Dann vielleicht.

Du wartest auf die Revolution wie aufs Wochenende an einem Mittwoch. Und wenn es dann soweit ist, bist du zu beschäftigt, um mitzumachen. Außer, sie klingelt vorsichtig an deiner Haustür. Dann vielleicht. Du trinkst deinen Kaffee grundsätzlich schwarz, als wäre das ein Statement und keine Frage von Vorlieben und individuellem Geschmack. Am liebsten siehst du etwas brennen, doch das einzige, das du anzündest, sind deine Zigaretten. Außer, jemand anders beginnt mit Autoreifen. Dann vielleicht. Das Wort »radikal« sprichst du mit einer Zärtlichkeit aus, als wäre es so fragil wie dein Ego. Sprühst Graffiti auf die Berliner Mauer und wartest auf die Polizei, damit du »ACAB!« rufen kannst, doch keiner kommt, in Wirklichkeit traust du dich nicht einmal, Farbe im Baumarkt zu kaufen. Liebst das Wort »Parolen«, doch wann immer du welche rufen solltest, bist du heiser. Vom Rauchen oder von der Feigheit oder von der Tatsache, dass du nicht für die Revolution gemacht bist.
Niemand ist für die Revolution gemacht, doch es gibt Menschen, die werden die Revolution. Du gehörst nicht dazu. Außer, die Revolution kommt wirklich. Dann vielleicht.

Pathetik, Protest und persönliche Probleme

Papiervögel, sterbend

Im Grunde genommen wollen wir doch alle eine Revolution vom Zaun brechen, jedoch ohne uns dabei die Hände schmutzig zu machen.

Wir verlassen unsere Komfort Zone um von Klippen zu springen oder unser Gehalt zu verhandeln, nicht aber um Konflikte zu suchen anstatt sie zu umgehen.

Die einzigen Konflikte, die wir wagen, sind die in unserer Beziehung und die in unserem Job. Doch zu mehr reicht es nicht mehr.

Wir sehen Bilder davon, wie Menschen auf die Straße gehen. Lesen Zeitungsartikel darüber. Und denken uns: „Das! Das ist es, was man tun sollte: Protestieren. Boykottieren. Revolutionieren.“

Doch was ist es, das wir stattdessen tun?

Wir schmieren uns das nächste Nutellabrot, tippen die nächste E-Mail, bestellen den nächsten Cappuccino, beginnen die nächste Diät.

Viel zu sehr sind wir mit unseren eigenen kleinen Problemchen beschäftigt, um uns mit den großen Themen der Menschen, der Politik, der ganzen Welt zu beschäftigen.

Das einzige, was wir alle schaffen, ist uns zu beschweren. Über die Flüchtlinge. Über die Umweltverschmutzung. Über zu viel Liberalismus. Über zu viel Engstirnigkeit. Über den Nachbarn, der anders denkt als wir. Über links, über rechts, über alles dazwischen.

Wir würden ja gerne auf die Straße, auf die Barrikaden gehen. Doch wofür denn eigentlich? Irgendwie ist das doch alles nicht unser persönliches Problem. Irgendwie möchten wir doch lieber dieses eine Buch noch fertig lesen. Diesen einen Urlaub noch erleben. Diesen viel zu hohen Kredit abbezahlen. Diesen viel zu tristen Job kündigen.

Wofür würdest du diese verdammte Lethargie hinter dir lassen?

Wofür würdest du kämpfen?

Wofür wärst du bereit zu sterben?

Oder ist das zu pathetisch gefragt?

In einem anderen Leben

DSC01240 quer

I.
In einem anderen Leben
werden wir eine Revolution starten.
Die Fäuste in den Himmel gerichtet,
Parolen rufend.
Frieden fordernd, statt Krieg.

II.
Niemand mehr
wird die Farbe von Blut kennen
oder nach der Farbe der Haut
beurteilen
und verurteilen.

III.
Gejagt werden nur noch Schatten
in Erinnerung
an ein früheres Leben.
Niemand verliert mehr
sein Leben.

IV.
Ich wache auf
und höre den Kampflärm
und sehe die Feuer lodern.
Schüsse und Schreie erfüllen die Nacht.
Und meine Angst.

V.
In einem anderen Leben
werde ich mutiger sein.

In Unterzahl überlegen

Stadt in Flammen

Wir setzen die ganze Stadt in Flammen, zünden die Hochhäuser an, brechen die Asphaltwüsten auf, die sich „unsere Straßen“ nennen, beginnen eine Rebellion, von der wir schon lange wussten, dass sie nötig war, die wir aber dennoch nicht für möglich gehalten hätten.
Sie auch nicht.
Sie hätten nicht gedacht, dass wir dumm genug wären, es tatsächlich zu tun. Vielleicht hätten sie auch nur nicht gedacht, dass wir mutig genug wären, um unsere eigene Existenz, die Überzeugungen, die wir von Kindesbeinen an eingeredet bekommen hatten, mit Benzin zu übergießen und dann tatsächlich ein Streichholz daran zu halten.
Sie hätten nicht gedacht, dass wir sogar in Unterzahl überlegen seien.
Sie zerschlugen uns zwar. Uns und die ganze Rebellion.
Doch als die Rebellion endete, begann die Revolution.

Pathetik, Protest und persönliche Probleme

Papiervögel, sterbend

Im Grunde genommen wollen wir doch alle eine Revolution vom Zaun brechen, jedoch ohne uns dabei die Hände schmutzig zu machen.
Wir verlassen unsere Komfort Zone um von Klippen zu springen oder unser Gehalt zu verhandeln, nicht aber um Konflikte zu suchen anstatt sie zu umgehen.
Die einzigen Konflikte, die wir wagen, sind die in unserer Beziehung und die in unserem Job. Doch zu mehr reicht es nicht mehr.

Wir sehen Bilder davon, wie Menschen auf die Straße gehen. Lesen Zeitungsartikel darüber. Und denken uns: „Das! Das ist es, was man tun sollte: Protestieren. Boykottieren. Revolutionieren.“
Doch was ist es, das wir stattdessen tun?
Wir schmieren uns das nächste Nutellabrot, tippen die nächste E-Mail, bestellen den nächsten Cappuccino, beginnen die nächste Diät.
Viel zu sehr sind wir mit unseren eigenen kleinen Problemchen beschäftigt, um uns mit den großen Themen der Menschen, der Politik, der ganzen Welt zu beschäftigen.
Das einzige, was wir alle schaffen, ist uns zu beschweren. Über die Flüchtlinge. Über die Umweltverschmutzung. Über zu viel Liberalismus. Über zu viel Engstirnigkeit. Über den Nachbarn, der anders denkt als wir. Über links, über rechts, über alles dazwischen.
Wir würden ja gerne auf die Straße, auf die Barrikaden gehen. Doch wofür denn eigentlich? Irgendwie ist das doch alles nicht unser persönliches Problem. Irgendwie möchten wir doch lieber dieses eine Buch noch fertig lesen. Diesen einen Urlaub noch erleben. Diesen viel zu hohen Kredit abbezahlen. Diesen viel zu tristen Job kündigen.

Wofür würdest du diese verdammte Lethargie hinter dir lassen?
Wofür würdest du kämpfen?
Wofür wärst du bereit zu sterben?

Oder ist das zu pathetisch gefragt?

Die Gedanken einer Fünfzehnjährigen

Brief

Sie schrieb einen Brief mitten im Unterricht.
Natürlich sah es unser Mathelehrer; er hatte einen siebten Sinn für so etwas. Und wie immer, wenn er jemanden beim Zettel schreiben erwischte, lies er den Übeltäter die Nachricht laut vorlesen. Oft war es langweilig (Pläne für das nächste Wochenende), manchmal peinlich (die üblichen Liebesgeschichten).
Doch dieses mal… Mit so etwas hätte niemand gerechnet!
„Vorlesen.“, befahl der Lehrer.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah sie ihn an und begann dann vorzulesen:

Oh my dear,
wir schieben doch ständig alle Missstände auf die Gesellschaft. Dabei sind – für andere – auch wir die Gesellschaft! Wir sollten zunächst uns selbst ändern. Das Schlechte ausmerzen, bis wir uns selbst in die Augen sehen und irgendwann vielleicht sogar respektieren können.
„Sharpen your mind“, hatte Kate immer gesagt. Jedoch nicht, damit wir uns über die Missstände auslassen können, sondern um einen Weg zu finden, um sie zu ändern.
Und erinnere dich an ihre letzten Worte: „True revolution comes from true revulsion. When things get bad enough the kitten will kill the lion.“
Ich denke, bald werden die Dinge schlimm genug sein. Also lass uns die Löwen besiegen! 
Dafür müssen wir gewappnet sein, am besten nicht erst…

Sie blickte wieder auf, mit unbewegter Miene. „Das war’s.“
Die Gedanken einer Fünfzehnjährigen.
Es war als hielten achtundzwanzig Schüler den Atem an.
Ich hätte viel dafür gegeben, zu erfahren, wie der Brief weitergehen sollte. Und ich möchte wetten, der ganzen Klasse und unserem Lehrer ging es genau so.
Doch unser Mathelehrer konnte das natürlich niemals zugeben.