4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.

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Mir sind die Hände gebunden

Mir sind die Hände gebunden, aber nicht vor meine Augen, damit ich den Untergang der Welt nicht sehen muss, sondern vor meinen Mund, damit ich ihn nicht beschleunigen kann.

Mir sind die Hände gebunden, so fest, dass ich mich nicht wehren kann, so fest, dass ich niemanden aufhalten kann, nicht einmal mich, und schon gar nicht das Ende der Welt.

Mir sind die Hände gebunden, hinter meinen Rücken, sodass ich mich nicht mehr vorantasten kann, sodass ich nur stolpern kann und wenn ich falle, dann unaufhaltsam.

in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.

Kein Gebet

Wolkentürme

Ich blute Tränen und weine Blut. Meine Wunden werden mit Salz übergossen, ehe sie zu Asche zerfallen. Dein Mund formt sich zu einem „Oh“, das ich heute noch hören kann, obwohl ich es nie sah. Ich hörte davon. Ich schäle meine Haut von den Lippen. Küsse Brandmale und Statuen, die genauso zu Staub werden, wie jeder Wimpernschlag, der jemals zwischen uns stand. Stattfand. Anstatt zu weinen, beten wir. Anstatt zu beten, leben wir. Ich erinnere mich an Träume, in denen ich verblutete, weil ich so viel weinte. Es waren nie Albträume, denn aus Blut entsteht Leben und Leben bist du.

Zurückhaltend

Reh

Du sagtest, du wärst zurückhaltend.
Ich dachte zuerst: schüchtern und scheu
wie ein Reh.

Damals glaubte ich das.
Unschuldig und naiv wie ich war.
Als ich noch nicht dein Innerstes kannte.

Dein Innerstes, ein zerstörtes Schlachtfeld,
besudelt von vergossenem Blut,
ein dunkles Paradies für Krähen.

Jetzt weiß ich, was du wirklich bist.
Nicht schüchtern und scheu,
nicht wie ein Reh.

Aber zurückhaltend.
Weil du weißt, was ein Sturm anrichten kann.
Und diesen versuchst du zurückzuhalten.

Schall & Mauern

Bamberger Dom

Du gibst alles. Nur nicht auf. Dein Kopf ist ein Schlafzimmer ohne Bett.
„Ich möchte kein Astronaut sein“, sagtest du mal. „Das stell ich mir langweilig vor.“
Jeder Satz ein Understatement. Du bist, selbst wenn du rückwärts fährst, schneller am Ziel als alle Anderen. Weil du deine Ziele unterwegs setzt und wenn du sie nicht zu erreichen scheinst, wird der Weg zum Ziel. Solltest du mal am Verlieren sein, änderst du die Regeln, bis sie niemand mehr versteht. Nur du. Weil sich dein Kopf und dein Ehrgeiz keinen Regeln unterwerfen lassen.
Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden.
Angst ist dazu da, überwunden zu werden.
Nebenbei überwindest du Mauern und Gesetze und Murphy’s Law ja sowieso. Worst case: Deine Ideen crashen mit eintausendzweihundertsechsunddreißig Stundenkilometern gegen Wände der Realität. Immerhin hast du die Schallmauer durchbrochen. Und das überlebt keine Wand.
Lediglich Kirchen lässt du stehen. Aber wunderst dich bis heute, warum dich dein Gott nicht kennt. Vielleicht, weil Kirchen nicht dazu gedacht sind, überwunden zu werden?
Du wusstest noch nie, wann du stoppen solltest.