1. Date

fear.

Was ich antworte, wenn du mir sagst, dass du mich gerne wiedersehen möchtest:

„Du musst wissen, mit mir (oder genauer gesagt: mit meinem Kopf) stimmt etwas nicht. Es gibt vernünftige Tage, an denen kann ich fröhlich sein. Oder wütend oder traurig. In normalen Ausmaßen. Wie heute. Ich kann lächeln und lachen und nachdenklich sein.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nicht aufstehen kann. Die Sinnlosigkeit meines Lebens fesselt mich in mein Bett, ich bin wach und will nur schlafen.
Es gibt Tage, die ich weinend verbringe. An denen ich nicht nur nah am Wasser gebaut bin, sondern mitten im Wasser stehe. An denen eine normale Frage, was ich trinken möchte, eine Sinnkrise (und noch mehr Tränen) hervorruft, weil ich doch nicht weiß, was ich überhaupt jemals möchte. Außer für immer zu schlafen. Und ausgerechnet dann hält mich mein Kopf die ganze Nacht wach.
Es gibt Tage, da presst sich das Gewicht der ganzen Welt auf meine Brust bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Doch ich tue es nicht. Stattdessen wird jeder Atemzug zur Qual und niemand kann mir helfen.
Du wirst versuchen wollen mir zu helfen, doch du kannst es nicht. Und mit jedem Satz, den du sagst, werde ich mich noch unverstandener und noch hilfloser fühlen.
Und sag jetzt nicht, das ist dir egal. Weil es dir nicht egal sein wird. Falls ich dir irgendetwas bedeute. Du wirst mit mir leiden und ich werde mich deswegen noch schrecklicher fühlen. Und das alles kann und wird unser Ruin sein.

Das also sollte dir klar sein, wen du sagst, dass du mich wiedersehen möchtest.“

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Wenn es nichts mehr zu retten gibt

ThamesLink

Das Gespräch war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
Sie sitzt mir gegenüber, die Schultern hochgezogen, die Arme so fest verschränkt, dass ich fürchte, sie würde ihren eigenen Brustkorb sprengen.
Die letzten acht Minuten hatte sie so dagesessen. Genau so lange schon starrt sie mich böse an. Genau so lange versuche ich mich zu erklären.
„Was genau soll das eigentlich werden?“, fragt sie mich schließlich, als ich eine zwölfsekundige Pause machte, um nach passenden Worten zu suchen, die ich sowieso nicht finden werde.
„Eine Erklärung“, antworte ich wenig geistreich.
Sie schnaubt. „Eine Erklärung. Glaubst du nicht, eine Entschuldigung wäre eher angebracht?“
„Ja, schon…“, gebe ich zu. Darüber hatte ich sehr lange nachgedacht. Eine Entschuldigung wäre eher angebracht. Doch ich hatte beschlossen, mich nicht zu entschuldigen. Weil… „Aber ich glaube, eine Entschuldigung hilft uns hier auch nicht weiter.“ Ich versuche mich an einem Lächeln und verfluche mich für diese Ehrlichkeit. Natürlich schulde ich ihr nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch dringend Ehrlichkeit. Aber vielleicht hätte es mehr geholfen, wenn ich vor neun Tagen ehrlich zu ihr gewesen wäre.
Wieder schnaubt sie. So verächtlich. Und ihr Blick. Medusa könnte viel von ihr lernen. „Und was, bitteschön, hilft uns hier noch weiter?“
Eilig will ich meine Erklärung weiterführen, versuche mich an meine schön zurechtgelegten Worte zu erinnern. Verhaspele mich bereits nach fünf Wörtern. Nach viereinhalb gestotterten, völlig sinnfreien Erklärungsversuchen unterbricht sie mich. Ihre Arme zerquetschen noch immer ihren Brustkorb. „Wem willst du hier eigentlich etwas vormachen?“
Hilflos zucke ich mit den Schultern. „In erster Linie mir selbst.“

Dazwischen

Immer in Bewegung bleiben

Manchmal fragt sie sich, wie sie zu dem wurde, was sie heute ist. Dann denkt sie zurück an früher. Die Zeit in der Grundschule, all die Sommerferien, die Kindheit und die Jugend. Sie war immer brav gewesen, so erschreckend brav. Sie war das Mädchen gewesen, das man zwischen die lärmenden Jungs gesetzt hatte. Sie war das Mädchen, das von den Eltern mit Stolz betrachtet wurde. Sie war das Mädchen, das als erste allein das Haus verlassen durfte.
Weil sie immer zuverlässig war, immer höflich, immer fleißig.

Und jetzt sitzt sie hier. Inmitten all dieser Verzweifelten, Gewalttätigen, Ausweglosen. Ein wenig fühlt sie sich fehl am Platz. Allein ihre Bildung ist mehr wert als diese Menschen hier. Denkt sie sich und schämt sich für den Gedanken, der aus ihrer alten Welt zu kommen scheint. So ist sie doch nicht mehr. Irgendwann war sie in ein Loch gefallen. Und dort unten auf dem Boden hatten all diejenigen gewartet, die nun neben ihr saßen. Es waren nicht genau diejenigen. Doch im Grunde waren sie es doch.

Der Therapeut hört ihr aufmerksam zu, als sie beginnt von „früher“ zu sprechen. Er nickt, macht selten Notizen, sieht sie an. Sein Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, als sie von den letzten Wochen und Monaten und Jahren erzählt. Von diesem Loch und diesen Menschen um sie herum. Er ist geduldig, wartet wenn sie Pausen macht, lässt sich von Gestotter und unvollständigen Sätzen nicht irritieren.
Irgendwann aber, als sie der Meinung war, alles erzählt zu haben, fragt er: „Und was geschah dazwischen? Zwischen diesem ‚früher‘ und dem ‚jetzt‘?“

Sie zuckt hilflos mit den Schultern. „Dazwischen ist nichts. Nur Veränderung.“

Puzzles

Backlights

Schon immer hatte M. das Talent, immer genau das Richtige zu tun. Und in diesem Moment war das, die Musik aufzudrehen.
Er saß im Auto, auf dem Beifahrersitz, auf dem Rückweg von einer Party. Eine Party, die eigentlich nicht gut gewesen war. Und trotzdem waren sie geblieben bis es schon wieder hell wurde. L. hatte nichts getrunken, weil sie dachte, dass das besser so war und vielleicht war es das auch, vielleicht aber auch nicht. Denn L. hatte mal wieder einen ihrer Tiefpunkte. Den vierundachtzigsten seit diesem einen Tag…
Verbissen umklammerte sie das Lenkrad. Nur nicht darüber nachdenken. Auf die Straße konzentrieren. Blinken. Abbremsen. Kuppeln. Schalten. Abbiegen. Beschleunigen. Schalten. Fernlicht aus. Fernlicht wieder an. Wenn nur die Tränen ihre Sicht nicht so behindern würden.
Die Musik tönte laut und sie musste jedem Wort zustimmen: Living is a Problem because everything dies. Wie einfach es wäre, wenn nichts sterben würde. Oder sie nicht leben. Everywhere I look someone dies. Wonder when it’s my turn.
M. sah sie bedeutungsschwer an. Er wusste, dass auch der laute Bass nicht die Stimme in ihrem Kopf würde übertönen können. Irgendwann sang er laut mit. Vielleicht konnte sein schiefer Gesang diese Stimme übertönen. Wer hat ein Streichholz? Wir stehen in Flammen und wir brennen, brennen, brennen.
Und wie L. brannte!
Da konnte doch ein Kolibri sie nicht beschützen? Der war viel zu zerbrechlich, viel zu fragil, viel zu klein und viel zu bunt. Eigentlich war alles zu schwach, um sie jetzt noch beschützen zu können. Davon war sie überzeugt.
Sie fuhr weiter, die Straße wurde schmaler. Ihre Augen ebenfalls. Die Tränen waren überall.
Happiness is an Illusion. Wie sollte es auch etwas anderes sein können? Der Tod wartete doch nur darauf, ihr jede Freude, jedes Glück nehmen zu können.
Die Tränen liefen L. über die Wange. Manchmal schluchzte sie leise.
Doch M. gab die Hoffnung nicht auf. Vielleicht hatte er zu viel Alkohol getrunken, um Trauer verstehen zu können. Vielleicht verstand er ihre Trauer gerade deswegen. Vielleicht hatte er genau deswegen so viel Vertrauen in diese eine CD. Die schließlich Puzzles hieß. Ein großes Ganzes, in Einzelteile zerbrochen, die doch nur darauf warteten wieder zusammengesetzt zu werden.
Irgendwann würde die Musik helfen. Ganz bestimmt.
Als hätte L. seine Gedanken erraten, schüttelte sie den Kopf. Traurig. Erschöpft. Sie wusste doch schon lange, dass sie in Einzelteile zerbrach. We’re falling to pieces. Doch die Frage war: How do you become one again? Konnte man das überhaupt noch? Wieder Ganz werden?
M. warf ihr einen Blick zu. Relax all your muscles. Beruhige dich. Bitte. Atme einen Moment durch.
I’ve started falling apart. Es war die einzige Antwort, die sie geben konnte, noch immer auf die Straße starrend, das Lenkrad fest umklammert, die Worte nur gehaucht. Sie hatte die CD schon oft genug gehört.
Und das war der Einsatz, auf den er gewartet hatte. Jetzt kam M.’s Argument. Er legte eine Hand auf ihre. Das war nicht aufdringlich. Sie waren viel zu gute Freunde und L. war viel zu traurig, das war schon in Ordnung so. Er wollte nur, dass sie genau zuhörte, als die Lautsprecher den wichtigsten Satz tönten:
Take the pieces and build them skywards.

Songs in order of appearance:
Living is a problem because everything dies
Who’s got a match?
Love has a diameter
Now I’m everyone
9/15ths

As dust dances
Machines

Tatort

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Ich besitze keinen Fernseher und dennoch möchte ich jeden Sonntag mit dir Tatort sehen. Dabei ist der eigentliche Tatort ein Berg. Oder vielleicht doch die Postfiliale, vor deren Türen wir uns das erste Mal küssten.
Es gibt ganz klar einen Täter und der bist du. Denn mit Taten hab ich es nicht so, dafür bin ich zu schüchtern. Ich kümmere mich lieber um die Worte. Um Ausreden. Faule & wahre. Um Bekenntnisse. Lippenbekenntnisse, die von meinen Lippen zu deinen wandern. Das ist nicht schwer, dazwischen ist nicht viel Platz.
Ich habe nur Angst davor, was dabei herauskommt, wenn sich unsere Lippen mal trennen. Oder unsere Wege. Meine Hoffnung aber ist, dass der Täter immer wieder zum Ort des Verbrechens zurückkehrt. Die Frage ist nur, ob das nun mein Herz ist. Oder ein Berg. Oder doch diese Postfiliale.
Kann man Spuren so einfach verwischen? Ich hoffe nicht. Zumindest versuche ich, dafür zu sorgen. Also ritze ich mir deinen Namen in mein Herz. Keine Sorge, nur metaphorisch gesprochen, denn vor Schmerzen habe ich noch mehr Angst als vor einem Leben ohne dich. Versuche ich mir zumindest einzureden.

Weil man nicht jeden Mist mitmachen kann

Blumen benennen

Du wolltest doch schon immer anders sein.

Du und deine Freundinnen, ihr seid gerne gemeinsam nach draußen gegangen, vor allem im Frühling, wenn die Sonne endlich schien und die Blumen endlich blühten. Und das war auch alles, was euch miteinander verband. Während all die Mädchen Blumen pflückten, versuchtest du sie zu bestimmten. Du blättertest in deinem Naturführer, während die anderen Mädchen beide Hände voller Blumensträuße hatten.
In der Schule saßen doch immer alle gelangweilt an ihren Plätzen und hielten heimlich ihre Handys in der Hand, um Snake zu spielen oder viel zu viele, viel zu teure SMS zu schreiben. Schließlich war es cool, das Handyverbot zu ignorieren. Und wer wollte schon beim langweiligen Unterricht zuhören. Auch dir war der Unterricht oft zu langweilig, doch das war dir schon wieder genug Mainstream, also nahmst du den Duden mit und lerntest ihn auswendig. Die anderen hielten ihre Handys unter den Tisch, du hieltst den Duden.
Auf dem Weg zur Party, im vollen Auto, wenn ihr gemeinsam schon bei D. zuhause eine Flasche Wein geleert hattet und dir das genug Zusammengehörigkeit war, dann pfiffst du die Titelmelodie von „Game of Thrones“, während alle anderen versuchten zu David Guetta mitzugröhlen. Ich frage mich heute noch, wie du das schaffst – eine Melodie zu behalten, wenn um dich herum andere Musik tönt, lauter als das Trommelfell es eigentlich auszuhalten vermochte.
Und auch jetzt noch, wenn alle ihre Häuser bauen, ihre Familien gründen, ihr Leben in den Griff kriegen, jetzt unterbrichst du die Unterhaltungen, die dir viel zu erwachsen werden, legst eine leere Flasche Wein auf den Tisch und willst wissen „Tat oder Wahrheit?“.

Und weißt du, was ich mehr liebe als all deine Einzigartigkeit?
Deine Antwort, wann immer dich jemand fragt, warum du so anders bist als alle anderen; warum du mit aller Gewalt, die in deinem kleinen Körper steckt, gegen die Normalität ankämpfst.

„Man kann doch nicht jeden Mist mitmachen!“

 

Von Namen und von &

 

Feeling Scotland

Wir wagen es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.

Du bist P. und ich bin M. Du bist Er und ich bin Sie. Du bist mein Fehler und ich bin deine Verdammnis. Du bist Vermissen und ich bin Sehnsucht. Du bist Enttäuschung und ich bin Enttäuschung.

Ich glaube, es noch zu wissen. Und du glaubst, es noch zu wissen.
Wie es damals war. Als wir M&P waren. Ohne Leerzeichen, weil nichts zwischen uns stehen durfte. Außer dieses &. Fein geschwungen. In Baumstämme so schwer zu ritzen.
Dabei war dieses & das einzige, was uns überhaupt zusammenhielt. Und zwischendurch unsere Finger. Sie verschränkten sich so schön ineinander. Das musste doch ein Zeichen sein. Dachten wir. Damals.

Heute wagen wir es nicht einmal mehr, uns beim richtigen Namen zu nennen.