Lärmende Zeiten

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Obwohl sie fürchterlich leise & schüchtern war, hatte sie eine Lautstärke, die einem Karneval in nichts nachstand. Sie selbst bezeichnete sich mehr als Waldbrand. Ich verstand den Vergleich nicht. Aber ich war froh, dass sie mit mir sprach. Und dann auch noch über solch persönliche Dinge.
Sie war schüchtern und ihre Klassenkameraden hänselten sie. Anfangs. Sie bekam schlechte Noten für ihre Mitarbeit. Nur weil sie sich nicht oft meldete. Und niemals mit dem Finger schnippte (obwohl sich die Lehrer doch darüber immer aufregten).
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich anfangs Mitleid mit ihr hatte und nur deswegen überhaupt begann, um sie herumzuschleichen. Sie war nicht dumm, merkte es natürlich sofort. Zu meiner Erleichterung stellte sie mich aber nicht zur Rede. Wobei, eigentlich tat sie es. Nur mit ihrem Blick. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich wenigstens ehrlich zu ihr war. Ich sagte ihr, dass sie mir leid tat. Und dann verzog sie mitleidig das Gesicht. Und leise, ganz leise, und mit nur wenigen Worten erklärte sie mir, dass Mitleid nicht angebracht war. Dass sie sich das so ausgesucht hatte. Sie konnte sich schließlich auch ohne laute Worte bemerkbar machen. Ein Talent, das wenige beherrschen.
Wenig später las ich irgendwo: „Wir leben in solch lärmenden Zeiten. Alles stellt Rekorde auf.“ Ich tat mir selbst ein wenig leid.
Seitdem schätzte ich ihren Waldbrand. Auch wenn ich diese Erklärung noch immer nicht verstand.

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Friedfertig

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Ich bin ein friedfertiger Mensch.
Ich bin so friedfertig, ich würde selbst dann noch versuchen Murmeln zu spielen, wenn der Gegner schon längst die Murmeln durch Granaten ausgetauscht hätte.
Der einzige Mensch, den ich anschreien kann, bin ich selbst.
Und auch dann schreie ich so leise, dass nur ich selbst mich hören kann.
Der Terror lässt sich nicht besänftigen und dennoch rede ich mit ruhiger Stimme auf ihn ein.

Und manchmal frage ich mich, wo der Unterschied zwischen Sanftmut und Naivität, zwischen Naivität und Leichtsinn, zwischen Leichtsinn und Dummheit liegt.

Und wäre es dann nicht ein Analogieschluss, Sanftmut mit Dummheit gleichzusetzen?

Doch dann gibt es Momente, da frage ich mich:
Muss man die Stimme heben, um laut sein zu können?
Muss man die Stimme heben, um gehört zu werden?
Muss man Gewalt anwenden, nur weil man es kann?