Wahre Freunde

Woran man wahre Freunde erkennt:

  • Man kann nicht nur über alles miteinander reden. Man kann auch miteinander schweigen.
  • Sie erklären die Welt in Worten, von denen sie wissen, dass du sie verstehst („… eine Schrift wie von Dumbledore“)
  • Auch wenn du für etwas keine Worte findest, wissen sie genau, was du meinst.
  • In ihrer Gegenwart kannst du genau so verrückt sein, wie du dich gerade fühlst. Und sie machen mit!
  • Du kannst und willst Schwächen von ihnen nicht sehen. Sie haben keine! Zumindest für dich. Und falls du sie doch siehst, sind sie dir völlig egal.
  • Sie wissen immer genau, was du gerade brauchst. Noch bevor es dir selbst bewusst ist.
  • Und sie wissen auch, welche Bücher dir gefallen. (Auch wenn du es noch gar nicht glaubst -> Harry Potter!)
  • Nach jedem Treffen hast du dieses undefinierbare Grinsen und diese scheinbar grundlose gute Laune
  • Sie schicken dir an einem ereignislosen Tag eine SMS – völlig ohne Grund – die den ganzen Tag rettet: „Der Zauberstab wählt den Zauberer, Mister Potter….“
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wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

Hoffnungsvolle Fälle

Es soll ja diese Idioten geben, die immer nur an das Gute glauben. Die in jedem Menschen etwas Positives sahen. So war ich nicht. Ich war schlimmer.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte ich mir schon im Kindergarten die Kinder als Freunde, die mich hinter dem Rücken der Eltern bissen. Die ihre Sachen kaputt machten und dann zu weinen begannen, damit jeder dachte, ich wäre der Böse.
Ich blieb bei diesen Freunden.
Später waren es diejenigen, die stahlen. Die prügelten. Noch ein wenig später waren es diejenigen, die Drogen nahmen.
Ich wollte sie retten. Ich blieb immer bei ihnen. Ich verließ nie jemanden. Immer war ich derjenige, der verlassen wurde. Immer nahmen sie ein Stück von mir mit.

Meine Familie sagte, es wäre ein Fehler. Es sei aussichtslos versuchen zu wollen, alle anderen zu retten. Sie sorgten sich um mich. Und ich sorgte mich weiterhin um alle anderen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebte. Und als es soweit war, verlor ich mein Herz – nicht aber die Hoffnung – innerhalb von wenigen Sekunden.
Denn sie hatte mich durchschaut, bevor ich selbst es tun konnte.
Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie.
Ihr Lächeln war ein Abgrund voller Entschuldigungen.
„Willkommen zu deinem nächsten Fehler.“

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Wie es beginnt

Converse

Es beginnt doch immer so:
Sie saßen am ersten Schultag zufällig nebeneinander.
Zufällig. Wie es bei solchen Geschichten nun mal so ist.
Und das ist doch alles, was es braucht, um ein ganzes Leben zu füllen.
Ein Schultag, ein unsicherer Blick, geteilte Angst ist halbe Angst.
Und sie werden 70 Jahre lang ihre Ängste teilen.

Schulhofwettrennen.
Mathe abschreiben.
Erste Liebe.
Wachstumsschmerz.
Zukunftsangst.
Unsicherheit.
Große Liebe.
Große Rückschläge.
Arbeitsalltag.
Beziehungskrise.
Postkarte aus Chile.
Brief aus Frankreich.
Verlustangst.
Was ist Familie?
Erinnerungen.
Beerdigungen.
Hände halten.
Leben lassen.
Sterben lassen.
Gemeinsam gehen.

Die Neue im Dorf

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Tante Helena hatte recht: Es gab keine bessere Gelegenheit, die anderen „jungen Leute“ (wie sie es nannte) im Dorf kennenzulernen, als beim Sommerfest.
Es genügten zwei Stunden, um all die Gleichaltrigen und Fast-Gleichaltrigen kennenzulernen. Sie waren betrunken und rauchten zu viel.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und bereits jetzt schon die ersten Leute ihren Alkohol wieder an die Abendluft beförderten, beschloss ich, dass es mir reichte, und machte mich auf den Weg nach Hause zu Tante Helena. Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen, sie kannte mich schließlich kaum. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem.
Plötzlich hörte ich, irgendwo ganz, ganz in der Nähe, jemanden die Titelmelodie zu Game of Thrones pfeifen. Ich blieb stehen und drehte mich um, konnte aber niemanden sehen.
Das Pfeifen hörte auf.
„Hier oben!“, hörte ich eine Mädchenstimme rufen.
Tatsächlich sah ich nun, als ich weiter nach oben blickte, eine Gestalt auf dem Dach eines kleinen Hauses sitzen.
Wenn ich mich nicht täuschte, war das Paula. Mit ihr hatte ich mich ungefähr zehn Sekunden lang über Bücher unterhalten, ehe sie von ihrem Bruder mit zur Bar gezerrt worden war.
„Keine Sorge, die sind nicht immer so“, sagte sie beinahe entschuldigend und ich vermutete, dass sie von ihrem Bruder und den anderen „jungen Leuten“ aus dem Dorf sprach. „Eigentlich nur am Sommerfest.“
Sie schwieg und ich überlegte ob ich etwas antworten sollte oder ob ich weitergehen konnte, ohne unhöflich zu sein. Da fragte sie: „Willst du auch Butterbier?“