Gut genug.

Ratschläge geben kann ich besser als meine Mutter und meine Großmutter zusammen. Das mit dem Einhalten funktioniert so gut wie bei allen Menschen. Gar nicht. In meinem Tagebuch, das fürchterlich altmodisch unter meinem Kopfkissen liegt, weil letzteres ohne ersterem zu niedrig wäre und ich nicht schlafen könnte, halte ich den Erfolg fest. Kamillentee getrunken. Nicht angerufen. Nicht geweint. Geschlafen. Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.
Und eigentlich bin ich immer nur damit beschäftigt, mich für den Platz zu entschuldigen, den ich einnehme. Weil ich nicht dieses kleine, zarte, leichtfüßige, ruhige Mädchen bin, das man immer in Filmen zu sehen bekommt. Zu mir sagt niemand, mein Lachen sei ansteckend. Doch ansteckendes Weinen ist auch nur in Filmen erwünscht.
Deswegen schalte ich den Fernseher nicht mehr an. Kinos mochte ich sowieso noch nie, weil ich als Kind von zu viel Popcorn gekotzt habe und jetzt allein der Geruch reicht, um mich zu verjagen. Und gut, eigentlich sind es die Menschen. Und die Filme. Und das Popcorn ist die Ausrede, weil Menschen die anderen Gründe nicht verstehen.
Statt in Filme flüchte ich mich also in Bücher. Genauer gesagt Hörbücher. Denn nur sie schaffen es, meine eigene innere Stimme zu übertönen. Allerdings nur Frauenstimmen. Denn jeder Mann, der vorliest, erinnert mich an meinen Vater, der mir viel zu früh nicht mehr vorlesen wollte und damit das erste aller Traumata entfachte. Vielleicht bin ich nur zu empfindlich. Aber das dürfte ich meinem Tagebuch nie erzählen.
Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.

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4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.

Das Ende vom Schönreden

Nenne es nicht Liebe,
wenn es Ertragen ist.
Nenne es nicht Kompromisse,
wenn es Selbstaufgabe ist.
Nenne es nicht Optimismus,
wenn es Naivität ist.
Nenne es nicht Zuhause,
wenn es ein Gefängnis ist.
Nenne es nicht Wahrheit,
wenn es Schweigen ist.
Nenne es nicht Gut,
wenn es Schlecht ist.
Nenne es verdammt nochmal
beim wahren Namen.

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

ertrinken

Aufs Meer schauen

Manchmal, da ertrinke ich. Weil sich alles an mir so falsch anfühlt. Und alles in mir auch.
Und alles ist schwer, zieht mich nach unten, dorthin, wo man nur noch die Gedanken atmen hören kann.
Doch dann kommst du. Du bist kein Anker. Denn Anker sind auch nur schwer und liegen im Wasser. Nein, du bist das Schiff, das oben auf mich wartet. Und du bist das U-Boot, das nach mir sucht.
Ich kralle mich an dir fest und versuche, nie wieder ins Meer zu stürzen. Stattdessen sitze ich neben dir am Strand und beobachte die Wellen. Die mir nun nichts mehr anhaben können.


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Zurückhaltend

Reh

Du sagtest, du wärst zurückhaltend.
Ich dachte zuerst: schüchtern und scheu
wie ein Reh.

Damals glaubte ich das.
Unschuldig und naiv wie ich war.
Als ich noch nicht dein Innerstes kannte.

Dein Innerstes, ein zerstörtes Schlachtfeld,
besudelt von vergossenem Blut,
ein dunkles Paradies für Krähen.

Jetzt weiß ich, was du wirklich bist.
Nicht schüchtern und scheu,
nicht wie ein Reh.

Aber zurückhaltend.
Weil du weißt, was ein Sturm anrichten kann.
Und diesen versuchst du zurückzuhalten.