Tausche Leben gegen Ideen

Tunnel

In der Zeitung heute Morgen: „Tausche Leben gegen Ideen.“ Selten etwas so absurdes gelesen. Und dieses Mal war diese Chiffre-Nummer kein Hindernis. Sondern nur ein Code, den man dechiffrieren kann.
„Habe Ideen. Aber bereits ein Leben.“
Aus einer Chiffre- wurde eine Handynummer und die Einigung, dass man Ideen nicht per Handy verschicken kann.
Ich brachte mein Notizbuch, du ein Messer. Ich Neugierde, du Unerschrockenheit.
Denn der Tod ist auch nichts weiter als der größte Verschwindezauber.
Den ich jedoch nicht sehen wollte.
Du behieltst dein Leben. Ich mein Notizbuch.
Und dich im Gedächtnis. Und vielleicht auch im Herzen.

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Kein Gebet

Wolkentürme

Ich blute Tränen und weine Blut. Meine Wunden werden mit Salz übergossen, ehe sie zu Asche zerfallen. Dein Mund formt sich zu einem „Oh“, das ich heute noch hören kann, obwohl ich es nie sah. Ich hörte davon. Ich schäle meine Haut von den Lippen. Küsse Brandmale und Statuen, die genauso zu Staub werden, wie jeder Wimpernschlag, der jemals zwischen uns stand. Stattfand. Anstatt zu weinen, beten wir. Anstatt zu beten, leben wir. Ich erinnere mich an Träume, in denen ich verblutete, weil ich so viel weinte. Es waren nie Albträume, denn aus Blut entsteht Leben und Leben bist du.

Narbensammler

Faust

Sie sehen dir zu bei deinem Kampf. Beobachten jeden Schlag, den du austeilst und jeden Schlag, den du einsteckst. Sie raunen wenn du stolperst, sie jubeln, wenn du triffst. Sie wetten und schreien und lachen.
Während du kämpfst. Nicht um dein Leben. Sondern um alles Andere, was dir wichtig ist.
Deine Haut ist ein Flickenteppich, ein Mosaik aus Narben.
Von jedem Kampf nimmst du ein Andenken mit. Eine Wunde. Aus der eine Narbe wird. Ansonsten war es kein Kampf. Sondern nur ein Sieg.
Die Zuschauer sind deine Familie. Die Arena dein Leben. Und doch verabscheust du sie. Das Einzige, was dir daran gefällt, sind deine Narben. So kann sich endlich jeder vorstellen, wie es in deinem Inneren aussehen muss.
Doch viel wichtiger als die Verletzungen, ist die Tatsache, dass du weiterkämpfst. Und weiterhin Narben sammelst.


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Wie es beginnt

Converse

Es beginnt doch immer so:
Sie saßen am ersten Schultag zufällig nebeneinander.
Zufällig. Wie es bei solchen Geschichten nun mal so ist.
Und das ist doch alles, was es braucht, um ein ganzes Leben zu füllen.
Ein Schultag, ein unsicherer Blick, geteilte Angst ist halbe Angst.
Und sie werden 70 Jahre lang ihre Ängste teilen.

Schulhofwettrennen.
Mathe abschreiben.
Erste Liebe.
Wachstumsschmerz.
Zukunftsangst.
Unsicherheit.
Große Liebe.
Große Rückschläge.
Arbeitsalltag.
Beziehungskrise.
Postkarte aus Chile.
Brief aus Frankreich.
Verlustangst.
Was ist Familie?
Erinnerungen.
Beerdigungen.
Hände halten.
Leben lassen.
Sterben lassen.
Gemeinsam gehen.

Hübsch?

Life for a cause

Du bist nicht hier, um hübsch zu sein.
Du bist hier, um die Welt aus den Angeln zu heben. Um Augen zu öffnen. Um Gedichte zu schreiben. Um die Wahrheit zu sagen. Um Streit zu beginnen und um Frieden zu schließen. Um den Himmel zu bemalen.

Lass dich niemals von jemandem auf „hübsch“ reduzieren.
Oder schlimmer noch: darauf reduzieren, hübsch sein zu wollen.

Am Meer

Über den Dächern von Brighton

Was macht man, wenn das Wetter Zuhause so stark auf die Stimmung drückt, das man sich fühlt wie Atlas, der schließlich das Gewicht der ganzen Welt tragen musste?
Richtig, man fährt ans Meer.

Und auch wenn dort das Wetter nicht unbedingt besser ist, es ist doch immerhin anders. Der Himmel ist weiter, die Luft riecht salzig, die Möwen kreischen.

Also sitze ich am Strand im Nebel und beobachte die Wellen.
Sitze im Café und belausche nichtige Gespräche über Essgewohnheiten und Kollegen.
Liege im Hotelbett, starre aus dem Fenster und beobachte die Möwen.

Auch am Meer ist das Leben nicht unbedingt besser.
Aber immerhin ist es anders.

Auseinanderdriften – Teil 3

Wien Graffiti

Hier geht’s zu Teil 1
Und hier geht’s zu Teil 2

Wer entfernte sich von wem? Wer driftete ab?
Dann stand plötzlich Micha vor mir. Er war mein liebster Mitbewohner. Er hatte mich davon überzeugt Vegetarier zu werden und er hatte mir in den letzten Wochen und Monaten geholfen, als Landei die Großstadt zu überleben. Er war der netteste und verrückteste und lustigste Mensch in München. Und Katja musterte ihn beinahe angewidert. Weil er Rastas hatte, viel zu weite Hosen trug und ziemlich nach Zigaretten roch. Weil er sich eine Zigarette hinter sein Ohr geklemmt hatte. Kurz: Weil er anders aussah als der Durchschnittsbürger im Spießerdorf.
Micha versuchte mit Katja zu reden, doch es war nicht zu übersehen, dass sie das nicht wollte. Wie sie kaum merklich die Nase rümpfte. Wie ihre Stimme herablassend wurde. Als wäre sie ihm um Welten überlegen.
Dabei war doch er derjenige, der überlegen war.
Im nächsten Moment schämte ich mich für den Gedanken, doch irgendwie war das doch auch die Wahrheit.
Ich schämte mich abwechselnd für sein ungepflegtes Aussehen (auch wenn er jedes Recht dazu hatte, so auszusehen wie er wollte) und für Katjas Verhalten (auch wenn sie doch nichts dafür konnte, dass sie so engstirnig aufgewachsen war.) Micha kapierte bald, dass er unerwünscht war. Er ließ mir noch ein Buch da, das er für mich aus der Bibliothek geholt hatte, und verschwand dann wieder.
Katja sah ihm nach und warf mir dann einen fragenden, irgendwie erschrockenen Blick zu.
Ignorier‘ das, sagte ich mir. Ignorier‘ das einfach.
„Aber erzähl mal, was stellst du jetzt immer so an?“, fragte ich, in der Hoffnung wieder auf sicheren Untergrund zu kommen.
Sie seufzte. „Weißt du, es ist nicht mehr so wie früher.“ Und ich musste ihr zustimmen. Bedingungslos. Es war nicht mehr so wie früher, nichts war mehr so wie früher.
Ich lebte in der Stadt, sie lebte auf dem Land.
Wir beide hatten uns verändert. In verschiedene Richtungen.
Sie erzählte von der Arbeitslosigkeit, von zu niedrigen Löhnen, von ihren Träumen, die sie sich nicht erfüllte, weil sie sich selbst im Weg stand. Früher war mir nicht aufgefallen, dass sie sich selbst aufhielt. Doch jetzt war es überdeutlich, wie sehr sie sich festband an ihren Job, an ihren Freund, an ihre Familie, an unseren perspektivenlosen Heimatort. Als wären das feste Ankerpunkte, von denen sie sich nicht lösen durfte. Als wäre es ein Verbrechen, sich davon loszusagen. Als wäre ich ein Verbrecher, weil ich hunderte Kilometer fortgezogen war. Sie sprach es nicht aus, doch sie sagte es klar und deutlich. „Weißt du, es ist nicht mehr so wie früher.“
Nein, das war es wirklich nicht mehr.
Früher waren wir gleich gewesen.
Jetzt waren wir auseinandergedriftet.