Hoffnungsvolle Fälle

Es soll ja diese Idioten geben, die immer nur an das Gute glauben. Die in jedem Menschen etwas Positives sahen. So war ich nicht. Ich war schlimmer.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte ich mir schon im Kindergarten die Kinder als Freunde, die mich hinter dem Rücken der Eltern bissen. Die ihre Sachen kaputt machten und dann zu weinen begannen, damit jeder dachte, ich wäre der Böse.
Ich blieb bei diesen Freunden.
Später waren es diejenigen, die stahlen. Die prügelten. Noch ein wenig später waren es diejenigen, die Drogen nahmen.
Ich wollte sie retten. Ich blieb immer bei ihnen. Ich verließ nie jemanden. Immer war ich derjenige, der verlassen wurde. Immer nahmen sie ein Stück von mir mit.

Meine Familie sagte, es wäre ein Fehler. Es sei aussichtslos versuchen zu wollen, alle anderen zu retten. Sie sorgten sich um mich. Und ich sorgte mich weiterhin um alle anderen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebte. Und als es soweit war, verlor ich mein Herz – nicht aber die Hoffnung – innerhalb von wenigen Sekunden.
Denn sie hatte mich durchschaut, bevor ich selbst es tun konnte.
Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie.
Ihr Lächeln war ein Abgrund voller Entschuldigungen.
„Willkommen zu deinem nächsten Fehler.“

Werbeanzeigen

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Wie es beginnt

Converse

Es beginnt doch immer so:
Sie saßen am ersten Schultag zufällig nebeneinander.
Zufällig. Wie es bei solchen Geschichten nun mal so ist.
Und das ist doch alles, was es braucht, um ein ganzes Leben zu füllen.
Ein Schultag, ein unsicherer Blick, geteilte Angst ist halbe Angst.
Und sie werden 70 Jahre lang ihre Ängste teilen.

Schulhofwettrennen.
Mathe abschreiben.
Erste Liebe.
Wachstumsschmerz.
Zukunftsangst.
Unsicherheit.
Große Liebe.
Große Rückschläge.
Arbeitsalltag.
Beziehungskrise.
Postkarte aus Chile.
Brief aus Frankreich.
Verlustangst.
Was ist Familie?
Erinnerungen.
Beerdigungen.
Hände halten.
Leben lassen.
Sterben lassen.
Gemeinsam gehen.

Die Neue im Dorf

DSC06097

Tante Helena hatte recht: Es gab keine bessere Gelegenheit, die anderen „jungen Leute“ (wie sie es nannte) im Dorf kennenzulernen, als beim Sommerfest.
Es genügten zwei Stunden, um all die Gleichaltrigen und Fast-Gleichaltrigen kennenzulernen. Sie waren betrunken und rauchten zu viel.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und bereits jetzt schon die ersten Leute ihren Alkohol wieder an die Abendluft beförderten, beschloss ich, dass es mir reichte, und machte mich auf den Weg nach Hause zu Tante Helena. Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen, sie kannte mich schließlich kaum. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem.
Plötzlich hörte ich, irgendwo ganz, ganz in der Nähe, jemanden die Titelmelodie zu Game of Thrones pfeifen. Ich blieb stehen und drehte mich um, konnte aber niemanden sehen.
Das Pfeifen hörte auf.
„Hier oben!“, hörte ich eine Mädchenstimme rufen.
Tatsächlich sah ich nun, als ich weiter nach oben blickte, eine Gestalt auf dem Dach eines kleinen Hauses sitzen.
Wenn ich mich nicht täuschte, war das Paula. Mit ihr hatte ich mich ungefähr zehn Sekunden lang über Bücher unterhalten, ehe sie von ihrem Bruder mit zur Bar gezerrt worden war.
„Keine Sorge, die sind nicht immer so“, sagte sie beinahe entschuldigend und ich vermutete, dass sie von ihrem Bruder und den anderen „jungen Leuten“ aus dem Dorf sprach. „Eigentlich nur am Sommerfest.“
Sie schwieg und ich überlegte ob ich etwas antworten sollte oder ob ich weitergehen konnte, ohne unhöflich zu sein. Da fragte sie: „Willst du auch Butterbier?“

Hochzeitsprophezeiungen

Rosen

Schon seit 20 Jahren sage ich, dass du ihn heiraten wirst. Und bis gestern hast du das geleugnet. Mich ausgelacht.
Was nicht alles dazwischengekommen war. Zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Dabei war das schon im Kindergarten ganz deutlich gewesen, Dort hatte ich zum ersten Mal meine Prophezeiung über eure gemeinsame Zukunft ausgesprochen. Schließlich wart ihr unzertrennlich. Als das Leben nur aus Spielen bestand.
In der Grundschule wart ihr noch befreundet, aber irgendwie nur noch so ein bisschen. Denn ein bisschen peinlich war es euch auch schon. Welches Mädchen spielt denn schon mit Jungs? Ich will gar nicht wissen, was er sich alles von seinen älteren Brüdern hatte anhören müssen. Welcher Junge spielt denn schon mit einem Mädchen?
Wenig später fandest du alle Jungs doof. Wir wechselten auf das Gymnasium, alle zusammen in einer Klasse. Es war nicht zu übersehen, dass euch irgendetwas verband. Und doch fandest du ihn doof. Und er dich auch. Ich stand irgendwo dazwischen. Beschäftigt mit mir selbst und meinen kleinen Problemen. Und mit dem Erwachsenwerden.
Wir waren vielleicht 14 oder 15, als du Jungs plötzlich wieder interessant fandest. Du hattest deinen ersten Freund. Er seine erste Freundin. Ich wusste, dass es nicht halten würde. Weder bei dir, noch bei ihm. Nur du passt zu ihm und nur er passt zu dir. Auch wenn ihr das noch immer nicht hören wolltet.
Für das Abi lernten wir zu dritt. Ich hatte die Hoffnung, euch nun zusammenbringen zu können. Doch es war nur unser running gag: eure Hochzeit.
Denn schließlich gingst du als Aupair nach Rom. Und er studierte in Hamburg. Du zogst nach Köln zum Studieren. Er zog nach Lübeck – der Liebe wegen.
Und dann, 6 Jahre später, war alles aus. Dein Studium. Und du kamst zurück in die Heimat. Seine Liebe. Und er kam zurück in die Heimat. Während ich hier noch immer den DHL-Boten und den Bäcker und jede Straßenkatze beim Namen kannte. Ihr kamt zurück und wir waren wieder zu dritt. Für mich war es noch immer überdeutlich zu sehen, wie sehr ihr zusammengehört. Inzwischen war ich aber alt genug, um zu wissen, dass es nichts half, wenn ich das aussprach. Das musstet ihr selbst tun.
Das tatet ihr auch. Endlich.
Und gestern, da habt ihr euch entschieden, zu heiraten. Ganz aufgeregt hast du mich angerufen, mich gefragt, ob ich Trauzeugin sein wollte. So, wie wir uns das damals, als wir – kurz vor dem Abi – unsere Witze darüber gemacht hatten, ausgemalt hatten. Also fast genau so.
Und ich lächelte nur. Ich hatte es prophezeit.

Versteckspiele

Teetasse

Sie war aus dem Nichts aufgetaucht, plötzlich stand sie direkt neben mir. Keine Ahnung, woher sie so plötzlich kam. Keine Ahnung, wie sie das immer schaffte. Sie schlich nicht einmal. Sie war einfach so leise.
„Du versuchst, dich vor mir zu verstecken.“ Das war keine Frage, das war eine Feststellung. Deswegen antwortete ich auch nicht, sondern versteckte mich hinter meiner Teetasse. Und hinter meinem Vorhang aus Haaren.
Sie beobachtete mich dabei, ich konnte ihren Blick spüren. „Du kannst vor Konflikten nicht davonlaufen“, sagte sie und verschränkte ihre Arme.
Zu gerne hätte ich ihr geantwortet, dass ich keinen Konflikt wollte. Nicht mit ihr! Dass ich alles am liebsten totgeschwiegen hätte, in der Hoffnung, es so ungeschehen zu machen.
Doch so funktionierte das leider nicht. Ich weiß.
Also seufzte ich. „Es tut mir leid. Ehrlich.“
„Das ist alles, was du dazu zu sagen hast?“
Noch immer wagte ich nicht, sie anzusehen. Stattdessen versteckte ich mich weiterhin hinter meiner Tasse.

Ich hörte nicht, wie sie ging. Ich spürte nur ihre Abwesenheit.