Überraschung

Der Himmel explodierte über uns in Pink und Lila und Orange und Rot. Andere hätten irgendetwas Romantisches getan. Oder irgendetwas Romantisches gesagt. Immerhin war das hier sozusagen ein Date. Doch sie sah mir, nachdem sie den Himmel in all seiner Angeberei bewundert hatte, in die Augen und sagte: „Tut mir leid.“
Ich war ein wenig verwirrt. Sie hatte mir gerade den genialsten Platz für Sonnenuntergänge gezeigt. Sie hatte den genialsten Tag für den genialsten Sonnenuntergang ever ausgesucht. Und jetzt entschuldigte sie sich bei mir.
Sie wusste, dass sie mich mit diesem Satz überrascht hatte. Das war sicherlich ihr Ziel gewesen. Alles an ihr überraschte mich. Sie kannte mehr Fremdwörter als unser Deutschlehrer. Sie machte wochenlang keine Hausaufgaben, um dann in jedem Test trotzdem volle Punktzahl zu erreichen. Sie hatte nie dieses hormongesteuerte Spiel von Flirten und angeblichem Desinteresse mitgespielt. Sie hatte mir schlicht gesagt: „Du machst mich fröhlich und glücklich. Ich hätte gern mehr davon. Wollen wir uns heute Abend treffen? Ich möchte dir etwas zeigen.“
Und jetzt zeigte sie mir den wunderschönsten Sonnenuntergang und entschuldigte sich bei mir.
Eine Antwort gab sie mir keine. Sie legte nur ziemlich vorsichtig ihre Hand in meine.

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wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

Hoffnungsvolle Fälle

Es soll ja diese Idioten geben, die immer nur an das Gute glauben. Die in jedem Menschen etwas Positives sahen. So war ich nicht. Ich war schlimmer.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte ich mir schon im Kindergarten die Kinder als Freunde, die mich hinter dem Rücken der Eltern bissen. Die ihre Sachen kaputt machten und dann zu weinen begannen, damit jeder dachte, ich wäre der Böse.
Ich blieb bei diesen Freunden.
Später waren es diejenigen, die stahlen. Die prügelten. Noch ein wenig später waren es diejenigen, die Drogen nahmen.
Ich wollte sie retten. Ich blieb immer bei ihnen. Ich verließ nie jemanden. Immer war ich derjenige, der verlassen wurde. Immer nahmen sie ein Stück von mir mit.

Meine Familie sagte, es wäre ein Fehler. Es sei aussichtslos versuchen zu wollen, alle anderen zu retten. Sie sorgten sich um mich. Und ich sorgte mich weiterhin um alle anderen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebte. Und als es soweit war, verlor ich mein Herz – nicht aber die Hoffnung – innerhalb von wenigen Sekunden.
Denn sie hatte mich durchschaut, bevor ich selbst es tun konnte.
Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie.
Ihr Lächeln war ein Abgrund voller Entschuldigungen.
„Willkommen zu deinem nächsten Fehler.“

zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

Mut waschen

„Ich habe mal gelesen“, beginne ich, obwohl ich weiß, dass 90 % meiner Sätze so beginnen, „dass man seinen Mut regelmäßig waschen muss. Dass er sonst dreckig wird und schwerfällig.“
Erst sieht sie verwirrt aus, dann missmutig, weil sie immer missmutig wird, wenn sie etwas nicht versteht oder wenn ihr etwas zu philosophisch wird. Dann jedoch grinst sie breit. „Ich wasche meinen Mut am gründlichsten mit Alkohol“, sagt sie und bestellt die nächste Runde.
Als wir anstoßen, sieht uns Ayoub – Gaststudent aus Ägypten, einigermaßen religiös – überrascht an. Sein Blick sagt entweder „Euer Ernst!?“ oder „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“. Vielleicht auch beides.
Ich proste auch ihm zu. „Welcome to Western Civilization!“

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Versuch, unwichtig auszusehen

Missmutig sah ich an meinem Kleid herab. Es war viel zu eng. Wie sollte ich so kämpfen können, falls es nötig war? Und wenn ich so zu ihr hinüber sah, wie sie total nervös in ihrem ebenfalls zu engen Kleid neben mir durch das Tor trat, hatte ich das ungute Gefühl, dass ich heute noch kämpfen musste.
„Versuch, unwichtig auszusehen“, raunte ich ihr zu. Wenigstens waren unsere Kleider schlicht. Ihres dunkelrot und braun, meines dunkelblau und braun.
Als wir durch das Tor in den großen Innenhof getreten waren – unentdeckt zum Glück -, wanderte mein Blick unweigerlich zur Burgmauer. Dort mussten wir hinauf. Und ich wusste noch immer nicht, wie.
Vor uns tauchten ein paar der gewöhnlichen Magier auf. Solche, die Hühner in Spatzen verwandeln können oder ein Seidentuch in Luft auflösen. Wenn es mächtige Magier wären, würden sie auch nicht hier herumlaufen und zur Unterhaltung des Fußvolks dienen. Dann wären sie jetzt ein paar Meter unter uns, in Verliesen, und würden für den König Gold herstellen oder Blut von Haast – das tödlichste Gift aller Zeiten.
Gut, dass der König nicht wusste, dass die tödlichste Magierin aller Zeiten neben mir lief.