Horoskop

Wassermann: Gefühle sind zum Fühlen da, du kannst den Schmerz und die Liebe nicht ewig vermeiden.
Fische: Vielleicht findest du dein Glück in der Familie. Vielleicht solltest du auch außerhalb mal nachsehen.
Widder: Höre auf mit dem Warten, es wird Zeit, dass du die Dinge selbst in die Hand nimmst.
Stier: Mit Sturheit kommt man selten ans Ziel. Nenne es Hartnäckigkeit und wisse, wann sie enden muss.
Zwillinge: Lerne die Zweisamkeit zu schätzen, wenn du mit der Einsamkeit klarkommst. Oder schon davor.
Krebs: Mit dem Kopf durch die Wand findet man selten Harmonie. Versuche es mit einem Kompromiss.
Löwe: Hör auf dein Herz. Aber denke gelegentlich auch an deinen Verstand.
Jungfrau: Das weiß doch keiner so genau. Versuche daraus zu lernen.
Waage: Lerne die Einsamkeit zu schätzen. Du bist nicht du selbst, wenn du immer zu zweit bist.
Skorpion: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Verdrängung ist keine Entscheidung, doch manchmal die einzig mögliche.
Schütze: Gehe los. Bitte. Du könntest das Hier zu einem besseren Ort machen.
Steinbock: Warte nicht auf die Selbstsicherheit. Zweifel sind dazu da, überwunden zu werden.

Recyclinggefühle

Ich recycle alte Texte, ich recycle die Gefühle von damals, denn nichts und niemand hat mich je so fühlen lassen, wie du. Doch die Gefühle sind vorbei, ich habe sie hinter mir gelassen. Schon lange. Länger, als mir bewusst war. Was ich nicht wusste: Ich habe auch die besten Texte hinter mir gelassen. Texte sind Gefühle. Und wenn die größten Gefühle vorbei sind, sind auch die größten Texte vorbei.
Also suche ich die alten Texte zusammen, alte Sätze, alte Fragmente, alte Worte, alte Gefühle, und setze sie zusammen, schaffe etwas ganz Neues aus ihnen, etwas Besseres womöglich, denn ich habe dazugelernt. Beim Schreiben und beim Fühlen.

Frühlingsträgheit

Ich schließe die Augen. Der Wind ist noch zu kalt, und die Wiese unter meiner Haut ebenfalls, doch die Sonne hat genug Kraft, um zu spüren, dass das Sonnenbrand gibt auf der Nase und Sommersprossen auf den Schultern. Überall zwitschern die Spatzen und die Stare und die Amseln, und manchmal brummt eine Biene in der Nähe, und das leise Rauschen der Blätter ist allgegenwärtig, und irgendwo im Hintergrund hört man Kuhglocken.
Wäre Trägheit etwas, das man hören kann, es wäre diese Ansammlung an Geräuschen bei geschlossenen Augen.

Hunger

[Triggerwarnung: Essstörung]

Mit 6 beobachtest du deine Mutter zum ersten Mal dabei, wie sie sich selbst in den Bauch zwickt und sagt »Speckgürtel«.
Mit 8 macht sie es zum ersten Mal an deinem Bauch.
Mit 9 wirst du im Sport »dicke Hummel« genannt, und obwohl du Hummeln lustig findest, weißt du sofort, dass es eine Beleidigung ist.
Mit 9,5 sagt deine ganze Familie »Hummel« zu dir. Es reicht nicht, dass du weißt, dass sie dich eigentlich lieben.
Mit 10 sagst du zum ersten Mal nein zu einer Süßigkeit, die du eigentlich essen wolltest. Deine Mutter nickt anerkennend.
Mit 11 beginnst du deine erste Diät.
Mit 13 erzählt dir eine Klassenkameradin, dass sie sich ritzt und über Bulimie nachdenkt. Du denkst nicht nur darüber nach, du fängst es an.
Mit 13,5 siegt der Hunger. Du beginnst mit joggen. Zuerst die kurzen Strecken, dein Körper hat keine Kraft. Irgendwann exzessiv. Das Würgen kennst du schon.
Mit 14 isst du nicht mehr mit deinen Eltern am Tisch. Du ernährst dich von Gurken und Karotten.
Mit 15 heißt du plötzlich »Hungerhaken«.
Mit 15,5 macht dein erster Freund mit dir Schluss, weil er deine Rippen eklig findet. Du zählst sie jeden Tag.
Mit 16 ritzt sich deine Klassenkameradin nicht mehr. Du bist neidisch, weil sie über diese pubertäre Phase hinweg ist. Du schämst dich, dass deine pubertäre Phase nicht endet. Was du nicht weißt: Sie ist in Therapie.
Mit 17 stopfst du dir Socken in den BH. Und zählst noch immer täglich deine Rippen.
Mit 19 fragt dich zum ersten Mal jemand »Geht es dir gut?« anstatt »Hast du abgenommen?«
Mit 20 begibst du dich in Therapie.
Mit 20,5 erkennst du, du hungerst nicht nur nach all dem Essen, das du dir verbietest, du hungerst nach allem anderen auch. Nach Leben. Nach Lieben. Nach Akzeptanz.
Mit 21 kannst du das Ziehen in deinem Bauch zum ersten Mal wieder als normalen Hunger deuten.
Mit 22 zählst du zum ersten Mal nicht mehr die Kalorien im Kopf.
Mit 25 sagt dir zum ersten Mal jemand »Ich liebe dich«, und du fragst dich nicht, ob du gerade gut aussiehst.
Mit 26 hast du 20 Jahre lang gegen deinen Körper gekämpft. Mit 26 kannst du dich noch immer nicht ständig lieben. Aber du kannst dich akzeptieren.

Abrechnung mit einer griechischen Göttin

Ich bin das Orakel, das vor deine Haustür spuckt. Webe Worte zu Flüchen und trenne Fäden kurz nach deinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Du warst schon immer größer als ich. Wenn das Leben nur aus Wettbewerben bestände, du würdest sie alle gewinnen. Bist schneller als der Sieg, stärker als Atlas, der doch die ganze Welt trägt, mutiger als ich, selbst wenn ich die Schwester von Apollo wäre. Du wüsstest nicht einmal, wie man Furcht buchstabiert, wärest du nicht klüger als die Sonne hell. Dein Körper wie eine Statue, die Proportionen perfekter als Michelangelo sie jemals erschaffen könnte. Beherrscht alle Künste, beginnend bei der Musik, nicht endend mit der Liebe. Deine Haare wie Wellen, meine sind Schlangen. Doch ich versteinere nicht dich. Alles, worauf ich warte, ist der Grund für all das. Die einzige Person, die ich zu Stein verwandeln möchte. Und das bist nicht du. Werfe Würfel und sehe, dass Gefühle keinem Wettbewerb standhalten, auch keinem göttlichen. Verliere im Neid. Unentschieden in der Gunst. Denn Göttinnen müssen tun, was Göttinnen nunmal tun. Stark sein. Die Götter stürzen. Gemeinsam.

Augenmaß

Du sagst, meine Bilderrahmen hängen schief und der Kalender auch. Das stört dich so sehr, dass du nicht einmal merkst, dass er den falschen Monat zeigt. Im falschen Jahr. Du fragst, ob ich nicht vernünftig messe. Ich antworte, dass ich nie etwas abmesse. Ich behaupte, dass ich nicht einmal einen Meterstab besitze. Beides ist gelogen. Ich messe den ganzen Tag. Den Abstand zwischen dir und mir. Ich messe die Sekunden mit dir. Und jedem Satz von dir Bedeutung bei. Ich weiß, dass dein Augenmaß genauer ist als meines je sein könnte. Du sprichst so oft von deinem Inneren Monk, dass ich ihn manchmal direkt anspreche. Versehentlich. Mit voller Absicht. Wenn ich meine Bilderrahmen schief hängen lasse, damit du mich das nächste Mal wieder darauf hinweisen kannst. Es ist wie ein Spiel. Von dessen Existenz nur eine Person weiß. Somit kann nur eine Person gewinnen. Oder nur eine Person verlieren. Ich erkenne selbst mit schlechtem Augenmaß, dass das nur schiefgehen kann. Aber ich mag es schief.

Hinter verschlossenen Türen

Du fragst dich, ob man manche Räume betreten kann durch verschlossene Türen. Ob man manche Flüsse überqueren kann auf niedergebrannten Brücken. Das kommt davon, wenn man ohne Plan B lebt, leichtsinnig und rücksichtslos, sage ich und meine eigentlich, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht. Und meine eigentlich, dass ich sie annehmen möchte, aber nicht annehmen möchte.
Du denkst nicht an einen Plan B oder an ein bisschen Mühe, stattdessen drehst du dich um und gehst. Während ich auf das Fenster deute und auf das Boot. Doch du bist schon längst weg.
Hinter verschlossenen Türen lebt es sich sicherer.

Dann vielleicht.

Du wartest auf die Revolution wie aufs Wochenende an einem Mittwoch. Und wenn es dann soweit ist, bist du zu beschäftigt, um mitzumachen. Außer, sie klingelt vorsichtig an deiner Haustür. Dann vielleicht. Du trinkst deinen Kaffee grundsätzlich schwarz, als wäre das ein Statement und keine Frage von Vorlieben und individuellem Geschmack. Am liebsten siehst du etwas brennen, doch das einzige, das du anzündest, sind deine Zigaretten. Außer, jemand anders beginnt mit Autoreifen. Dann vielleicht. Das Wort »radikal« sprichst du mit einer Zärtlichkeit aus, als wäre es so fragil wie dein Ego. Sprühst Graffiti auf die Berliner Mauer und wartest auf die Polizei, damit du »ACAB!« rufen kannst, doch keiner kommt, in Wirklichkeit traust du dich nicht einmal, Farbe im Baumarkt zu kaufen. Liebst das Wort »Parolen«, doch wann immer du welche rufen solltest, bist du heiser. Vom Rauchen oder von der Feigheit oder von der Tatsache, dass du nicht für die Revolution gemacht bist.
Niemand ist für die Revolution gemacht, doch es gibt Menschen, die werden die Revolution. Du gehörst nicht dazu. Außer, die Revolution kommt wirklich. Dann vielleicht.

Eine unvollständige Liste an Dingen, für die es sich aufzustehen lohnt

Sonne auf der Haut
Der Geruch von Sonnencreme
Mit offenem Fenster Autofahren
Wolkenformationen
Das Lachen der besten Freundin
Zu Musik in voller Lautstärke mitgröhlen
Jemanden küssen
Jemanden sagen, wie sehr man sie mag
Das Geräusch von Regentropfen auf der Fensterscheibe
Sonnenaufgänge
Sonnenuntergänge
Vogelschwärmen zuschauen
Das Lieblingslied in Dauerschleife hören
Lachfalten zählen
Tee und Schokolade
Die Freundinnen mit Farben vergleichen
Die Muster, wenn die Sonne durch den Rollladen scheint
Meeresrauschen
Listen aufstellen
Barfuß laufen
Der Geruch von frisch gemähtem Rasen
Bücher und Geschichten
Die Aussicht von einem Berggipfel

Internetbegegnungen

Ich frage mich, was das soll. Ich frage dich, was das soll. Du kannst es mir nicht beantworten. Ich kann es mir leider auch nicht beantworten.
Ich weiß, dass diese Menschen keine Macht über mich haben. Egal, wie sehr sie sich bemühen. Denn sie sind Fremde, und sie kennen mich nicht. Niemand kennt mich gut genug, um mir wehtun zu können. Niemand, der mich im Internet gefunden hat. Ich weiß, wie groß und stark und richtig ich bin in so vielen Dingen. Nicht in allen, doch das muss ich nicht sein. Das Internet weiß das nicht, doch das ist nicht von Belang.
Die Worte können mir nichts antun. Denn Worte sind meine Waffe. Ich weiß, wie ich sie drehen und wenden kann. Ich weiß, wie ich sie schärfen kann. Werfen, schleudern. Oder Mauern bauen. Zur Not reicht eine Mauer. Ich baue höher als ihr springen, fliegen, werfen, schleudern könnt.
Und doch, irgendwo bleiben Zweifel zurück. Zweifel an mir selbst. Bin ich zu naiv? Zu offen? Zu nett? Zu weich?
Nein!
Kann man in solch einer harten Welt überhaupt zu weich sein?
Es sind doch die Menschen, die das ausnutzen, die Schuld daran sind, dass ich Schuld empfinde.
Ich zweifle an mir selbst, wenn ich eigentlich an der Menschheit zweifeln sollte. (Was ich zur Genüge tue.)