Vom Ende der Anfang

V.'s back

Das ist das Ende und du weißt es.

Wie sie dich ansieht und wie ihre Lippen beben und wie ihre Stimme bebt und wie die ganze Welt erzittert. Deine Hand greift nach ihrer (zitternd), aber sie reagiert schnell, schneller als du, und stopft sie in ihre Jackentasche. Weiße Wolken bilden sich vor deinem Mund, dein Atem geht zu schnell. Das ist Panik. Panik, die sich deine Luftröhre hochkämpft, Panik, die auf deiner Haut entlangkriecht. Das hat nichts mit Kälte zu tun, die Gänsehaut ist auch nur Panik.
Du dachtest, du hättest alles übers Verlieren gelernt. Als dein Vater ging. Als die Schulnoten schlechter wurden. Als aus dem Studium ein verwehrter Traum wurde. Als der Krebs stärker war als deine Oma.
Du dachtest, du hättest alles übers Verlieren gelernt.
Aber von ihr hattest du schon immer viel zu lernen gehabt. Über Gotik und Romanik. Über Hainbuchen und Ebereschen. Übers Vermissen. Und nun auch übers Verlieren.


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Walfisch

Walfisch

Manchmal fühle ich mich wie ein Wal.
So viel größer als all die Anderen hier. Und doch bin ich winzig, verschwinde ich in den unendlichen Weiten eines Ozeans (meines Lebens, dieser Welt) um mich herum.
Ich kommuniziere in Tonlagen, die sonst niemand hören kann und sonst niemand versteht und vielleicht auch niemand verstehen will. Vielleicht singe auch ich mit 52 Hertz.
Ich bin groß und unbeholfen und auch wenn ich nicht so aussehe und auch wenn ich nicht so klinge, ich bin unglaublich sanft und wehtun wollte ich sowieso noch nie jemandem.
Ich verschwinde für viele, viele Minuten unter der Oberfläche, tief hinunter (in meine Gedanken) und doch muss ich wieder hinauf, Luft holen, tief durchatmen.
Ich habe einen Hang zum Fatalismus. Oder vielleicht bin ich einfach nur überfordert von all dem Lärm um mich herum und deswegen verirre ich mich zu nahe an Land.
Ich fühle mich wie ein Wal und irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich strande.


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Stärke hat nichts mit Kraft zu tun

Pferdebeine

Ich bin stärker als du. Stärker als ein Pferd und manchmal genauso sanftmütig.
Ich bin stärker als du, im Kopf. Allein mein Wille kann diesen Schnee schmelzen, allein mein Wille kann diese Welt aus den Angeln heben.
Ich bin stärker als du, weil intelligenter. Ich kenne den Duden auswendig und die Relativitätstheorie verstand ich mit 14, weil I. sie mir erklärte.
Ich bin stärker als du, und schneller. Weil mein Herz schneller hämmert, als deine Beine jemals über die Erde rennen können.

Vielleicht hast du mehr Muskeln in den Armen oder in den Beinen oder im Bauch.
Aber mir ist der Muskelkater vom Lachen und der Muskelkater vom Leben lieber, als irgendwelche Gewichte, die ich doch durch meine bloße Willenskraft bewegen könnte.
Und allein meine Sturheit reicht aus, um all deine Argumente nichtig zu machen.
Manchmal ist das alles, was man braucht, um seine Ziele zu erreichen.

1. Date

fear.

Was ich antworte, wenn du mir sagst, dass du mich gerne wiedersehen möchtest:

„Du musst wissen, mit mir (oder genauer gesagt: mit meinem Kopf) stimmt etwas nicht. Es gibt vernünftige Tage, an denen kann ich fröhlich sein. Oder wütend oder traurig. In normalen Ausmaßen. Wie heute. Ich kann lächeln und lachen und nachdenklich sein.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nicht aufstehen kann. Die Sinnlosigkeit meines Lebens fesselt mich in mein Bett, ich bin wach und will nur schlafen.
Es gibt Tage, die ich weinend verbringe. An denen ich nicht nur nah am Wasser gebaut bin, sondern mitten im Wasser stehe. An denen eine normale Frage, was ich trinken möchte, eine Sinnkrise (und noch mehr Tränen) hervorruft, weil ich doch nicht weiß, was ich überhaupt jemals möchte. Außer für immer zu schlafen. Und ausgerechnet dann hält mich mein Kopf die ganze Nacht wach.
Es gibt Tage, da presst sich das Gewicht der ganzen Welt auf meine Brust bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Doch ich tue es nicht. Stattdessen wird jeder Atemzug zur Qual und niemand kann mir helfen.
Du wirst versuchen wollen mir zu helfen, doch du kannst es nicht. Und mit jedem Satz, den du sagst, werde ich mich noch unverstandener und noch hilfloser fühlen.
Und sag jetzt nicht, das ist dir egal. Weil es dir nicht egal sein wird. Falls ich dir irgendetwas bedeute. Du wirst mit mir leiden und ich werde mich deswegen noch schrecklicher fühlen. Und das alles kann und wird unser Ruin sein.

Das also sollte dir klar sein, wen du sagst, dass du mich wiedersehen möchtest.“

Es wackelt und dreht sich

Geschwindigkeit

Heute fühle ich mich wackelig, als könnte ich nicht aufrecht stehen. Ich meine, die Erde dreht sich mit einer Geschwindigkeit von über 1.000 km/h um sich selbst. Und da soll einem nicht gelegentlich schwindlig werden? Wobei, eigentlich fühle ich mich wackelig, weil das Gewicht der ganzen Erde auf meine Schultern drückt. So also muss es Atlas ergehen. Atlas ist auch der Name des ersten Halswirbels. Als könnte man das Gewicht der Welt mit dem Gewicht des Kopfes gleichsetzen. Nun ja, mit dem Gewicht der Gedanken allemal. Denn die drücken mich heute zu Boden, dort unten wo schon wieder der Staub alles bedeckt, weil Ordnung ein Fremdwort ist, das ich nicht kenne. Dabei ist mein Wortschatz größer als der eines durchschnittlichen Menschen. Behaupte ich zumindest. Ich und meine Kollegen, die behaupten, dass ich ihr persönlicher, wandelnder Duden bin. Dabei habe ich nur herausgefunden, dass der Online-Duden verdammt schnell zu befragen geht. Aber immerhin hat es auch etwas mit Intelligenz zu tun, wenn man schnell genug am richtigen Ort sucht. Suchen kann ich sowieso sehr gut. Zum Einen liegt das an diesem Fremdwort „Ordnung“. Zum Anderen suche ich schon seit mindestens 108,4 Millionen Kilometern nach dem Sinn meines Tuns. Das nennt sich dann wohl Übung. Und so übe ich mich weiter im aufrecht Stehen.

Freund.

Ein ganzer Mond voller Rosen

Es gibt Freunde. Und es gibt Freunde. Und dann gibt es diesen Freund.

„Oh doch, es kann Freundschaften zwischen Männern und Frauen geben!“
Sagt sie sich. Und ruft es jedes Mal, wenn jemand das Gegenteil behauptet.
Sie besteht darauf. Alles Andere streitet sie ab. Schließlich hat sie diese wunderbare Freundschaft mit diesem wunderbaren Mann.
Er ist 2 Jahre jünger als sie. Das könnte gar nicht funktionieren. Sagte sie sich. Und allen Anderen. Sie, die doch nie etwas auf Geschlechterklischees gibt, nennt das als Grund. Der einzige, der wohl alle Freunde und Bekannten überzeugen kann. Vermutet sie. Denn den wahren Grund kann sie nicht nennen. Sie kann ihn ja nicht mal beschreiben.
Da ist irgendetwas zwischen ihnen, eine selbstverständliche Intimität, ein Verständnis, das es doch in einer Beziehung nicht geben kann. Sagt sie sich. Schließlich spricht sie aus Erfahrung. Aus schlechter Erfahrung.
Er hat sie verweint gesehen. Er hat sie wütend gesehen. Er hat sie schweigend gesehen. Er hat sie in jedem Gefühl und in jedem Zustand gesehen. Betrunken. Verzweifelt. Ausgelassen. Kindisch. Verliebt. Leichtsinnig. Schreiend.
Niemand würde sich in so einen Menschen verlieben. Sagt sie sich.

„Das würde nicht klappen zwischen uns.“ Sagt sie sich.
„Ich bin nicht verliebt in ihn.“ Sagt sie sich.
„Ich mag ihn. Als guten Freund. Als besten Freund.“ Sagt sie sich.

„Ich liebe dich.“
Sagt er ihr.

Nie verschickte Postkarte #4

Postkarte #4

Liebe M.,

es tat so gut, dir endlich die Wahrheit zu sagen. Ich bin nicht immer gut darin. In diesem Fall war ich sogar katastrophal schlecht darin. Doch ich habe es gesagt und du weißt Bescheid und irgendwie hat sich nichts zwischen uns geändert und irgendwie doch alles.
Mit dir teile ich mehr Vergangenheit als mit nahezu jedem anderen Menschen auf dieser Erde. Ich könnte meinen, du kennst mich besser als jeder andere Mensch auf dieser Erde. Doch vergiss bitte nicht, dass ich mich geändert habe. Du teilst meine Vergangenheit und irgendwie auch meine Gegenwart. Aber nicht alles dazwischen.
Du kennst jetzt die Wahrheit und die sagt alles aus und doch nichts.
Bitte hab Verständnis.

Danke.
Auch das musste mal gesagt werden.

Deine Felicitas