in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.

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Fremde Wohnung

Fremde Wohnung

Neugierig sah sie sich in seiner Wohnung um. Er lebte ordentlich. Die Bücher standen in Reih‘ und Glied in den Regalen. An der Decke hing eine schlichte Lampe und in einer Ecke stand ein Sofa, das so aussah, als würde es nicht oft gebraucht werden. Es gab keine Pflanzen, fiel ihr auf. Die Stühle standen parallel zur Wand, an die ein paar Zeitungsausschnitte geklebt waren. Daneben hing Salbei zum Trocknen. Nur auf dem Tisch herrschte beinahe so etwas wie Unordnung. Dort stapelten sich Zeitungen, in denen gelegentlich Absätze mit gelben Textmarker hervorgehoben waren.
„Willst du Tee? Und Schokolade?“, fragte er sie plötzlich.
Sie drehte sich zu ihm und nickte. Und versuchte, ein dämliches Grinsen zu unterdrücken. Sie war schwer bemüht, sich nicht in ihn zu verlieben, aber das war alles andere als einfach. Wenn man bedachte, wie ähnlich sie sich waren. Und wie zielsicher er ihre Gedanken lesen konnte.
Während er in die Küche verschwand, blickte sie aus dem Fenster. Die Nacht brach herein. Die Straßenlampen brannten schon und über den Hochhäusern konnte man nur noch schwach die einzelnen Wolken ausmachen, die kaum noch dunkler waren als der Himmel.
Er kam kurze Zeit später zurück, drückte ihr eine Tasse in die Hand und legte eine Tafel Schokolade auf den Tisch. Dann stellte er sich neben sie und sah nach draußen, hinunter auf die Straßen. Unweigerlich wurde ihr seine Nähe bewusst, sie spürte seinen Atem, sie roch seinen Schweiß und sein Deo.
„Die anderen Jungs werden bald kommen“, sagte er. Beinahe entschuldigend?
Schlagartig wurde ihr bewusst, wie leichtsinnig sie war. Sie war allein in die Wohnung eines Mannes gekommen, den sie erst seit dem Vorabend kannte. Und sie wusste, dass bald noch weitere Männer in dieser Wohnung auftauchen würden.
Wie konnte sie nur so dumm sein?
Unauffällig tastete sie nach ihrer Hüfte, wo – gut versteckt unter ihrem Pullover – ein Messer wartete.
Der beste Weg in das Herz eines Mannes ist zwischen der vierten und der fünften Rippe, erinnerte sie sich und lächelte grimmig.

A true Queen needs no King

Alnwick Castle

Wir verschwenden viel zu viel Zeit damit, uns gegenseitig zu überbieten.
Gestern liebte ich dich, heute fordere ich dich heraus. Weil ich mich nicht kleinmachen darf und weil du mich nicht kleinreden darfst. Hast du nie getan. Aber die Gefahr besteht.
Also baue ich mir mein Schloss selbst und setze dich vor die Tür. Also vor das Tor. Und versperre mich hinter den Mauern. Weil ich selbst groß genug bin um das alles allein zu schaffen. Behaupte ich zumindest. Und scheitere fulminant daran.
Ich kann mir meine Türen selbst öffnen, dazu brauche ich keinen Mann. Stimmt. Doch manche Türen bleiben dann für immer verschlossen.
Ich brauche keine roten Rosen jeden Tag oder Frühstück im Bett. Ich brauche auch keine romantischen Sonnenuntergänge. Dennoch dreht die Erde sich weiter und die Sonne geht jeden Abend erneut unter.

Vielleicht sollten wir also doch all den Hass einfach vergessen.
Und uns gegenseitig schätzen.
Und jeder darf für sich selbst groß werden. Und jeder hilft dem Anderen trotzdem.
Egal in welche Richtung man wächst.
Egal ob gerade oder schief oder verkehrt herum.

Und auch wenn ich dich vielleicht nicht brauche – ich möchte dich an meiner Seite.
Denn gemeinsam sind wir doch am stärksten.

Nackt bedeutet nicht „ohne Kleidung“

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Du prahlst damit, wie viele Mädchen du bereits nackt gesehen hast. Und deine Freunde werden johlen und grölen deswegen, zumindest wenn sie genug getrunken haben. Wenn nicht, werden sie zumindest anerkennend nicken.
Du bist stolz auf diese Zahl, die zweistellig ist und unnatürlich hoch und einfach eine Lüge.
Mit gespielter Zurückhaltung erzählst du schließlich auch mir davon. Schließlich habe ich dir von meiner Krankheit erzählt und das bedeutet, dass auch du mir etwas Persönliches erzählen musst. So geht dieses Spiel, dieses Austauschen von Geheimnissen, dieses plötzliche und doch schleichende Inneres-nach-Außen-Kehren.

Und ich widerspreche dir.
Zuerst stutzt du. „Doch.“, beharrst du. „Es waren wirklich so viele.“
Wieder sage ich: „Nein, waren es nicht.“
Du zuckst mit den Schultern, als würdest du klein beigeben. Zumindest ein ganz klein wenig. „Vielleicht hast du recht, einige habe ich öfter nackt gesehen, vielleicht habe ich da mal falsch gezählt.“
Dreimal hole ich Luft, bevor ich die Worte & Silben in meinem Kopf richtig sortiert habe. Dann frage ich dich: „Wie viele Mädchen hast du weinen gesehen?“
Falten bilden sich auf deiner Stirn, du wirkst irritiert und ein wenig verstimmt und unangenehm berührt und dann sagst du: „Na ja, drei oder vier. Und meine Schwester und meine Nichte. Aber…“
Ich lasse dich nicht weiterreden, denn ich weiß, dass du das Thema wechseln möchtest.
„Wie viele Mädchen haben dir von ihren Albträumen erzählt?“, frage ich weiter.
Wieder dein Stirnrunzeln. Dann widerwillig: „Meine Ex-Freundin ist nachts öfter mal aufgewacht und ich…“ Du unterbrichst dich selbst und fragst, unsicher grinsend: „Aber was soll das? Wird das jetzt ein Witz?“ Weil wir sonst doch immer scherzen.
Unbeeindruckt frage ich weiter: „Wie viele Mädchen haben deine Hand gedrückt, einfach als Zeichen ihrer Gefühle? Wie viele Mädchen haben dir von ihren Träumen erzählt? Von ihren peinlichen Kindheitswünschen und von ihren Momenten der Panik? Wie viele Mädchen haben dir mit strahlenden Augen erzählt, wie wunderschön eine Erinnerung ist? Von wie vielen Mädchen hast du die Tränen gesehen? Von wie vielen Mädchen weißt du, warum sie ihr Studium abgebrochen haben oder warum sie sich von ihrem letzten Freund getrennt haben oder warum sie schon so lange nicht mehr mit ihren Eltern gesprochen haben?“

Ich mache eine kurze Pause, lächle (es tut mir leid, das Lächeln sollte nicht abwertend sein doch ich glaube, es kam geringschätzig rüber) und frage: „Na, wie viele Mädchen waren das?“

Sprachlos starrst du mich an. Verärgerung und Hilflosigkeit sprechen aus deinen meerblauen Augen, die schon so viele Mädchen dazu überredet haben, zu dir nach Hause mitzukommen. Deine Lippen, die schon so viele Mädchen geküsst haben, zucken und doch sagst du kein Wort.

Ich wiederhole die Zahl, die du mir gerade genannt hast. „So viele Mädchen hast du vielleicht schon ohne Kleidung gesehen. Doch Nacktheit ist etwas anderes.“

Slightly overdressed

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Wir haben uns schick gemacht. Ich in meinem Abendkleid, ein wenig zu kurz, unglaublich dunkelblau. Du in deinem Anzug, blütenweißes Hemd, perfekter Windsor-Krawattenknoten.
„Wir sind völlig overdressed.“, stelle ich kichernd fest, während wir zum Eingang gehen. Hand in Hand. Das machen wir sonst eigentlich nicht. Ich fühle mich betrunken, obwohl ich den ganzen Tag über nur Wasser getrunken hatte. Der Wein würde erst noch folgen – das zumindest war der Plan.
„Vielleicht ein wenig.“, gibst du zu. Und lächelst mich an. Dein Lächeln. Dafür würde ich töten. Deine schiefen Zähne, deine ständig trockenen Lippen.
Ich taste nach meiner Frisur. Ungewöhnlich. Normalerweise hatte ich nur Haare. Heute Abend habe ich eine Frisur. Sie sitzt immer noch, glaube ich zumindest. Ein Spiegel wäre gut. Doch ein Spiegel ist etwas, das ich nie in meiner Handtasche habe. Notizzettel, Bleistiftstummel – mindestens vierzehn. Aber keinen Spiegel. Ich zucke mit den Schultern, du legst deinen Arm um mich.
Wir betreten das Restaurant, wir werden willkommen geheißen, als wären wir hoher Besuch. Vielleicht denken sie, dass wir reich sind; reich & berühmt, schießt es mir durch den Kopf und ich muss grinsen.
Unser Tisch steht in einem extra Raum. Ein riesiger Raum, ein halber Ballsaal. Und darin nur ein Tisch, fast ein wenig verloren, gedeckt für zwei Personen. Mit Herzen.
„Die glauben bestimmt, dass wir etwas zu feiern haben.“, flüstere ich dir ins Ohr. „Eine Verlobung oder so.“
Du siehst mich kurz an; und für einen winzigen Augenblick bekomme ich Panik. Was, wenn du mir hier – hier & jetzt! – einen Antrag machen möchtest? Doch dann fällt mir ein, dass das eindeutig nicht dein Art wäre. Nein, überhaupt nicht.
„Wir feiern einfach uns!“, sagst du und strahlst mich an.
Oh ja, das werden wird.
Nach zwei Gläsern Wein werde ich mich betrunken fühlen und herrlich leicht und ich werde das Essen genießen und wochenlang davon schwärmen und ich werde zwischendurch deine Hand berühren, einfach weil es schön ist, dass du da bist und weil wir feiern. Weil wir uns feiern. Einfach so. Weil es uns gibt.

Liebeserklärung an F. – Teil IV

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Ich möchte in deinem Arm liegen.
Ich möchte bei dir sein.
Denn du gibst mir Halt in dieser haltlosen Welt, wie ein Rettungsboot mitten im stürmischen Ozean.
Ich möchte mich verkriechen, irgendwo zwischen deiner Schulter und deinem Hals, in dieser knochigen Stelle, die so warm ist und sicher.
Ich möchte abends neben dir einschlafen.
Und nachts aufwachen, nur um dir beim Schlafen zuzusehen und nochmal neben dir einschlafen zu können.
Ich möchte dich beschützen. Die düsteren Gedanken aus deinem Kopf verjagen.
Und ich möchte, dass du mich beschützt.
Ich möchte nicht mehr all diese Monster sehen und fühlen. Und nur du kannst sie verjagen.
Ich möchte nur bei dir weinen, denn du küsst mir die Tränen von den Augen und nimmst mich in den Arm und hältst mich fest.
Ich möchte, dass du mich auf die Nase küsst und ich möchte dein Lachen sehen, wenn ich deswegen mein Gesicht verziehe.
Ich möchte deine Hand halten, ununterbrochen, auch wenn der Ring, den du nie ablegst, im Winter so fürchterlich kalt wird.
Ich möchte dich nie wieder loslassen, weil ich doch immer Angst habe, dass du irgendwann nicht mehr zurückkommst.
Ich möchte in deinem Arm liegen.
Ich möchte bei dir sein.
Immer.

Teil I
Teil II
Teil III

Liebeserklärung an F. – Teil III

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Jeden weiteren Tag meines Lebens möchte ich mit dir verbringen.
Die ganze Welt bereisen, großartige Abenteuer erleben, von denen wir noch unseren Kindern und Enkelkindern erzählen werden.
Jeden Ort, den ich sehen will, jede Herausforderung, die ich annehmen will, möchte ich nur mit dir erleben.

Denn sobald du nicht da bist, fehlt etwas unsagbar Wichtiges.
Als wäre man nackt und verletzlich.
Als würde die Luft plötzlich dünner.
Als könnte man die Schönheit der Welt nur in schwarz/weiß sehen.
Als würde der bedeutendste Teil fehlen.

Lass mich bitte nicht allein.

Teil I
Teil II