Versuch, unwichtig auszusehen

Missmutig sah ich an meinem Kleid herab. Es war viel zu eng. Wie sollte ich so kämpfen können, falls es nötig war? Und wenn ich so zu ihr hinüber sah, wie sie total nervös in ihrem ebenfalls zu engen Kleid neben mir durch das Tor trat, hatte ich das ungute Gefühl, dass ich heute noch kämpfen musste.
„Versuch, unwichtig auszusehen“, raunte ich ihr zu. Wenigstens waren unsere Kleider schlicht. Ihres dunkelrot und braun, meines dunkelblau und braun.
Als wir durch das Tor in den großen Innenhof getreten waren – unentdeckt zum Glück -, wanderte mein Blick unweigerlich zur Burgmauer. Dort mussten wir hinauf. Und ich wusste noch immer nicht, wie.
Vor uns tauchten ein paar der gewöhnlichen Magier auf. Solche, die Hühner in Spatzen verwandeln können oder ein Seidentuch in Luft auflösen. Wenn es mächtige Magier wären, würden sie auch nicht hier herumlaufen und zur Unterhaltung des Fußvolks dienen. Dann wären sie jetzt ein paar Meter unter uns, in Verliesen, und würden für den König Gold herstellen oder Blut von Haast – das tödlichste Gift aller Zeiten.
Gut, dass der König nicht wusste, dass die tödlichste Magierin aller Zeiten neben mir lief.

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Hier glaube ich an Wölfe

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Die Sonne ist bereits mittags zu nah am Horizont. Aber gegen die Bäume hier hat sie sowieso keine Chance. Die perfekte Ort, um Pläne zu schmieden. Der perfekte Tag, um Chaos anzurichten.
Ein wenig vermisse ich dich gerade. Wie du es nicht Chaos nennst. Sondern Ein Versuch, die Ordnung zu ändern. Mir ist Chaos lieber. Ordnung gibt es viel zu viel. Selbst in den Wäldern. Wo die Bäume in Reih‘ und Glied aufgestellt sind. Wie Soldaten.
Nur hier im Wolfswald ist das anders. Ich glaube nicht, dass es hier Wölfe gibt. Aber allein die Gerüchte darum halten all diese feigen Menschen fern. Nur dich nicht.
Ich schiebe den Gedanken zur Seite und laufe weiter. Die Rauchbomben sind bereits platziert, das Warnfeuer vorbereitet. Jetzt muss ich nur noch zurück zu dir gehen. Durch den Wald bei Dämmerung. Ich fürchte mich nicht vor der Nacht. Ich fürchte mich nicht vor dem Wald. Aber vor der Dämmerung fürchte ich mich. Und vielleicht doch auch ein wenig davor, was hier sonst noch sein könnte. Auch wenn ich es dir nicht glauben wollte. Ich wollte unerschrocken sein. Niemals vor dir zugeben, dass ich mich einschüchtern lasse von irgendetwas.
Ein Knacken hinter mir. Und ich muss daran denken, wie ich dich ausgelacht habe. „Das sind nur Gerüchte“, habe ich gesagt.
Ein leises Knurren rechts von mir. Und ich muss daran denken, wie du dich besorgt im Wald umgesehen hast. „Hier glaube ich an Wölfe“, hast du gesagt.
Dann sehe ich sie überall und hoffe, dass du mir so wenig geglaubt hast wie ich dir.

Nicht einfacher. Besser.

„Wie bitteschön soll ich das schaffen?“ Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft. Er verlangte hier das Unmögliche von mir – mal wieder. Als wäre es selbstverständlich, dass ich regelmäßig physikalische Gesetze außer Kraft setze. Natürlich stampfte ich nicht mit dem Fuß auf. Ich wollte ernstgenommen werden. Da benahm man sich erwachsen. Also stemmte ich die Hände in die Hüften und sah ihn so wütend an, wie ich konnte. Die Ohrfeige hob ich mir für später auf.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du das halt immer so schaffst.“
„Nein! Dieses Mal nicht!“, widersprach ich. „Du stellst dir das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Meine Kugeln sind nicht schneller als Licht.“
„Das müssen sie auch nicht sein.“ Er blieb ganz ruhig. Verdammt! Warum konnte er nur immer so ruhig bleiben, während ich am liebsten explodiert wäre!?
Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das wohl ein aufmunterndes Lächeln sein sollte. „Du schaffst das. Wie du das immer schaffst.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet und er wandte sich zum Gehen.
Ich zeigte ihm eine nicht ganz so freundliche und kindliche Geste mit einem gewissen Finger und rief ihm hinterher: „Ich wünschte, du würdest mir mal einfachere Aufgaben geben. Ich wünschte, das hier allgemein wäre mal etwas einfacher.“
Überraschenderweise hielt er inne und drehte sich nochmal zu mir um. „Wünsch dir nicht, es wäre einfacher. Wünsch dir, du wärst besser.“


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Wer einen solchen Kollegen hat …

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Es gibt da diesen Satz „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr“, der bei uns ständig durchs Büro gerufen wird.
Doch eigentlich müsste ich sagen: „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Freunde mehr.“

Als ich damals neu in der Firma war, hatte ich deine Scherze und ironischen Sprüche nicht verstanden. Und deine gruselig-blauen Huskyaugen verunsicherten doch sowieso jeden Menschen, der dich nicht kannte.
Aber mit jedem deiner Scherze und mit jedem deiner ironischen Sprüche lernte ich dich besser kennen. Mochte ich dich mehr.
Du nahmst mich auf in eure eingeschworene Büro-Truppe, als wäre es selbstverständlich. Was es für dich vermutlich auch war.
Du ignorierst mein Stottern, brichst mein ängstliches Schweigen. Weil du so offensiv mit all meinen Schwächen umgehst. Und mit deinen ebenfalls. Für jeden Scherz über mich machst du drei Scherze über dich.
Ich lache dich aus und du lachst mich aus. Wir kommunizieren nur noch mit Mittelfingern. Und Augenzwinkern. Und Grinsen.

„Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr!“, werfe ich dir mit einem Augenzwinkern zum fünften und letzten Mal für heute an den Kopf, als ich an dir vorbei aus dem Büro gehe. Ich frage mich kurz, ob du mich vielleicht nicht gehört hast, denn ausnahmsweise kommt keine fiese Antwort von dir.
Ich bin bereits am Auto, als du plötzlich neben mir stehst.
„Ich wäre gern mehr als dein Kollege“, sagst du leise.
Aus Gewohnheit warte ich auf die Pointe. Auf dein Zwinkern. Deinen Mittelfinger.
Doch da kommt nichts mehr.

Dialog mit einem widerspenstigen Mädchen

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In Momenten wie diesem verstand ich, warum es Menschen gab, die sie fürchteten.

„Ich kann sehr wohl allein nach Hause gehen“, fauchte sie. „Oder was spricht deiner Meinung nach dagegen?“
Ich sah sie an, klein wie sie war, in einem verdammt kurzen Kleid, das unverschämt viel von ihren Beinen zeigte, sah in ihre Rehaugen, die sie angriffslustig zusammengekniffen hatte.
„Ich habe nicht gesagt, ich begleite dich nach Haus, weil du ein Mädchen bist“, sagte ich schnell. Klar, sie sah aus wie ein hilfloses Mädchen. Aber wenn sie eines nicht war, dann hilflos.
„Ich komme schon mit den Männern klar.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Muskulöse Arme.
„Ich weiß. Aber die Männer kommen nicht mit dir klar.“ Ich zwinkerte ihr zu. Weil sie dadurch nur noch grimmiger dreinsah, ergänzte ich: „Mensch, du bist immer noch die kleine Schwester meines besten Freundes. Max bringt mich um, wenn ich dich nachts allein durch die Straßen laufen lasse.“
„Ich werde auf deine Beerdigung kommen“, entgegnete sie trocken. Dann ging sie an mir vorbei und trat aus der Bar, ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.

Dächer

Dächer

Das war nichts, was man jeden Tag machte. Und doch hatte sie nicht mit der Wimper gezuckt, als ich ihr davon erzählte. Sie wusste, worum es ging. Ich musste nicht beginnen aufzuzählen, was alles auf dem Spiel stand. Ich musste keine Reden halten über die Zukunft. Ich musste sie nicht überreden. Sie war kein Mensch der Worte. Sie war ein Mensch der Taten. Der großen.
Wir quetschten uns durch ein winziges Fenster und balancierten über die heißen Dachziegel bis hin zum nächsten Schornstein. In dessen Schatten versteckten wir uns vor der Sonne und vor unerwünschten Blicken. Unter uns lag die Stadt, die trotz der Hitze vor Menschen wimmelte. Es stank nach dem Fluss, der zu wenig Wasser führte und zu viel Dreck. Vor uns breitete sich ein Labyrinth aus Dächern aus, verschachtelt, ineinander gesteckt, übereinander gebaut, verwinkelt, verworren. Steil.
Zwei Tauben flogen über uns. Die Luft flirrte.
Ihr Blick über die Dächer sah beiläufig aus, doch ich wusste, dass sie gerade einen Weg fand, zwischen Schornsteinen und Dachfenstern hindurch, über Giebel und Firste und Regenrinnen.
„Bei Nacht wird es schwieriger zu erkennen, wo Ziegel fehlen, wo ein Vorsprung endet, wo der Abgrund wartet.“ Ich versuchte sachlich zu klingen. Ich wollte sie nicht ohne Warnung in die Gefahr schicken.
„Bei Nacht wird es schwieriger, mich zu erkennen“, antwortete sie ruhig.

Fremde Wohnung

Fremde Wohnung

Neugierig sah sie sich in seiner Wohnung um. Er lebte ordentlich. Die Bücher standen in Reih‘ und Glied in den Regalen. An der Decke hing eine schlichte Lampe und in einer Ecke stand ein Sofa, das so aussah, als würde es nicht oft gebraucht werden. Es gab keine Pflanzen, fiel ihr auf. Die Stühle standen parallel zur Wand, an die ein paar Zeitungsausschnitte geklebt waren. Daneben hing Salbei zum Trocknen. Nur auf dem Tisch herrschte beinahe so etwas wie Unordnung. Dort stapelten sich Zeitungen, in denen gelegentlich Absätze mit gelben Textmarker hervorgehoben waren.
„Willst du Tee? Und Schokolade?“, fragte er sie plötzlich.
Sie drehte sich zu ihm und nickte. Und versuchte, ein dämliches Grinsen zu unterdrücken. Sie war schwer bemüht, sich nicht in ihn zu verlieben, aber das war alles andere als einfach. Wenn man bedachte, wie ähnlich sie sich waren. Und wie zielsicher er ihre Gedanken lesen konnte.
Während er in die Küche verschwand, blickte sie aus dem Fenster. Die Nacht brach herein. Die Straßenlampen brannten schon und über den Hochhäusern konnte man nur noch schwach die einzelnen Wolken ausmachen, die kaum noch dunkler waren als der Himmel.
Er kam kurze Zeit später zurück, drückte ihr eine Tasse in die Hand und legte eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Dann stellte er sich neben sie und sah nach draußen, hinunter auf die Straßen. Unweigerlich wurde ihr seine Nähe bewusst, sie spürte seinen Atem, sie roch seinen Schweiß und sein Deo.
„Die anderen Jungs werden bald kommen“, sagte er. Beinahe entschuldigend?
Schlagartig wurde ihr bewusst, wie leichtsinnig sie war. Sie war allein in die Wohnung eines Mannes gekommen, den sie erst seit dem Vorabend kannte. Und sie wusste, dass bald noch weitere Männer in dieser Wohnung auftauchen würden.
Wie konnte sie nur so dumm sein?
Unauffällig tastete sie nach ihrer Hüfte, wo – gut versteckt unter ihrem Pullover – ein Messer wartete.
Der beste Weg in das Herz eines Mannes ist zwischen der vierten und der fünften Rippe, erinnerte sie sich und lächelte grimmig.