Lärmende Zeiten

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Obwohl sie fürchterlich leise & schüchtern war, hatte sie eine Lautstärke, die einem Karneval in nichts nachstand. Sie selbst bezeichnete sich mehr als Waldbrand. Ich verstand den Vergleich nicht. Aber ich war froh, dass sie mit mir sprach. Und dann auch noch über solch persönliche Dinge.
Sie war schüchtern und ihre Klassenkameraden hänselten sie. Anfangs. Sie bekam schlechte Noten für ihre Mitarbeit. Nur weil sie sich nicht oft meldete. Und niemals mit dem Finger schnippte (obwohl sich die Lehrer doch darüber immer aufregten).
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich anfangs Mitleid mit ihr hatte und nur deswegen überhaupt begann, um sie herumzuschleichen. Sie war nicht dumm, merkte es natürlich sofort. Zu meiner Erleichterung stellte sie mich aber nicht zur Rede. Wobei, eigentlich tat sie es. Nur mit ihrem Blick. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich wenigstens ehrlich zu ihr war. Ich sagte ihr, dass sie mir leid tat. Und dann verzog sie mitleidig das Gesicht. Und leise, ganz leise, und mit nur wenigen Worten erklärte sie mir, dass Mitleid nicht angebracht war. Dass sie sich das so ausgesucht hatte. Sie konnte sich schließlich auch ohne laute Worte bemerkbar machen. Ein Talent, das wenige beherrschen.
Wenig später las ich irgendwo: „Wir leben in solch lärmenden Zeiten. Alles stellt Rekorde auf.“ Ich tat mir selbst ein wenig leid.
Seitdem schätzte ich ihren Waldbrand. Auch wenn ich diese Erklärung noch immer nicht verstand.

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Nie verschickte Postkarte #5

Postkarte 5

Lieber O.,

es hilft nichts, immer nur wütend zu sein.
Du musstest ständig in Bewegung sein, um vor dir selbst zu fliehen. Du kanntest keine Pause, weil Pause bedeutet hätte, nachzudenken und mit dir selbst klarzukommen.
Falls du doch einmal Pause gemacht hast (machen musstest), hast du sie dazu genutzt, über andere Menschen zu sprechen. Nicht mal unbedingt schlecht. Hauptsache, du musstest nicht über dich selbst nachdenken.
Und irgendwann, als du dazu gezwungen wurdest, kamst du nicht damit klar. Viel zu lange bist du vor deinem Kopf, vor deinen Gedanken geflohen. Das rächt sich jetzt. Jetzt möchtest du vor deinem Leben fliehen. Das geht nicht. Dachte ich.
Und doch, du hast es geschafft.
Ich hoffe, dir geht es gut jetzt und ich hoffe, du bist zufriedener.

Deine Felicitas

1. Date

fear.

Was ich antworte, wenn du mir sagst, dass du mich gerne wiedersehen möchtest:

„Du musst wissen, mit mir (oder genauer gesagt: mit meinem Kopf) stimmt etwas nicht. Es gibt vernünftige Tage, an denen kann ich fröhlich sein. Oder wütend oder traurig. In normalen Ausmaßen. Wie heute. Ich kann lächeln und lachen und nachdenklich sein.
Und dann gibt es Tage, an denen ich nicht aufstehen kann. Die Sinnlosigkeit meines Lebens fesselt mich in mein Bett, ich bin wach und will nur schlafen.
Es gibt Tage, die ich weinend verbringe. An denen ich nicht nur nah am Wasser gebaut bin, sondern mitten im Wasser stehe. An denen eine normale Frage, was ich trinken möchte, eine Sinnkrise (und noch mehr Tränen) hervorruft, weil ich doch nicht weiß, was ich überhaupt jemals möchte. Außer für immer zu schlafen. Und ausgerechnet dann hält mich mein Kopf die ganze Nacht wach.
Es gibt Tage, da presst sich das Gewicht der ganzen Welt auf meine Brust bis ich das Gefühl habe zu ersticken. Doch ich tue es nicht. Stattdessen wird jeder Atemzug zur Qual und niemand kann mir helfen.
Du wirst versuchen wollen mir zu helfen, doch du kannst es nicht. Und mit jedem Satz, den du sagst, werde ich mich noch unverstandener und noch hilfloser fühlen.
Und sag jetzt nicht, das ist dir egal. Weil es dir nicht egal sein wird. Falls ich dir irgendetwas bedeute. Du wirst mit mir leiden und ich werde mich deswegen noch schrecklicher fühlen. Und das alles kann und wird unser Ruin sein.

Das also sollte dir klar sein, wen du sagst, dass du mich wiedersehen möchtest.“

Wenn es nichts mehr zu retten gibt

ThamesLink

Das Gespräch war von Beginn an zum Scheitern verurteilt.
Sie sitzt mir gegenüber, die Schultern hochgezogen, die Arme so fest verschränkt, dass ich fürchte, sie würde ihren eigenen Brustkorb sprengen.
Die letzten acht Minuten hatte sie so dagesessen. Genau so lange schon starrt sie mich böse an. Genau so lange versuche ich mich zu erklären.
„Was genau soll das eigentlich werden?“, fragt sie mich schließlich, als ich eine zwölfsekundige Pause machte, um nach passenden Worten zu suchen, die ich sowieso nicht finden werde.
„Eine Erklärung“, antworte ich wenig geistreich.
Sie schnaubt. „Eine Erklärung. Glaubst du nicht, eine Entschuldigung wäre eher angebracht?“
„Ja, schon…“, gebe ich zu. Darüber hatte ich sehr lange nachgedacht. Eine Entschuldigung wäre eher angebracht. Doch ich hatte beschlossen, mich nicht zu entschuldigen. Weil… „Aber ich glaube, eine Entschuldigung hilft uns hier auch nicht weiter.“ Ich versuche mich an einem Lächeln und verfluche mich für diese Ehrlichkeit. Natürlich schulde ich ihr nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch dringend Ehrlichkeit. Aber vielleicht hätte es mehr geholfen, wenn ich vor neun Tagen ehrlich zu ihr gewesen wäre.
Wieder schnaubt sie. So verächtlich. Und ihr Blick. Medusa könnte viel von ihr lernen. „Und was, bitteschön, hilft uns hier noch weiter?“
Eilig will ich meine Erklärung weiterführen, versuche mich an meine schön zurechtgelegten Worte zu erinnern. Verhaspele mich bereits nach fünf Wörtern. Nach viereinhalb gestotterten, völlig sinnfreien Erklärungsversuchen unterbricht sie mich. Ihre Arme zerquetschen noch immer ihren Brustkorb. „Wem willst du hier eigentlich etwas vormachen?“
Hilflos zucke ich mit den Schultern. „In erster Linie mir selbst.“