Hier glaube ich an Wölfe

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Die Sonne ist bereits mittags zu nah am Horizont. Aber gegen die Bäume hier hat sie sowieso keine Chance. Die perfekte Ort, um Pläne zu schmieden. Der perfekte Tag, um Chaos anzurichten.
Ein wenig vermisse ich dich gerade. Wie du es nicht Chaos nennst. Sondern Ein Versuch, die Ordnung zu ändern. Mir ist Chaos lieber. Ordnung gibt es viel zu viel. Selbst in den Wäldern. Wo die Bäume in Reih‘ und Glied aufgestellt sind. Wie Soldaten.
Nur hier im Wolfswald ist das anders. Ich glaube nicht, dass es hier Wölfe gibt. Aber allein die Gerüchte darum halten all diese feigen Menschen fern. Nur dich nicht.
Ich schiebe den Gedanken zur Seite und laufe weiter. Die Rauchbomben sind bereits platziert, das Warnfeuer vorbereitet. Jetzt muss ich nur noch zurück zu dir gehen. Durch den Wald bei Dämmerung. Ich fürchte mich nicht vor der Nacht. Ich fürchte mich nicht vor dem Wald. Aber vor der Dämmerung fürchte ich mich. Und vielleicht doch auch ein wenig davor, was hier sonst noch sein könnte. Auch wenn ich es dir nicht glauben wollte. Ich wollte unerschrocken sein. Niemals vor dir zugeben, dass ich mich einschüchtern lasse von irgendetwas.
Ein Knacken hinter mir. Und ich muss daran denken, wie ich dich ausgelacht habe. „Das sind nur Gerüchte“, habe ich gesagt.
Ein leises Knurren rechts von mir. Und ich muss daran denken, wie du dich besorgt im Wald umgesehen hast. „Hier glaube ich an Wölfe“, hast du gesagt.
Dann sehe ich sie überall und hoffe, dass du mir so wenig geglaubt hast wie ich dir.

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Nicht einfacher. Besser.

„Wie bitteschön soll ich das schaffen?“ Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft. Er verlangte hier das Unmögliche von mir – mal wieder. Als wäre es selbstverständlich, dass ich regelmäßig physikalische Gesetze außer Kraft setze. Natürlich stampfte ich nicht mit dem Fuß auf. Ich wollte ernstgenommen werden. Da benahm man sich erwachsen. Also stemmte ich die Hände in die Hüften und sah ihn so wütend an, wie ich konnte. Die Ohrfeige hob ich mir für später auf.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du das halt immer so schaffst.“
„Nein! Dieses Mal nicht!“, widersprach ich. „Du stellst dir das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Meine Kugeln sind nicht schneller als Licht.“
„Das müssen sie auch nicht sein.“ Er blieb ganz ruhig. Verdammt! Warum konnte er nur immer so ruhig bleiben, während ich am liebsten explodiert wäre!?
Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das wohl ein aufmunterndes Lächeln sein sollte. „Du schaffst das. Wie du das immer schaffst.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet und er wandte sich zum Gehen.
Ich zeigte ihm eine nicht ganz so freundliche und kindliche Geste mit einem gewissen Finger und rief ihm hinterher: „Ich wünschte, du würdest mir mal einfachere Aufgaben geben. Ich wünschte, das hier allgemein wäre mal etwas einfacher.“
Überraschenderweise hielt er inne und drehte sich nochmal zu mir um. „Wünsch dir nicht, es wäre einfacher. Wünsch dir, du wärst besser.“


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Wer einen solchen Kollegen hat …

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Es gibt da diesen Satz „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr“, der bei uns ständig durchs Büro gerufen wird.
Doch eigentlich müsste ich sagen: „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Freunde mehr.“

Als ich damals neu in der Firma war, hatte ich deine Scherze und ironischen Sprüche nicht verstanden. Und deine gruselig-blauen Huskyaugen verunsicherten doch sowieso jeden Menschen, der dich nicht kannte.
Aber mit jedem deiner Scherze und mit jedem deiner ironischen Sprüche lernte ich dich besser kennen. Mochte ich dich mehr.
Du nahmst mich auf in eure eingeschworene Büro-Truppe, als wäre es selbstverständlich. Was es für dich vermutlich auch war.
Du ignorierst mein Stottern, brichst mein ängstliches Schweigen. Weil du so offensiv mit all meinen Schwächen umgehst. Und mit deinen ebenfalls. Für jeden Scherz über mich machst du drei Scherze über dich.
Ich lache dich aus und du lachst mich aus. Wir kommunizieren nur noch mit Mittelfingern. Und Augenzwinkern. Und Grinsen.

„Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr!“, werfe ich dir mit einem Augenzwinkern zum fünften und letzten Mal für heute an den Kopf, als ich an dir vorbei aus dem Büro gehe. Ich frage mich kurz, ob du mich vielleicht nicht gehört hast, denn ausnahmsweise kommt keine fiese Antwort von dir.
Ich bin bereits am Auto, als du plötzlich neben mir stehst.
„Ich wäre gern mehr als dein Kollege“, sagst du leise.
Aus Gewohnheit warte ich auf die Pointe. Auf dein Zwinkern. Deinen Mittelfinger.
Doch da kommt nichts mehr.

Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

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In Momenten wie diesem verstand ich, warum es Menschen gab, die sie fürchteten.

„Ich kann sehr wohl allein nach Hause gehen“, fauchte sie. „Oder was spricht deiner Meinung nach dagegen?“
Ich sah sie an, klein wie sie war, in einem verdammt kurzen Kleid, das unverschämt viel von ihren Beinen zeigte, sah in ihre Rehaugen, die sie angriffslustig zusammengekniffen hatte.
„Ich habe nicht gesagt, ich begleite dich nach Haus, weil du ein Mädchen bist“, sagte ich schnell. Klar, sie sah aus wie ein hilfloses Mädchen. Aber wenn sie eines nicht war, dann hilflos.
„Ich komme schon mit den Männern klar.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme.
„Ich weiß. Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Ich zwinkerte ihr zu. Weil sie dadurch nur noch grimmiger dreinsah, ergänzte ich: „Mensch, du bist immer noch die kleine Schwester meines besten Freundes. Max bringt mich um, wenn ich dich nachts allein durch die Straßen laufen lasse.“
„Ich werde auf deine Beerdigung kommen“, entgegnete sie trocken. Dann ging sie an mir vorbei und trat aus der Bar, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.

Vom Fehlen der Angst

Whisky

„Wie kommt es, dass du immer alleine bist? Dass du keine Freunde hast?“
Er hatte sich nun bereits zwei Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie war interessant, freundlich, offen, aufmerksam und – wie er fand – überdurchschnittlich hübsch. Sie hatte bisher keine Macken gezeigt, keine abschreckenden Weltanschauungen geäußert. Und dennoch behauptete sie jetzt, dass sie keine Freunde hatte.
Sie zögerte kurz, als müsste sie überlegen, ob sie wirklich mit der Wahrheit herausrücken wollte.
„Weißt du“, setzte sie schließlich an „ich habe vor nichts Angst.“
Er wartete. Das war vielleicht eine ungewöhnliche Aussage, aber doch sicher keine Begründung.
Sie starrte angestrengt auf die Eiswürfel in ihrem Glas und fischte einen davon heraus. „Ich sage das nicht einfach so. Ich habe tatsächlich vor nichts Angst. Anfangs fasziniert das die meisten Menschen. Doch wenn sie mich dann einige Zeit kennen, ein paar mal mit mir unterwegs waren, sind sie nicht mehr fasziniert, sondern irritiert. Immerhin bin ich doch eigentlich nur ein ganz normaler Mensch. Und dann auch noch ein Mädchen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Grund, um Angst zu haben. Viel zu viele Menschen verstecken sich hinter Ausreden. Und lassen sich bei jeder Entscheidung von Angst leiten. Angst vor dem Versagen. Angst vor Gewalt. Angst vor der Meinung anderer. Angst vor Verlust. Ich jedoch nicht.“
Sie beobachtete angestrengt, wie der  Eiswürfel zwischen ihren Fingern zu schmelzen begann. Leise sprach sie weiter: „Irgendwann werfen sie mir dann vor, dass ich verrückt bin. Lebensmüde. Absolut gefühlskalt.“
Ihr Blick richtete sich wieder auf ihn. Abwartend.
Er überlegte kurz, trank einen Schluck von seinem Whisky, überlegte nochmal. Endlich sagte er etwas. „Du hast also vor nichts Angst?“
Sie konnte seine Stimme nicht deuten, sie klang völlig neutral.
Beinahe entschuldigend schüttelte sie den Kopf.
Er zuckte mit den Schultern. „Was kümmert es mich, VOR was du Angst hast? Viel wichtiger ist doch, UM was du Angst hast. Das sagt viel mehr über dich aus. Darüber, was dir wichtig ist.“
Zuerst starrte sie ihn überrascht an. Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

Meine Würde

Kaffee

Nachdem er seinen Kaffee bei ihr bestellt hatte, ließ sie irgendetwas an seinem Blick abwarten. Als wollte er noch mehr bestellen. Er grinste breit. Und viel zu selbstbewusst. „Möchtest du mit mir aufs Sommerfest gehen?“
Im ersten Moment war sie überrascht. Im zweiten genervt. Im dritten fiel ihr etwas ein: „Tut mir leid, aber da muss ich zu einer Beerdigung.“
„Oh, das tut mir leid.“ Er wusste sowas von offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Weil er doch immer nur alles lustig fand. Aber was sollte man wohl zu einer Beerdigung sagen?
Sein Blick schweifte durch das Café, als wäre er auf der Suche nach einer Souffleuse, die ihm zuflüsterte, was man da jetzt sagen sollte. „Jemand aus der Familie?“, fragte er schließlich in einem – wie er hoffte – mitfühlenden Tonfall. Immerhin kannte er ihre Familie nicht. Sie war schließlich die Zugereiste.
Sie schüttelte ernst den Kopf. Ihre Mundwinkel zuckten. „Meine Würde. Damit ich vielleicht nächstes Jahr mit dir aufs Sommerfest gehen kann.“

Im Hintergrund musste jemand sein Lachen verschlucken.

4 vs. 1

Immer in Bewegung bleiben

Sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, empört, sprachlos. Schließlich platzte ein ganzer Schwall Worte aus ihr heraus: „Dann standen sie da, zu viert, und ich allein, und zählten ihre Anschuldigungen auf, ihre Vorwürfe gegen mich und alle Partner, mit denen ich doch eigentlich nichts zu tun habe und die auch gar nicht anwesend waren. Sie waren zu viert und ich war ganz allein. Und ich fühlte mich hilflos und mit jedem Satz kleiner werden.“

Wie immer konnte er nur unbeeindruckt mit den Schultern zucken. „Gut, dass du so groß bist.“