Breathe Underwater

Spotify gibt sich größte Mühe, mich in den Sommer vor 2 Jahren zurückzukatapultieren. Ich frage mich, ob das Zufall ist. Ob das Absicht ist. Ob irgendein seltsamer Algorithmus weiß, was ich hören will, obwohl ich es nicht hören will. Ob er weiß, was das noch immer in mir auslöst.
Unter Wasser atmen.
Kurze Hosen und Gänsehaut auf den Oberschenkeln helfen auch nicht. Im Gegenteil.
Nach 10 Uhr abends sind noch immer meine besten Texte entstanden. Und meine verzweifeltsten Sprachnachrichten.
Wenn du nur sehen könntest, was du aus mir gemacht hast.
Vielleicht soll es eine Erinnerung sein. Musik als Mahnmal.
Stupid me to believe that I could trust in stupid you.

Phasen

»Das geht wieder vorbei«, sagt ihr, wenn ihr meine Tränen seht. »Jeder ist mal traurig.«
Dabei meine ich nicht traurig, wenn ich von diesen Gefühlen spreche. Von dieser immerwährenden Angst, dass etwas Schreckliches passieren wird, von diesem nie enden wollenden Negativen, von diesem Mount Everest an Verzweiflung.
Ich verkrieche mich in mein Zuhause, in mein Bett, in eine Höhle an Decken. Ich will nicht aufstehen, ich will nicht rausgehen. Weil ich es nicht kann. Weil da dieser Druck ist auf meiner Brust, als würde ein Blauwal draufsitzen.
»Das ist normal«, sagt ihr. »Wie der Winter. Das gehört dazu. Und auch der Winter geht irgendwann.«
Doch ich weiß, dass der Winter immer wieder kommt, und ich weiß, dass irgendwo immer gerade Winter ist. Allen voran: in mir.
»Diese Traurigkeit ist nur eine Phase«, sagt ihr.
»Und meine Fröhlichkeit ist nur eine Phase«, antworte ich.

Mond gegen Heimweh

Ich telefoniere mit meiner Oma, und sie sagt: »Ich will hier nicht bleiben.«
Wir wissen beide, dass sie bald wieder heim darf, aber wir wissen beide, dass acht Wochen sehr lange sind.
»Sogar die Schwalben klingen anders«, sagt sie, »und mit dem Filterkaffee wollen sie uns vergiften.«
Ich frage sie, ob der Mond anders aussieht, und zum Glück sagt sie Nein.
»Schau doch den Mond an, wenn du Heimweh hast«, schlage ich vor.
Ich warte darauf, dass sie das Heimweh abstreitet, doch sie sagt: »Dafür geht der Mond zu spät auf und zu früh unter.«
Ich höre sie schlucken. Stelle mir dabei ihr Gesicht vor, die vielen Falten, die vielen Altersflecken.
»Der Mond müsste immer da sein.«
»Ist er auch. Nur sehen wir ihn da nicht.«
Meine Oma seufzt, und ich höre sie wieder schlucken, und dann legen wir auf, »weil das ja alles nichts hilft.«

Zu spät

Sie hatte dieses Talent, immer genau zum richtigen Zeitpunkt aufzutauchen.
Wobei es schwer ist zu sagen, wann der richtige Zeitpunkt ist, denn für manche Dinge ist es immer zu spät, und für manche Dinge ist es immer der richtige Zeitpunkt, solange sie überhaupt geschehen.
Sie tritt also zwischen dich und mich als wäre das nicht verboten. Als hätte sie keine Angst vor den Wahrheiten, die auf unseren Lippen liegen.
»Hey, verschwinde«, sagst du, während ich frage: »Was tust du hier?«
»Nein und intervenieren«, antwortet sie uns beiden.
»Wir brauche niemanden, der sich einmischt«, sagst du.
Sie verschränkt die Arme und schaut zwischen uns hin und her.
Mir gefällt ihr Blick nicht, ich bekomme das Gefühl, mich erklären zu müssen. »Wir wollen das ausdiskutieren.«
Sie hebt die Augenbrauen. »Jetzt?«
Sofort wandert mein Blick zur Uhr. 01:33 Uhr ist vielleicht nicht der beste Zeitpunkt, um Diskussionen zu führen. Vor allem nicht, wenn eine der beiden Parteien zutiefst verletzt ist. (Ich.) Vor allem, wenn eine der beiden Parteien schon Wein getrunken hat. (Ich.) Vor allem, wenn eine der beiden Parteien schon wieder geweint hat. (Auch ich.) Vor allem, wenn eine der beiden Parteien ein gefühlloses Arschloch ist. (Du. Eindeutig du.)
»Es hat sich gerade ergeben«, rechtfertige ich mich kleinlaut, weil ich unter ihrem eindringlichen Blick immer kleinlaut werde.
Du schaust sie ziemlich genervt an. Du wirst immer genervt von ihrem eindringlichen Blick. »Das spielt doch keine Rolle. Ich bin kein kleines Kind. Es ist völlig egal, wie viel Uhr es ist.«
»Vielleicht ist es egal, wie viel Uhr es ist«, sagt sie unbeeindruckt, »weil es sowieso zu spät ist.«

This is not a Lovestory

Betrunken vor Glück ist doch auch immer noch betrunken. Das heißt: mutig. Das heißt: unvorsichtig. Das heißt: dumm. Wir glauben an Ewigkeit, dabei ist das einzig Ewige die Endlichkeit.

Kerzenschein ist doch das Sinnbild von Wankelmut. Es braucht keinen Sturm, um sie zu löschen, es braucht nur eine schnelle Bewegung, und manche Menschen bewegen sich zu schnell.
(Wer auf Kerzenlicht besteht, hat sowieso etwas zu verheimlichen.)

Manches lässt sich ohne Brille besser erkennen. Unabhängig von Weitsichtigkeit. Oder ein bisschen abhängig davon. Und was ich erkenne, nachdem ich die Brille abgesetzt habe (die rosarote), ist die Wahrheit. Nicht die wahre Liebe. Dein wahres Ich.

Ich fange jetzt nicht mit Rosen und deren Dornen an.

Horoskop

Wassermann: Gefühle sind zum Fühlen da, du kannst den Schmerz und die Liebe nicht ewig vermeiden.
Fische: Vielleicht findest du dein Glück in der Familie. Vielleicht solltest du auch außerhalb mal nachsehen.
Widder: Höre auf mit dem Warten, es wird Zeit, dass du die Dinge selbst in die Hand nimmst.
Stier: Mit Sturheit kommt man selten ans Ziel. Nenne es Hartnäckigkeit und wisse, wann sie enden muss.
Zwillinge: Lerne die Zweisamkeit zu schätzen, wenn du mit der Einsamkeit klarkommst. Oder schon davor.
Krebs: Mit dem Kopf durch die Wand findet man selten Harmonie. Versuche es mit einem Kompromiss.
Löwe: Hör auf dein Herz. Aber denke gelegentlich auch an deinen Verstand.
Jungfrau: Das weiß doch keiner so genau. Versuche daraus zu lernen.
Waage: Lerne die Einsamkeit zu schätzen. Du bist nicht du selbst, wenn du immer zu zweit bist.
Skorpion: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Verdrängung ist keine Entscheidung, doch manchmal die einzig mögliche.
Schütze: Gehe los. Bitte. Du könntest das Hier zu einem besseren Ort machen.
Steinbock: Warte nicht auf die Selbstsicherheit. Zweifel sind dazu da, überwunden zu werden.

Recyclinggefühle

Ich recycle alte Texte, ich recycle die Gefühle von damals, denn nichts und niemand hat mich je so fühlen lassen, wie du. Doch die Gefühle sind vorbei, ich habe sie hinter mir gelassen. Schon lange. Länger, als mir bewusst war. Was ich nicht wusste: Ich habe auch die besten Texte hinter mir gelassen. Texte sind Gefühle. Und wenn die größten Gefühle vorbei sind, sind auch die größten Texte vorbei.
Also suche ich die alten Texte zusammen, alte Sätze, alte Fragmente, alte Worte, alte Gefühle, und setze sie zusammen, schaffe etwas ganz Neues aus ihnen, etwas Besseres womöglich, denn ich habe dazugelernt. Beim Schreiben und beim Fühlen.

Frühlingsträgheit

Ich schließe die Augen. Der Wind ist noch zu kalt, und die Wiese unter meiner Haut ebenfalls, doch die Sonne hat genug Kraft, um zu spüren, dass das Sonnenbrand gibt auf der Nase und Sommersprossen auf den Schultern. Überall zwitschern die Spatzen und die Stare und die Amseln, und manchmal brummt eine Biene in der Nähe, und das leise Rauschen der Blätter ist allgegenwärtig, und irgendwo im Hintergrund hört man Kuhglocken.
Wäre Trägheit etwas, das man hören kann, es wäre diese Ansammlung an Geräuschen bei geschlossenen Augen.

Züge, die niemals kommen

Da ist der Bahnhof, und da sitzt sie.
Da hasten Menschen, und da sitzt sie.
Da rollen Züge, und da sitzt sie.
»Vorsicht bei der Einfahrt«
»Der ICE von Mannheim«
»Zehn Minuten Verspätung«
»Auf Gleis 3«
Der Kioskverkäufer kennt sie inzwischen, obwohl sie nie etwas bei ihm kauft. Weil sie nie etwas bei ihm kauft. Obwohl sie immer eine Ewigkeit dasitzt. Und wartet.
Sie verschwindet meistens (immer), wenn er gerade nicht hinsieht, und er weiß nicht, ob sie in Züge steigt, ob sie jemanden abholt, was sie überhaupt hier macht, ohne Gepäck, ohne Gesellschaft, ohne Beschäftigung.
Irgendwann siegt die Neugierde, wie sie es doch immer tut. Er hat Feierabend und sie sitzt da, wie sie es immer tut, und er ruft seiner Kollegin »lass dich nicht ärgern« zu, wie er es immer tut. Menschen tun etwas so lange immer, bis sie es eben nicht mehr tun. Heute geht er nicht zur Treppe, heute geht er zu ihr.
»Hey.«
Sie schaut nur kurz auf. »Hey.«
Es klingt so, als würden sie sich kennen. Was sie vielleicht auch tun.
Er braucht einen Moment, um dieses seltsame Gefühl zwischen Angst davor, sich zum Idioten zu machen, und Neugierde zu ignorieren. »Was genau machst du eigentlich immer hier?«
»Ich warte.« Die knappe Antwort passt nicht zu ihrer freundlichen Stimme und ihrem fast schon amüsierten Lächeln.
»Worauf?«
»Auf Züge.«
Er nickt, als würde er das verstehen, auch wenn er das nicht versteht. Nach einigen Sekunden des Schweigens deutet er um sich. »Hier gibt’s ein paar zur Auswahl. Auf welche genau?«
»Ich warte auf die Züge, die niemals kommen.«