in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.

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Die Neue im Dorf

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Tante Helena hatte recht: Es gab keine bessere Gelegenheit, die anderen „jungen Leute“ (wie sie es nannte) im Dorf kennenzulernen, als beim Sommerfest.
Es genügten zwei Stunden, um all die Gleichaltrigen und Fast-Gleichaltrigen kennenzulernen. Sie waren betrunken und rauchten zu viel.
Als die Sonne sich langsam dem Horizont näherte und bereits jetzt schon die ersten Leute ihren Alkohol wieder an die Abendluft beförderten, beschloss ich, dass es mir reichte, und machte mich auf den Weg nach Hause zu Tante Helena. Ich wollte ihr keine Vorwürfe machen, sie kannte mich schließlich kaum. Ein wenig enttäuscht war ich trotzdem.
Plötzlich hörte ich, irgendwo ganz, ganz in der Nähe, jemanden die Titelmelodie zu Game of Thrones pfeifen. Ich blieb stehen und drehte mich um, konnte aber niemanden sehen.
Das Pfeifen hörte auf.
„Hier oben!“, hörte ich eine Mädchenstimme rufen.
Tatsächlich sah ich nun, als ich weiter nach oben blickte, eine Gestalt auf dem Dach eines kleinen Hauses sitzen.
Wenn ich mich nicht täuschte, war das Paula. Mit ihr hatte ich mich ungefähr zehn Sekunden lang über Bücher unterhalten, ehe sie von ihrem Bruder mit zur Bar gezerrt worden war.
„Keine Sorge, die sind nicht immer so“, sagte sie beinahe entschuldigend und ich vermutete, dass sie von ihrem Bruder und den anderen „jungen Leuten“ aus dem Dorf sprach. „Eigentlich nur am Sommerfest.“
Sie schwieg und ich überlegte ob ich etwas antworten sollte oder ob ich weitergehen konnte, ohne unhöflich zu sein. Da fragte sie: „Willst du auch Butterbier?“

Klassenclown & Klassenpoet

Juni-Gewitter

Das Gewitter rollte herein, sage ich und du sagst, auf Rollschuhen. Du warst schon immer der Klassenclown gewesen und ich war der Klassenpoet. Vielleicht sitzt es auch in einem Rollstuhl, sage ich und versuche auch einmal lustig zu sein. Nein, ein Rollstuhl ist zu schwerfällig für ein Gewitter, sagst du und versucht auch einmal poetisch zu sein. Wir beide sind erbärmlich in unseren Versuchen. Egal ob schwerfällig oder rollend oder nichts von alledem, irgendwann ist das Gewitter da und durchnässt uns und egal wie viele Witze du erzählst und egal wie viele Gedichte ich aufsage, wir fürchten uns beide davor, vom Blitz getroffen zu werden. Doch unsere Jugend scheint kein Drama und keine Tragödie zu sein, wir werden nicht vom Blitz getroffen, sondern nur bis auf die Knochen durchnässt. Unsere Jugend scheint auch keine Romanze zu sein, denn wir tanzen nicht im Regen, sondern zittern nur vor Kälte. Mir fällt erst auf, dass ich das alles laut gesagt habe, als du sagst, dass unsere Jugend auf jeden Fall eine Komödie ist. Zumindest immer im Nachhinein betrachtet. Ich frage mich, ob vielleicht doch ein wenig Poesie oder zumindest Weisheit in dir steckt und will mit etwas Witzigem antworten, doch mir fällt nichts ein. Einer von uns beiden muss ja in seiner Rolle bleiben.

Der Wahnsinn meiner Generation

Feuerwerk

Unsere neuen Laufschuhe heißen „Supernova“, wir schreiben nur noch in kursiv, unter jedem Instagram-Bild ein #fürchtenichts.
Wir sind der Prototyp einer Generation, die sich selbst wichtiger nimmt, als das Universum groß ist. Bereits unsere Eltern und Großeltern haben mehr entdeckt, mehr erforscht, als unser aller Gehirne noch aufnehmen, geschweige denn verstehen können. Also geht es nun darum, entweder das alles zu steigern oder das alles zu ignorieren. Deswegen gibt es Google und Stipendien, Selfiesticks und Tinder.

Shoutout to all those Teenagers

Converse

Das hier geht an alle Halbstarken (und an die Viertel- oder Dreiviertelstarken), die feststecken, irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt.

Ich möchte nicht, dass du rauchst, weil du glaubst, dass es cool ist oder weil die Anderen es tun. Ich möchte, dass du rauchst, einfach weil es deine Art ist und weil du völlig dahinterstehst. Noch lieber möchte ich, dass du nicht rauchst. Aus Überzeugung. Weil es ungesund ist und dein sowieso schon viel zu kurzes Leben noch unnötig verkürzt.
Ich möchte nicht, dass du in jedem Fach Klassenbeste(r) bist. Wenn du es bist, hoffe ich, du bist es gern. Dann freue ich mich für dich und ich möchte, dass du dazu stehst und dass du stolz darauf bist (weil du das auch sein kannst und lass dir niemals etwas Anderes einreden). Wenn du es nicht bist, möchte ich, dass du dennoch deinen Wert erkennst (der sich niemals lediglich in Noten ausdrückt), dass du nicht neidisch oder niedergeschlagen bist.
Du möchtest besser werden? Dann gib dein Bestes. Wenn das nicht reicht, verschwende keine Zeit mehr damit, du hast andere Stärken. Und du wirst genügend Zeit benötigen, diese zu finden oder zu erkennen.
Ich möchte, dass du das isst, was du willst. Und so viel davon, wie du willst. Egal was andere dazu sagen. Es ist schließlich dein Körper. Aber bitte denke daran, dass dich dieser Körper dein ganzes Leben lang begleiten wird. (Dein ganzes Leben lang!) Also achte ein wenig auf ihn.
Ich möchte, dass du dir Zeit nimmst für dich. Um herauszufinden, wer du bist und um in diesem Chaos aus wachsen, Hormonen und Unsicherheit nicht zu versinken wie in Treibsand.
Ich möchte, dass du deinen eigenen Wert erkennst, auch wenn es schwerfällt, auch wenn es vielleicht scheint, dass das sonst keiner tut. Glaub mir, es scheint nur so. Hinter jeder Kritik, hinter jedem Streit steckt immer auch Angst um dich und Sorge. (Manchmal ist das sogar der einzige Grund dafür.)
Ich möchte, dass du dir selbst treu bleibst, egal wie oft du deine Meinung, deine Gefühle, deine Entschlüsse änderst. Letztendlich ändern wir uns doch alle ständig und so wirklich sicher ist sich doch auch niemand.
Aber wir können ja daran arbeiten.

Klaustrophobiehimmel

Klaustrophobiehimmel

Wir sitzen auf dem Dach, über den Dächern, und versuchen keinen Drahtseil- und keinen Balanceakt daraus zu machen. Unter uns das scheinbar geordnete Labyrinth der Straßen erleuchtet von Laternen, die uns nicht erleuchten konnten. Denen wir nicht folgen konnten, denn jede Straße war eine Einbahnstraße und wir waren Geisterfahrer, die nur in Sackgassen landeten. Ich halte die Hände auf, als würde ich auf etwas warten, ein Stück Brot, ein Stück Zucker, ein Stück Peitsche. Ein Stück Brot, ein Stück Zirkus. Panem et circenses. Doch noch immer war es kein Drahtseilakt und kein Trapezkunstwerk. Stattdessen schenkst du mir Wein ein, roten und reinen. Und alles was ich tun will ist meine Hände auf meine Ohren zu pressen, wie ich es als Kind schon immer getan hatte. Schon damals lernte ich zu balancieren ohne die Arme auszustrecken. Schon damals hatte ich beide Hände auf die Ohren gepresst. Weil diese Welt und diese Stadt und diese Menschen zu viele Wahrheiten bereithalten, die ich nicht aushalte. Der Wein schmeckt nach Blut und ich frage mich, ob wohl Wein von weinen kommt oder andersherum und ob ich es wohl in Blut umbenennen könnte, dieses Getränk. Ein neues Wort in meinem ‚Dictionary of felicitas-invented words‘. Noch ein Wort: Klaustrophobiehimmel. Das ist der Himmel im Moment. Diese Wolkendecke, die behauptet pink zu werden, weil schon wieder ein neuer Morgen dämmert. Mir dämmert noch so einiges mehr. Erstens: Ich hasse Wein. Zweitens: Ich hasse die Wahrheit. Drittens: Ich hasse pink. Und damit all die Erinnerungen an all die Nächte oder Morgen oder was auch immer diese Momente waren auf all diesen Dächern.

Eine Optische Täuschung der Zeit

Löwenzahn-Leichtigkeit

Manchmal frage ich mich, ob wir tatsächlich alle so schnell altern, wie es mir vorkommt. Vielleicht ist das auch nur eine optische Täuschung. Ein Bild, das sich ändert, wenn man es nur lange genug anstarrt. Oder wenn man nur oft genug hin- und wieder wegsieht.

Ich denke zurück an eine Zeit, die angeblich Jahre zurück liegen soll, sich aber wie gestern anfühlt.
Ich sehe Fotos, auf denen wir so aussehen, wie ich uns für immer im Gedächtnis behalte. Doch sobald ich sie mit der Realität vergleiche, sind da Unterschiede zu sehen, die mich erschrecken lassen.
Wir sind doch noch nicht alt und dennoch gibt es schon die ersten Lücken in unseren Reihen.
Verstritten. Weggezogen. Tot.

Wie kann es sein, dass 365 Tage so schnell vergehen können?
Wie kann es sein, dass Veränderung sich in unsere Leben schleicht. Wie eine Katze, die das Zimmer unbemerkt betritt, auf Samtpfoten, ohne einen einzigen Laut. Und plötzlich springt sie dir auf die Brust, während du nichts ahnend dalagst, in dein Buch vertieft. BAM! Ist da eine Veränderung die du irgendwie schon immer kanntest, aber noch nie wahrgenommen hast.
Und schon wieder sind drei Jahre vergangen, während du geistig das Alter von Menschen auf das Jahr 2011 hochrechnest.

Aber vielleicht täuscht das auch nur.