Vorsätze bei Nacht

Sie war ein pragmatischer Mensch. Sie urteilte nicht. Und verurteilte nicht. Sie war so nüchtern, dass manche sie als gefühlskalt bezeichneten. Aber genau das war es, was ich von meiner besten Freundin erwartete. Dass sie Ordnung brachte in mein Gefühlschaos.
»Du musst auch glauben, ich bin die dümmste Frau auf Erden«, endete ich meine Geschichte, in der Hoffnung, dass sie mir widersprach.
»Ach, es könnte schlimmer sein.«
Ich war nicht wirklich enttäuscht. Schließlich war das ihre Standardantwort auf alles. Ihr Pragmatismus in seiner schönsten Form.
»Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass das nie wieder passieren wird«, sagte ich mit einem Seufzer. »Und jetzt sitze ich schon wieder hier und heul dir die Ohren voll.«
Sie lächelte ihr geduldigstes Lächeln. »Wofür, bitte, hat man Freunde? Ich hab dich davor gewarnt und jetzt höre ich dir zu. Für Vorwürfe hast du deine Mutter.« Der Punkt ging an sie. Sie kannte meine Mutter zu gut. Und sie wusste auch, dass ich meiner Mutter nichts mehr von alledem erzählte.
»Außerdem«, sie hob den Finger wie eine gutmütige Lehrerin und ich wusste, dass jetzt wieder eine ihrer Lebensweisheiten folgen würde, die ich alle so schätzte und die mich manchmal in den Wahnsinn trieben, »ist nachts alles schlimmer. Tagsüber fassen wir Vorsätze, aber bei Nacht brechen wir sie.«

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zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

Mut waschen

„Ich habe mal gelesen“, beginne ich, obwohl ich weiß, dass 90 % meiner Sätze so beginnen, „dass man seinen Mut regelmäßig waschen muss. Dass er sonst dreckig wird und schwerfällig.“
Erst sieht sie verwirrt aus, dann missmutig, weil sie immer missmutig wird, wenn sie etwas nicht versteht oder wenn ihr etwas zu philosophisch wird. Dann jedoch grinst sie breit. „Ich wasche meinen Mut am gründlichsten mit Alkohol“, sagt sie und bestellt die nächste Runde.
Als wir anstoßen, sieht uns Ayoub – Gaststudent aus Ägypten, einigermaßen religiös – überrascht an. Sein Blick sagt entweder „Euer Ernst!?“ oder „Muss ich mir jetzt Sorgen machen?“. Vielleicht auch beides.
Ich proste auch ihm zu. „Welcome to Western Civilization!“

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Vom Fehlen der Angst

Whisky

„Wie kommt es, dass du immer alleine bist? Dass du keine Freunde hast?“
Er hatte sich nun bereits zwei Stunden lang mit ihr unterhalten. Sie war interessant, freundlich, offen, aufmerksam und – wie er fand – überdurchschnittlich hübsch. Sie hatte bisher keine Macken gezeigt, keine abschreckenden Weltanschauungen geäußert. Und dennoch behauptete sie jetzt, dass sie keine Freunde hatte.
Sie zögerte kurz, als müsste sie überlegen, ob sie wirklich mit der Wahrheit herausrücken wollte.
„Weißt du“, setzte sie schließlich an „ich habe vor nichts Angst.“
Er wartete. Das war vielleicht eine ungewöhnliche Aussage, aber doch sicher keine Begründung.
Sie starrte angestrengt auf die Eiswürfel in ihrem Glas und fischte einen davon heraus. „Ich sage das nicht einfach so. Ich habe tatsächlich vor nichts Angst. Anfangs fasziniert das die meisten Menschen. Doch wenn sie mich dann einige Zeit kennen, ein paar mal mit mir unterwegs waren, sind sie nicht mehr fasziniert, sondern irritiert. Immerhin bin ich doch eigentlich nur ein ganz normaler Mensch. Und dann auch noch ein Mädchen.“ Sie schnaubte verächtlich. „Als wäre das ein Grund, um Angst zu haben. Viel zu viele Menschen verstecken sich hinter Ausreden. Und lassen sich bei jeder Entscheidung von Angst leiten. Angst vor dem Versagen. Angst vor Gewalt. Angst vor der Meinung anderer. Angst vor Verlust. Ich jedoch nicht.“
Sie beobachtete angestrengt, wie der  Eiswürfel zwischen ihren Fingern zu schmelzen begann. Leise sprach sie weiter: „Irgendwann werfen sie mir dann vor, dass ich verrückt bin. Lebensmüde. Absolut gefühlskalt.“
Ihr Blick richtete sich wieder auf ihn. Abwartend.
Er überlegte kurz, trank einen Schluck von seinem Whisky, überlegte nochmal. Endlich sagte er etwas. „Du hast also vor nichts Angst?“
Sie konnte seine Stimme nicht deuten, sie klang völlig neutral.
Beinahe entschuldigend schüttelte sie den Kopf.
Er zuckte mit den Schultern. „Was kümmert es mich, VOR was du Angst hast? Viel wichtiger ist doch, UM was du Angst hast. Das sagt viel mehr über dich aus. Darüber, was dir wichtig ist.“
Zuerst starrte sie ihn überrascht an. Dann breitete sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus.

Meine Würde

Kaffee

Nachdem er seinen Kaffee bei ihr bestellt hatte, ließ sie irgendetwas an seinem Blick abwarten. Als wollte er noch mehr bestellen. Er grinste breit. Und viel zu selbstbewusst. „Möchtest du mit mir aufs Sommerfest gehen?“
Im ersten Moment war sie überrascht. Im zweiten genervt. Im dritten fiel ihr etwas ein: „Tut mir leid, aber da muss ich zu einer Beerdigung.“
„Oh, das tut mir leid.“ Er wusste sowas von offensichtlich nicht, was er sagen sollte. Weil er doch immer nur alles lustig fand. Aber was sollte man wohl zu einer Beerdigung sagen?
Sein Blick schweifte durch das Café, als wäre er auf der Suche nach einer Souffleuse, die ihm zuflüsterte, was man da jetzt sagen sollte. „Jemand aus der Familie?“, fragte er schließlich in einem – wie er hoffte – mitfühlenden Tonfall. Immerhin kannte er ihre Familie nicht. Sie war schließlich die Zugereiste.
Sie schüttelte ernst den Kopf. Ihre Mundwinkel zuckten. „Meine Würde. Damit ich vielleicht nächstes Jahr mit dir aufs Sommerfest gehen kann.“

Im Hintergrund musste jemand sein Lachen verschlucken.

4 vs. 1

Immer in Bewegung bleiben

Sie wusste nicht, wo sie beginnen sollte, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, empört, sprachlos. Schließlich platzte ein ganzer Schwall Worte aus ihr heraus: „Dann standen sie da, zu viert, und ich allein, und zählten ihre Anschuldigungen auf, ihre Vorwürfe gegen mich und alle Partner, mit denen ich doch eigentlich nichts zu tun habe und die auch gar nicht anwesend waren. Sie waren zu viert und ich war ganz allein. Und ich fühlte mich hilflos und mit jedem Satz kleiner werden.“

Wie immer konnte er nur unbeeindruckt mit den Schultern zucken. „Gut, dass du so groß bist.“