Unbewaffnet

Hier sitzt ihr nun, beim Frühstück mit Kaffee ohne Frühstück, weil du es schon wieder nicht schaffst, etwas zu essen. Weil schon wieder die Panik deinen Magen füllt.
»Wovor rennst du denn davon?«, fragt sie dich und du tust so, als hättest du keine Ahnung, wovon sie spricht.
»Ich renne nicht davon. Ich bin einfach beschäftigt.«
»Ich würde das davonrennen nennen.« Sie sieht dich abwartend an, wie du dich an deine Kaffeetasse klammerst, als könnte die dich retten. Vor Blicken, die dich durchbohren und in dich hineinsehen und ganz genau wissen, dass du davonrennst.
»Du könntest auch mal Pause machen«, schlägt sie vor.
»Aha.« Du hebst kritisch die Augenbrauen. Als wüsstest du nicht, dass sie recht hat. »Und was soll ich dann tun in dieser Pause?«
Sie lacht. »Nichts. Durchatmen.«
»Und als nächstes schlägst du vor, ich soll in mich gehen, oder was?« Dein Lachen ist spöttisch. Als wäre das so lustig. Haha. Ist es nicht. Das weißt du auch, doch Ironie und Spott sind auch nur zwei weitere Möglichkeiten, davonzurennen.
Sie kennt dich zu gut und sie sieht dir deine Angst und deine Panik an, nicht zuletzt, weil du dich beinahe nur noch von Kaffee ernährst und weil es deine Augen geradezu herausschreien.
»Wenn du in dich gehst, dann geh nicht unbewaffnet«, sagt sie und legt einen Stift zwischen euch.

Werbeanzeigen

Wetterbericht

„Der nächste Sturz, als würde mir meine Würde ein Bein stellen. Und ich falle immer aufs Gesicht.“ Du sagst das so ruhig, als wäre alles in Ordnung. Du siehst ihm sogar in die Augen. Ohne jegliche Anklage. Als würdest du ihm vom Wetterbericht erzählen. Dein Wetterbericht sagt: Niederschlag.
Er sieht dafür aus wie ein Tsunami. Oder das, was nach einem Tsunami übrig bleibt: Trauer.
„Sag bitte nicht sowas. Ich möchte nicht … Als wäre ich etwas Würdeloses … Du …“ Er sucht nach den passenden Worten wie nach Überlebenden in den Trümmern, und kann sie nicht finden.
Du schüttelst den Kopf. Klammerst dich an dir selbst fest. Dass deine Knöchel weiß hervorstehen, ist das einzige Indiz dafür, dass du nicht vom Wetterbericht sprichst. „Du bist nicht würdelos.“ Du schaffst es sogar, ihn anzulächeln. „Meine Gefühle zu dir sind es.“
„Gefühle sind nie würdelos“, widerspricht er dir. Denn sein Wetterbericht sagt etwas Anderes: Bewölkt. Mit sonnigen Abschnitten.

wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Nicht einfacher. Besser.

„Wie bitteschön soll ich das schaffen?“ Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft. Er verlangte hier das Unmögliche von mir – mal wieder. Als wäre es selbstverständlich, dass ich regelmäßig physikalische Gesetze außer Kraft setze. Natürlich stampfte ich nicht mit dem Fuß auf. Ich wollte ernstgenommen werden. Da benahm man sich erwachsen. Also stemmte ich die Hände in die Hüften und sah ihn so wütend an, wie ich konnte. Die Ohrfeige hob ich mir für später auf.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du das halt immer so schaffst.“
„Nein! Dieses Mal nicht!“, widersprach ich. „Du stellst dir das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Meine Kugeln sind nicht schneller als Licht.“
„Das müssen sie auch nicht sein.“ Er blieb ganz ruhig. Verdammt! Warum konnte er nur immer so ruhig bleiben, während ich am liebsten explodiert wäre!?
Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das wohl ein aufmunterndes Lächeln sein sollte. „Du schaffst das. Wie du das immer schaffst.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet und er wandte sich zum Gehen.
Ich zeigte ihm eine nicht ganz so freundliche und kindliche Geste mit einem gewissen Finger und rief ihm hinterher: „Ich wünschte, du würdest mir mal einfachere Aufgaben geben. Ich wünschte, das hier allgemein wäre mal etwas einfacher.“
Überraschenderweise hielt er inne und drehte sich nochmal zu mir um. „Wünsch dir nicht, es wäre einfacher. Wünsch dir, du wärst besser.“


Banner Bd2

Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

DSC00354

In Momenten wie diesem verstand ich, warum es Menschen gab, die sie fürchteten.

„Ich kann sehr wohl allein nach Hause gehen“, fauchte sie. „Oder was spricht deiner Meinung nach dagegen?“
Ich sah sie an, klein wie sie war, in einem verdammt kurzen Kleid, das unverschämt viel von ihren Beinen zeigte, sah in ihre Rehaugen, die sie angriffslustig zusammengekniffen hatte.
„Ich habe nicht gesagt, ich begleite dich nach Haus, weil du ein Mädchen bist“, sagte ich schnell. Klar, sie sah aus wie ein hilfloses Mädchen. Aber wenn sie eines nicht war, dann hilflos.
„Ich komme schon mit den Männern klar.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme.
„Ich weiß. Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Ich zwinkerte ihr zu. Weil sie dadurch nur noch grimmiger dreinsah, ergänzte ich: „Mensch, du bist immer noch die kleine Schwester meines besten Freundes. Max bringt mich um, wenn ich dich nachts allein durch die Straßen laufen lasse.“
„Ich werde auf deine Beerdigung kommen“, entgegnete sie trocken. Dann ging sie an mir vorbei und trat aus der Bar, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.