Berge erkennen, Menschen erkennen

Menschen auf Bergen

Ich ärgere mich darüber, dass ich die Berge nicht beim Namen nennen kann. Ich sehe sie doch jeden Tag.
Immerhin habe ich eine gute Ausrede: Sie sehen schließlich jeden Tag anders aus. Ändern mit jedem Blickwinkel ihre Form, mit jedem Wetter ihre Farbe. Wie sollte ich sie da kennen können?

Doch warum maßen wir uns dann an zu behaupten, Menschen zu kennen?
Sie schließlich ändern ihr Inneres und Äußeres mit jedem Wimpernschlag.
Kein Mensch ist heute jemals der, den du gestern noch gesehen hast. Mit jedem gesagten Satz, mit jedem gehörten Satz, mit jedem gelesenen Satz ändert sich etwas.
Wie können wir also jemals jemanden wirklich kennen?

Juli

Am anderen Ende der Welt

Juli ist Unbestimmtheit
und weite Ferne,
zu wenig Planung
und zu viel Spontanität.
Fremde Menschen
in fremden Ländern
sehen dich mitleidig an
oder argwöhnisch
oder beides gleichzeitig.
Wir stottern & stammeln,
weil Worte nicht reichen.
Das taten sie noch nie,
doch dieses Mal
ganz besonders wenig.
Manchmal aber
reicht ein Lächeln.

A true Queen needs no King

Alnwick Castle

Wir verschwenden viel zu viel Zeit damit, uns gegenseitig zu überbieten.
Gestern liebte ich dich, heute fordere ich dich heraus. Weil ich mich nicht kleinmachen darf und weil du mich nicht kleinreden darfst. Hast du nie getan. Aber die Gefahr besteht.
Also baue ich mir mein Schloss selbst und setze dich vor die Tür. Also vor das Tor. Und versperre mich hinter den Mauern. Weil ich selbst groß genug bin um das alles allein zu schaffen. Behaupte ich zumindest. Und scheitere fulminant daran.
Ich kann mir meine Türen selbst öffnen, dazu brauche ich keinen Mann. Stimmt. Doch manche Türen bleiben dann für immer verschlossen.
Ich brauche keine roten Rosen jeden Tag oder Frühstück im Bett. Ich brauche auch keine romantischen Sonnenuntergänge. Dennoch dreht die Erde sich weiter und die Sonne geht jeden Abend erneut unter.

Vielleicht sollten wir also doch all den Hass einfach vergessen.
Und uns gegenseitig schätzen.
Und jeder darf für sich selbst groß werden. Und jeder hilft dem Anderen trotzdem.
Egal in welche Richtung man wächst.
Egal ob gerade oder schief oder verkehrt herum.

Und auch wenn ich dich vielleicht nicht brauche – ich möchte dich an meiner Seite.
Denn gemeinsam sind wir doch am stärksten.

Erdbeeren zum Frühstück

Hummel

Morgens von der Sonne geweckt werden. Kurze Hosen tragen. Erdbeeren zum Frühstück. Die Beine in den Bach strecken. Der Geruch von Sonnencreme. Sommerferien und Urlaub. Ständig Eis essen. Im Garten liegen und lesen. Der Geruch von frisch gemähtem Gras. Der Geruch von Heu. Traktoren hören, den ganzen Tag und die halbe Nacht lang. Kuhglocken. Mit offenen Fenstern schlafen. Vögel den ganzen Tag über singen hören. Erdbeeren pflücken. Und Himbeeren. Und Johannisbeeren. Und die dann I. geben, weil sie zu sauer sind. Überall bunte Blumen. Hummeln. Sommer.

Nie verschickte Postkarte

Postkarte #1

Liebe T.,

in letzter Zeit meint es das Leben sehr hart mit dir. Ich weiß. Glaub mir, ich weiß.
Ein Problem nach dem anderen stellt sich dir in den Weg, baut sich auf in all seiner Größe und droht dich zu verschlingen.
Ich höre dich noch sagen: „Warum ausgerechnet ich?“
Aber im Grunde genommen werden doch einem jeden von uns das ganze Leben lang Steine in den Weg gelegt. (Das sage ich nicht, um deinem Schicksal die Härte abzusprechen. Das ist als Ermutigung gemeint.) Und es geht doch nur darum, etwas Hübsches aus diesen Steinen zu machen.
Du kannst sie übers Wasser hüpfen lassen.
Du kannst Mauern bauen oder Brücken. Ein Schloss oder eine Burg oder ein Fußballstadion.
Also lass uns das in die Hand nehmen! Lass uns Baumeister werden!

Deine Felicitas

neonrot

Morgenrot

Heute Morgen ging die Sonne auf
in neonrot
über Fußballplätzen
und anderen Kirchen.
Entsetzt über die Menschheit
und die Tatsache,
dass Bäumetöten billiger ist
als Werbung.
Manche Vater-Gespräche
gleichen Hiobsbotschaften,
weil man nicht mehr
jung genug ist,
um nur gefilterte Nachrichten
zu hören.

Pathetik, Protest und persönliche Probleme

Papiervögel, sterbend

Im Grunde genommen wollen wir doch alle eine Revolution vom Zaun brechen, jedoch ohne uns dabei die Hände schmutzig zu machen.

Wir verlassen unsere Komfort Zone um von Klippen zu springen oder unser Gehalt zu verhandeln, nicht aber um Konflikte zu suchen anstatt sie zu umgehen.

Die einzigen Konflikte, die wir wagen, sind die in unserer Beziehung und die in unserem Job. Doch zu mehr reicht es nicht mehr.

Wir sehen Bilder davon, wie Menschen auf die Straße gehen. Lesen Zeitungsartikel darüber. Und denken uns: „Das! Das ist es, was man tun sollte: Protestieren. Boykottieren. Revolutionieren.“

Doch was ist es, das wir stattdessen tun?

Wir schmieren uns das nächste Nutellabrot, tippen die nächste E-Mail, bestellen den nächsten Cappuccino, beginnen die nächste Diät.

Viel zu sehr sind wir mit unseren eigenen kleinen Problemchen beschäftigt, um uns mit den großen Themen der Menschen, der Politik, der ganzen Welt zu beschäftigen.

Das einzige, was wir alle schaffen, ist uns zu beschweren. Über die Flüchtlinge. Über die Umweltverschmutzung. Über zu viel Liberalismus. Über zu viel Engstirnigkeit. Über den Nachbarn, der anders denkt als wir. Über links, über rechts, über alles dazwischen.

Wir würden ja gerne auf die Straße, auf die Barrikaden gehen. Doch wofür denn eigentlich? Irgendwie ist das doch alles nicht unser persönliches Problem. Irgendwie möchten wir doch lieber dieses eine Buch noch fertig lesen. Diesen einen Urlaub noch erleben. Diesen viel zu hohen Kredit abbezahlen. Diesen viel zu tristen Job kündigen.

Wofür würdest du diese verdammte Lethargie hinter dir lassen?

Wofür würdest du kämpfen?

Wofür wärst du bereit zu sterben?

Oder ist das zu pathetisch gefragt?