Tausche Leben gegen Ideen

Tunnel

In der Zeitung heute Morgen: „Tausche Leben gegen Ideen.“ Selten etwas so absurdes gelesen. Und dieses Mal war diese Chiffre-Nummer kein Hindernis. Sondern nur ein Code, den man dechiffrieren kann.
„Habe Ideen. Aber bereits ein Leben.“
Aus einer Chiffre- wurde eine Handynummer und die Einigung, dass man Ideen nicht per Handy verschicken kann.
Ich brachte mein Notizbuch, du ein Messer. Ich Neugierde, du Unerschrockenheit.
Denn der Tod ist auch nichts weiter als der größte Verschwindezauber.
Den ich jedoch nicht sehen wollte.
Du behieltst dein Leben. Ich mein Notizbuch.
Und dich im Gedächtnis. Und vielleicht auch im Herzen.

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Nie verschickte Postkarte #5

Postkarte 5

Lieber O.,

es hilft nichts, immer nur wütend zu sein.
Du musstest ständig in Bewegung sein, um vor dir selbst zu fliehen. Du kanntest keine Pause, weil Pause bedeutet hätte, nachzudenken und mit dir selbst klarzukommen.
Falls du doch einmal Pause gemacht hast (machen musstest), hast du sie dazu genutzt, über andere Menschen zu sprechen. Nicht mal unbedingt schlecht. Hauptsache, du musstest nicht über dich selbst nachdenken.
Und irgendwann, als du dazu gezwungen wurdest, kamst du nicht damit klar. Viel zu lange bist du vor deinem Kopf, vor deinen Gedanken geflohen. Das rächt sich jetzt. Jetzt möchtest du vor deinem Leben fliehen. Das geht nicht. Dachte ich.
Und doch, du hast es geschafft.
Ich hoffe, dir geht es gut jetzt und ich hoffe, du bist zufriedener.

Deine Felicitas

Der Morgen nach dem Tod

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Oh K., du bist so stark. So unglaublich stark.
Glaub mir, du wirst das überstehen, so, wie du schon alles zuvor überstanden hast.
Jetzt geht es ihr gut, glaub mir, es geht ihr gut. Sie wird dort oben sitzen und allen anderen dort oben von dir erzählen.
Wie du jeden Tag bei ihr im Krankenhaus gesessen warst. Jeden verdammten Tag.
Egal wie sehr sie litt, wenn sie schlief, wenn sie vom Tod sprach, wenn sie nicht mehr sprechen konnte vor Schmerz.
Immer warst du bei ihr. Und das wird sie dir nicht vergessen.

Du wirst auch die Beerdigung überstehen. Ich weiß, K., du fürchtest dich davor.
Aber du musst das nicht alleine durchstehen. Alle werden da sein und dich halten.
Und auch sie wird nicht alleine sein.
All die anderen, die dort oben schon auf sie gewartet hatten, sie alle werden bei ihr sein.
Und sie alle werden gemeinsam auf euch blicken, wie ihr dasteht und ihre kranke, kaputte Hülle der Erde übergebt.
Und sie alle werden stolz auf euch sein, auf euch und eure Tapferkeit.
Sie werden eure Tränen sehen und es wird ihnen leid tun und sie werden euch zurufen „Weint nicht! Uns geht es gut!“ und ihr werdet nichts hören außer den Wind und es für ein Flüstern halten, dabei sind es laute Rufe.
Aufmunternde Rufe.

Du wirst es überstehen. Du wirst es überstehen, so, wie du die letzten Wochen überstanden hast.
Und deine Wunden werden heilen und eines Tages wirst du merken, dass das Leben tatsächlich immer weitergeht, dass die Erde nicht stehengeblieben ist.

Du wirst das alles überstehen und dir wird es besser gehen.
Ich weiß es.

Legt mir keine Blumen auf mein Grab

Blumen

Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
steckt sie euch ins Haar und tanzt damit wie schwedische Mädchen an Mittsommer.
Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
reicht Sie euren Liebsten, damit sie wissen, was sie euch bedeuten, bevor es zu spät dafür ist.
Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
lasst sie euch auf Kleider drucken und verbreitet den Sommer auch an dunklen Tagen.
Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
nehmt sie mit nach hause, wo sie euch willkommen heißen.
Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
lasst sie auf den Wiesen wo sie blühen für alle Tiere und alle Menschen, wo sie den Frühling und den Sommer versprechen.
Legt mir keine Blumen auf mein Grab,
aber sät eine Wiese, bunt, so bunt, damit ein jeder sich daran erfreuen kann, denn selbst im Tod kann Freude stecken, denn der Tod ist besiegt, wenn ich weiterlebe in euren Herzen und in euren Blumen.

Du bist überall

Möwen

Du bist in jedem Schluck Milchkaffee, den ich seit unserem ersten Date trinke.
Du bist ein jedes Vergissmeinnicht, von denen du  mir so viele geschenkt hast.
Keine Sorge, das werde ich nicht. Der letzte Topf davon steht noch immer auf meiner Fensterbank.
Du bist jede Silbermöwe und jede Mantelmöwe, die ich nur dank dir unterscheiden kann.
Du bist in jedem Paar braun-grüner Augen, das mich ansieht
und auf jedem Foto der letzten 39 Monate.
Du bist jeder Motorradfahrer dessen Gesicht ich nicht erkennen kann.
Du bist in jeder verdammten Eiche, deren Unnachgiebigkeit am Straßenrand unsere Beziehung so plötzlich beendet hat.
Du bist in jedem schönen Moment und in jedem Traurigen ebenfalls.
Du bist wie mein Schatten oder vermutlich mehr wie ein Geist.
Denn du bist überall und du bist immer da.
Nur leider anders, als du es mir versprochen hast.