Anti-Romantik

Wenn ihr Herz sich zu Wort meldet, dreht sie die Musik lauter.
Wenn sie den Sonnenuntergang beobachtet, entschuldigt sie sich beim Tod.
Wenn sie Schmetterlinge im Bauch hat, kauft sie Insektengift.
Wenn Kerzen brennen, trägt sie sie in den Regen.
Wenn sie Rosen bekommt, vergisst sie zu gießen.
Wenn man sie ans Ende der Welt tragen möchte, zeigt sie auf ihre eigenen Beine.

Sie hasst Klischees, Kitsch und Romantik.
Ihn jedoch hasst sie nicht.

Sie kann vielleicht Symptome bekämpfen.
Aber nicht deren Ursache.

Werbeanzeigen

Verlieren

Sie hasst diesen Kampf,
den sie immer und immer wieder
aufs Neue austragen muss.
Kann sie ihn nicht endlich
endgültig gewinnen?
Oder ein für alle mal verlieren,
damit sie nie wieder,
nie, nie wieder
kämpfen muss?
Dann lass sie doch
wenigstens verlieren!
Wenn du sie schon nicht gewinnen lässt.
Sie hat es so satt.
Dieses ständige Unentschieden,
dieser ständige Waffenstillstand,
der doch nur vorübergehend ist.
Lass sie doch bitte endlich verlieren!

Entweder wach oder glücklich

Schlösser zu bauen war schon immer deine Stärke gewesen. Luftschlösser, behaupten böse Zungen. Schlösser aus Rauch, sagst du selbst. Aus Zigarettenrauch. Zigaretten begleiten dich schon viel zu lang. Deine Hosentaschen haben schon Abdrücke von den Schachteln, die du immer bei dir hast. Nur meist fehlt dir das Feuerzeug. Stattdessen trägst du Streichhölzer mit dir herum, die viel zu oft nicht mehr angehen, weil sie nass wurden. Irgendwann. Weil du viel zu viel Zeit im Regen verbringst. Du glaubst, der Regen könnte Dinge davonwaschen. Erinnerungen. Gedanken. Inzwischen hast du erkannt, dass der Regen selten diese Macht hat. Nur der Schlaf kann dir noch helfen. Entweder du bist wach oder du bist glücklich. Andere fürchten sich vor Albträumen. Du fürchtest dich vor dem Aufwachen. Du kennst keine Furcht, behauptest du. Aber irgendetwas lässt dein Herz schneller schlagen. Und das kommt nicht von Liebe. Denn du kennst keine Liebe. Behaupten böse Zungen. Dir ist das alles egal, solange du nur in Ruhe weiter rauchen darfst. Und Schlösser bauen.

4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.

Mir sind die Hände gebunden

Mir sind die Hände gebunden, aber nicht vor meine Augen, damit ich den Untergang der Welt nicht sehen muss, sondern vor meinen Mund, damit ich ihn nicht beschleunigen kann.

Mir sind die Hände gebunden, so fest, dass ich mich nicht wehren kann, so fest, dass ich niemanden aufhalten kann, nicht einmal mich, und schon gar nicht das Ende der Welt.

Mir sind die Hände gebunden, hinter meinen Rücken, sodass ich mich nicht mehr vorantasten kann, sodass ich nur stolpern kann und wenn ich falle, dann unaufhaltsam.

in omnia paratus

Seine Augen blitzten vergnügt, wann immer jemand lachte, doch nie war er der Grund dafür, dass jemand lachte. Ein freundliches Lächeln bekam er zwischendurch. Wie man den Postboten anlächelte oder die Schwester, die nach einem zu langen Wochenende wieder fortfuhr.
Seine viel zu großen Hände suchten nach etwas, das sie tun konnten. Klavier könnte er lernen. Oder Gitarre. Gefällt das nicht den Mädchen? Er könnte auch einen Tisch schreinern. Ein Dach decken. Eine Brücke einreißen.
Er ging ins Fitnessstudio, jede Woche dreimal. Seine Brust war breiter geworden, seine Arme zeigten erste Berge, sein Rücken könnte fünf Kinder tragen und doch trug er kein einziges.
Sein Kopf platzte beinahe von all dem Wissen, das er sich angeeignet hatte, ohne zu wissen, wofür er es jemals brauchen konnte. Ob er es jemals brauchen konnte.

Zu allem bereit.
Zu nichts zu gebrauchen.