post-apokalypse

das gefühl von altem zeitungspapier
und der geruch nach kaltem tee
vermischen sich in der zugluft
des gekippten fensters
ohne scheiben
als wäre gestern
etwas geschehen
das heute bereits stillsteht
die zeiger der uhren
bewegen sich nicht mehr
und das bellen der hunde
aus dem hinterhof
hallt noch nach.

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Walfisch

Walfisch

Manchmal fühle ich mich wie ein Wal.
So viel größer als all die Anderen hier. Und doch bin ich winzig, verschwinde ich in den unendlichen Weiten eines Ozeans (meines Lebens, dieser Welt) um mich herum.
Ich kommuniziere in Tonlagen, die sonst niemand hören kann und sonst niemand versteht und vielleicht auch niemand verstehen will. Vielleicht singe auch ich mit 52 Hertz.
Ich bin groß und unbeholfen und auch wenn ich nicht so aussehe und auch wenn ich nicht so klinge, ich bin unglaublich sanft und wehtun wollte ich sowieso noch nie jemandem.
Ich verschwinde für viele, viele Minuten unter der Oberfläche, tief hinunter (in meine Gedanken) und doch muss ich wieder hinauf, Luft holen, tief durchatmen.
Ich habe einen Hang zum Fatalismus. Oder vielleicht bin ich einfach nur überfordert von all dem Lärm um mich herum und deswegen verirre ich mich zu nahe an Land.
Ich fühle mich wie ein Wal und irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich strande.

Wir waren schlechte Touristen

London

8,5 Millionen Menschen in London
und für niemanden stank die Themse
so sehr wie für mich.
Nach faulen Eiern und
deinen faulen Ausreden.

3,5 Millionen Menschen in Berlin
und jeder spricht über die Mauer,
doch nur ich meine
die Mauer zwischen uns beiden.

3 Millionen Menschen in Madrid
und jeder genießt die Sonne,
während ich allein im Schatten stehe.
In deinem.

2,8 Millionen Menschen in Rom
und jeder bewundert die Gebäude,
doch ich sehe nur
wie sie einst brannten.
Für mich heißt du Nero.

2,1 Million Menschen in Paris
und jeder blickt zum Eiffelturm,
der für mich als einzige
das Gegenteil von Liebe bedeutet,
seit du darunter gestanden warst.

So viele Städte,
so viele Menschen.
Und das einzige,
woran ich mich zurückerinnern kann,
bist du und dein Blick der Einsamkeit,
weil du nie Zweisamkeit wolltest.

 

Das Ende der Welt

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Wir fuhren ans Ende der Welt. Und dort stiegen wir in ein Boot und fuhren noch weiter, über das Ende der Welt hinaus.

Wirklich, als ich mich im Voraus über unsere möglichen Routen quer durch Schottland informiert hatte, wurde dieser Ort, der eigentlich nur aus drei oder vier kleinen, windschiefen Häusern besteht, als Ende der Welt betitelt.
Da musste ich hin, das stand fest.

Dass die Straße dorthin einspurig ist, war klar. Das war in dieser gottverlassenen Gegend auch ganz normal. Ich hatte mich in den letzten Tagen schon an diese Single-Tracks gewöhnt. Doch wenn es irgendwann nicht einmal mehr Hütten am Straßenrand oder Kreuzungen mit anderen Straßen, äh Schotterpisten, gibt, dann weiß man, dass man sich dem Ende der Welt tatsächlich nähert.

Die Fahrt zog sich in die Länge. Natürlich gab es immer etwas zu sehen. Später sollte ich das Ganze in meinem ‚Dictionary of felicitas-invented words‘ als „Schottland-Effekt“ betiteln. Du fährst um eine Kurve, über eine Kuppe, nichtsahnend, nur auf diese schmale Straße konzentriert, und plötzlich liegt vor dir die atemberaubendste Aussicht, die du dir vorstellen kannst. Unendliche Weiten. Oder spektakuläre Berge. Wolkenverhangen. Oder Nebelverhangen. Schneebedeckt. Eine Schafherde. Oder Highlandcattle mitten auf der Fahrbahn. Das war Schottland.
Trotzdem erwartete ich ungeduldig das Ende der Welt. Schon vor einer Ewigkeit waren wir auf diese Nebenstraße abgebogen. Ein Schild wies uns darauf hin, dass das eine Sackgasse war. Wussten wir, führte ja schließlich zum Ende der Welt. Doch diese Straße war keine Sackgasse, wie man sie in Deutschland findet, wo der Weg einfach nach 100 Metern endet. Ewig fuhren wir durch die einsame Gegend. Dann, irgendwann, nach der mindestens dreihundertsten Kurve, nachdem uns genau ein einziges Auto entgegengekommen war, erreichten wir das Ziel. Dieses Ende der Welt mit dem Namen ‚Tarbet‘.

Das Paradoxe war, dass die Welt hier gar nicht endete. Die Straße vielleicht. Und das Land. Doch vor uns lag nur ein wenig Wasser. Also ein wenig Meer. Und dahinter kam eine Insel, die ein Vogelparadies sein soll. Das war unser eigentliches Ziel. Ich meine, das Ende der Welt… Das kann ja jeder! Wir fuhren darüber hinaus.

In der vermutlich kleinsten und windschiefsten Hütte von allen wurden Tickets verkauft. Ganz altmodische kleine Papierfetzen, wie man sie früher als Kind noch im Kino bekam. Und mit diesem kleinen Stück Papier, das der Wind einem jeden von uns aus der Hand reißen wollte, als würde er uns diese Reise nicht gönnen, durften wir ein kleines, wackeliges Boot betreten. Die Farbe blätterte zwar noch nicht ganz romantisch ab, doch dass es alt war, war nicht zu übersehen. Die Schwimmwesten, die wir anziehen mussten, waren vielleicht modern, als meine Eltern Kinder waren. Aber macht nix, solange sie mich vor dem Ertrinken bewahren. Und stabil sahen sie ja schon aus. Trotzdem hoffte ich, diese Stabilität nicht testen zu müssen. Wieder riss der Wind an uns, als wolle er uns ins Meer werfen. Vergeblich.

Bald legte das Boot ab. Es gab nicht viele Menschen hier und noch weniger Besucher, es gab also niemanden auf den man hätte warten müssen. Und so brachte uns dieses wackelige Teil fort vom Ende der Welt, nur ein paar Meilen weiter auf eine Insel.

Nebelwände

Nebelwände

Im Nebel verloren.
Die Bäume nur undeutliche Schemen. Düstere Gerippe, die wie schwarze Finger in den Himmel ragen und nach Halt suchen. Doch der Himmel kann keinen Halt bieten, kann überhaupt nichts bieten außer trostlosem Grau.
Dürre Äste greifen in die Nebelwände, von Tropfen behangen.
Unter meinen Füßen einzelne gelbe Blätter, am vermodern.
Niemand war unterwegs. Wer wagte sich bei solch einer Düsternis schon aus der Geborgenheit des Wohnzimmers.
Und hier, mitten in diesem gottverlassenen Nirgendwo, gab es ja nicht einmal Wohnzimmer, die man hätte verlassen oder Menschen, die das hätten tun können.
Ich war allein. Die einzige Menschenseele im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Es hätten aber auch tausende Kilometer sein können. Wo war da noch der Unterschied?
Kein Geräusch war zu hören.
Bis der Schrei eines Eichelhähers die Stille zerriss und mein Herz für einen Moment aussetzen ließ.
Das war es doch, was ich eigentlich wollte. Stille. Einsamkeit.
Vielleicht hätte ich mich darauf vorbereiten sollen, wie einsam diese Einsamkeit sein kann. Vielleicht hätte mir jemand sagen sollen, wie viel Angst man haben kann. Allein im Nebel.

Er schwieg

Decke

Er antwortete nicht. Ging einfach nicht darauf ein.
Ich fühlte mich nackt, verletzlich.
Als hätte mir jemand (also ich mir selbst) die Kleider vom Leib gerissen
und nun wurde mir eine schützende Decke verwehrt.

Und er war der einzige, der mir eine Decke reichen konnte.
Nur mit seinen Worten.
Doch er antwortete nicht.
Dabei hatte er das noch immer getan.
Geantwortet. Decken gereicht.
Ganze Höhlen aus Decken für mich gebaut.
Doch er schwieg.
Und ich brach in Tränen aus.

Ein wildes Leben

Ein wildes Leben

Ein junges Paar. Gemeinsam führen sie ein wunderbar rustikales und gleichzeitig irgendwie modernes Gasthaus.
Er kocht, sie bedient.
Und die freie Zeit verbringen sie in der einsamen Wildnis, die sie umgibt.

Das Gebäude ist schon mehrere hundert Jahre alt. Erhaben steht es in der Einsamkeit.
Tagsüber findet man neben dem Tresen traumhafte Kuchen und Torten, dazu Kaffee und Tee und Punsch.
Und abends wird gekocht.  Es gibt Wild, das vor der Haustür gejagt wurde. Kartoffeln, die dem kargen Land abgetrotzt wurden. Gemüse vom 50 Meilen entfernten Wochenmarkt.

Ein hartes Leben. Ein wildes Leben. Ein schönes Leben.