Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

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In Momenten wie diesem verstand ich, warum es Menschen gab, die sie fürchteten.

„Ich kann sehr wohl allein nach Hause gehen“, fauchte sie. „Oder was spricht deiner Meinung nach dagegen?“
Ich sah sie an, klein wie sie war, in einem verdammt kurzen Kleid, das unverschämt viel von ihren Beinen zeigte, sah in ihre Rehaugen, die sie angriffslustig zusammengekniffen hatte.
„Ich habe nicht gesagt, ich begleite dich nach Haus, weil du ein Mädchen bist“, sagte ich schnell. Klar, sie sah aus wie ein hilfloses Mädchen. Aber wenn sie eines nicht war, dann hilflos.
„Ich komme schon mit den Männern klar.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme.
„Ich weiß. Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Ich zwinkerte ihr zu. Weil sie dadurch nur noch grimmiger dreinsah, ergänzte ich: „Mensch, du bist immer noch die kleine Schwester meines besten Freundes. Max bringt mich um, wenn ich dich nachts allein durch die Straßen laufen lasse.“
„Ich werde auf deine Beerdigung kommen“, entgegnete sie trocken. Dann ging sie an mir vorbei und trat aus der Bar, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.

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Vom Fehlen der Angst

Whisky

„Wie kommt es, dass du immer alleine bist? Dass du keine Freunde hast?“
Er hatte sich nun bereits zwei Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie war interessant, freundlich, offen, aufmerksam und – wie er fand – überdurchschnittlich hübsch. Sie hatte bisher keine Macken gezeigt, keine abschreckenden Weltanschauungen geäußert. Und dennoch behauptete sie jetzt, dass sie keine Freunde hatte.
Sie zögerte kurz, als müsste sie überlegen, ob sie wirklich mit der Wahrheit herausrücken wollte.
„Weißt du“, setzte sie schließlich an „ich habe vor nichts Angst.“
Er wartete. Das war vielleicht eine ungewöhnliche Aussage, aber doch sicher keine Begründung.
Sie starrte angestrengt auf die Eiswürfel in ihrem Glas und fischte einen davon heraus. „Ich sage das nicht einfach so. Ich habe tatsächlich vor nichts Angst. Anfangs fasziniert das die meisten Menschen. Doch wenn sie mich dann einige Zeit kennen, ein paar mal mit mir unterwegs waren, sind sie nicht mehr fasziniert, sondern irritiert. Immerhin bin ich doch eigentlich nur ein ganz normaler Mensch. Und dann auch noch ein Mädchen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Grund, um Angst zu haben. Viel zu viele Menschen verstecken sich hinter Ausreden. Und lassen sich bei jeder Entscheidung von Angst leiten. Angst vor dem Versagen. Angst vor Gewalt. Angst vor der Meinung anderer. Angst vor Verlust. Ich jedoch nicht.“
Sie beobachtete angestrengt, wie der  Eiswürfel zwischen ihren Fingern zu schmelzen begann. Leise sprach sie weiter: „Irgendwann werfen sie mir dann vor, dass ich verrückt bin. Lebensmüde. Absolut gefühlskalt.“
Ihr Blick richtete sich wieder auf ihn. Abwartend.
Er überlegte kurz, trank einen Schluck von seinem Whisky, überlegte nochmal. Endlich sagte er etwas. „Du hast also vor nichts Angst?“
Sie konnte seine Stimme nicht deuten, sie klang völlig neutral.
Beinahe entschuldigend schüttelte sie den Kopf.
Er zuckte mit den Schultern. „Was kümmert es mich, VOR was du Angst hast? Viel wichtiger ist doch, UM was du Angst hast. Das sagt viel mehr über dich aus. Darüber, was dir wichtig ist.“
Zuerst starrte sie ihn überrascht an. Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

Meine Würde

Kaffee

Nachdem er seinen Kaffee bei ihr bestellt hatte, ließ sie irgendetwas an seinem Blick abwarten. Als wollte er noch mehr bestellen. Er grinste breit. Und viel zu selbstbewusst. „Möchtest du mit mir aufs Sommerfest gehen?“
Im ersten Moment war sie überrascht. Im zweiten genervt. Im dritten fiel ihr etwas ein: „Tut mir leid, aber da muss ich zu einer Beerdigung.“
„Oh, das tut mir leid.“ Er wusste sowas von offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Weil er doch immer nur alles lustig fand. Aber was sollte man wohl zu einer Beerdigung sagen?
Sein Blick schweifte durch das Café, als wäre er auf der Suche nach einer Souffleuse, die ihm zuflüsterte, was man da jetzt sagen sollte. „Jemand aus der Familie?“, fragte er schließlich in einem – wie er hoffte – mitfühlenden Tonfall. Immerhin kannte er ihre Familie nicht. Sie war schließlich die Zugereiste.
Sie schüttelte ernst den Kopf. Ihre Mundwinkel zuckten. „Meine Würde. Damit ich vielleicht nächstes Jahr mit dir aufs Sommerfest gehen kann.“

Im Hintergrund musste jemand sein Lachen verschlucken.

4 vs. 1

Immer in Bewegung bleiben

Sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, empört, sprachlos. Schließlich platzte ein ganzer Schwall Worte aus ihr heraus: „Dann standen sie da, zu viert, und ich allein, und zählten ihre Anschuldigungen auf, ihre Vorwürfe gegen mich und alle Partner, mit denen ich doch eigentlich nichts zu tun habe und die auch gar nicht anwesend waren. Sie waren zu viert und ich war ganz allein. Und ich fühlte mich hilflos und mit jedem Satz kleiner werden.“

Wie immer konnte er nur unbeeindruckt mit den Schultern zucken. „Gut, dass du so groß bist.“

Dächer

Dächer

Das war nichts, was man jeden Tag machte. Und doch hatte sie nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihr davon erzählte. Sie wusste, worum es ging. Ich musste nicht beginnen aufzuzählen, was alles auf dem Spiel stand. Ich musste keine Reden halten über die Zukunft. Ich musste sie nicht überreden. Sie war kein Mensch der Worte. Sie war ein Mensch der Taten. Der großen.
Wir quetschten uns durch ein winziges Fenster und balancierten über die heißen Dachziegel bis hin zum nächsten Schornstein. In dessen Schatten versteckten wir uns vor der Sonne und vor unerwünschten Blicken. Unter uns lag die Stadt, die trotz der Hitze vor Menschen wimmelte. Es stank nach dem Fluss, der zu wenig Wasser führte und zu viel Dreck. Vor uns breitete sich ein Labyrinth aus Dächern aus, verschachtelt, ineinander gesteckt, übereinander gebaut, verwinkelt, verworren. Steil.
Zwei Tauben flogen über uns. Die Luft flirrte.
Ihr Blick über die Dächer sah beiläufig aus, doch ich wusste, dass sie gerade einen Weg fand, zwischen Schornsteinen und Dachfenstern hindurch, über Giebel und Firste und Regenrinnen.
„Bei Nacht wird es schwieriger zu erkennen, wo Ziegel fehlen, wo ein Vorsprung endet, wo der Abgrund wartet.“ Ich versuchte sachlich zu klingen. Ich wollte sie nicht ohne Warnung in die Gefahr schicken.
„Bei Nacht wird es schwieriger, mich zu erkennen“, antwortete sie ruhig.

Die Neue im Dorf

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Tante Helena hatte recht: Es gab keine bessere Gelegenheit, die anderen „jungen Leute“ (wie sie es nannte) im Dorf kennenzulernen, als beim Sommerfest.
Es genügten zwei Stunden, um all die Gleichaltrigen und Fast-Gleichaltrigen kennenzulernen. Sie waren betrunken und rauchten zu viel.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und bereits jetzt schon die ersten Leute ihren Alkohol wieder an die Abendluft beförderten, beschloss ich, dass es mir reichte, und machte mich auf den Weg nach Hause zu Tante Helena. Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen, sie kannte mich schließlich kaum. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem.
Plötzlich hörte ich, irgendwo ganz, ganz in der Nähe, jemanden die Titelmelodie zu Game of Thrones pfeifen. Ich blieb stehen und drehte mich um, konnte aber niemanden sehen.
Das Pfeifen hörte auf.
„Hier oben!“, hörte ich eine Mädchenstimme rufen.
Tatsächlich sah ich nun, als ich weiter nach oben blickte, eine Gestalt auf dem Dach eines kleinen Hauses sitzen.
Wenn ich mich nicht täuschte, war das Paula. Mit ihr hatte ich mich ungefähr zehn Sekunden lang über Bücher unterhalten, ehe sie von ihrem Bruder mit zur Bar gezerrt worden war.
„Keine Sorge, die sind nicht immer so“, sagte sie beinahe entschuldigend und ich vermutete, dass sie von ihrem Bruder und den anderen „jungen Leuten“ aus dem Dorf sprach. „Eigentlich nur am Sommerfest.“
Sie schwieg und ich überlegte ob ich etwas antworten sollte oder ob ich weitergehen konnte, ohne unhöflich zu sein. Da fragte sie: „Willst du auch Butterbier?“

Klassenclown & Klassenpoet

Juni-Gewitter

Das Gewitter rollte herein, sage ich und du sagst, auf Rollschuhen. Du warst schon immer der Klassenclown gewesen und ich war der Klassenpoet. Vielleicht sitzt es auch in einem Rollstuhl, sage ich und versuche auch einmal lustig zu sein. Nein, ein Rollstuhl ist zu schwerfällig für ein Gewitter, sagst du und versucht auch einmal poetisch zu sein. Wir beide sind erbärmlich in unseren Versuchen. Egal ob schwerfällig oder rollend oder nichts von alledem, irgendwann ist das Gewitter da und durchnässt uns und egal wie viele Witze du erzählst und egal wie viele Gedichte ich aufsage, wir fürchten uns beide davor, vom Blitz getroffen zu werden. Doch unsere Jugend scheint kein Drama und keine Tragödie zu sein, wir werden nicht vom Blitz getroffen, sondern nur bis auf die Knochen durchnässt. Unsere Jugend scheint auch keine Romanze zu sein, denn wir tanzen nicht im Regen, sondern zittern nur vor Kälte. Mir fällt erst auf, dass ich das alles laut gesagt habe, als du sagst, dass unsere Jugend auf jeden Fall eine Komödie ist. Zumindest immer im Nachhinein betrachtet. Ich frage mich, ob vielleicht doch ein wenig Poesie oder zumindest Weisheit in dir steckt und will mit etwas Witzigem antworten, doch mir fällt nichts ein. Einer von uns beiden muss ja in seiner Rolle bleiben.