Puzzles

Backlights

Schon immer hatte M. das Talent, immer genau das Richtige zu tun. Und in diesem Moment war das, die Musik aufzudrehen.
Er saß im Auto, auf dem Beifahrersitz, auf dem Rückweg von einer Party. Eine Party, die eigentlich nicht gut gewesen war. Und trotzdem waren sie geblieben bis es schon wieder hell wurde. L. hatte nichts getrunken, weil sie dachte, dass das besser so war und vielleicht war es das auch, vielleicht aber auch nicht. Denn L. hatte mal wieder einen ihrer Tiefpunkte. Den vierundachtzigsten seit diesem einen Tag…
Verbissen umklammerte sie das Lenkrad. Nur nicht darüber nachdenken. Auf die Straße konzentrieren. Blinken. Abbremsen. Kuppeln. Schalten. Abbiegen. Beschleunigen. Schalten. Fernlicht aus. Fernlicht wieder an. Wenn nur die Tränen ihre Sicht nicht so behindern würden.
Die Musik tönte laut und sie musste jedem Wort zustimmen: Living is a Problem because everything dies. Wie einfach es wäre, wenn nichts sterben würde. Oder sie nicht leben. Everywhere I look someone dies. Wonder when it’s my turn.
M. sah sie bedeutungsschwer an. Er wusste, dass auch der laute Bass nicht die Stimme in ihrem Kopf würde übertönen können. Irgendwann sang er laut mit. Vielleicht konnte sein schiefer Gesang diese Stimme übertönen. Wer hat ein Streichholz? Wir stehen in Flammen und wir brennen, brennen, brennen.
Und wie L. brannte!
Da konnte doch ein Kolibri sie nicht beschützen? Der war viel zu zerbrechlich, viel zu fragil, viel zu klein und viel zu bunt. Eigentlich war alles zu schwach, um sie jetzt noch beschützen zu können. Davon war sie überzeugt.
Sie fuhr weiter, die Straße wurde schmaler. Ihre Augen ebenfalls. Die Tränen waren überall.
Happiness is an Illusion. Wie sollte es auch etwas anderes sein können? Der Tod wartete doch nur darauf, ihr jede Freude, jedes Glück nehmen zu können.
Die Tränen liefen L. über die Wange. Manchmal schluchzte sie leise.
Doch M. gab die Hoffnung nicht auf. Vielleicht hatte er zu viel Alkohol getrunken, um Trauer verstehen zu können. Vielleicht verstand er ihre Trauer gerade deswegen. Vielleicht hatte er genau deswegen so viel Vertrauen in diese eine CD. Die schließlich Puzzles hieß. Ein großes Ganzes, in Einzelteile zerbrochen, die doch nur darauf warteten wieder zusammengesetzt zu werden.
Irgendwann würde die Musik helfen. Ganz bestimmt.
Als hätte L. seine Gedanken erraten, schüttelte sie den Kopf. Traurig. Erschöpft. Sie wusste doch schon lange, dass sie in Einzelteile zerbrach. We’re falling to pieces. Doch die Frage war: How do you become one again? Konnte man das überhaupt noch? Wieder Ganz werden?
M. warf ihr einen Blick zu. Relax all your muscles. Beruhige dich. Bitte. Atme einen Moment durch.
I’ve started falling apart. Es war die einzige Antwort, die sie geben konnte, noch immer auf die Straße starrend, das Lenkrad fest umklammert, die Worte nur gehaucht. Sie hatte die CD schon oft genug gehört.
Und das war der Einsatz, auf den er gewartet hatte. Jetzt kam M.’s Argument. Er legte eine Hand auf ihre. Das war nicht aufdringlich. Sie waren viel zu gute Freunde und L. war viel zu traurig, das war schon in Ordnung so. Er wollte nur, dass sie genau zuhörte, als die Lautsprecher den wichtigsten Satz tönten:
Take the pieces and build them skywards.

Songs in order of appearance:
Living is a problem because everything dies
Who’s got a match?
Love has a diameter
Now I’m everyone
9/15ths

As dust dances
Machines

Tatort

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Ich besitze keinen Fernseher und dennoch möchte ich jeden Sonntag mit dir Tatort sehen. Dabei ist der eigentliche Tatort ein Berg. Oder vielleicht doch die Postfiliale, vor deren Türen wir uns das erste Mal küssten.
Es gibt ganz klar einen Täter und der bist du. Denn mit Taten hab ich es nicht so, dafür bin ich zu schüchtern. Ich kümmere mich lieber um die Worte. Um Ausreden. Faule & wahre. Um Bekenntnisse. Lippenbekenntnisse, die von meinen Lippen zu deinen wandern. Das ist nicht schwer, dazwischen ist nicht viel Platz.
Ich habe nur Angst davor, was dabei herauskommt, wenn sich unsere Lippen mal trennen. Oder unsere Wege. Meine Hoffnung aber ist, dass der Täter immer wieder zum Ort des Verbrechens zurückkehrt. Die Frage ist nur, ob das nun mein Herz ist. Oder ein Berg. Oder doch diese Postfiliale.
Kann man Spuren so einfach verwischen? Ich hoffe nicht. Zumindest versuche ich, dafür zu sorgen. Also ritze ich mir deinen Namen in mein Herz. Keine Sorge, nur metaphorisch gesprochen, denn vor Schmerzen habe ich noch mehr Angst als vor einem Leben ohne dich. Versuche ich mir zumindest einzureden.

Weil man nicht jeden Mist mitmachen kann

Blumen benennen

Du wolltest doch schon immer anders sein.

Du und deine Freundinnen, ihr seid gerne gemeinsam nach draußen gegangen, vor allem im Frühling, wenn die Sonne endlich schien und die Blumen endlich blühten. Und das war auch alles, was euch miteinander verband. Während all die Mädchen Blumen pflückten, versuchtest du sie zu bestimmten. Du blättertest in deinem Naturführer, während die anderen Mädchen beide Hände voller Blumensträuße hatten.
In der Schule saßen doch immer alle gelangweilt an ihren Plätzen und hielten heimlich ihre Handys in der Hand, um Snake zu spielen oder viel zu viele, viel zu teure SMS zu schreiben. Schließlich war es cool, das Handyverbot zu ignorieren. Und wer wollte schon beim langweiligen Unterricht zuhören. Auch dir war der Unterricht oft zu langweilig, doch das war dir schon wieder genug Mainstream, also nahmst du den Duden mit und lerntest ihn auswendig. Die anderen hielten ihre Handys unter den Tisch, du hieltst den Duden.
Auf dem Weg zur Party, im vollen Auto, wenn ihr gemeinsam schon bei D. zuhause eine Flasche Wein geleert hattet und dir das genug Zusammengehörigkeit war, dann pfiffst du die Titelmelodie von „Game of Thrones“, während alle anderen versuchten zu David Guetta mitzugröhlen. Ich frage mich heute noch, wie du das schaffst – eine Melodie zu behalten, wenn um dich herum andere Musik tönt, lauter als das Trommelfell es eigentlich auszuhalten vermochte.
Und auch jetzt noch, wenn alle ihre Häuser bauen, ihre Familien gründen, ihr Leben in den Griff kriegen, jetzt unterbrichst du die Unterhaltungen, die dir viel zu erwachsen werden, legst eine leere Flasche Wein auf den Tisch und willst wissen „Tat oder Wahrheit?“.

Und weißt du, was ich mehr liebe als all deine Einzigartigkeit?
Deine Antwort, wann immer dich jemand fragt, warum du so anders bist als alle anderen; warum du mit aller Gewalt, die in deinem kleinen Körper steckt, gegen die Normalität ankämpfst.

„Man kann doch nicht jeden Mist mitmachen!“

 

Von Namen und von &

 

Feeling Scotland

Wir wagen es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.

Du bist P. und ich bin M. Du bist Er und ich bin Sie. Du bist mein Fehler und ich bin deine Verdammnis. Du bist Vermissen und ich bin Sehnsucht. Du bist Enttäuschung und ich bin Enttäuschung.

Ich glaube, es noch zu wissen. Und du glaubst, es noch zu wissen.
Wie es damals war. Als wir M&P waren. Ohne Leerzeichen, weil nichts zwischen uns stehen durfte. Außer dieses &. Fein geschwungen. In Baumstämme so schwer zu ritzen.
Dabei war dieses & das einzige, was uns überhaupt zusammenhielt. Und zwischendurch unsere Finger. Sie verschränkten sich so schön ineinander. Das musste doch ein Zeichen sein. Dachten wir. Damals.

Heute wagen wir es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.

Sturmgedanken

Sturmwolken

Es herrschte diese Art von Wetter, bei der man das Haus nicht verließ. Und wer das Haus doch verließ, hatte zwei Möglichkeiten das zu tun.
Erstens: Zusammengekauert, gebeugt, sich so klein wie möglich machend. So wenig Angriffsfläche wie möglich bietend.
Zweitens: Aufrecht, erhobenen Hauptes, angriffslustig, die Schultern gestrafft, der Außenwelt die Stirn bietend. Mit dem ganzen Körper rufend: Hier bin ich.

Heute entschied sie sich für die zweite Möglichkeit. Gestern schon hatte sie siebzehn Stunden auf dem Sofa verbracht, unter ihrer Decke (‚Gudrun‘ sagte das Etikett) versteckt. Die restlichen sieben Stunden war sie im Bett gelegen. Vergeblich auf den Schlaf wartend.
Das war genug. Nun war es Zeit zu kämpfen.
Wenn sie schon den Kampf gegen das Vermissen verlor, dann wenigstens nicht den Kampf gegen das Wetter.

Die Haustüre wurde ihr beinahe aus den Händen gerissen, so stark war der Wind. Er zerrte an ihrem Mantel, an ihren Haaren, selbst an ihren Fingern. Also ballte sie die Hände zu Fäusten. Kniff den Mund zusammen und die Augen. Und schritt los.

Als man sie beinahe zwei Tage später in einem Stück Wald fand, zusammengekauert unter einem Baum Schutz suchend, wurde sie gefragt, wohin sie denn eigentlich wollte.
Und die einzige ehrliche Antwort, die sie geben konnte war: „Weg.“

A stranger

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She fell in love with a stranger.
He had seen her heart.
At least, that’s what I think.

Honestly, she shouldn’t call him stranger.
He knows her.
He knows her heart.
It’s just…
She is far too concentrated on surviving,
She simply can’t know him.
No chance.
She doesn’t even know herself.

But he knows her.
And he worships her.
It feels horrible.
And beautiful.

She is in love.

Wir waren schlechte Touristen

London

8,5 Millionen Menschen in London
und für niemanden stank die Themse
so sehr wie für mich.
Nach faulen Eiern und
deinen faulen Ausreden.

3,5 Millionen Menschen in Berlin
und jeder spricht über die Mauer,
doch nur ich meine
die Mauer zwischen uns beiden.

3 Millionen Menschen in Madrid
und jeder genießt die Sonne,
während ich allein im Schatten stehe.
In deinem.

2,8 Millionen Menschen in Rom
und jeder bewundert die Gebäude,
doch ich sehe nur
wie sie einst brannten.
Für mich heißt du Nero.

2,1 Million Menschen in Paris
und jeder blickt zum Eiffelturm,
der für mich als einzige
das Gegenteil von Liebe bedeutet,
seit du darunter gestanden warst.

So viele Städte,
so viele Menschen.
Und das einzige,
woran ich mich zurückerinnern kann,
bist du und dein Blick der Einsamkeit,
weil du nie Zweisamkeit wolltest.