post-apokalypse

das gefühl von altem zeitungspapier
und der geruch nach kaltem tee
vermischen sich in der zugluft
des gekippten fensters
ohne scheiben
als wäre gestern
etwas geschehen
das heute bereits stillsteht
die zeiger der uhren
bewegen sich nicht mehr
und das bellen der hunde
aus dem hinterhof
hallt noch nach.

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Sommer-Superman

Das Blöde an den langen Tagen ist, dass mein Gehirn, solange es hell ist, glaubt, ich könnte die Welt retten. Ich halte mich für eine Heldin, die ich eigentlich nicht bin.
Und sobald es dunkel wird, falle ich ins Bett und mein Körper sagt mir: „Spinnst du!? Lass mich bloß in Ruhe! Glaubst du etwa, du bist Superman?“

4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.

Warten

Geduld gehörte nicht zu ihren Stärken. Hatte es noch nie.

Und doch saß sie jetzt seit 3 Stunden in diesem Zug. Ohne Buch. Ohne Gespräch. Ohne Handy. Ohne auch nur aus dem Fenster zu sehen. Ohne irgendeine Art von Beschäftigung. Und wartete.

Worauf?

Klar, aufs Ankommen. Aber war man denn jemals vollständig angekommen, nur weil man einen Ort erreicht hatte?
Sie wartete viel mehr darauf, dass die Zeit verging. Der Tag heute würde ihr nichts mehr bringen. Der morgen vermutlich auch nicht. Wenn aber genug Zeit verging, würde es vielleicht besser werden.
Und darauf wartete sie eigentlich: Dass es besser wurde.

Vielleicht hätte man ihr damals, als man ihr sagte, dass Geduld wichtig ist, auch erklären müssen, dass Warten allein selten etwas verändert.

Das Ende vom Schönreden

Nenne es nicht Liebe,
wenn es Ertragen ist.
Nenne es nicht Kompromisse,
wenn es Selbstaufgabe ist.
Nenne es nicht Optimismus,
wenn es Naivität ist.
Nenne es nicht Zuhause,
wenn es ein Gefängnis ist.
Nenne es nicht Wahrheit,
wenn es Schweigen ist.
Nenne es nicht Gut,
wenn es Schlecht ist.
Nenne es verdammt nochmal
beim wahren Namen.

Mir sind die Hände gebunden

Mir sind die Hände gebunden, aber nicht vor meine Augen, damit ich den Untergang der Welt nicht sehen muss, sondern vor meinen Mund, damit ich ihn nicht beschleunigen kann.

Mir sind die Hände gebunden, so fest, dass ich mich nicht wehren kann, so fest, dass ich niemanden aufhalten kann, nicht einmal mich, und schon gar nicht das Ende der Welt.

Mir sind die Hände gebunden, hinter meinen Rücken, sodass ich mich nicht mehr vorantasten kann, sodass ich nur stolpern kann und wenn ich falle, dann unaufhaltsam.