in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.

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Von der Erkenntnis, dass jeder altert

The watch

Ich sehe sie noch vor mir, Kinder.
Den Jungen, wie er im Hof meines Nachbarn Fußball spielte, nur mit sich selbst, unermüdlich, den ganzen Nachmittag.
Das Mädchen, viel zu klein, ständig krank, mein kleiner Bruder musste ihr immer die Hausaufgaben vorbeibringen.
Und nun stehen sie da.
Der Junge nun größer als ich es bin, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen die Hand seiner Freundin, einem blonden Püppchen.
Und das Mädchen, hohe Schuhe um endlich nicht mehr die Kleinste zu sein, die Augen stärker geschminkt als ich es jemals tun könnte.

Die Zeit vergeht so schnell.
Macht aus Kindern Erwachsene.
Die Erde dreht sich.
Alle werden älter.

Nackt bedeutet nicht „ohne Kleidung“

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Du prahlst damit, wie viele Mädchen du bereits nackt gesehen hast. Und deine Freunde werden johlen und grölen deswegen, zumindest wenn sie genug getrunken haben. Wenn nicht, werden sie zumindest anerkennend nicken.
Du bist stolz auf diese Zahl, die zweistellig ist und unnatürlich hoch und einfach eine Lüge.
Mit gespielter Zurückhaltung erzählst du schließlich auch mir davon. Schließlich habe ich dir von meiner Krankheit erzählt und das bedeutet, dass auch du mir etwas Persönliches erzählen musst. So geht dieses Spiel, dieses Austauschen von Geheimnissen, dieses plötzliche und doch schleichende Inneres-nach-Außen-Kehren.

Und ich widerspreche dir.
Zuerst stutzt du. „Doch.“, beharrst du. „Es waren wirklich so viele.“
Wieder sage ich: „Nein, waren es nicht.“
Du zuckst mit den Schultern, als würdest du klein beigeben. Zumindest ein ganz klein wenig. „Vielleicht hast du recht, einige habe ich öfter nackt gesehen, vielleicht habe ich da mal falsch gezählt.“
Dreimal hole ich Luft, bevor ich die Worte & Silben in meinem Kopf richtig sortiert habe. Dann frage ich dich: „Wie viele Mädchen hast du weinen gesehen?“
Falten bilden sich auf deiner Stirn, du wirkst irritiert und ein wenig verstimmt und unangenehm berührt und dann sagst du: „Na ja, drei oder vier. Und meine Schwester und meine Nichte. Aber…“
Ich lasse dich nicht weiterreden, denn ich weiß, dass du das Thema wechseln möchtest.
„Wie viele Mädchen haben dir von ihren Albträumen erzählt?“, frage ich weiter.
Wieder dein Stirnrunzeln. Dann widerwillig: „Meine Ex-Freundin ist nachts öfter mal aufgewacht und ich…“ Du unterbrichst dich selbst und fragst, unsicher grinsend: „Aber was soll das? Wird das jetzt ein Witz?“ Weil wir sonst doch immer scherzen.
Unbeeindruckt frage ich weiter: „Wie viele Mädchen haben deine Hand gedrückt, einfach als Zeichen ihrer Gefühle? Wie viele Mädchen haben dir von ihren Träumen erzählt? Von ihren peinlichen Kindheitswünschen und von ihren Momenten der Panik? Wie viele Mädchen haben dir mit strahlenden Augen erzählt, wie wunderschön eine Erinnerung ist? Von wie vielen Mädchen hast du die Tränen gesehen? Von wie vielen Mädchen weißt du, warum sie ihr Studium abgebrochen haben oder warum sie sich von ihrem letzten Freund getrennt haben oder warum sie schon so lange nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen haben?“

Ich mache eine kurze Pause, lächle (es tut mir leid, das Lächeln sollte nicht abwertend sein doch ich glaube, es kam geringschätzig rüber) und frage: „Na, wie viele Mädchen waren das?“

Sprachlos starrst du mich an. Verärgerung und Hilflosigkeit sprechen aus deinen meerblauen Augen, die schon so viele Mädchen dazu überredet haben, zu dir nach Hause mitzukommen. Deine Lippen, die schon so viele Mädchen geküsst haben, zucken und doch sagst du kein Wort.

Ich wiederhole die Zahl, die du mir gerade genannt hast. „So viele Mädchen hast du vielleicht schon ohne Kleidung gesehen. Doch Nacktheit ist etwas anderes.“

Nichts Festes

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Und sie schreit dich an. Jetzt endlich steht sie vor deiner Tür und kann ihre ganze Wut, ihre ganze Enttäuschung herauslassen.
Dir steht der Mund offen, der Mund, den sie schon viel zu oft geküsst hatte.
Gestern noch hattest du es noch „richtig“ erklären wollen. Nicht per WhatsApp, wo sie alles sowieso nur falsch verstand, und eigentlich auch nicht am Telefon, doch sie hob sowieso nicht ab. Gestern noch hattest du es ihr ins Gesicht sagen wollen.
Dass da nichts war.
Dass du sogenannte Kumpel-Freundinnen hattest.
Und dass deine Besucherin gestern eine solche war.
Du hattest ihr all das ins Gesicht sagen wollen.
Doch heute möchtest du das nicht mehr.
Du verstehst doch eigentlich gar nicht, was sie überhaupt möchte, wo denn eigentlich ihr Problem liegt.
Ihr stehen die Tränen in den Augen, bald werden sie ihre hübsche Wange herunterlaufen. Oft schon hast du diese Wange berührt, immer liebevoll. Jetzt würdest du sie am liebsten schlagen.
Weil du keine Ahnung hast von diesem Gefühl, das sich Liebe nennt. Und was dieses Gefühl noch alles mit sich bringt.
Hilflosigkeit. Und Angst. Und Eifersucht. Und Verunsicherung.
„Hey, jetzt reg dich ab!“, sagst du taktlos, wie du nunmal bist.
„Ich bin ein freier Mann.“
Als wäre Ron Weasley eine gute Quelle zum zitieren, wenn es um Mädchenangelegenheiten geht. Oder um Taktgefühl.
„Jetzt komm doch erstmal rein.“
Wenigstens das war ein guter Satz. Ihre Lippen zittern, vor Wut oder vor Hilflosigkeit oder vor allen Gefühlen auf einmal, und sie kommt mit in deine Wohnung. Letztes mal hattet ihr euch geküsst, bevor sie ganz eingetreten war. Heute weint sie, bevor sie ganz eingetreten war. Du wirkst verärgert und in deinen Augen hinter deinen mädchenhaft geschwungenen Wimpern kann man einen Hauch von Überforderung erkennen. Du wolltest doch kein Mädchen zum Weinen bringen. Du wolltest doch nur deine Freiheit genießen.
Manche Mädchen verstehen dieses Prinzip von Freiheit nicht. Vom Küssen und vom Sex ohne ein Hintertürchen zur Liebe.
Und sie gehört zu diesen Mädchen.
Ja, du hast recht. Du hast es ihr schon so oft gesagt. Immer, wenn du sie geküsst hast, immer wenn sie neben dir lag, immer, immer, immer, hast du es ihr gesagt. „Ich möchte noch nichts Festes.“
Sie hat es gehört. Sie hat es verstanden. Falsch verstanden. Sie hat doch immer nur das „NOCH nicht“ gehört und sich heimlich gefragt, wie lange dieses NOCH Beständigkeit hat.
Ich weiß, du bist ihr keine Rechenschaft schuldig. Du bist ihr keine Treue schuldig. Du warst ja sogar treu!
Und doch verstehe ich, warum sie so aufgebracht ist und warum sie weint und warum sie dich anschreit. Weil sie dich liebt.

Auf dem Weg zu ihrem neuen Leben

Flugzeug

Dort oben, zwischen all den watteähnlichen, federleichten Wolken, zog ein Flugzeug vorbei. Und ich wusste, dass sie darin saß. Auf dem Weg zu ihrem neuen Leben.
Schon immer wollte sie hier heraus. Etwas tun, etwas erleben, etwas bewegen. Natürlich wollte sie das. Jeder will das irgendwann. Die einen seit sie sechzehn sind, die anderen seit sie einundzwanzig sind. Die anderen erst seit sie dreißig sind. Sie wollte es schon mit siebzehn. Und schaffte es mit neunzehn.
Niemals hätte ich erwartet, dass sie das durchzieht. Jeder will das. Keiner tut das.
Blöderweise fand sie jemanden, der das tat und macht es ihm nun nach.
Eigentlich wurde sie gefunden.
Ich frage mich oft, ob sie überhaupt eine Wahl hat. Ob ihr überhaupt bewusst ist, dass es auch andere Möglichkeiten gibt.
Ich glaube nicht.
Sie wünschte sich so sehr eine Veränderung. Sie wünschte sich so sehr, dieser Tristesse, die sich ‚ihr Leben‘ nennt, zu entkommen. Und dann kam mit einem großen Knall, mit Pauken und Trompeten dieser Kerl. Und erzählte ihr etwas von Welt verändern. Von Abenteuern und anderen großen Dingen.
Mehr Öl und mehr Sprengpulver hätte er gar nicht ins Feuer schleudern können.