Hinter verschlossenen Türen

Du fragst dich, ob man manche Räume betreten kann durch verschlossene Türen. Ob man manche Flüsse überqueren kann auf niedergebrannten Brücken. Das kommt davon, wenn man ohne Plan B lebt, leichtsinnig und rücksichtslos, sage ich und meine eigentlich, dass eine Entschuldigung nicht ausreicht. Und meine eigentlich, dass ich sie annehmen möchte, aber nicht annehmen möchte.
Du denkst nicht an einen Plan B oder an ein bisschen Mühe, stattdessen drehst du dich um und gehst. Während ich auf das Fenster deute und auf das Boot. Doch du bist schon längst weg.
Hinter verschlossenen Türen lebt es sich sicherer.

Dann vielleicht.

Du wartest auf die Revolution wie aufs Wochenende an einem Mittwoch. Und wenn es dann soweit ist, bist du zu beschäftigt, um mitzumachen. Außer, sie klingelt vorsichtig an deiner Haustür. Dann vielleicht. Du trinkst deinen Kaffee grundsätzlich schwarz, als wäre das ein Statement und keine Frage von Vorlieben und individuellem Geschmack. Am liebsten siehst du etwas brennen, doch das einzige, das du anzündest, sind deine Zigaretten. Außer, jemand anders beginnt mit Autoreifen. Dann vielleicht. Das Wort »radikal« sprichst du mit einer Zärtlichkeit aus, als wäre es so fragil wie dein Ego. Sprühst Graffiti auf die Berliner Mauer und wartest auf die Polizei, damit du »ACAB!« rufen kannst, doch keiner kommt, in Wirklichkeit traust du dich nicht einmal, Farbe im Baumarkt zu kaufen. Liebst das Wort »Parolen«, doch wann immer du welche rufen solltest, bist du heiser. Vom Rauchen oder von der Feigheit oder von der Tatsache, dass du nicht für die Revolution gemacht bist.
Niemand ist für die Revolution gemacht, doch es gibt Menschen, die werden die Revolution. Du gehörst nicht dazu. Außer, die Revolution kommt wirklich. Dann vielleicht.

Autoradio

Als Beifahrerin war ich schon immer für die Musik zuständig. Doch inzwischen gefällt dir meine Musik nicht mehr. »Irgendwie hörst du nur noch so komisches Zeug«, hast du gesagt. Es klang wie ein Vorwurf und vermutlich sollte es auch genau das sein. Das war vor vier Monaten, wir hören jetzt nur noch Radio im Auto, auch wenn ich die viele Werbung und das Gelaber hasse. Die Situation zwischen uns hat sich seitdem nicht verbessert. Im Gegenteil. Beinahe jedes unserer Gespräche endet mittlerweile in Streit. Nicht in dieser Art von Streit, bei der man sich anschreit. Sondern die nervenzehrende Art von Streit, mit kleinen Sticheleien, gerümpften Nasen, zu viel Sarkasmus und noch mehr Schweigen.
Wie auch jetzt, ich starre aus dem Fenster und drehe demonstrativ das Autoradio lauter, nicht, damit wir zusammen mitgröhlen können wie früher, sondern um nicht mehr mit dir sprechen zu müssen. Und das sagt mehr aus, als es meine Worte jemals könnten. Vielleicht schweigen wir deshalb immer mehr miteinander.
Umso überraschter bin ich, als du kurzerhand das Radio ausschaltest. Die plötzliche Stille irritiert mich. Wir hören nur noch den leichten Regen auf der Windschutzscheibe und manchmal den Scheibenwischer und manchmal das zufriedenstellende und gleichzeitig beunruhigende Geräusch, wenn du durch eine Pfütze fährst.
»Das Schweigen darf nicht weitergehen«, sagst du schließlich in diese Stille hinein.
Ich weiß, dass du recht hast, doch ich fürchte mich so sehr vor diesem Gespräch, dass ich mir von ganzem Herzen wünsche, dein Radio würde sich von selbst wieder einschalten.

Eine unvollständige Liste an Dingen, für die es sich aufzustehen lohnt

Sonne auf der Haut
Der Geruch von Sonnencreme
Mit offenem Fenster Autofahren
Wolkenformationen
Das Lachen der besten Freundin
Zu Musik in voller Lautstärke mitgröhlen
Jemanden küssen
Jemanden sagen, wie sehr man sie mag
Das Geräusch von Regentropfen auf der Fensterscheibe
Sonnenaufgänge
Sonnenuntergänge
Vogelschwärmen zuschauen
Das Lieblingslied in Dauerschleife hören
Lachfalten zählen
Tee und Schokolade
Die Freundinnen mit Farben vergleichen
Die Muster, wenn die Sonne durch den Rollladen scheint
Meeresrauschen
Listen aufstellen
Barfuß laufen
Der Geruch von frisch gemähtem Rasen
Bücher und Geschichten
Die Aussicht von einem Berggipfel

Willkommen zurück

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht vermisst habe, stehst du ganz oben.
Ich steige aus dem Auto, und die erste Person, die ich sehe, bist du. Es hilft nicht, dass du ganz hinten stehst. Dass fünf oder sechs oder acht oder zehn andere Menschen auch dastehen. Meine beste Freundin. Meine Mutter. Mein Blick fällt sofort auf dich. Was mein Herz da veranstaltet, kann ich nicht in Worte fassen. Stolpern? Hüpfen? Aussetzen? Was mein Magen veranstaltet, kann ich jedoch gleich beschreiben: er rebelliert. Mir wird kotzübel, und ich bereue es, dass ich während der vierstündigen Fahrt so viel gegessen habe. Die Schokolinsen wollen sich eine Weg an die Luft bahnen, aber ich schlucke und schlucke und knalle die Autotür zu und schaue dir in die Augen und gehe auf dich zu. Gut, dass noch andere Menschen da sind, sieben andere Menschen, die zwischen dir und mir stehen, die mich in den Arm nehmen, Fragen stellen, aufgeregt sind. Ich freue mich mit, umarme zurück, sage »nee, hab nur einmal kurz im Stau gestanden« und »schön, wieder hier zu sein« und »klar hab ich euch das sonnige Wetter mitgebracht«. Sieben Menschen sind nicht viel, wenn nicht einmal dreihundersechsundachtzig Kilometer gereicht haben, um genug Distanz zwischen uns zu bringen. Ich blicke auf den noch immer kaputten Gartenzaun der Nachbarn, ich blicke zu den Tauben, die auf dem Scheunendach sitzen, ich blicke auf meine Schuhspitzen, ich blicke überallhin, nur nicht zu dir, doch das lässt dich nicht verschwinden.
Du stehst vor mir, ich will es beiläufig wirken lassen, wie ich dich kurz umarme, während alle um mich herum nichts zu bemerken scheinen. Dass ich mich neben dir immer so klein gefühlt habe, liegt nicht nur daran, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um dein Gesicht sehen zu können. Ich lege den Kopf nicht in den Nacken, aber ich schließe die Augen und ich atme tief ein und ich antworte auf keine Frage mehr, denn ich höre nur »willkommen zurück«, als wäre es eine Liebeserklärung.
Auf der Liste der Dinge, die ich vermisst habe, stehst du ganz oben.

Aschenbecherherz

Letzte Woche bin ich zum ersten Mal an deiner Wohnung vorbeigefahren, ohne zu sehen, ob bei dir Licht brennt.
Wenn ein blauer Ford Focus meine Straße entlangfährt, schaue ich nicht mehr auf das Kennzeichen, in der Hoffnung, deines zu sehen. Ich gehe davon aus, dass es der Nachbar ist, so wie er es die letzten drei Monate auch schon war.
Ich gehe wieder ungeschminkt zum Einkaufen, die Wahrscheinlichkeit, dich dort zu treffen ist verschwindend gering, und falls doch, dann kannst du meine Pickel sehen, I don’t care.
»I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich von einer Tätigkeit abhalten möchte, weil die Möglichkeit besteht, dadurch eine zufällige Begegnung mit dir zu verpassen. »I don’t care« sage ich mir jetzt immer, wenn meine Gewohnheit mich etwas tun lassen will, weil die Möglichkeit besteht, dir dadurch zufällig zu begegnen.
Die letzte Freundin, die zu mir sagte: »Du musst ihm zeigen, was er verpasst hat«, ist nicht mehr meine Freundin. Du wirst nie kapieren, was du verpasst hast. Du wolltest es nicht kapieren.
Trotzdem arbeite ich weiter an meinem Sixpack, weil dich das so beeindruckt hat. Ich meine: Weil ich mir selbst beweisen will, dass ich es kann.
Trotzdem lerne ich weiter Spanisch, weil ich damit deiner Mutter eine Freude machen kann. Ich meine: Weil das eine nützliche Fremdsprache ist.
Trotzdem kann ich noch immer nicht ›Ashtray Heart‹ hören, Weil ich an den verdammten Aschenbecher auf deinem verdammten Küchentisch denken muss, der immer voll war, obwohl du behauptet hast, du würdest nicht mehr rauchen, und den ich bei deinen letzten Worten angestarrt habe. Weil es dieses verdammte Lied war, an das ich gedacht habe, anstatt deinen dummen Worten zuzuhören.

Internetbegegnungen

Ich frage mich, was das soll. Ich frage dich, was das soll. Du kannst es mir nicht beantworten. Ich kann es mir leider auch nicht beantworten.
Ich weiß, dass diese Menschen keine Macht über mich haben. Egal, wie sehr sie sich bemühen. Denn sie sind Fremde, und sie kennen mich nicht. Niemand kennt mich gut genug, um mir wehtun zu können. Niemand, der mich im Internet gefunden hat. Ich weiß, wie groß und stark und richtig ich bin in so vielen Dingen. Nicht in allen, doch das muss ich nicht sein. Das Internet weiß das nicht, doch das ist nicht von Belang.
Die Worte können mir nichts antun. Denn Worte sind meine Waffe. Ich weiß, wie ich sie drehen und wenden kann. Ich weiß, wie ich sie schärfen kann. Werfen, schleudern. Oder Mauern bauen. Zur Not reicht eine Mauer. Ich baue höher als ihr springen, fliegen, werfen, schleudern könnt.
Und doch, irgendwo bleiben Zweifel zurück. Zweifel an mir selbst. Bin ich zu naiv? Zu offen? Zu nett? Zu weich?
Nein!
Kann man in solch einer harten Welt überhaupt zu weich sein?
Es sind doch die Menschen, die das ausnutzen, die Schuld daran sind, dass ich Schuld empfinde.
Ich zweifle an mir selbst, wenn ich eigentlich an der Menschheit zweifeln sollte. (Was ich zur Genüge tue.)

Liebeserklärungen am Klavier

Wir sitzen am Klavier, haben es beide nie gelernt, wie man Musik macht mit Worten oder mit Noten, konnten noch nie Noten lesen und trotzdem suchen wir uns all die Stücke aus, die uns gefallen, die wir spielen möchten, egal wie kompliziert, egal wie bedeutungsschwer, egal wie bedeutungslos, wir geben ihnen Bedeutung mit unseren Fingern auf weißen Tasten, auf schwarzen Tasten, auf Haut. Du fragst mich immer noch, wo C ist. Ich frage dich immer noch, ob du dir das nicht merken kannst. Ich frage mich immer noch, warum du bei mir geblieben bist. Du fragst mich immer noch, ob ich das immer noch nicht gemerkt habe.
Wir lernen Klavier miteinander, mit YouTube Videos, die irgendwie jede Nostalgie zerstören könnten, doch wenn man genug liebt, kann nichts zerstört werden. Der Nachtkönig, die Erinnerung an ein Konzert, das Stück, dessen Namen wir beide nicht aussprechen können, deswegen nennen wir es wie den Film, zu dessen Soundtrack es gehört, oder ich nenne es »How to summon a F.«, weil du immer neben mir stehst, sobald ich die ersten Töne gespielt habe. Ich wünschte ich könnte besser singen, sodass ich dich immer heraufbeschwören könnte, egal wo ich bin, mit oder ohne Klavier.

My head’s a fucking carnival

Du sagst: »Corona ist scheiße.« Ich kann dir nur zustimmen. Die ganze Menschheit kann dir nur zustimmen. Du sagst: »Ich hasse Corona. Und was es mit uns und der Welt macht.« Ich kann dir nur zustimmen. Die ganze Menschheit kann dir nur zustimmen.
Du sagst: »Ich vermisse die Normalität.«
Ich stimme dir zu, auch wenn ich mich frage, was Normalität für mich überhaupt bedeutet.
Du sagst: »Ich vermisse die Menschen.«
Ich kann dir nur bedingt zustimmen. Ich vermisse nur manche Menschen.
Du sagst: »Ich vermisse die Partys.«
Ich kann dir nur bedingt zustimmen. Ich vermisse nur manche Partys.
Du sagst: »Ich vermisse den Karneval.«
Ich muss dir widersprechen. »Wie soll ich etwas vermissen, das immer da ist?«
Du verstehst nicht.
Ich sage: »My head’s a fucking carnival.«

Woanders

»Ich bin gerade wo anders«, sagst du, als wärst du gerade in tiefe Gedanken versunken, über die Arbeit oder über ein Gespräch oder über irgendetwas, das du in der Zeitung gelesen hast, oder darüber, was du heute Abend essen möchtest.
Doch wir wissen beide, dass dein »Woanders« kein banaler Ort ist. Kein alltäglicher. Und vor allem kein schöner.
Dein »Woanders« ist ein Abgrund. Und vor allem ist es ein Ort, an den ich dir nicht folgen kann. An den du mich nicht folgen lässt. Du stürzt hinab und ich stürze hinterher, aber egal wie viel Mühe ich mir gebe, es ist als hätte ich einen Fallschirm und du nicht, es ist als schlägst du irgendwann unten auf Felsen auf, während mich ein sanfter Wind nach oben schweben lässt, es ist ein Wettlauf, den ich nur verlieren kann, wenn doch eigentlich immer nur du verlierst. Es ist unfair.
»Du musst wissen«, sage ich dir, wenn du mal wieder wo anders bist, »dass ich versuchen werde, dich aufzufangen.« Du schüttelst den Kopf. Wir wissen beide, dass ich nicht vor dir unten ankommen werde.
»Du musst wissen«, versuche ich es erneut, »dass ich hier auf dich warten werde, wann immer du zurückkommst.«
Und manchmal ist das alles, was du brauchst: Jemanden, der auf dich wartet.