Mir sind die Hände gebunden

Mir sind die Hände gebunden, aber nicht vor meine Augen, damit ich den Untergang der Welt nicht sehen muss, sondern vor meinen Mund, damit ich ihn nicht beschleunigen kann.

Mir sind die Hände gebunden, so fest, dass ich mich nicht wehren kann, so fest, dass ich niemanden aufhalten kann, nicht einmal mich, und schon gar nicht das Ende der Welt.

Mir sind die Hände gebunden, hinter meinen Rücken, sodass ich mich nicht mehr vorantasten kann, sodass ich nur stolpern kann und wenn ich falle, dann unaufhaltsam.

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in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.

Mehr

Sie war schon immer ein Mädchen gewesen, das mehr wollte.
Mehr Gummibärchen, mehr Geburtstagskerzen. Mehr Wissen, mehr Freunde, mehr Zeit. Mehr Berge, mehr Täler, mehr Meer. Mehr Talent, mehr Bücher. Mehr Toleranz, mehr Offenheit. Mehr Träume.

Sie sitzt jetzt im Gefängnis.
Weil sie mehr Gerechtigkeit wollte.

Neuer alter Mitbewohner

Die Traurigkeit ist wieder bei mir eingezogen, hat sich ein Zuhause gebaut in meinem Brustkorb.
Meine Rippen sind Gitterstäbe am Fenster. Sie zieht die Vorhänge zu.
Die Traurigkeit kennt mich schon. Wohnte bereits bei mir. Bis ich sie hinausbefördert habe. Den Mietvertrag gekündigt oder was auch immer sie als Grund hergenommen hat für ihren Einzug.
Dieses Mal aber stand sie mit größeren Koffern vor der Tür.
„Ich bin gekommen, um zu bleiben.“
Sie wird mich nicht mehr so schnell verlassen.
Können.
Wollen.
Doch sie ist geschrumpft. Kleiner als letztes Mal. Unbedarfter.
Benjamin Button als Gefühl.

Tausche Leben gegen Ideen

Tunnel

In der Zeitung heute Morgen: „Tausche Leben gegen Ideen.“ Selten etwas so absurdes gelesen. Und dieses Mal war diese Chiffre-Nummer kein Hindernis. Sondern nur ein Code, den man dechiffrieren kann.
„Habe Ideen. Aber bereits ein Leben.“
Aus einer Chiffre- wurde eine Handynummer und die Einigung, dass man Ideen nicht per Handy verschicken kann.
Ich brachte mein Notizbuch, du ein Messer. Ich Neugierde, du Unerschrockenheit.
Denn der Tod ist auch nichts weiter als der größte Verschwindezauber.
Den ich jedoch nicht sehen wollte.
Du behieltst dein Leben. Ich mein Notizbuch.
Und dich im Gedächtnis. Und vielleicht auch im Herzen.

Kein Gebet

Wolkentürme

Ich blute Tränen und weine Blut. Meine Wunden werden mit Salz übergossen, ehe sie zu Asche zerfallen. Dein Mund formt sich zu einem „Oh“, das ich heute noch hören kann, obwohl ich es nie sah. Ich hörte davon. Ich schäle meine Haut von den Lippen. Küsse Brandmale und Statuen, die genauso zu Staub werden, wie jeder Wimpernschlag, der jemals zwischen uns stand. Stattfand. Anstatt zu weinen, beten wir. Anstatt zu beten, leben wir. Ich erinnere mich an Träume, in denen ich verblutete, weil ich so viel weinte. Es waren nie Albträume, denn aus Blut entsteht Leben und Leben bist du.