Mehr

Sie war schon immer ein Mädchen gewesen, das mehr wollte.
Mehr Gummibärchen, mehr Geburtstagskerzen. Mehr Wissen, mehr Freunde, mehr Zeit. Mehr Berge, mehr Täler, mehr Meer. Mehr Talent, mehr Bücher. Mehr Toleranz, mehr Offenheit. Mehr Träume.

Sie sitzt jetzt im Gefängnis.
Weil sie mehr Gerechtigkeit wollte.

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Hasenherz & Löwenherz

Kaninchen

Ich bin ein hasenherziges Mädchen.
Mein Mut passt in einen Fingerhut.
Du empfiehlst mir, so zu tun als ob. Das ist fast so gut, als wäre ich es tatsächlich.
Aber alles, was ich schaffe, ist meine Rehaugen zu schließen, wenn die Angst mich übermannt.
Totstellen ist auch eine Art zu überleben, behaupte ich.
Angst ist dazu da, überwunden zu werden, behauptest du.
Mir fällt ein, dass du das auch über Mauern sagtest. Dabei pflegst du alle Mauern bedingungslos einzureißen.
Vielleicht sollte ich meinen Hasen also erschießen.
Und mir stattdessen einen Löwen zulegen.

Teach her how to kill

Staring at the Ocean

In dieser Geschichte muss kein schönes Mädchen vor einem bösen Monster gerettet werden.
In dieser Geschichte braucht man keinen Prinzen.
In dieser Geschichte gibt es kein Happy End.

In dieser Geschichte muss ein böses Mädchen vor einem schönen Monster gerettet werden.
In dieser Geschichte rettet sich das Mädchen selbst.
In dieser Geschichte gibt es ein Bloody End.

 

Dazwischen

Immer in Bewegung bleiben

Manchmal fragt sie sich, wie sie zu dem wurde, was sie heute ist. Dann denkt sie zurück an früher. Die Zeit in der Grundschule, all die Sommerferien, die Kindheit und die Jugend. Sie war immer brav gewesen, so erschreckend brav. Sie war das Mädchen gewesen, das man zwischen die lärmenden Jungs gesetzt hatte. Sie war das Mädchen, das von den Eltern mit Stolz betrachtet wurde. Sie war das Mädchen, das als erste allein das Haus verlassen durfte.
Weil sie immer zuverlässig war, immer höflich, immer fleißig.

Und jetzt sitzt sie hier. Inmitten all dieser Verzweifelten, Gewalttätigen, Ausweglosen. Ein wenig fühlt sie sich fehl am Platz. Allein ihre Bildung ist mehr wert als diese Menschen hier. Denkt sie sich und schämt sich für den Gedanken, der aus ihrer alten Welt zu kommen scheint. So ist sie doch nicht mehr. Irgendwann war sie in ein Loch gefallen. Und dort unten auf dem Boden hatten all diejenigen gewartet, die nun neben ihr saßen. Es waren nicht genau diejenigen. Doch im Grunde waren sie es doch.

Der Therapeut hört ihr aufmerksam zu, als sie beginnt von „früher“ zu sprechen. Er nickt, macht selten Notizen, sieht sie an. Sein Gesichtsausdruck ändert sich auch nicht, als sie von den letzten Wochen und Monaten und Jahren erzählt. Von diesem Loch und diesen Menschen um sie herum. Er ist geduldig, wartet wenn sie Pausen macht, lässt sich von Gestotter und unvollständigen Sätzen nicht irritieren.
Irgendwann aber, als sie der Meinung war, alles erzählt zu haben, fragt er: „Und was geschah dazwischen? Zwischen diesem ‚früher‘ und dem ‚jetzt‘?“

Sie zuckt hilflos mit den Schultern. „Dazwischen ist nichts. Nur Veränderung.“

Ein ganz normales Mädchen

Mit der Decke am Fluss

Und nach allem musste ich feststellen, dass ich doch einfach nur ein ganz normales Mädchen war.
Unsicher & unbeholfen, klein aber laut, stark, geliebt.

Ich glaube, das ist auch okay so.
Falsch, ich bin sogar überzeugt davon.

Nicht jeder Mensch kann die Welt retten.
Die Menschheit kann nicht täglich von einem anderen Helden gerettet werden.
Es muss auch Mädchen geben, die diese Helden bewundern. Und so ein Mädchen war ich eben.
Natürlich träume ich auch weiterhin davon, dass das ganze Land oder zumindest die ganze Stadt von meinen großartigen Taten spricht.
Aber es ist völlig in Ordnung, wenn es beim Traum davon bleibt.

Sturmgedanken

Sturmwolken

Es herrschte diese Art von Wetter, bei der man das Haus nicht verließ. Und wer das Haus doch verließ, hatte zwei Möglichkeiten das zu tun.
Erstens: Zusammengekauert, gebeugt, sich so klein wie möglich machend. So wenig Angriffsfläche wie möglich bietend.
Zweitens: Aufrecht, erhobenen Hauptes, angriffslustig, die Schultern gestrafft, der Außenwelt die Stirn bietend. Mit dem ganzen Körper rufend: Hier bin ich.

Heute entschied sie sich für die zweite Möglichkeit. Gestern schon hatte sie siebzehn Stunden auf dem Sofa verbracht, unter ihrer Decke (‚Gudrun‘ sagte das Etikett) versteckt. Die restlichen sieben Stunden war sie im Bett gelegen. Vergeblich auf den Schlaf wartend.
Das war genug. Nun war es Zeit zu kämpfen.
Wenn sie schon den Kampf gegen das Vermissen verlor, dann wenigstens nicht den Kampf gegen das Wetter.

Die Haustüre wurde ihr beinahe aus den Händen gerissen, so stark war der Wind. Er zerrte an ihrem Mantel, an ihren Haaren, selbst an ihren Fingern. Also ballte sie die Hände zu Fäusten. Kniff den Mund zusammen und die Augen. Und schritt los.

Als man sie beinahe zwei Tage später in einem Stück Wald fand, zusammengekauert unter einem Baum Schutz suchend, wurde sie gefragt, wohin sie denn eigentlich wollte.
Und die einzige ehrliche Antwort, die sie geben konnte war: „Weg.“

Von der Erkenntnis, dass jeder altert

The watch

Ich sehe sie noch vor mir, Kinder.
Den Jungen, wie er im Hof meines Nachbarn Fußball spielte, nur mit sich selbst, unermüdlich, den ganzen Nachmittag.
Das Mädchen, viel zu klein, ständig krank, mein kleiner Bruder musste ihr immer die Hausaufgaben vorbeibringen.
Und nun stehen sie da.
Der Junge nun größer als ich es bin, in der einen Hand eine Zigarette, in der anderen die Hand seiner Freundin, einem blonden Püppchen.
Und das Mädchen, hohe Schuhe um endlich nicht mehr die Kleinste zu sein, die Augen stärker geschminkt als ich es jemals tun könnte.

Die Zeit vergeht so schnell.
Macht aus Kindern Erwachsene.
Die Erde dreht sich.
Alle werden älter.