Anti-Romantik

Wenn ihr Herz sich zu Wort meldet, dreht sie die Musik lauter.
Wenn sie den Sonnenuntergang beobachtet, entschuldigt sie sich beim Tod.
Wenn sie Schmetterlinge im Bauch hat, kauft sie Insektengift.
Wenn Kerzen brennen, trägt sie sie in den Regen.
Wenn sie Rosen bekommt, vergisst sie zu gießen.
Wenn man sie ans Ende der Welt tragen möchte, zeigt sie auf ihre eigenen Beine.

Sie hasst Klischees, Kitsch und Romantik.
Ihn jedoch hasst sie nicht.

Sie kann vielleicht Symptome bekämpfen.
Aber nicht deren Ursache.

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Messerwerfer

»Dein größter Vorteil ist deine Größe.« Er deutete vielsagend auf sie, winzig wie sie war.
Sie konnte jedoch nur die Augen verdrehen. »Haha. Ich wusste nicht, dass es bei Kneipenschlägereien von Vorteil ist, dass man als Kindergartenkind durchgehen könnte.«
»Nenne es nicht Kneipenschlägerei«, wies er sie zurecht. »Und nenne dich nicht Kindergartenkind.«
Wieder verdrehte sie die Augen. »Und wie würdest du es dann nennen?«
Er grinste. »Rache. Und meine beste Waffe.«
Ohne ihren Blick von ihm abzuwenden, griff sie nach ihrem Kaffee und trank einen großen Schluck. Sie gehörte zu den Menschen, die auch abends noch Kaffee tranken, als hätten sie das Prinzip Koffein nicht verstanden. Wobei, sie hatte das Prinzip sehr gut verstanden, immerhin hatte sie heute Nacht noch viel vor.
»Dein Vorteil ist, dass sie dich – wie immer – unterschätzen.« Wieder das Grinsen. »Sie glauben, du wirfst nichts, außer Schatten.«
Unwillkürlich griff sie nach einem ihrer Messer, das neben ihr auf dem Tisch lag. Jetzt musste auch sie grinsen.

Vom Glauben und von Wasser

Du glaubst an Gott und an das Gute in den Menschen.
Ich glaube nur an den Tod. Das sollte doch reichen, denke ich. Und zweifle an allem. Insbesondere an mir. Und an der Menschheit. Traurig sein kann ich für zwei. Dafür glaubst du für uns beide. 
An Tagen ohne Euphorie setzt du dich einfach hin und liest. Nicht in der Bibel, aber du liest. Wasser ist dein Freund und du erinnerst mich daran, dass ich mehr trinken soll. Also, mehr Wasser. Und weniger Alkohol. Denn mein Freund ist eher der Wein als das Wasser.
Du glaubst, dass alles besser werden kann. Egal, wie gut es schon ist. Egal, wie schlecht es schon ist. Ich glaube, dass alles schlechter werden kann. Egal, wie gut es schon ist. Egal, wie schlecht es schon ist.
Du sagst, ich wäre Pessimist. Ich habe mal irgendwo gelesen, ein Pessimist sei ein Optimist mit Erfahrung. Ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich erlebt habe, als Erfahrung zählt. Aber ich bin mir sicher, du hast mehr Erfahrung im Beten. Und mehr Erfahrung im Glauben. 
Manchmal verstehe ich deine Lebensweisheiten sogar. 
Wenn du sagst, alles ist im Fluss, meinst du dann, alles geht den Bach runter?

Wahre Freunde

Woran man wahre Freunde erkennt:

  • Man kann nicht nur über alles miteinander reden. Man kann auch miteinander schweigen.
  • Sie erklären die Welt in Worten, von denen sie wissen, dass du sie verstehst („… eine Schrift wie von Dumbledore“)
  • Auch wenn du für etwas keine Worte findest, wissen sie genau, was du meinst.
  • In ihrer Gegenwart kannst du genau so verrückt sein, wie du dich gerade fühlst. Und sie machen mit!
  • Du kannst und willst Schwächen von ihnen nicht sehen. Sie haben keine! Zumindest für dich. Und falls du sie doch siehst, sind sie dir völlig egal.
  • Sie wissen immer genau, was du gerade brauchst. Noch bevor es dir selbst bewusst ist.
  • Und sie wissen auch, welche Bücher dir gefallen. (Auch wenn du es noch gar nicht glaubst -> Harry Potter!)
  • Nach jedem Treffen hast du dieses undefinierbare Grinsen und diese scheinbar grundlose gute Laune
  • Sie schicken dir an einem ereignislosen Tag eine SMS – völlig ohne Grund – die den ganzen Tag rettet: „Der Zauberstab wählt den Zauberer, Mister Potter….“

Überraschung

Der Himmel explodierte über uns in Pink und Lila und Orange und Rot. Andere hätten irgendetwas Romantisches getan. Oder irgendetwas Romantisches gesagt. Immerhin war das hier sozusagen ein Date. Doch sie sah mir, nachdem sie den Himmel in all seiner Angeberei bewundert hatte, in die Augen und sagte: „Tut mir leid.“
Ich war ein wenig verwirrt. Sie hatte mir gerade den genialsten Platz für Sonnenuntergänge gezeigt. Sie hatte den genialsten Tag für den genialsten Sonnenuntergang ever ausgesucht. Und jetzt entschuldigte sie sich bei mir.
Sie wusste, dass sie mich mit diesem Satz überrascht hatte. Das war sicherlich ihr Ziel gewesen. Alles an ihr überraschte mich. Sie kannte mehr Fremdwörter als unser Deutschlehrer. Sie machte wochenlang keine Hausaufgaben, um dann in jedem Test trotzdem volle Punktzahl zu erreichen. Sie hatte nie dieses hormongesteuerte Spiel von Flirten und angeblichem Desinteresse mitgespielt. Sie hatte mir schlicht gesagt: „Du machst mich fröhlich und glücklich. Ich hätte gern mehr davon. Wollen wir uns heute Abend treffen? Ich möchte dir etwas zeigen.“
Und jetzt zeigte sie mir den wunderschönsten Sonnenuntergang und entschuldigte sich bei mir.
Eine Antwort gab sie mir keine. Sie legte nur ziemlich vorsichtig ihre Hand in meine.

wie andere Menschen

Sie trank Tee, wie andere Menschen Wein tranken.
Als wäre die ganze Welt eine Party,
aber zu kalt.
Sie rannte auf Berge, wie andere Menschen ins Meer rannten.
Als wäre die ganze Welt ein Spielplatz,
aber zu flach.
Sie liebte, wie andere Menschen ertranken.
Als wären Menschen ganze Ozeane,
aber wärmer.