Messerwerfer

»Dein größter Vorteil ist deine Größe.« Er deutete vielsagend auf sie, winzig wie sie war.
Sie konnte jedoch nur die Augen verdrehen. »Haha. Ich wusste nicht, dass es bei Kneipenschlägereien von Vorteil ist, dass man als Kindergartenkind durchgehen könnte.«
»Nenne es nicht Kneipenschlägerei«, wies er sie zurecht. »Und nenne dich nicht Kindergartenkind.«
Wieder verdrehte sie die Augen. »Und wie würdest du es dann nennen?«
Er grinste. »Rache. Und meine beste Waffe.«
Ohne ihren Blick von ihm abzuwenden, griff sie nach ihrem Kaffee und trank einen großen Schluck. Sie gehörte zu den Menschen, die auch abends noch Kaffee tranken, als hätten sie das Prinzip Koffein nicht verstanden. Wobei, sie hatte das Prinzip sehr gut verstanden, immerhin hatte sie heute Nacht noch viel vor.
»Dein Vorteil ist, dass sie dich – wie immer – unterschätzen.« Wieder das Grinsen. »Sie glauben, du wirfst nichts, außer Schatten.«
Unwillkürlich griff sie nach einem ihrer Messer, das neben ihr auf dem Tisch lag. Jetzt musste auch sie grinsen.

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wir spielen verrückt

„Ich glaube nicht an Zufälle.“ Er sagte es, als wäre er sich selbst nicht so ganz sicher.
„Und ich glaube nicht an Verschwörungen“, entgegnete ich mit verschränkten Armen.
Schnell warf er einen Blick über die Schulter. Doch die Lehrer waren alle mit ihrem Krisengespräch beschäftigt und die anderen Schüler waren erschreckt, verängstigt und sprachen hektisch durcheinander.
„Hör mir zu.“ Er drehte den anderen Menschen um uns herum den Rücken zu und sah mich eindringlich an. Warum musste er immer ausgerechnet mir seine Verschwörungstheorien erzählen? Vermutlich, weil ich die einzige Person auf der ganzen Schule war, die ihm überhaupt zuhörte.
Er griff nach meinem Arm und beugte sich so nah an mich heran, dass ich die Limo riechen konnte, die er vorhin im Unterricht (verbotenerweise) getrunken hatte. Die ich ihm mitgebracht hatte, weil ich wusste, wie gern er sie mochte.
„Das war jetzt schon das dritte Mal. In dieser Woche. Es wird immer weitergehen.“
Ich seufzte. „Und was willst du tun?“ Er wusste ganz genau, dass ich nicht du meinte. Sondern wir.
Also erklärte er mir seinen Plan, der mit den Worten begann: „Wenn sie verrückt spielen, spielen wir mit.“

zu gefährlich

Zunächst dachte ich, ich hätte mich getäuscht. Ich habe ihn schließlich seit Jahren nicht mehr gesehen. Außerdem dachte ich, er wäre nach Frankfurt gezogen. Das war viel zu weit weg, um ihn hier – durch Zufall – in den Bergen zu treffen. Doch als ich am Gipfel stand und die Aussicht genoss, stand er plötzlich neben mir. Mit diesem Grinsen, das ich schon damals nicht zu deuten gewusst hatte.
»Dachte ich es mir doch«, sagte er statt einer Begrüßung. Er war noch nie ein Mensch für Begrüßungsfloskeln gewesen. Damals hatte er auch schon immer einfach mit einer Unterhaltung begonnen. Ohne »Hallo«, ohne »Wie geht’s« ohne wenigstens »Hi« zu sagen.
Und natürlich starteten wir auch jetzt einfach eine Unterhaltung.
Und natürlich hatte auch jetzt die Unterhaltung einen Unterton, eine Vibration, die in Büchern immer als »Knistern« beschrieben wird. Es knisterte nicht. Der Wind pfiff kalt und ich fror, verschwitzt vom Aufstieg, wie ich war. Normalerweise hätte ich mir schon längst eine Jacke angezogen. Am Gipfel war es immer kalt. Doch vor ihm würde ich das nicht zugeben. Ich zwang meinen Körper sogar dazu, die Gänsehaut zu unterdrücken.
Es knisterte nicht, aber irgendetwas war da zwischen uns, als hätte es die letzten 6 Jahre der Entfernung nicht gegeben.
Es dauerte nicht lange, bis er das Gespräch auf damals lenkte.
»Du warst mir zu gefährlich«, sagte er schlicht.
Als sprach er nicht von mir, sondern von einem Drogendealer, einem Menschen, der Waffen zuhause hatte, der einen schlechten Einfluss hatte. Ich tat nichts davon. Ich war nichts davon.
»Gefährlich klingt gut«, entgegnete ich. »Besser als nett
Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und hob unbeeindruckt die Augenbrauen. »Böse kann ich mittlerweile auch.«
Ich sah ihn nicht an, sondern ließ meinen Blick auf die umliegenden Berggipfel geheftet. »Das ist nicht das Gleiche. Für die Bösen bin ich gefährlich.«

Von Füchsen und deren Beute

Es gibt Gespräche, die man lieber nicht führen möchte. Die man aber führen muss, wenn man etwas ändern möchte. Und ich möchte etwas ändern. Denn es ist furchtbar mit anzusehen, wie der beste Freund und die beste Freundin umeinander schleichen wie ein Fuchs und seine Beute. Ich wusste nur nie, wer jetzt gerade der Fuchs war und wer die Beute.
Die Füchsin (oder die Beute?) hatte sich von mir bereits vor Wochen entlocken lassen, wie sehr sie verliebt war. Ich konnte es ihr nicht verübeln. Er war der liebenswerteste Mann, den ich bisher kennengelernt hatte. Nicht umsonst war er mein bester Freund.
Doch immer wenn ich dachte, jetzt – jetzt! – müsste endlich etwas passieren, sie würden endlich kapieren, was der Andere fühlte, dann vermasselte er es. Es war frustrierend. Immer war er derjenige, der im letzten Moment irgendetwas total doofes sagte oder einfach abhaute. Weil er ja so sehr beschäftigt war mit seiner Doktorarbeit.
Also musste ich ihn zur Rede stellen. Natürlich erwähnte ich nicht, dass die Füchsin (respektive Beute) mir bereits alles erzählt hatte. Ich stellte ihn einfach nur zur Rede, wie das eine beste Freundin nunmal tat.
„Ich interessiere mich nicht für Mädchen“, antwortete er mürrisch.
Ich hob überrascht die Augenbrauen. Das klang nach einer schlechten Ausrede. „Warum nicht? Bist du schwul?“
Das hätte er mir erzählt. Das hätte er mir so sicher erzählt.
Zum Glück ersparte er mir diese Lüge und schüttelte den Kopf. „Nein. Aber ich habe in meinem Gehirn einfach keinen Platz für Liebe.“
Diese Antwort war so bescheuert, dass ich ihn beinahe geohrfeigt hätte. „Liebe hat nichts mit dem Gehirn zu tun.“

Versuch, unwichtig auszusehen

Missmutig sah ich an meinem Kleid herab. Es war viel zu eng. Wie sollte ich so kämpfen können, falls es nötig war? Und wenn ich so zu ihr hinüber sah, wie sie total nervös in ihrem ebenfalls zu engen Kleid neben mir durch das Tor trat, hatte ich das ungute Gefühl, dass ich heute noch kämpfen musste.
„Versuch, unwichtig auszusehen“, raunte ich ihr zu. Wenigstens waren unsere Kleider schlicht. Ihres dunkelrot und braun, meines dunkelblau und braun.
Als wir durch das Tor in den großen Innenhof getreten waren – unentdeckt zum Glück -, wanderte mein Blick unweigerlich zur Burgmauer. Dort mussten wir hinauf. Und ich wusste noch immer nicht, wie.
Vor uns tauchten ein paar der gewöhnlichen Magier auf. Solche, die Hühner in Spatzen verwandeln können oder ein Seidentuch in Luft auflösen. Wenn es mächtige Magier wären, würden sie auch nicht hier herumlaufen und zur Unterhaltung des Fußvolks dienen. Dann wären sie jetzt ein paar Meter unter uns, in Verliesen, und würden für den König Gold herstellen oder Blut von Haast – das tödlichste Gift aller Zeiten.
Gut, dass der König nicht wusste, dass die tödlichste Magierin aller Zeiten neben mir lief.

Nicht einfacher. Besser.

„Wie bitteschön soll ich das schaffen?“ Am liebsten hätte ich wie ein kleines Kind mit dem Fuß aufgestampft. Er verlangte hier das Unmögliche von mir – mal wieder. Als wäre es selbstverständlich, dass ich regelmäßig physikalische Gesetze außer Kraft setze. Natürlich stampfte ich nicht mit dem Fuß auf. Ich wollte ernstgenommen werden. Da benahm man sich erwachsen. Also stemmte ich die Hände in die Hüften und sah ihn so wütend an, wie ich konnte. Die Ohrfeige hob ich mir für später auf.
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du das halt immer so schaffst.“
„Nein! Dieses Mal nicht!“, widersprach ich. „Du stellst dir das immer so einfach vor. Aber das ist es nicht. Meine Kugeln sind nicht schneller als Licht.“
„Das müssen sie auch nicht sein.“ Er blieb ganz ruhig. Verdammt! Warum konnte er nur immer so ruhig bleiben, während ich am liebsten explodiert wäre!?
Seine Lippen kräuselten sich zu etwas, das wohl ein aufmunterndes Lächeln sein sollte. „Du schaffst das. Wie du das immer schaffst.“ Damit war das Gespräch für ihn beendet und er wandte sich zum Gehen.
Ich zeigte ihm eine nicht ganz so freundliche und kindliche Geste mit einem gewissen Finger und rief ihm hinterher: „Ich wünschte, du würdest mir mal einfachere Aufgaben geben. Ich wünschte, das hier allgemein wäre mal etwas einfacher.“
Überraschenderweise hielt er inne und drehte sich nochmal zu mir um. „Wünsch dir nicht, es wäre einfacher. Wünsch dir, du wärst besser.“


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Wer einen solchen Kollegen hat …

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Es gibt da diesen Satz „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr“, der bei uns ständig durchs Büro gerufen wird.
Doch eigentlich müsste ich sagen: „Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Freunde mehr.“

Als ich damals neu in der Firma war, hatte ich deine Scherze und ironischen Sprüche nicht verstanden. Und deine gruselig-blauen Huskyaugen verunsicherten doch sowieso jeden Menschen, der dich nicht kannte.
Aber mit jedem deiner Scherze und mit jedem deiner ironischen Sprüche lernte ich dich besser kennen. Mochte ich dich mehr.
Du nahmst mich auf in eure eingeschworene Büro-Truppe, als wäre es selbstverständlich. Was es für dich vermutlich auch war.
Du ignorierst mein Stottern, brichst mein ängstliches Schweigen. Weil du so offensiv mit all meinen Schwächen umgehst. Und mit deinen ebenfalls. Für jeden Scherz über mich machst du drei Scherze über dich.
Ich lache dich aus und du lachst mich aus. Wir kommunizieren nur noch mit Mittelfingern. Und Augenzwinkern. Und Grinsen.

„Wer einen solchen Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr!“, werfe ich dir mit einem Augenzwinkern zum fünften und letzten Mal für heute an den Kopf, als ich an dir vorbei aus dem Büro gehe. Ich frage mich kurz, ob du mich vielleicht nicht gehört hast, denn ausnahmsweise kommt keine fiese Antwort von dir.
Ich bin bereits am Auto, als du plötzlich neben mir stehst.
„Ich wäre gern mehr als dein Kollege“, sagst du leise.
Aus Gewohnheit warte ich auf die Pointe. Auf dein Zwinkern. Deinen Mittelfinger.
Doch da kommt nichts mehr.