Schauspiel, In Dem Wir Endlich Das Sagen, Was Wir Schon Lange Sagen Wollten

Ich stehe schon wieder völlig neben mir. Oder über mir. Aber niemals hinter mir. Mehr, als würde ich das als Zuschauer beobachten. Ein Zuschauer in der hintersten Reihe, in sicherem Abstand zu dem Schauspiel, zu diesem unsäglichen Spektakel, das behauptet ein Menschenleben zu sein. Oder zwei Menschenleben, zusammengewürfelt, zusammengepresst, zusammengebunden. Irgendein Statist hat uns Klebeband gegeben und ein anderer hat uns eine Schere gegeben. Einer legt eine lange Schnur bereit, ein anderer ein Teppichmesser. Gefühlt zumindest. Jetzt können wir uns überlegen, was wir damit anfangen. Mit all diesen Requisiten, mit uns, mit diesem Schauspiel.
Ich beschließe, dass ich weder Klebeband noch Schnur möchte. Ich beschließe, dass ich weder Schere noch Teppichmesser benötige. Falls ich jemals zu einer Waffe greife, dann immer nur zu meinen Worten. Wenn ich eines gelernt habe in diesem Drama oder diesem Schauspiel, das wohl mein Leben ist, dann, dass Worte die beste Waffe sind.
Und jetzt ist endlich Schluss mit Lügen. Wenn du nur aufhören würdest zu schweigen. Schweigen ist die feigste Antwort auf alle Fragen. Weil es keine Antwort ist und die Ungewissheit unerträglich wird.
Such dir eine bessere Souffleuse, will ich schreien. Und tue es endlich auch.
Das Leben ist kein Schauspiel, schreist du zurück.
Ich wusste gar nicht, dass du schreien kannst, aber vielleicht wird es einfach höchste Zeit, dass wir die Wahrheit sagen. Dass endlich all das über unsere Lippen geht, was sonst nur durch unsere Köpfe ging. Im Kopf richtet es auch nicht weniger Schaden an als ausgesprochen, und ganz allgemein schadet die Wahrheit weniger als Lügen und sowieso weniger als Schweigen. Vor allem, wenn man nur Zuschauer ist.

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Viel zu schnell

Ich lebe viel zu schnell. Tanze in den Schatten von Pappelblättern im Wind. Und das will schon was heißen. Ein Schritt und ich stehe im Meer, wo die Wellen meine Schwestern werden. Ein weiterer Schritt und Alaska ist nur eine Armeslänge entfernt. Fahrtwind ist das Zeichen, das ich brauche, um zu wissen, dass ich lebe. Heule mit den Wölfen, die heute Nacht schwiegen. Aus Respekt oder aus Furcht oder aus Willkür vermag niemand zu sagen. Raben als Freunde oder Verbündete, weil Krähen nicht mehr genug sind, selbst wenn es ein ganzer Mord ist. Die Tage werden wieder kürzer und das Tageslicht reicht nicht mehr aus für mein Rennen. Also renne ich weiter in die Dunkelheit. Und ich renne weiter ins Meer. Und ich renne weiter auf den Abgrund zu. Denn zurück ist keine Option und Stillstand ist Rückschritt.

7 Erinnerungen

Sie sagen, Erinnerungen sind nur im Kopf.
Aber warum zittern meine Hände und mein Herz noch immer? Nur, weil ich zurückdenke an den beinahe schlaflosen Samstag.
Warum kommen mir die Freuden-Trauer-Entsetzen-Tränen? Nur, weil ich zurückdenke an den Sonntag, an dem ich meine Barriere nicht mehr verteidigte.
Warum wird mir so schlecht? Nur, weil ich zurückdenke an den Mittwoch, als meine Hoffnung mit Füßen getreten wurde.
Warum stolpert mein Herz so oft? Nur, weil ich zurückdenke an den Donnerstag, an dem ein Satz mit einem Aschenbecher beinahe alles beendet hätte.
Warum fühle ich mich so ernüchtert? Nur, weil ich zurückdenke an den Freitag, an dem ich erkannte, dass kein Mensch unfehlbar ist.
Warum läuft mein Herz über vor Dankbarkeit? Nur, weil ich zurückdenke an den Dienstag, der eigentlich ein Mittwoch war, an dem ich nicht allein gelassen wurde.
Warum grinse ich noch immer ungläubig? Nur, weil ich zurückdenke an den Montag, an dem alles begann.

Lüge, Wahnsinn oder Wahrheit

Du liest die Zukunft aus Teeblättern, aus Handflächen und aus Sternbildern. Ich halte das für Schwindel, du hältst es für eine Möglichkeit der Wahrheit. Es heißt doch nicht umsonst »Wahrsagen«. Insgeheim frage ich mich: Lüge, Wahnsinn oder Wahrheit? Und dann frage ich mich, ob es denn einen solch großen Unterschied macht. Wir glauben doch sowieso alle, was wir wollen. Und wir tun doch sowieso alle, was wir wollen. Das zumindest ist die Wahrheit. Und ein bisschen Wahnsinn, ergänzt du, weil du lieber die nächste Tasse Tee trinkst bevor du die nächste Entscheidung triffst. Ich denke an die Sonne und an das Kreuz. Du wirst leiden, aber du wirst dich darüber freuen. Wer sowas sagt, muss mindestens einmal lügen. Doch du weist mich darauf hin, dass die Lüge von der Wahrheit oft nicht zu unterscheiden ist, und dass ein Widerspruch nicht gleich Wahnsinn bedeutet. Mir bleibt nichts übrig, als an dem Sinn von alledem zu zweifeln und weiterhin das zu glauben, was ich will. Und das zu tun, was ich will. Egal, was die Teeblätter sagen, wie lang meine Lebenslinie ist und ob Jupiter mir nun recht gibt oder nicht. Das, zumindest, ist die Wahrheit.

Anti-Romantik

Wenn ihr Herz sich zu Wort meldet, dreht sie die Musik lauter.
Wenn sie den Sonnenuntergang beobachtet, entschuldigt sie sich beim Tod.
Wenn sie Schmetterlinge im Bauch hat, kauft sie Insektengift.
Wenn Kerzen brennen, trägt sie sie in den Regen.
Wenn sie Rosen bekommt, vergisst sie zu gießen.
Wenn man sie ans Ende der Welt tragen möchte, zeigt sie auf ihre eigenen Beine.

Sie hasst Klischees, Kitsch und Romantik.
Ihn jedoch hasst sie nicht.

Sie kann vielleicht Symptome bekämpfen.
Aber nicht deren Ursache.

Vom Glauben und von Wasser

Du glaubst an Gott und an das Gute in den Menschen.
Ich glaube nur an den Tod. Das sollte doch reichen, denke ich. Und zweifle an allem. Insbesondere an mir. Und an der Menschheit. Traurig sein kann ich für zwei. Dafür glaubst du für uns beide. 
An Tagen ohne Euphorie setzt du dich einfach hin und liest. Nicht in der Bibel, aber du liest. Wasser ist dein Freund und du erinnerst mich daran, dass ich mehr trinken soll. Also, mehr Wasser. Und weniger Alkohol. Denn mein Freund ist eher der Wein als das Wasser.
Du glaubst, dass alles besser werden kann. Egal, wie gut es schon ist. Egal, wie schlecht es schon ist. Ich glaube, dass alles schlechter werden kann. Egal, wie gut es schon ist. Egal, wie schlecht es schon ist.
Du sagst, ich wäre Pessimist. Ich habe mal irgendwo gelesen, ein Pessimist sei ein Optimist mit Erfahrung. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich erlebt habe, als Erfahrung zählt. Aber ich bin mir sicher, du hast mehr Erfahrung im Beten. Und mehr Erfahrung im Glauben. 
Manchmal verstehe ich deine Lebensweisheiten sogar. 
Wenn du sagst, alles ist im Fluss, meinst du dann, alles geht den Bach runter?