Züge, die niemals kommen

Da ist der Bahnhof, und da sitzt sie.
Da hasten Menschen, und da sitzt sie.
Da rollen Züge, und da sitzt sie.
»Vorsicht bei der Einfahrt«
»Der ICE von Mannheim«
»Zehn Minuten Verspätung«
»Auf Gleis 3«
Der Kioskverkäufer kennt sie inzwischen, obwohl sie nie etwas bei ihm kauft. Weil sie nie etwas bei ihm kauft. Obwohl sie immer eine Ewigkeit dasitzt. Und wartet.
Sie verschwindet meistens (immer), wenn er gerade nicht hinsieht, und er weiß nicht, ob sie in Züge steigt, ob sie jemanden abholt, was sie überhaupt hier macht, ohne Gepäck, ohne Gesellschaft, ohne Beschäftigung.
Irgendwann siegt die Neugierde, wie sie es doch immer tut. Er hat Feierabend und sie sitzt da, wie sie es immer tut, und er ruft seiner Kollegin »lass dich nicht ärgern« zu, wie er es immer tut. Menschen tun etwas so lange immer, bis sie es eben nicht mehr tun. Heute geht er nicht zur Treppe, heute geht er zu ihr.
»Hey.«
Sie schaut nur kurz auf. »Hey.«
Es klingt so, als würden sie sich kennen. Was sie vielleicht auch tun.
Er braucht einen Moment, um dieses seltsame Gefühl zwischen Angst davor, sich zum Idioten zu machen, und Neugierde zu ignorieren. »Was genau machst du eigentlich immer hier?«
»Ich warte.« Die knappe Antwort passt nicht zu ihrer freundlichen Stimme und ihrem fast schon amüsierten Lächeln.
»Worauf?«
»Auf Züge.«
Er nickt, als würde er das verstehen, auch wenn er das nicht versteht. Nach einigen Sekunden des Schweigens deutet er um sich. »Hier gibt’s ein paar zur Auswahl. Auf welche genau?«
»Ich warte auf die Züge, die niemals kommen.«

Die Einsamkeit trägt deinen Namen

Ich lasse jedes Licht in jedem Raum brennen, als könnte ich mich selbst austricksen, damit ich glaube, du wärst noch immer da. Ich lasse den Fernseher laufen, lauter als ich sollte, damit ich immer jemanden sprechen höre, und wenn es nur Werbung ist für ein Auto, das ich nicht brauche. An manchen Tagen schaffe ich es, die Fenster zu öffnen, die Luft ist noch zu kalt, ernüchternd, schockierend, ein kleines Lebenszeichen womöglich. Die Nudeln reichen noch immer für zwei. Tage. Nicht Menschen. Die Spülmaschine wird nicht mehr voll, Geschirr von mir allein, von einer Person, die es nicht schafft, regelmäßig zu essen, regelmäßig Beruhigungstee zu trinken, regelmäßig benutztes Geschirr in die Spülmaschine zu räumen, anstatt es überall einfach stehen zu lassen. Ich wundere mich, dass noch kein Teller, kein Glas, noch gar nichts zerbrochen ist, obwohl ich meist blind bin vor Tränen. Scherben bringen Glück, vielleicht ist mir selbst dieses Glück verwehrt. Manchmal gehe ich einkaufen, doch die Auswahl lähmt mich und meistens sind es nur Weintrauben (die hast du mir an meinen schlimmsten Tagen mitgebracht. Weil sie keine Zubereitung brauchen. Weil sie süß sind, aber gesünder als Schokolade). Und Schokolade. Und Nudeln. Und mindestens zwei dieser Gläser mit Gemüsebrühenpulver, weil Suppe doch helfen soll beim Heilen. Ich versuche es mit diesem Heilen, vielleicht klappt es irgendwann, doch im Moment bin ich nur Leid und Einsamkeit.

Autoradio

Als Beifahrerin war ich schon immer für die Musik zuständig. Doch inzwischen gefällt dir meine Musik nicht mehr. »Irgendwie hörst du nur noch so komisches Zeug«, hast du gesagt. Es klang wie ein Vorwurf und vermutlich sollte es auch genau das sein. Das war vor vier Monaten, wir hören jetzt nur noch Radio im Auto, auch wenn ich die viele Werbung und das Gelaber hasse. Die Situation zwischen uns hat sich seitdem nicht verbessert. Im Gegenteil. Beinahe jedes unserer Gespräche endet mittlerweile in Streit. Nicht in dieser Art von Streit, bei der man sich anschreit. Sondern die nervenzehrende Art von Streit, mit kleinen Sticheleien, gerümpften Nasen, zu viel Sarkasmus und noch mehr Schweigen.
Wie auch jetzt, ich starre aus dem Fenster und drehe demonstrativ das Autoradio lauter, nicht, damit wir zusammen mitgröhlen können wie früher, sondern um nicht mehr mit dir sprechen zu müssen. Und das sagt mehr aus, als es meine Worte jemals könnten. Vielleicht schweigen wir deshalb immer mehr miteinander.
Umso überraschter bin ich, als du kurzerhand das Radio ausschaltest. Die plötzliche Stille irritiert mich. Wir hören nur noch den leichten Regen auf der Windschutzscheibe und manchmal den Scheibenwischer und manchmal das zufriedenstellende und gleichzeitig beunruhigende Geräusch, wenn du durch eine Pfütze fährst.
»Das Schweigen darf nicht weitergehen«, sagst du schließlich in diese Stille hinein.
Ich weiß, dass du recht hast, doch ich fürchte mich so sehr vor diesem Gespräch, dass ich mir von ganzem Herzen wünsche, dein Radio würde sich von selbst wieder einschalten.

Willkommen zurück

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht vermisst habe, stehst du ganz oben.
Ich steige aus dem Auto, und die erste Person, die ich sehe, bist du. Es hilft nicht, dass du ganz hinten stehst. Dass fünf oder sechs oder acht oder zehn andere Menschen auch dastehen. Meine beste Freundin. Meine Mutter. Mein Blick fällt sofort auf dich. Was mein Herz da veranstaltet, kann ich nicht in Worte fassen. Stolpern? Hüpfen? Aussetzen? Was mein Magen veranstaltet, kann ich jedoch gleich beschreiben: er rebelliert. Mir wird kotzübel, und ich bereue es, dass ich während der vierstündigen Fahrt so viel gegessen habe. Die Schokolinsen wollen sich eine Weg an die Luft bahnen, aber ich schlucke und schlucke und knalle die Autotür zu und schaue dir in die Augen und gehe auf dich zu. Gut, dass noch andere Menschen da sind, sieben andere Menschen, die zwischen dir und mir stehen, die mich in den Arm nehmen, Fragen stellen, aufgeregt sind. Ich freue mich mit, umarme zurück, sage »nee, hab nur einmal kurz im Stau gestanden« und »schön, wieder hier zu sein« und »klar hab ich euch das sonnige Wetter mitgebracht«. Sieben Menschen sind nicht viel, wenn nicht einmal dreihundersechsundachtzig Kilometer gereicht haben, um genug Distanz zwischen uns zu bringen. Ich blicke auf den noch immer kaputten Gartenzaun der Nachbarn, ich blicke zu den Tauben, die auf dem Scheunendach sitzen, ich blicke auf meine Schuhspitzen, ich blicke überallhin, nur nicht zu dir, doch das lässt dich nicht verschwinden.
Du stehst vor mir, ich will es beiläufig wirken lassen, wie ich dich kurz umarme, während alle um mich herum nichts zu bemerken scheinen. Dass ich mich neben dir immer so klein gefühlt habe, liegt nicht nur daran, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um dein Gesicht sehen zu können. Ich lege den Kopf nicht in den Nacken, aber ich schließe die Augen und ich atme tief ein und ich antworte auf keine Frage mehr, denn ich höre nur »willkommen zurück«, als wäre es eine Liebeserklärung.
Auf der Liste der Dinge, die ich vermisst habe, stehst du ganz oben.

Aschenbecherherz

Letzte Woche bin ich zum ersten Mal an deiner Wohnung vorbeigefahren, ohne zu sehen, ob bei dir Licht brennt.
Wenn ein blauer Ford Focus meine Straße entlangfährt, schaue ich nicht mehr auf das Kennzeichen, in der Hoffnung, deines zu sehen. Ich gehe davon aus, dass es der Nachbar ist, so wie er es die letzten drei Monate auch schon war.
Ich gehe wieder ungeschminkt zum Einkaufen, die Wahrscheinlichkeit, dich dort zu treffen ist verschwindend gering, und falls doch, dann kannst du meine Pickel sehen, I don’t care.
»I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich von einer Tätigkeit abhalten möchte, weil die Möglichkeit besteht, dadurch eine zufällige Begegnung mit dir zu verpassen. »I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich etwas tun lassen will, weil die Möglichkeit besteht, dir dadurch zufällig zu begegnen.
Die letzte Freundin, die zu mir sagte: »Du musst ihm zeigen, was er verpasst hat«, ist nicht mehr meine Freundin. Du wirst nie kapieren, was du verpasst hast. Du wolltest es nicht kapieren.
Trotzdem arbeite ich weiter an meinem Sixpack, weil dich das so beeindruckt hat. Ich meine: Weil ich mir selbst beweisen will, dass ich es kann.
Trotzdem lerne ich weiter Spanisch, weil ich damit deiner Mutter eine Freude machen kann. Ich meine: Weil das eine nützliche Fremdsprache ist.
Trotzdem kann ich noch immer nicht ›Ashtray Heart‹ hören, Weil ich an den verdammten Aschenbecher auf deinem verdammten Küchentisch denken muss, der immer voll war, obwohl du behauptet hast, du würdest nicht mehr rauchen, und den ich bei deinen letzten Worten angestarrt habe. Weil es dieses verdammte Lied war, an das ich gedacht habe, anstatt deinen dummen Worten zuzuhören.

Liebeserklärungen am Klavier

Wir sitzen am Klavier, haben es beide nie gelernt, wie man Musik macht mit Worten oder mit Noten, konnten noch nie Noten lesen und trotzdem suchen wir uns all die Stücke aus, die uns gefallen, die wir spielen möchten, egal wie kompliziert, egal wie bedeutungsschwer, egal wie bedeutungslos, wir geben ihnen Bedeutung mit unseren Fingern auf weißen Tasten, auf schwarzen Tasten, auf Haut. Du fragst mich immer noch, wo C ist. Ich frage dich immer noch, ob du dir das nicht merken kannst. Ich frage mich immer noch, warum du bei mir geblieben bist. Du fragst mich immer noch, ob ich das immer noch nicht gemerkt habe.
Wir lernen Klavier miteinander, mit YouTube Videos, die irgendwie jede Nostalgie zerstören könnten, doch wenn man genug liebt, kann nichts zerstört werden. Der Nachtkönig, die Erinnerung an ein Konzert, das Stück, dessen Namen wir beide nicht aussprechen können, deswegen nennen wir es wie den Film, zu dessen Soundtrack es gehört, oder ich nenne es »How to summon a F.«, weil du immer neben mir stehst, sobald ich die ersten Töne gespielt habe. Ich wünschte ich könnte besser singen, sodass ich dich immer heraufbeschwören könnte, egal wo ich bin, mit oder ohne Klavier.

My head’s a fucking carnival

Du sagst: »Corona ist scheiße.« Ich kann dir nur zustimmen. Die ganze Menschheit kann dir nur zustimmen. Du sagst: »Ich hasse Corona. Und was es mit uns und der Welt macht.« Ich kann dir nur zustimmen. Die ganze Menschheit kann dir nur zustimmen.
Du sagst: »Ich vermisse die Normalität.«
Ich stimme dir zu, auch wenn ich mich frage, was Normalität für mich überhaupt bedeutet.
Du sagst: »Ich vermisse die Menschen.«
Ich kann dir nur bedingt zustimmen. Ich vermisse nur manche Menschen.
Du sagst: »Ich vermisse die Partys.«
Ich kann dir nur bedingt zustimmen. Ich vermisse nur manche Partys.
Du sagst: »Ich vermisse den Karneval.«
Ich muss dir widersprechen. »Wie soll ich etwas vermissen, das immer da ist?«
Du verstehst nicht.
Ich sage: »My head’s a fucking carnival.«

Woanders

»Ich bin gerade wo anders«, sagst du, als wärst du gerade in tiefe Gedanken versunken, über die Arbeit oder über ein Gespräch oder über irgendetwas, das du in der Zeitung gelesen hast, oder darüber, was du heute Abend essen möchtest.
Doch wir wissen beide, dass dein »Woanders« kein banaler Ort ist. Kein alltäglicher. Und vor allem kein schöner.
Dein »Woanders« ist ein Abgrund. Und vor allem ist es ein Ort, an den ich dir nicht folgen kann. An den du mich nicht folgen lässt. Du stürzt hinab und ich stürze hinterher, aber egal wie viel Mühe ich mir gebe, es ist als hätte ich einen Fallschirm und du nicht, es ist als schlägst du irgendwann unten auf Felsen auf, während mich ein sanfter Wind nach oben schweben lässt, es ist ein Wettlauf, den ich nur verlieren kann, wenn doch eigentlich immer nur du verlierst. Es ist unfair.
»Du musst wissen«, sage ich dir, wenn du mal wieder wo anders bist, »dass ich versuchen werde, dich aufzufangen.« Du schüttelst den Kopf. Wir wissen beide, dass ich nicht vor dir unten ankommen werde.
»Du musst wissen«, versuche ich es erneut, »dass ich hier auf dich warten werde, wann immer du zurückkommst.«
Und manchmal ist das alles, was du brauchst: Jemanden, der auf dich wartet.

Anspruchsvoll

»Er hat mir Blumen mitgebracht«, sagst du mit einem Glänzen in den Augen als würdest du von deinem zukünftigen Ehemann sprechen. Wer weiß, womöglich tust du das ja auch.
Doch ich war nicht beeindruckt. »Was helfen dir bitte Blumen?«
Du weißt, wie unromantisch ich bin. Also zählst du auf: »Es sind keine Rosen. Na gut, nur ein paar. Aber auch andere schöne Blumen! So bunt! Und außerdem, ich habe letztens mal erwähnt, dass ich keine Lust mehr auf den Winter hab und die bunten Blumen vermisse. Das hat er sich gemerkt.«
»Okay, das ist ja schon mal was«, gebe ich zu. Ich will auf keinen Fall, dass du denkst, ich hätte etwas gegen ihn. Ich kenne ihn ja nicht. Ich bin nur vorsichtig. Wir haben noch immer viel zu geringe Ansprüche. Wir lassen uns noch immer viel zu leicht um den Finger wickeln. Von Blumen! Bitte!
»Woher hat er die überhaupt?«, frage ich aus Mangel an zielführenden Fragen, die nicht zu böse wirken.
Du grinst. »Von der Tankstelle.«
Das ist schon eher meine Art der Romantik. Ich nicke anerkennend.
Beinahe beflügelt von diesem Zugeständnis erzählst du weiter: »Er hat morgens die Spülmaschine ausgeräumt. Einfach so.«
»Das ist ja wohl gewöhnlicher Anstand. Jeder sollte das tun«, sage ich unbeeindruckt. Du kannst das nicht leugnen. Warum machen wir Ausnahmen für Menschen, die wir gerne als unseren Partner hätten?
Du willst dir deine Verliebtheit aber nicht von mir vermiesen lassen. »Er hat beim Filmschauen die ganze Zeit meine Hand gehalten. Er hört mir zu, wenn ich von meiner Arbeit erzähle – und wir wissen beide, dass die stinklangweilig ist. Zumindest für Außenstehende. Er hat mir meinen Wasserhahn repariert, bloß weil ich mal gemeint habe, dass der manchmal so gluckert. Er interessiert sich für den Hund meiner Eltern. Er sagt mir ständig, wie sehr es ihn freut, mich getroffen zu haben.«
»Das ist alles schön und gut«, unterbreche ich deinen Redeschwall, »aber das ist das absolute Minimum. Das sollte selbstverständlich sein, wenn man sich für einen Menschen interessiert. Das ist nichts, womit man uns beeindrucken kann.«
Du verdrehst die Augen. »Er fragt, wann er meine Freundinnen kennenlernen darf. Dich stell ich ihm nicht vor.« Du weißt, dass ich recht habe, ich weiß, dass du recht hast. Wir grinsen uns an. Weil unsere Freundschaft jede Beziehung und jede Romantik und jeden Herzschmerz überstehen wird.

Entschuldigung

»Entschuldigung«, sagst du, »darf ich kurz an dir vorbei?« In Zeiten von Social Distancing eine angebrachte Frage, doch in unserem Fall vollkommen überflüssig, du sitzt den dritten Abend in Folge in unserer Küche. Als würdest du dich langsam einleben. Als würdest du dazugehören. Viel zu nah bei mir. So nah, dass es schmerzt. Alles schmerzt, wenn ich dich sehe. Wissen darf es aber keiner. Nur du weißt es. Doch wir haben diesen Pakt geschlossen, unausgesprochen. Niemand soll etwas merken. (Als wäre es mir nicht ins Gesicht geschrieben.)
Ich war schon zur Seite gerückt, als du vom Stuhl aufgestanden bist. Eigentlich war ich schon zur Seite gerückt, als ich gesehen habe, dass deine Bierflasche leer ist. Immer einen Schritt voraus. Innerlich war ich schon zur Seite gerückt, als du vorhin schon wieder vor der Tür gestanden und mir nur ein entschuldigendes Lächeln zugeworfen hast. Meine Vernunft zwingt mich zum Zur-Seite-Rücken, auch wenn mein Herz immer noch weiter zu dir rücken möchte.
Du holst dir nochmal ein Bier. Ich würde gerne sagen, ich weiß nicht, dein wievieltes es ist, aber ich weiß es genau. Eigentlich will ich nur kurz in dein Gesicht blicken, um zu prüfen, wie betrunken du bist. Das hört man dir nicht an der Stimme an, man sieht es an deinen Augen und an deinen Mundwinkeln. Doch du bemerkst meinen prüfenden Blick. Ganz kurz schaust du betreten zu der kalten Bierflasche in deiner Hand. Dann sagst du: »Sorry, ich bring euch morgen was mit.«
Du entschuldigst dich noch immer für die falschen Dinge.