schwerfällig für ein Gewitter, sagst du und versucht auch einmal poetisch zu sein. Wir beide sind erbärmlich in unseren Versuchen. Egal ob schwerfällig oder rollend oder nichts von alledem, irgendwann ist das Gewitter da und durchnässt uns und egal wie viele Witze du erzählst und egal wie viele Gedichte ich aufsage, wir fürchten uns beide davor, vom Blitz getroffen zu werden. Doch unsere Jugend scheint kein Drama und keine Tragödie zu sein, wir werden nicht vom Blitz getroffen, sondern nur bis auf die Knochen durchnässt. Unsere Jugend scheint auch keine Romanze zu sein, denn wir tanzen nicht im Regen, sondern zittern nur vor Kälte. Mir fällt erst auf, dass ich das alles laut gesagt habe, als du sagst, dass unsere Jugend auf jeden Fall eine Komödie ist. Zumindest immer im Nachhinein betrachtet. Ich frage mich, ob vielleicht doch ein wenig Poesie oder zumindest Weisheit in dir steckt und will mit etwas Witzigem antworten, doch mir fällt nichts ein. Einer von uns beiden muss ja in seiner Rolle bleiben.

Erkennungszeichen

Pik

Ich war spät dran, wie immer. Sicher hatten mir die Anderen einen Platz in ihrer Mitte freigehalten und bereits ein Wasser für mich mitbestellt. Wenn sie nett waren. Wenn nicht, hatten sie ein ganzes Glas Wodka für mich bestellt, damit ich doch auch endlich mal Alkohol mit ihnen trinken würde.
Sie verstanden es einfach nicht. Ich musste einen klaren Kopf behalten, ich musste immer bereit sein.
Das hatte man mir vor genau 13 Monaten gesagt. „Halte dich bereit. Wenn wir dich brauchen, werden wir es dich wissen lassen. Du erkennst uns an unserem Handgelenk. Und wir erkennen dich an deinem Handgelenk. Das Codewort kennst du.“ Ich hatte genickt. Es war genau hier gewesen. Ich war mit all meinen Freunden aus dieser Bar gestolpert und ich war abgefangen worden. Das Herz hatte mir bis zum Hals geschlagen, meine Freunde hatten nicht bemerkt, dass ich nicht mehr zwischen ihnen war, sie waren alle zu betrunken. Ich auch. Doch die Frau, die mich abgefangen hatte, hatte mir nicht wehtun wollen. Nur vorwarnen.
Und seitdem wartete ich auf das Codewort.
C. winkte mir zu, als sie mich endlich durch die Tür kommen sah. Sie hatte mir einen Platz neben sich freigehalten und dort stand ein Glas mit einer farblosen Flüssigkeit. Ich vermutete, es war Wodka, so sehr wie sich alle freuten, mich zu sehen. Ich ging auf sie zu und das war der Moment, in dem ich es hörte.
„Da waren überall schwarze Bäume. Ich schwör’s, die Bäume waren schwarz.“
Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Am Tisch, an dem ich gerade vorbeigegangen war, saßen ein paar junge Leute und ein Mann mit raspelkurzen Haaren und einschüchternden Schultern hatte den Satz gesagt. Die Bäume waren schwarz. Und nun warf er mir einen Blick zu, nur für einen Wimpernschlag, und ich wusste, dass es das war – das Codewort.
Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, ob ich es ignorieren konnte. Vielleicht war es nur ein Zufall. Doch ich wusste, dass es das nicht war. Trotzdem ging ich noch schnell zu C. und umarmte sie kurz. Ich spürte den Blick des jungen Mannes in meinem Rücken und sagte mit trockenem Mund: „Ich muss noch wo hin… Bin gleich wieder da.“
Und dann eilte ich wieder zur Tür hinaus, wo dieser junge Mann gerade um die nächste Ecke verschwand.
Ich folgte ihm, nervös. Kaum war auch ich um die Ecke gebogen, drehte er sich um und sah mich abwartend an. Sollte ich nun etwas sagen? Unschlüssig starrte ich zurück. Langsam hob er seinen Arm und zog den Ärmel seines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo: Pik.
Langsam hob ich meinen Arm und zog den Ärmel meines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo. Dasselbe.
Mein normales Leben war nun endgültig vorbei.

Fremde Wohnung

Fremde Wohnung

Neugierig sah sie sich in seiner Wohnung um. Er lebte ordentlich. Die Bücher standen in Reih‘ und Glied in den Regalen. An der Decke hing eine schlichte Lampe und in einer Ecke stand ein Sofa, das so aussah, als würde es nicht oft gebraucht werden. Es gab keine Pflanzen, fiel ihr auf. Die Stühle standen parallel zur Wand, an die ein paar Zeitungsausschnitte geklebt waren. Daneben hing Salbei zum Trocknen. Nur auf dem Tisch herrschte beinahe so etwas wie Unordnung. Dort stapelten sich Zeitungen, in denen gelegentlich Absätze mit gelben Textmarker hervorgehoben waren.
„Willst du Tee? Und Schokolade?“, fragte er sie plötzlich.
Sie drehte sich zu ihm und nickte. Und versuchte, ein dämliches Grinsen zu unterdrücken. Sie war schwer bemüht, sich nicht in ihn zu verlieben, aber das war alles andere als einfach. Wenn man bedachte, wie ähnlich sie sich waren. Und wie zielsicher er ihre Gedanken lesen konnte.
Während er in die Küche verschwand, blickte sie aus dem Fenster. Die Nacht brach herein. Die Straßenlampen brannten schon und über den Hochhäusern konnte man nur noch schwach die einzelnen Wolken ausmachen, die kaum noch dunkler waren als der Himmel.
Er kam kurze Zeit später zurück, drückte ihr eine Tasse in die Hand und legte eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Dann stellte er sich neben sie und sah nach draußen, hinunter auf die Straßen. Unweigerlich wurde ihr seine Nähe bewusst, sie spürte seinen Atem, sie roch seinen Schweiß und sein Deo.
„Die anderen Jungs werden bald kommen“, sagte er. Beinahe entschuldigend?
Schlagartig wurde ihr bewusst, wie leichtsinnig sie war. Sie war allein in die Wohnung eines Mannes gekommen, den sie erst seit dem Vorabend kannte. Und sie wusste, dass bald noch weitere Männer in dieser Wohnung auftauchen würden.
Wie konnte sie nur so dumm sein?
Unauffällig tastete sie nach ihrer Hüfte, wo – gut versteckt unter ihrem Pullover – ein Messer wartete.
Der beste Weg in das Herz eines Mannes ist zwischen der vierten und der fünften Rippe, erinnerte sie sich und lächelte grimmig.