wie andere Menschen

Sie trank Tee, wie andere Menschen Wein tranken.
Als wäre die ganze Welt eine Party,
aber zu kalt.
Sie rannte auf Berge, wie andere Menschen ins Meer rannten.
Als wäre die ganze Welt ein Spielplatz,
aber zu flach.
Sie liebte, wie andere Menschen ertranken.
Als wären Menschen ganze Ozeane,
aber wärmer.

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Juni hält uns wach,
die halbe Nacht,
den ganzen Tag.
Wer schläft ist tot,
wer lebt liebt
das Tageslicht
und die Dämmerung
und alles dazwischen.
Eigentlich ist das
der Anfang vom Ende.

Entweder wach oder glücklich

Schlösser zu bauen war schon immer deine Stärke gewesen. Luftschlösser, behaupten böse Zungen. Schlösser aus Rauch, sagst du selbst. Aus Zigarettenrauch. Zigaretten begleiten dich schon viel zu lang. Deine Hosentaschen haben schon Abdrücke von den Schachteln, die du immer bei dir hast. Nur meist fehlt dir das Feuerzeug. Stattdessen trägst du Streichhölzer mit dir herum, die viel zu oft nicht mehr angehen, weil sie nass wurden. Irgendwann. Weil du viel zu viel Zeit im Regen verbringst. Du glaubst, der Regen könnte Dinge davonwaschen. Erinnerungen. Gedanken. Inzwischen hast du erkannt, dass der Regen selten diese Macht hat. Nur der Schlaf kann dir noch helfen. Entweder du bist wach oder du bist glücklich. Andere fürchten sich vor Albträumen. Du fürchtest dich vor dem Aufwachen. Du kennst keine Furcht, behauptest du. Aber irgendetwas lässt dein Herz schneller schlagen. Und das kommt nicht von Liebe. Denn du kennst keine Liebe. Behaupten böse Zungen. Dir ist das alles egal, solange du nur in Ruhe weiter rauchen darfst. Und Schlösser bauen.

Schwimmen

Der Körper ertrinkt, vergisst zu schwimmen.
Ich versuche wunderschön zu sein,
doch ich ertrinke, vergesse zu lächeln.
Vergesse zu schwimmen, weil ertrinken
nicht lächelnd geht. Ich weiß nicht,
wie man zu einem Fisch wird.
Ich habe nie zu schwimmen gelernt.
Ich meine, ich habe nie gelernt,
was eigentlich wunderschön ist.
Vielleicht bringen mir die Fische bei
zu schwimmen und die Wale
wunderschön zu sein, trotz allem.
Solange ertrinke ich.

wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

Gut genug.

Ratschläge geben kann ich besser als meine Mutter und meine Großmutter zusammen. Das mit dem Einhalten funktioniert so gut wie bei allen Menschen. Gar nicht. In meinem Tagebuch, das fürchterlich altmodisch unter meinem Kopfkissen liegt, weil letzteres ohne ersterem zu niedrig wäre und ich nicht schlafen könnte, halte ich den Erfolg fest. Kamillentee getrunken. Nicht angerufen. Nicht geweint. Geschlafen. Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.
Und eigentlich bin ich immer nur damit beschäftigt, mich für den Platz zu entschuldigen, den ich einnehme. Weil ich nicht dieses kleine, zarte, leichtfüßige, ruhige Mädchen bin, das man immer in Filmen zu sehen bekommt. Zu mir sagt niemand, mein Lachen sei ansteckend. Doch ansteckendes Weinen ist auch nur in Filmen erwünscht.
Deswegen schalte ich den Fernseher nicht mehr an. Kinos mochte ich sowieso noch nie, weil ich als Kind von zu viel Popcorn gekotzt habe und jetzt allein der Geruch reicht, um mich zu verjagen. Und gut, eigentlich sind es die Menschen. Und die Filme. Und das Popcorn ist die Ausrede, weil Menschen die anderen Gründe nicht verstehen.
Statt in Filme flüchte ich mich also in Bücher. Genauer gesagt Hörbücher. Denn nur sie schaffen es, meine eigene innere Stimme zu übertönen. Allerdings nur Frauenstimmen. Denn jeder Mann, der vorliest, erinnert mich an meinen Vater, der mir viel zu früh nicht mehr vorlesen wollte und damit das erste aller Traumata entfachte. Vielleicht bin ich nur zu empfindlich. Aber das dürfte ich meinem Tagebuch nie erzählen.
Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.