Nie verschickte Postkarte #6

Postkarte #6

Liebe O.,

Lebe wohl!

Deine Felicitas

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Nie verschickte Postkarte #5

Postkarte 5

Lieber O.,

es hilft nichts, immer nur wütend zu sein.
Du musstest ständig in Bewegung sein, um vor dir selbst zu fliehen. Du kanntest keine Pause, weil Pause bedeutet hätte, nachzudenken und mit dir selbst klarzukommen.
Falls du doch einmal Pause gemacht hast (machen musstest), hast du sie dazu genutzt, über andere Menschen zu sprechen. Nicht mal unbedingt schlecht. Hauptsache, du musstest nicht über dich selbst nachdenken.
Und irgendwann, als du dazu gezwungen wurdest, kamst du nicht damit klar. Viel zu lange bist du vor deinem Kopf, vor deinen Gedanken geflohen. Das rächt sich jetzt. Jetzt möchtest du vor deinem Leben fliehen. Das geht nicht. Dachte ich.
Und doch, du hast es geschafft.
Ich hoffe, dir geht es gut jetzt und ich hoffe, du bist zufriedener.

Deine Felicitas

Nie verschickte Postkarte #2

Postkarte #2

Liebe D.,

ich konnte nicht vergessen wie traurig du aussahst, als du sagtest, dass du mit den Männern einfach kein Glück hast. Ich habe auch deinen Blick bemerkt, als ich von mir und F. erzählt habe. Und beinahe hätte ich mich für mein Glück entschuldigt.
Natürlich tut es mir Leid, dass du unglücklich bist. Dass du scheinbar immer nur die falschen Männer kennenlernst.
Aber D., vergiss nicht, dass du auch allein ein großartiger Mensch bist. Auch ohne Freund an deiner Seite kannst du Abenteuer erleben, kannst du Spaß haben, kannst du dich wertvoll fühlen!
Und ich möchte dir den Rat geben: Warte lieber ein paar Monate, Jahre, Jahrzehnte länger auf einen Mann, der es wert ist. Bevor du den Nächstbesten nimmst.
Denn eine unglückliche Beziehung ist auch nicht besser als Liebeskummer!

Deine Felicitas

Die Gedanken einer Fünfzehnjährigen

Brief

Sie schrieb einen Brief mitten im Unterricht.
Natürlich sah es unser Mathelehrer; er hatte einen siebten Sinn für so etwas. Und wie immer, wenn er jemanden beim Zettel schreiben erwischte, lies er den Übeltäter die Nachricht laut vorlesen. Oft war es langweilig (Pläne für das nächste Wochenende), manchmal peinlich (die üblichen Liebesgeschichten).
Doch dieses mal… Mit so etwas hätte niemand gerechnet!
„Vorlesen.“, befahl der Lehrer.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah sie ihn an und begann dann vorzulesen:

Oh my dear,
wir schieben doch ständig alle Missstände auf die Gesellschaft. Dabei sind – für andere – auch wir die Gesellschaft! Wir sollten zunächst uns selbst ändern. Das Schlechte ausmerzen, bis wir uns selbst in die Augen sehen und irgendwann vielleicht sogar respektieren können.
„Sharpen your mind“, hatte Kate immer gesagt. Jedoch nicht, damit wir uns über die Missstände auslassen können, sondern um einen Weg zu finden, um sie zu ändern.
Und erinnere dich an ihre letzten Worte: „True revolution comes from true revulsion. When things get bad enough the kitten will kill the lion.“
Ich denke, bald werden die Dinge schlimm genug sein. Also lass uns die Löwen besiegen! 
Dafür müssen wir gewappnet sein, am besten nicht erst…

Sie blickte wieder auf, mit unbewegter Miene. „Das war’s.“
Die Gedanken einer Fünfzehnjährigen.
Es war als hielten achtundzwanzig Schüler den Atem an.
Ich hätte viel dafür gegeben, zu erfahren, wie der Brief weitergehen sollte. Und ich möchte wetten, der ganzen Klasse und unserem Lehrer ging es genau so.
Doch unser Mathelehrer konnte das natürlich niemals zugeben.