Erkennungszeichen

Pik

Ich war spät dran, wie immer. Sicher hatten mir die Anderen einen Platz in ihrer Mitte freigehalten und bereits ein Wasser für mich mitbestellt. Wenn sie nett waren. Wenn nicht, hatten sie ein ganzes Glas Wodka für mich bestellt, damit ich doch auch endlich mal Alkohol mit ihnen trinken würde.
Sie verstanden es einfach nicht. Ich musste einen klaren Kopf behalten, ich musste immer bereit sein.
Das hatte man mir vor genau 13 Monaten gesagt. „Halte dich bereit. Wenn wir dich brauchen, werden wir es dich wissen lassen. Du erkennst uns an unserem Handgelenk. Und wir erkennen dich an deinem Handgelenk. Das Codewort kennst du.“ Ich hatte genickt. Es war genau hier gewesen. Ich war mit all meinen Freunden aus dieser Bar gestolpert und ich war abgefangen worden. Das Herz hatte mir bis zum Hals geschlagen, meine Freunde hatten nicht bemerkt, dass ich nicht mehr zwischen ihnen war, sie waren alle zu betrunken. Ich auch. Doch die Frau, die mich abgefangen hatte, hatte mir nicht wehtun wollen. Nur vorwarnen.
Und seitdem wartete ich auf das Codewort.
C. winkte mir zu, als sie mich endlich durch die Tür kommen sah. Sie hatte mir einen Platz neben sich freigehalten und dort stand ein Glas mit einer farblosen Flüssigkeit. Ich vermutete, es war Wodka, so sehr wie sich alle freuten, mich zu sehen. Ich ging auf sie zu und das war der Moment, in dem ich es hörte.
„Da waren überall schwarze Bäume. Ich schwör’s, die Bäume waren schwarz.“
Ich hielt mitten in der Bewegung inne. Am Tisch, an dem ich gerade vorbeigegangen war, saßen ein paar junge Leute und ein Mann mit raspelkurzen Haaren und einschüchternden Schultern hatte den Satz gesagt. Die Bäume waren schwarz. Und nun warf er mir einen Blick zu, nur für einen Wimpernschlag, und ich wusste, dass es das war – das Codewort.
Für einen kurzen Augenblick überlegte ich, ob ich es ignorieren konnte. Vielleicht war es nur ein Zufall. Doch ich wusste, dass es das nicht war. Trotzdem ging ich noch schnell zu C. und umarmte sie kurz. Ich spürte den Blick des jungen Mannes in meinem Rücken und sagte mit trockenem Mund: „Ich muss noch wo hin… Bin gleich wieder da.“
Und dann eilte ich wieder zur Tür hinaus, wo dieser junge Mann gerade um die nächste Ecke verschwand.
Ich folgte ihm, nervös. Kaum war auch ich um die Ecke gebogen, drehte er sich um und sah mich abwartend an. Sollte ich nun etwas sagen? Unschlüssig starrte ich zurück. Langsam hob er seinen Arm und zog den Ärmel seines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo: Pik.
Langsam hob ich meinen Arm und zog den Ärmel meines Pullovers zurück. Da war es, das Tattoo. Dasselbe.
Mein normales Leben war nun endgültig vorbei.

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Fremde Wohnung

Fremde Wohnung

Neugierig sah sie sich in seiner Wohnung um. Er lebte ordentlich. Die Bücher standen in Reih‘ und Glied in den Regalen. An der Decke hing eine schlichte Lampe und in einer Ecke stand ein Sofa, das so aussah, als würde es nicht oft gebraucht werden. Es gab keine Pflanzen, fiel ihr auf. Die Stühle standen parallel zur Wand, an die ein paar Zeitungsausschnitte geklebt waren. Daneben hing Salbei zum Trocknen. Nur auf dem Tisch herrschte beinahe so etwas wie Unordnung. Dort stapelten sich Zeitungen, in denen gelegentlich Absätze mit gelben Textmarker hervorgehoben waren.
„Willst du Tee? Und Schokolade?“, fragte er sie plötzlich.
Sie drehte sich zu ihm und nickte. Und versuchte, ein dämliches Grinsen zu unterdrücken. Sie war schwer bemüht, sich nicht in ihn zu verlieben, aber das war alles andere als einfach. Wenn man bedachte, wie ähnlich sie sich waren. Und wie zielsicher er ihre Gedanken lesen konnte.
Während er in die Küche verschwand, blickte sie aus dem Fenster. Die Nacht brach herein. Die Straßenlampen brannten schon und über den Hochhäusern konnte man nur noch schwach die einzelnen Wolken ausmachen, die kaum noch dunkler waren als der Himmel.
Er kam kurze Zeit später zurück, drückte ihr eine Tasse in die Hand und legte eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Dann stellte er sich neben sie und sah nach draußen, hinunter auf die Straßen. Unweigerlich wurde ihr seine Nähe bewusst, sie spürte seinen Atem, sie roch seinen Schweiß und sein Deo.
„Die anderen Jungs werden bald kommen“, sagte er. Beinahe entschuldigend?
Schlagartig wurde ihr bewusst, wie leichtsinnig sie war. Sie war allein in die Wohnung eines Mannes gekommen, den sie erst seit dem Vorabend kannte. Und sie wusste, dass bald noch weitere Männer in dieser Wohnung auftauchen würden.
Wie konnte sie nur so dumm sein?
Unauffällig tastete sie nach ihrer Hüfte, wo – gut versteckt unter ihrem Pullover – ein Messer wartete.
Der beste Weg in das Herz eines Mannes ist zwischen der vierten und der fünften Rippe, erinnerte sie sich und lächelte grimmig.

Keine Ortskenntnis

Prinnys Antique Gallery

Wir haben keine Ahnung, wo genau wir sind.
Heute Morgen hatten wir das Hotelzimmer verlassen, bewaffnet mit einem zerknitterten Stadtplan und jeder Menge Hunger. Wir waren losgeirrt, in die Richtung, in die dieser Kerl, der wohl zum Hotel gehörte und nur fürs Sprüche Klopfen bezahlt wurde, gedeutet hatte. „This direction. Then turn left. You can’t miss it.“
Nun ja, we can. Ganz offensichtlich haben wir es verpasst. Übersehen. Oder er hatte uns einfach in die falsche Richtung gewiesen. (Das vermute ich am ehesten.)
Jetzt irren wir durch menschenleere Straßen, flüchten in enge Gassen, weil dort scheinbar doch Menschen sind.
Irgendwann riechen wir plötzlich Kaffee und wo es Kaffee gibt, gibt es auch Frühstück. Darauf besteht zumindest mein Magen, der sich seit gefühlt drei Stunden beschwert, dass er noch immer nichts bekommen hatte, außer ein Hustenbonbon, das ich in der Tasche meiner Regenjacke gefunden hatte.
Wir wissen immer noch nicht genau, wo wir sind. Doch immerhin gibt es hier etwas zu essen. Wir zwängen uns in den kleinen, warmen Raum und während wir ungeduldig auf unsere Kuchen warten (Kuchen kann ein herrliches Frühstück sein!), ziehe ich die Stadtkarte heraus und erkenne, dass wir uns hoffnungslos verirrt haben.
Egal, da kommt der Kuchen.
Egal, dort draußen warten kleine Gassen.
Und sobald mein Magen zufriedengestellt ist, werden wir die Stadt erkunden, auch wenn wir nicht wissen, wo wir sind.

Versteckspiele

Teetasse

Sie war aus dem Nichts aufgetaucht, plötzlich stand sie direkt neben mir. Keine Ahnung, woher sie so plötzlich kam. Keine Ahnung, wie sie das immer schaffte. Sie schlich nicht einmal. Sie war einfach so leise.
„Du versuchst, dich vor mir zu verstecken.“ Das war keine Frage, das war eine Feststellung. Deswegen antwortete ich auch nicht, sondern versteckte mich hinter meiner Teetasse. Und hinter meinem Vorhang aus Haaren.
Sie beobachtete mich dabei, ich konnte ihren Blick spüren. „Du kannst vor Konflikten nicht davonlaufen“, sagte sie und verschränkte ihre Arme.
Zu gerne hätte ich ihr geantwortet, dass ich keinen Konflikt wollte. Nicht mit ihr! Dass ich alles am liebsten totgeschwiegen hätte, in der Hoffnung, es so ungeschehen zu machen.
Doch so funktionierte das leider nicht. Ich weiß.
Also seufzte ich. „Es tut mir leid. Ehrlich.“
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“
Noch immer wagte ich nicht, sie anzusehen. Stattdessen versteckte ich mich weiterhin hinter meiner Tasse.

Ich hörte nicht, wie sie ging. Ich spürte nur ihre Abwesenheit.

Du siehst gefährlich aus

Fairylights

Gelbes, flackerndes Licht.
Wir tanzen, bis wir nicht mehr können. Na gut, tanzen konnte ich noch nie. Wir tanzen, bis uns die Puste ausgeht. Bis unsere Beine schmerzen. Und dabei habe ich doch extra meine bequemen Turnschuhe angezogen.
Vier Freundinnen neben mir. Die vier wichtigsten Menschen meines Lebens. Und dennoch halte ich die ganze Zeit über Ausschau. Nach ihm.
Immer wieder drehen sich meine Gedanken um die Frage, was passieren wird, wenn er auftauchen würde.
Ich würde ihn fertig machen, sage ich mir selbst. Und folge meinen Freundinnen zur Bar. „Nur Wasser“, rufe ich dem Barkeeper zu, der überrascht die Augenbrauen hebt.
Ich gebe ihm keine Erklärung, doch L. weiß genau, was Sache ist.
„Du glaubst, dass er kommt?“, fragt sie zweifelnd.
„Ich weiß es nicht“, gebe ich zu und nehme mein Wasser entgegen. „Aber falls er kommt, möchte ich gewappnet sein.“
„Du bist immer gewappnet“, stellt R. nüchtern fest und hebt ihr Glas GinTonic. „Auf den Kampf, auf den du schon so lange wartest.“
„Auf den Kampf, den ich hoffentlich gewinnen werde.“
„Du wirst gewinnen.“
Unsere Gläser klirren und das Licht flackert. Und meine Augen suchen weiter jeden Zentimeter nach ihm ab.
Ich merke nicht, dass L. mich beobachtet. „Hör auf damit, das ist beängstigend“, sagt sie.
„Was?“ Ich drehe mich zu ihr und starre auf ihre dunkelrot geschminkten Lippen, die immer so viel schöner aussehen als meine. Aber das macht nichts, ich muss nicht schön sein, sage ich mir. Ich muss nur stark sein. Und gefährlich.
L. seufzt. „Wie du deinen Kiefer anspannst. Und deine Armmuskeln. Dass du überhaupt solche Armmuskeln hast. Du siehst gefährlich aus.“
„Gut.“

Kein Zuhause

Kein Zuhause

Das hier ist kein Ort, den ich „Zuhause“ nennen würde.
Mehr so ein Ort, an dem ich eine Weile gelebt habe. Ein Vier-Wände-und-ein-Dach-über-dem-Kopf-Ort.
Dort, wo ich mein Frühstück gegessen und meine Regenjacke zum Trocknen aufgehängt habe.
Dort, wo ich auf Zehenspitzen stehend aus dem Dachfenster geschielt habe, um Sonnenuntergänge zu beobachten.
Der Ort, den ich meinte, wenn ich sagte „zu mir“.
Der Ort, an dem ich wusste, welche Treppenstufe bei welcher Bewegung knarzte und welche Küchenschublade manchmal klemmte.
Dort, wo mein Lesesessel gestanden hatte, der manchmal zu einem Weinsessel geworden war.
Der Ort, nach dem ich nun Heimweh habe.
Vielleicht war es doch ein Zuhause. Mein Zuhause.

This is how you fall in love

Brighton xxx

Sie hat dieses Lächeln… Wann immer sie so lächelt, weiß man, dass sie so viel mehr weiß, als jeder andere Mensch. Niemals würde sie das sagen. Sie guckt einfach nur so.
This is how you fall in love.
Puh, ich hasse Kitsch. Dieses eklige, romantische Zeug. Liebeserklärungen. Sonnenuntergängen. Rote Rosen. Und noch mehr als die Sachen selbst, hasse ich Menschen, die darauf stehen.
Einmal hörte ich sie sagen: „Was will ich mit Rosen? Die bringen doch niemandem was! Vor allem nicht, wenn sie schon abgeschnitten sind. Ich verstehe das mit den Rosensträußen einfach nicht. Wenn mir jemand eine Freude machen will, soll er mir Süßigkeiten schenken. Oder ein gutes Buch.“
Hah!
This is how you win her.
Ein anderes Mal sagte sie: „Als wären Frauen Ware. Oder eine Trophäe. Wenn ich das schon höre: Meine. Oder noch schlimmer: Meine Eroberung.“
This is how you loose her.
Also verliere ich mich lieber selbst darin, sie anzusehen. Ihr zuzuhören, wann immer sie nah genug an mir vorbeigeht, dass ich sie hören kann. Manchmal lächele ich sie an. Dann lächelt sie zurück. Immer. Und immer mit diesem wissenden Blick. Als wüsste sie genau, wie gern ich sie lächeln sehe.