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Januarschnee

Januar öffnet den Vorhang,
begrüßt uns
mit großen Worten,
mit Trommelwirbel
und …
Stille.
Eisiges Schweigen.
Zuckersüß.
Wir warten
auf Applaus.

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Lärmende Zeiten

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Obwohl sie fürchterlich leise & schüchtern war, hatte sie eine Lautstärke, die einem Karneval in nichts nachstand. Sie selbst bezeichnete sich mehr als Waldbrand. Ich verstand den Vergleich nicht. Aber ich war froh, dass sie mit mir sprach. Und dann auch noch über solch persönliche Dinge.
Sie war schüchtern und ihre Klassenkameraden hänselten sie. Anfangs. Sie bekam schlechte Noten für ihre Mitarbeit. Nur weil sie sich nicht oft meldete. Und niemals mit dem Finger schnippte (obwohl sich die Lehrer doch darüber immer aufregten).
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich anfangs Mitleid mit ihr hatte und nur deswegen überhaupt begann, um sie herumzuschleichen. Sie war nicht dumm, merkte es natürlich sofort. Zu meiner Erleichterung stellte sie mich aber nicht zur Rede. Wobei, eigentlich tat sie es. Nur mit ihrem Blick. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich wenigstens ehrlich zu ihr war. Ich sagte ihr, dass sie mir leid tat. Und dann verzog sie mitleidig das Gesicht. Und leise, ganz leise, und mit nur wenigen Worten erklärte sie mir, dass Mitleid nicht angebracht war. Dass sie sich das so ausgesucht hatte. Sie konnte sich schließlich auch ohne laute Worte bemerkbar machen. Ein Talent, das wenige beherrschen.
Wenig später las ich irgendwo: „Wir leben in solch lärmenden Zeiten. Alles stellt Rekorde auf.“ Ich tat mir selbst ein wenig leid.
Seitdem schätzte ich ihren Waldbrand. Auch wenn ich diese Erklärung noch immer nicht verstand.

Winternacht

Winternacht

Es war gespenstisch.
Schwärzeste Nacht, sternklar, klirrend kalt.
Der Schnee reflektierte das blasse Licht des Mondes.
Alles war weiß und bleich, wie Knochen.
Und es war kein Geräusch zu hören.
Als würde jeder Laut verschluckt werden vom Schnee, der heute den ganzen Tag lang stumm gefallen war.

Nebelwände

Nebelwände

Im Nebel verloren.
Die Bäume nur undeutliche Schemen. Düstere Gerippe, die wie schwarze Finger in den Himmel ragen und nach Halt suchen. Doch der Himmel kann keinen Halt bieten, kann überhaupt nichts bieten außer trostlosem Grau.
Dürre Äste greifen in die Nebelwände, von Tropfen behangen.
Unter meinen Füßen einzelne gelbe Blätter, am vermodern.
Niemand war unterwegs. Wer wagte sich bei solch einer Düsternis schon aus der Geborgenheit des Wohnzimmers.
Und hier, mitten in diesem gottverlassenen Nirgendwo, gab es ja nicht einmal Wohnzimmer, die man hätte verlassen oder Menschen, die das hätten tun können.
Ich war allein. Die einzige Menschenseele im Umkreis von mehreren hundert Kilometern. Es hätten aber auch tausende Kilometer sein können. Wo war da noch der Unterschied?
Kein Geräusch war zu hören.
Bis der Schrei eines Eichelhähers die Stille zerriss und mein Herz für einen Moment aussetzen ließ.
Das war es doch, was ich eigentlich wollte. Stille. Einsamkeit.
Vielleicht hätte ich mich darauf vorbereiten sollen, wie einsam diese Einsamkeit sein kann. Vielleicht hätte mir jemand sagen sollen, wie viel Angst man haben kann. Allein im Nebel.