Gut genug.

Ratschläge geben kann ich besser als meine Mutter und meine Großmutter zusammen. Das mit dem Einhalten funktioniert so gut wie bei allen Menschen. Gar nicht. In meinem Tagebuch, das fürchterlich altmodisch unter meinem Kopfkissen liegt, weil letzteres ohne ersterem zu niedrig wäre und ich nicht schlafen könnte, halte ich den Erfolg fest. Kamillentee getrunken. Nicht angerufen. Nicht geweint. Geschlafen. Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.
Und eigentlich bin ich immer nur damit beschäftigt, mich für den Platz zu entschuldigen, den ich einnehme. Weil ich nicht dieses kleine, zarte, leichtfüßige, ruhige Mädchen bin, das man immer in Filmen zu sehen bekommt. Zu mir sagt niemand, mein Lachen sei ansteckend. Doch ansteckendes Weinen ist auch nur in Filmen erwünscht.
Deswegen schalte ich den Fernseher nicht mehr an. Kinos mochte ich sowieso noch nie, weil ich als Kind von zu viel Popcorn gekotzt habe und jetzt allein der Geruch reicht, um mich zu verjagen. Und gut, eigentlich sind es die Menschen. Und die Filme. Und das Popcorn ist die Ausrede, weil Menschen die anderen Gründe nicht verstehen.
Statt in Filme flüchte ich mich also in Bücher. Genauer gesagt Hörbücher. Denn nur sie schaffen es, meine eigene innere Stimme zu übertönen. Allerdings nur Frauenstimmen. Denn jeder Mann, der vorliest, erinnert mich an meinen Vater, der mir viel zu früh nicht mehr vorlesen wollte und damit das erste aller Traumata entfachte. Vielleicht bin ich nur zu empfindlich. Aber das dürfte ich meinem Tagebuch nie erzählen.
Du bist genug. Du bist genug. Du bist genug.

Werbeanzeigen

Breathing Fire

Die Worte sind Feuer
in meinem Mund,
Lippen zusammengepresst,
sie brennen Löcher
in mein Fleisch
bis ich den Mund öffne
und sie ausspucke.

Eigentlich bin ich
viel lieber Fuchur
als Smaug.
Doch manche Brände
lassen sich nicht löschen.

Hoffnungsvolle Fälle

Es soll ja diese Idioten geben, die immer nur an das Gute glauben. Die in jedem Menschen etwas Positives sahen. So war ich nicht. Ich war schlimmer.
Mit schlafwandlerischer Sicherheit suchte ich mir schon im Kindergarten die Kinder als Freunde, die mich hinter dem Rücken der Eltern bissen. Die ihre Sachen kaputt machten und dann zu weinen begannen, damit jeder dachte, ich wäre der Böse.
Ich blieb bei diesen Freunden.
Später waren es diejenigen, die stahlen. Die prügelten. Noch ein wenig später waren es diejenigen, die Drogen nahmen.
Ich wollte sie retten. Ich blieb immer bei ihnen. Ich verließ nie jemanden. Immer war ich derjenige, der verlassen wurde. Immer nahmen sie ein Stück von mir mit.

Meine Familie sagte, es wäre ein Fehler. Es sei aussichtslos versuchen zu wollen, alle anderen zu retten. Sie sorgten sich um mich. Und ich sorgte mich weiterhin um alle anderen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebte. Und als es soweit war, verlor ich mein Herz – nicht aber die Hoffnung – innerhalb von wenigen Sekunden.
Denn sie hatte mich durchschaut, bevor ich selbst es tun konnte.
Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm sie.
Ihr Lächeln war ein Abgrund voller Entschuldigungen.
„Willkommen zu deinem nächsten Fehler.“

4 Wünsche

Meine Geburtstagskerzen hebe ich auf, ein ganzes Jahr lang, und an manchen Tagen, da zünde ich sie alle an und puste sie alle aus und auch wenn ein Lungenfunktionstest ein Kindergartenspiel ist im Vergleich zum Kerzenauspusten, ich kann nicht aufhören, ehe nicht alle rauchen und nicht mehr flackern.
Ganze Nächte verbringe ich auf dem Rücken liegend auf dem Balkon und warte auf Sternschnuppen. Sobald ich ein Flugzeug sehe, blinzele ich, damit ich es als fallenden Stern oder als Kometen oder als was auch immer Sternschnuppen eigentlich sind ausgeben kann.
Ich suche fanatisch nach Wimpern und puste sie mir von Zeigefingern und manchmal gehe ich geschminkt ins Bett, weil davon angeblich die Wimpern ausfallen und dann könnte ich mehr pusten und mehr wünschen.
Bis heute weiß ich nicht, wie eine Wunderlampe aussieht, doch jede Lampe, jede seltsam geformte Teekanne, die auch als Wunderlampe durchgehen könnte, muss ich anfassen, vorsichtig reiben und abwarten, ob nicht doch ein Dschinn herauskommt.

1 Wunsch wäre schön. 2 Wünsche wären genug. 3 Wünsche machen mich glücklich. Und doch hoffe ich insgeheim auf 4.
Dich.
Mich.
Dazwischen ein Und.
Dahinter ein Immer.