zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

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Hochzeitsprophezeiungen

Rosen

Schon seit 20 Jahren sage ich, dass du ihn heiraten wirst. Und bis gestern hast du das geleugnet. Mich ausgelacht.
Was nicht alles dazwischengekommen war. Zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Dabei war das schon im Kindergarten ganz deutlich gewesen, Dort hatte ich zum ersten Mal meine Prophezeiung über eure gemeinsame Zukunft ausgesprochen. Schließlich wart ihr unzertrennlich. Als das Leben nur aus Spielen bestand.
In der Grundschule wart ihr noch befreundet, aber irgendwie nur noch so ein bisschen. Denn ein bisschen peinlich war es euch auch schon. Welches Mädchen spielt denn schon mit Jungs? Ich will gar nicht wissen, was er sich alles von seinen älteren Brüdern hatte anhören müssen. Welcher Junge spielt denn schon mit einem Mädchen?
Wenig später fandest du alle Jungs doof. Wir wechselten auf das Gymnasium, alle zusammen in einer Klasse. Es war nicht zu übersehen, dass euch irgendetwas verband. Und doch fandest du ihn doof. Und er dich auch. Ich stand irgendwo dazwischen. Beschäftigt mit mir selbst und meinen kleinen Problemen. Und mit dem Erwachsenwerden.
Wir waren vielleicht 14 oder 15, als du Jungs plötzlich wieder interessant fandest. Du hattest deinen ersten Freund. Er seine erste Freundin. Ich wusste, dass es nicht halten würde. Weder bei dir, noch bei ihm. Nur du passt zu ihm und nur er passt zu dir. Auch wenn ihr das noch immer nicht hören wolltet.
Für das Abi lernten wir zu dritt. Ich hatte die Hoffnung, euch nun zusammenbringen zu können. Doch es war nur unser running gag: eure Hochzeit.
Denn schließlich gingst du als Aupair nach Rom. Und er studierte in Hamburg. Du zogst nach Köln zum Studieren. Er zog nach Lübeck – der Liebe wegen.
Und dann, 6 Jahre später, war alles aus. Dein Studium. Und du kamst zurück in die Heimat. Seine Liebe. Und er kam zurück in die Heimat. Während ich hier noch immer den DHL-Boten und den Bäcker und jede Straßenkatze beim Namen kannte. Ihr kamt zurück und wir waren wieder zu dritt. Für mich war es noch immer überdeutlich zu sehen, wie sehr ihr zusammengehört. Inzwischen war ich aber alt genug, um zu wissen, dass es nichts half, wenn ich das aussprach. Das musstet ihr selbst tun.
Das tatet ihr auch. Endlich.
Und gestern, da habt ihr euch entschieden, zu heiraten. Ganz aufgeregt hast du mich angerufen, mich gefragt, ob ich Trauzeugin sein wollte. So, wie wir uns das damals, als wir – kurz vor dem Abi – unsere Witze darüber gemacht hatten, ausgemalt hatten. Also fast genau so.
Und ich lächelte nur. Ich hatte es prophezeit.

Frühaufsteher

Tulpen

Wir erwachen jeden Morgen ein wenig früher. Jeden Morgen geht die Sonne ein paar Minuten eher auf. Und du schaffst es, dass ich jeden Tag aufs Neue zum Frühaufsteher werde.
Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der sich einen Hai auf die Rippen tätowieren lässt, obwohl du panische Angst vor dem Meer hast. „Ich muss mich doch meinen Ängsten stellen“, erklärst du mir. Und dann umarmst du mich besonders fest, weil deine größte Angst ist, mich zu verlieren. Jeden Donnerstag bringst du mir etwas mit. Einen Schoko-Osterhasen. Das Foto von einem Fuchs, der morgens neben der Straße auf Mäuse gelauert hatte. Ein paar Tulpen. Ein neues Notizbuch. Eine besonders warme Umarmung. Weil du weißt, wie sehr ich Donnerstage hasse. Und weil deine kleinen Geschenke am Abend oft der einzige Grund sind, warum ich morgens das Bett überhaupt verlasse.
Du schaffst es sogar, dass ich jeden Tag aufs Neue zum Frühaufsteher werde. „Kinder stehen so früh auf, weil sie sich über das Leben freuen“, sagtest du mal. Es ist ganz offensichtlich, dass auch du dich noch immer über das Leben freust. Und Lebensfreude färbt irgendwie ab, ohne dass sie an einer anderen Stelle verblasst.

Wenn es nichts mehr zu retten gibt

ThamesLink

Das Gespräch war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
Sie sitzt mir gegenüber, die Schultern hochgezogen, die Arme so fest verschränkt, dass ich fürchte, sie würde ihren eigenen Brustkorb sprengen.
Die letzten acht Minuten hatte sie so dagesessen. Genau so lange schon starrt sie mich böse an. Genau so lange versuche ich mich zu erklären.
„Was genau soll das eigentlich werden?“, fragt sie mich schließlich, als ich eine zwölfsekundige Pause machte, um nach passenden Worten zu suchen, die ich sowieso nicht finden werde.
„Eine Erklärung“, antworte ich wenig geistreich.
Sie schnaubt. „Eine Erklärung. Glaubst du nicht, eine Entschuldigung wäre eher angebracht?“
„Ja, schon…“, gebe ich zu. Darüber hatte ich sehr lange nachgedacht. Eine Entschuldigung wäre eher angebracht. Doch ich hatte beschlossen, mich nicht zu entschuldigen. Weil… „Aber ich glaube, eine Entschuldigung hilft uns hier auch nicht weiter.“ Ich versuche mich an einem Lächeln und verfluche mich für diese Ehrlichkeit. Natürlich schulde ich ihr nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch dringend Ehrlichkeit. Aber vielleicht hätte es mehr geholfen, wenn ich vor neun Tagen ehrlich zu ihr gewesen wäre.
Wieder schnaubt sie. So verächtlich. Und ihr Blick. Medusa könnte viel von ihr lernen. „Und was, bitteschön, hilft uns hier noch weiter?“
Eilig will ich meine Erklärung weiterführen, versuche mich an meine schön zurechtgelegten Worte zu erinnern. Verhaspele mich bereits nach fünf Wörtern. Nach viereinhalb gestotterten, völlig sinnfreien Erklärungsversuchen unterbricht sie mich. Ihre Arme zerquetschen noch immer ihren Brustkorb. „Wem willst du hier eigentlich etwas vormachen?“
Hilflos zucke ich mit den Schultern. „In erster Linie mir selbst.“

Liebeserklärung an F. – Teil IX

Wolkentürme

Wir wissen beide was Sache ist, wenn der andere sagt: „Komm mit, ich muss dir was zeigen.“
Es ist entweder der Mond oder die Sonne oder die Wolken oder der Himmel ganz allgemein.
Und dann stehen wir da, starren nach oben, sprachlos und atemlos.
Und im nächsten Atemzug entschuldigen wir uns beim Tod.

Wenn so unser Alltag aussieht, kann ich gut damit leben.

 

Teil I, Teil II, Teil III
Teil IV, Teil V, Teil VI
Teil VII, Teil VIII

Nie verschickte Postkarte #2

Postkarte #2

Liebe D.,

ich konnte nicht vergessen wie traurig du aussahst, als du sagtest, dass du mit den Männern einfach kein Glück hast. Ich habe auch deinen Blick bemerkt, als ich von mir und F. erzählt habe. Und beinahe hätte ich mich für mein Glück entschuldigt.
Natürlich tut es mir Leid, dass du unglücklich bist. Dass du scheinbar immer nur die falschen Männer kennenlernst.
Aber D., vergiss nicht, dass du auch allein ein großartiger Mensch bist. Auch ohne Freund an deiner Seite kannst du Abenteuer erleben, kannst du Spaß haben, kannst du dich wertvoll fühlen!
Und ich möchte dir den Rat geben: Warte lieber ein paar Monate, Jahre, Jahrzehnte länger auf einen Mann, der es wert ist. Bevor du den Nächstbesten nimmst.
Denn eine unglückliche Beziehung ist auch nicht besser als Liebeskummer!

Deine Felicitas